Verschwörungstheorie/n

Seit den Terroranschlägen vom 11.September 2001 hat der Begriff „Verschwörungstheorie“ eine erstaunliche Karriere gemacht – vom neutralen Ausdruck zum Schimpfwort, vom deskriptiven Begriff für eine auf Indizien und Spuren beruhenden Hypothesenbildung zur diskriminierenden Diskurskeule, vom analytischen Werkzeug zum Tabu.

Dass sich A und B hinter dem Rücken von C absprechen, um einen Vorteil zu erlangen – das Muster der Verschwörung ist vom Liebesleben bis zur Weltpolitik ebenso allgegenwärtig wie das ständige Misstrauen, der permanente Verdacht, zum Opfer einer solchen Verschwörung zu werden. „Wer in Washington nicht paranoid ist, spinnt“, hat einer der blutigsten globalen Strippenzieher, Henry Kissinger, einmal gesagt und damit die Lage im Haifischbecken der Machtpolitik zutreffend beschrieben. Nicht der Verschwörungstheoretiker, sondern der Gutgläubige ist der Spinner. Neuerdings indessen steht das Verhältnis wieder andersherum: Gutgläubigkeit gilt als gesund und vernünftig, Verschwörungstheorien hingegen als gefährliche Verrücktheit, der vor allem Terroristen, Nazis und ihre Freunde anheimfallen. [Mathias Bröckers: Verschwörungstheorie? Aber sicher! Missbrauch und Tabuisierung eines analytischen Werkzeugs nach 9/11, TelePolis 11.09.2010]

Diese erstaunliche Karriere des Begriffs „Verschwörungstheorie“ – vom neutralen Ausdruck zum Schimpfwort, vom deskriptiven Begriff für eine auf Indizien und Spuren beruhenden Hypothesenbildung zur diskriminierenden Diskurskeule, vom analytischen Werkzeug zum Tabu – hat vor allem damit zu tun, dass die Deutungshoheit der Großmedien durch das Internet untergraben worden ist. Die Tatsache, dass mittlerweile nahezu jede/r in der Lage ist, eine Sichtweise auf ein Ereignis zu publizieren und alternative Sichtweisen zur Kenntnis zu nehmen, hat das Interpretationsmonopol der von Regierungen und Konzernen kontrollierten Massenmedien nachhaltig geschwächt. [Mathias Bröckers: Von Rumorkliniken und Gerüchteküchen, TelePolis 30.11.2014]