Von „Berichterstattung“ im Sinne des Wortes kann nicht mehr geredet werden!

donbass2„Die westlichen Medien sind von der NATO unterwandert!“ Das sagt nicht etwa ein als solcher diffamierter „Putinversteher“ oder gar ein russischer „Propagandist“, nein, das ist eine Feststellung des langjährigen (1976-2009) CDU-Abgeordneten und Parlamentarischen Staatssekretärs im Bundesministerium für Verteidigung in der Regierung Kohl (1988-1992), Willy Wimmer, im Zusammenhang mit der Parteinahme und Berichterstattung rund um die sogenannte „Krim-Krise“ und den Bürgerkrieg in der Ost-Ukraine im Frühling/Sommer 2014. Zugleich weist Wimmer unentwegt darauf hin, daß das anläßlich der deutschen Wiedervereinigung gegenüber Rußland gegebene Versprechen, die NATO keinesfalls über die deutschen Grenzen hinaus nach Osten auszuweiten, rasch und eklatant gebrochen und damit Rußland in seiner geopolitischen Lage massiv bedroht wurde.

Seinen vorläufigen Höhepunkt fand diese Eskalationspolitik in dem von den USA finanzierten gewaltsamen Umsturz in der Ukraine – mit den bis heute ungeklärten Umständen des Massakers auf dem Maidan-Platz mit hundert Toten Polizisten und Demonstranten –, den daraufhin folgenden unentwegten Provokationen gegenüber Rußland und innerhalb der Ukraine gegenüber der im Osten mehrheitlich russischen Bevölkerung – mit dem Massaker in Odessa und den Toten von Mairupol Anfang Mai – und aus der Ukraine heraus gegenüber der Russischen Föderation, bis hin zu der Mitte September 2014 vereinbarten Assoziierung der Ukraine mit der EU und den zeitgleich anlaufenden NATO-Militärmanövern an der ukrainisch-russischen Grenze – von dem mysteriösen Abschuß des malayischen Flugzeugs „MH-17“ über der Ost-Ukraine und der damit begründeten Sanktionsspirale gegenüber Rußland einmal ganz abgesehen.

In genau dieser „Ost-Ukraine“, dem Donezkbecken bzw. dem „Donbass“, wie dieses russische Grenzland auf Russisch heißt, findet seit dem gewalttätigen Umsturz in Kiew, der Übernahme der Regierung und der Exekutive durch politisch höchst zweifelhafte und von, nach Westen hin orientierten bzw. wirtschaftlich verbandelten, Oligarchen finanzierte Parteien und Truppen, ein bewaffneter Bürgerkrieg zwischen der dortigen russischen Mehrheit und eben jenen Kiewer „Revolutionären“ (ein Konglomerat von aus dem Westen importierten Träumern und Agenten, ukrainischen Nationalisten und russophoben Chauvinisten, reichen Oligarchen und offen faschistischen Gruppierungen, das sich unterdessen zur legalen Staatsmacht erklärt hat) statt.

Ziel jener von Kiew zu „Terroristen“ erklärten, bestenfalls als „Separatisten“ bezeichneten, vom Westen in der Regel jedoch als „Russen“ oder „moskautreuen Milizen“ deklarierten Aufständischen ist eine Unabhängigkeit der russischsprachigen Ost-Ukraine innerhalb einer föderal organisierten und zwischen der EU und Rußland unabhängigen Ukraine, in der sie sich selber verwalten, in der weiterhin die russischen Sprache als offizielle Sprache verwendet wird, und aus der sich vor allem die bewaffneten Parteigänger der neuen Kiewer Junta fernzuhalten haben.

Was hier stattfindet, mit von amnesty International und der OSZE festgestellten massiven Übergriffen seitens der (mit zweifelhaften Söldnertruppen durchsetzen) ukrainischen Armee und teilweise auf eigene Rechnung vorgehender Freiwilligenbataillone des „Rechten Sektors“ gegenüber der Zivilbevölkerung mit bisher schon tausenden von zivilen Opfern, ist ein neuer Stellvertreterkrieg. Auf der einen Seite die neue Kiewer Regierung, offen unterstützt, finanziert, beraten, bewaffnet und mit US-Söldnern „aufgefrischt“ von der NATO (bzw. den hinter dieser stehenden USA), die offensichtlich um jeden Preis auf europäischem Boden eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen der EU und Rußland provozieren wollen. Auf der anderen Seite Rußland in einem existentiellen Zwiespalt: zerrissen zwischen der moralischen Verpflichtung und den von nationalisitischen politischen Strömungen massiv erhobenen Forderung, den russischen „Brüdern“ jenseits der, in der Nachfolge der Sowjetunion eher willkürlich entstandenen, Grenzen zwischen Rußland und der Ukraine, und zwischen dem realpolitischen Versuch, sich auf keinen Fall in einen von der NATO unablässig forcierten Krieg verwickeln zu lassen – dazwischen die sich verselbständigenden russischen Freiwilligen, die zum Teil mit altem Kriegsgerät die Grenze passieren und sich in die Kampfgruppen der Aufständischen eingliedern.

Aber gerade weil ein solcher Stellvertreterkrieg an der permanenten (von der einen Seite gewollten, von der anderen ungewollten) Grenze zur Eskalation hin zu einem Krieg der originären Parteien ist, ist es dem (passiven) Medienkonsumenten auf beiden Seiten absolut unmöglich geworden, sich ein eigenes ausgewogenes, geschweige denn hintergründiges Bild eben jener Kriegsvorkommnisse zu machen, die sich tagtäglich in jener Gegend nicht weit vor unserer Haustüre abspielen. Unsere westlichen Mainstream-Medien sind (siehe oben) selber zum Teil des NATO-Apparates hinter den Fronten geworden und leisten ihren Beitrag, die Bürger der „Demokratien“ auf westlicher Seite hin zur Kriegsbereitschaft zu manipulieren. Von „Berichterstattung“ im Sinne des Wortes kann beim Thema „Ost-Ukraine“ (eigentlich schon zum gesamten Thema „Ukraine“) schon lange nicht mehr gesprochen werden – nur noch von Meinungsmache. Die Richtung jedweder „Berichterstattung“ ist schon erkennbar noch bevor die Nachricht zu Ende gehört oder gelesen ist! Und das Ganze wird noch ergänzt um eine Diffamierung, die selbst schon den Beginn eines zumindest geistigen Bürgerkrieges anzeigt: Wer vom vorgegebenen „Mainstream“ abweicht, dem wird ohne Ansehen der Person vorgeworfen, „Putinversteher“ zu sein, das gesamte westliche Abendland mit all seinen „Werten“ an den Kreml ausliefern zu wollen. Diskussionsforen unter Artikeln im Internet, bisher als größte Errungenschaft der bürgerlichen Aufklärung im digitalen Zeitalter gefeiert, werden geschlossen, die EU diskutiert ernsthaft, für Journalisten, die abweichende Fakten berichteten, Berufsverbote auszusprechen, die Bundesregierung läßt sich coram publicum beraten, wie die eigene Bevölkerung besser und nachhaltiger in ihrem Sinne beeinflußt werden kann, um eben solche (horribile dictu!) „Abweichler“ zu verhindern.

Die Manipulationen in der „Berichterstattung“ über die Ukraine – vor allem in den öffentlich-rechtlichen Medien – geht so weit, daß sogar der Programmbeirat der ARD im Juni 2014 nicht umhin kam, dies zu kritisieren (ohne das indes in die Öffentlichkeit zu tragen). Die entsprechenden ausgestrahlten Inhalte hätten teilweise den „Eindruck der Voreingenommenheit erweckt“ und seien „tendenziell gegen Rußland und die russischen Positionen“ gerichtet, heißt es im Protokoll des Gremiums, das vom Online-Magazin Telepolis publik gemacht wurde. Wichtige und wesentliche Aspekte des Konflikts seien von den ARD-Redaktionen „nicht oder nur unzureichend beleuchtet“ worden, insgesamt zeige sich die Berichterstattung „nicht ausreichend differenziert“, sei „fragmentarisch“, „tendenziös“, „mangelhaft“ und „einseitig“. Differenzierende Berichte über die Verhandlungen der EU über das Assoziierungsabkommen mit der Ukraine hätten komplett gefehlt. Die „politischen und strategischen Absichten der NATO“ bei der Osterweiterung seien kaum thematisiert worden. Die Legitimation des „sogenannten Maidan-Rats“ und die „Rolle der radikal nationalistischen Kräfte, insbesondere Swoboda“ hätten ebenso wenig eine Rolle gespielt wie deren Aktivitäten beim Scheitern „der Vereinbarung zur Beilegung der Krise in der Ukraine vom 21. Februar“! Was hier für die ARD festgestellt wurde, gilt unisono für alle öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland, und ebenso für die privaten Mainstream-Medien, allen voran SPIEGEL, FAZ, Süddeutsche und  die Springer-Presse, die mit Vitali Klitschko gar einen der Hauptakteure beim gewaltsamen Umsturz in Kiew direkt unterstützt haben.

Neben dem „passiven“ Medienkonsumenten über die angesprochenen Mainstream-Medien steht es dem „aktiven“ Informationssuchenden jedoch (noch!) frei, sich über dezidierte Suche in den unzähligen Online-Medien, Blogs, Foren und in sozialen Netzwerken aus vielen Ländern, narrative wie bewertende Korrektive zu suchen, die in ihrer Gesamtschau dann sicher ein anderes, den tatsächlichen Geschehnissen (um das große Wort „Wahrheit“ bewußt bei Seite zu lassen) näher kommendes Bild ergeben. Was wirklich im Donbass geschah und geschieht, der Kriegsverlauf, die dahinter stehenden Interessen, die brutalen Angriffe auf die Zivilbevölkerung, die Tragödie rund um „MH-17“ und vieles andere, läßt sich auch so derzeit nicht eindeutig aufklären, indes hilft es jedoch zu einem differenzierteren Bild.

Der Rollenwechsel vom „passiven“ Medienkonsumenten hin zum „aktiven“ Informationssuchenden ist jedoch mühsam, kostet nicht nur viel Zeit und Energie, sondern setzt vor allem auch eine Selbstbefreiung von ansozialisierten Verhaltensmustern und eine Hinwendung zu einer „neuen“ Aufklärung voraus – was umgekehrt den Manipulateuren ihre Rolle und ihre Arbeit heute noch so einfach macht. Aber es ist möglich! – auch wenn der Medienkonsument heute längst zur manipulativen Verfügungsmasse degradiert worden ist.

Autor: Markus Klein
Titel: Von „Berichterstattung“ im Sinne des Wortes kann nicht mehr geredet werden!
Erstveröffentlichung in: Donbass – Kampf um Noworossija. Authentische Berichte und Korrektive zur westlichen Medienmanipulation. Herausgegeben von Michael Gernhart, Achenmühle: Brienna Verlag 2014 (PDF-Datei)
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2014034
URL: https://scholien.wordpress.com/2014/09/19/2014034/
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