Öffentlichkeit | Öffentliche Meinung

Theorie der Öffentlichkeit

Die in der Regel anzutreffende mißverständliche synonyme Verwen­dung der Begriffe „Öffentlichkeit“ und „Öffentliche Meinung“ vor allem führt dazu, von einer vorgeblichen „Öffentlichen Meinung“ auf eine Öffentlichkeit zu schließen. Tatsächlich aber ist das eine wie das andere Fiktion.

Hinter dem Bild „von urwüchsiger und autonom operierender Öffent­lichkeit“ (Kleinsteuber, Hans J.: Öffentliche Meinung, in: Nohlen, Dieter (Hrsg.): Pipers Wörter­buch zur Politik, Teilband 1, München/ Zürich 1985, S. 622 f., S. 622 f.) und der darauf beruh­enden einen „Öffentlichen Meinung“ steckt der sophistische Versuch, die Manipulierbarkeit der Meinungsbildung als Thema semantisch aufzulösen und im Gegenzug bestimmte Meinungen zur Autorität zu erheben. „Es wird dabei gerne übersehen, daß hinter diesen Meinungen ein angebbarer und begrenzter Personenkreis steht“ (Schrenck-Notzing, Caspar von (1995): Vorwort, in: Kesting, Hanno: Öffentlichkeit und Propaganda. Zur Theorie der öffentlichen Meinung, Bruchsal 1995; Schriften zur politischen Wissenschaft, Bd. 2, S. 5–8(7)) – deutlich zu erkennen an dem Habermas‘chen Versuch, für die seinerzeitige politische Linke der BRD eine Strategie des Eindringens in die „organisationsinternen Öffentlich­keiten“ zu entwickeln (Habermas, Jürgen: Struktur­wandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, unveränd. Nachdr. von 1964 Neuwied 1990).

In Wirklichkeit existieren unzählige „öffentliche“ Meinungen, die nur eines gemeinsam haben: Ihr Inhalt ist nie die persönliche oder private Meinung eines einzelnen Individuums, „sondern immer etwas, das durch einen öffentlichen Kommunikationsprozeß, durch einen Vorgang öffentlicher Aussprache hindurchgegangen ist und das sich ,privat‘ per definitionen nicht formulieren läßt.“ Vielmehr ist der Kern jeder öffentlichen Meinung „gerade die Öffentlichkeit dieser Meinung“ (Kesting, Hanno: Öffentlichkeit und Propaganda. Zur Theorie der öffentlichen Meinung, Bruchsal 1995; Schriften zur politischen Wissenschaft, Bd. 2, S. 17). Damit aber ist bereits der Bogen geschlagen hin von der Vielzahl öffentlicher Meinungen – oder wie es auch (zwecks kritischer Abgrenzung) bezeichnet wird: veröffentlichter Meinungen (Kesting 1995, S. 39; Kleinsteuber 1985, S. 622; Noelle-Neumann, Elisabeth: Öffentliche Meinung: Die Entdeckung der Schweigespirale, erw. Ausg. der frühere Ausg. u.d.T.: „Die Schweigespirale. Die Öffentliche Mei­nung – unsere soziale Haut“ Frankfurt a.M. 1989, S. 14; Schoeck, Helmut: Kleines soziologisches Wörterbuch, Frei­burg i.Br. 1969; Herder-Bücherei Bd. 312/313, S. 251; Zach, Manfred: Die mani­pulierte Öffentlichkeit. Politik und Medien im Beziehungs­dickicht, Asendorf 1995, S. 13) – zu einer Vielzahl von entsprechenden Öffentlichkeiten.

Jedwede einzelne Öffentlichkeit ist ihrer Form nach entsprechend nichts anderes als eine mehr oder weniger faßbare öffentliche Zielgruppe, wobei „öffentlich“ richtig verstanden wird als Gegenbegriff zu „geheim“ (und nicht etwa zu „pri­vat“). Eine öffentliche Meinung ist mithin eine Meinung, die aufgrund eines öffentlichen Kommunikations­pro­zesses innerhalb einer Öffentlichkeit eine relevante Rolle spielt, ohne zugleich notwendigerweise die allgemeine Meinung aller Beteiligten oder aller Betroffenen zu sein. „Öffentliche Meinung, in dem dargelegten Sinne des Wortes, ist daher von Anfang an ,veröffentlichte‘, publizierte Mei­nung“ (Kesting 1995, S. 39), „ist nichts anderes als die Meinung derjenigen, die … in der Lage sind, eben ihrer höchst persönlichen Meinung den nötigen Widerhall zu verschaffen“ (Kesting 1995, S. 90).

Voraussetzung dafür und damit zugleich der Beeinflußbarkeit von Öffentlichkeiten überhaupt ist zunächst eine jede wie auch immer geartete Öffentlichkeitsarbeit, die in ihrem Wesen von Anfang an und von vornherein nichts anderes sein kann als Propaganda (Schoeck 1969, S. 269 f., 357) – und tatsächlich war der (auch kommerziell) Werbe­treibende zu Zeiten einer anderen Begriffsbewertung schlicht ein „Propagandist“. Relevante Allge­meiverbindlichkeit innerhalb ihrer Öffentlichkeit findet eine solche veröffentlichte öffentliche Meinung – abgesehen von der rein technischen Möglichkeit einer Beherrschung jeder Publikationsmöglichkeit – aufgrund verschiedener massenpsycholo­gischer Vorgänge bzw. Propaganda­techniken. Dazu gehören Begriffe, die hier der Voll­ständigkeit halber lediglich aufgezählt werden sollen: Die Identifizierung von „public opinion“ und „spirit of patriotism“ (Kesting 1995, S. 37 f.), die „Schweigespirale“ (Noelle-Neumann 1989, S. 17 f.), „Mediale Realitäts­annahme“ (Noelle-Neumann 1997, S. 13 f.; Zach 1995, S. 13) etc. Hinter diesen aus der politischen bzw. soziologischen Wissenschaft stam­menden Begriffen verbergen sich Inhalte, die sich ohne jede Wertung in jedem einzelnen möglichen Bereich jedweder öffentlicher Kommunikation wiederfinden. Im Kern also eröffnet sich die Beinflußbarkeit von Öffentlichkeiten zunächst und vornehmlich durch jegliches öffentliches Ansprechen (auch: Handeln) der jeweiligen Öffentlichkeit, wobei aus Gründen der semanti­schen Begriffsbesetzung in der Regel allein aktivisches Handeln Erfolg versprechen kann (Beger, Rudolf / Gärtner, Hans-Dieter / Mathes, Rainer: Unternehmenskommunika­tion. Grundlagen, Strategien, Instru­mente, Frankfurt a.M./Wiesba­den 1989, S. 153).

Auszug aus: Markus Klein: Unternehmens­kommunikation: Emanzipation des Menschen
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2014004
https://scholien.wordpress.com/glossarium/offentlichkeit
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