Hans Lipinsky-Gottersdorf 1920-1991

© Minne Lipinsky 1991

Hans Lipinsky Gottersdorf © 1991

„In Deutschland als Deutscher leben, daß heißt nicht erst seit siebenundzwanzig Jahren standhalten zu müssen dem Widerspruch des Fremden und selbst ein Fremder zu sein“. Dies schrieb Hans Lipinsky-Gottersdorf vor rund dreißig Jahren in Criticón (Nr. 17, S. 108), und er schloß diesen Text „Die unsichtbare Grenze“ mit einem eindeutigen Bekenntnis: „Ich bin ein Preuße und hier fremd. Ich möchte es bleiben dürfen.“

„Die unsichtbare Grenze“ in der geistigen Landkarte Europas, die Grundformen menschlichen Denkens hinsichtlich des Verhältnisses des Einzelnen zum Staat hin schied, die hatte der gebürtige Oberschlesier und bekennende „Wasserpolacke“ als Folge der unseligen Geschichte Mitteleuropas im vergangenen wie in diesem Jahrhundert gegen seinen Willen nach dem liberalen Westen hin überschreiten müssen.

Geboren am 5. Februar 1920 in Leschnitz am Annaberg, aufgewachsen im pommerschen Stolp, war er nach einer Landwirtschaftslehre bestimmt gewesen, den alten Familienbesitz der 1762 von Friedrich dem Großen in Ihrem Adelsstand bestätigten Poray Lipinsky in Gottersdorf zu übernehmen. Die Familie, die aus Glaubensgründen einst das Großfürstentum Litauen verlassen hatte und im preußischen Schlesien eine neue Heimat gefunden hatte, sie erkannte fortan die preußische Ordnung und deren Tugenden als vornehmsten Maßstab an, ihre Mitglieder dienten als slawische Preußen diesem Staate als Offiziere und Beamte, und in diesem Sinne erzog sie auch Hans Lipinsky-Gottersdorf. So wurde er zum Preußen „nach Herkunft, Erziehung und Überzeugung“, und dies, obwohl der Staat Preußen längst nicht mehr bestand; im national nicht erlösbaren Grenzgebiet Oberschlesiens verblieb allein die Hoffnung und der Traum einer solchen Ordnung, die dem kleinen slawischen Stamm der sogenannten Wasserpolacken Dasein und Identität sichern konnte. Das war um so dringender, je mehr der – wie ihn Lipinsky beschrieb – „rasch über alle humanen Ufer bordende Nationalismus des nachrevolutionären bürgerlichen Jahrhunderts“ nationale Eindeutigkeiten forderte. Und so war es „ein preußischer Totentanz“ gewesen, den er in den ersten fünfundzwanzig Jahren seines Lebens hier und anderswo im Osten zu sehen bekommen hatte, und der ihn zwang, einen gänzlich anderen Lebensweg einzuschlagen. Nach dem für Ostmitteleuropa so katastrophalen Kriege gab es die Provinz Oberschlesien nicht mehr, und auch die Wasserpolacken waren verschwunden und in ihrer Identität ausgelöscht.

Hans Lipinsky-Gottersdorf wurde nach seiner Entlassung aus dem Lazarett 1947 zunächst Ferkelschneider in Holstein, dann Bau- und Fabrikarbeiter in Köln, und schließlich, 1949, – versippt und verschwägert mit Gustav Freitag, Heinz Piontek und „allerlei anderem literarischen Volk“ (Minne Lipinsky) wohl durch Bestimmung – Schriftsteller. Fortan war er fast ausschließlich damit beschäftigt, niederzuschreiben, „was um diesen Lebenslauf herum geschah und ihm seine Akzente gab“. Sein ganzes Werk besteht in diesem Sinne aus Zeitdokumenten, die vor allem das oberschlesische Prosna-Preußen malen, in dem die verschiedensten Volksstämme sich ertragen und in dem ein archaischer, aber um so stärkerer Christenglaube gelebt wurde. So schilderte er eine „Welt von gestern“, wie dies Ulrich Gut einmal nannte, „die aber hoffnungsvoll ins Heute hinüberleuchtet“, und dies in einer Sprache „ruhiger Festigkeit“ und „gedrungener Schlichtheit“, wie es Fritz Martini in einer Laudatio hervorhob, die an die großen russischen Erzähler des 19. Jahrhunderts anknüpfte. Hans Lipinsky-Gottersdorf war zutiefst von des Menschen Unveränderbarkeit überzeugt, von seinem zu gleichen Teilen aus Gut und Böse zusammengesetzten Wesen, seiner gleichermaßen vorhandenen Fähigkeit zum Sterben für die Seinen und zum erbarmungslosen Wüten gegen sich selbst und die eigene Art. Für ihn bestand die Schöpfung aus Heil und Unheil zu gleichen Teilen, und dies manifestierte sich in seinem in deutscher Sprache unvergleichlichen Werk. Allein das Werk des bosnischen Literaturnobelpreisträger Ivo Andric, der ebenfalls ein Chronist des Grenzlandes war, ist ihm vergleichbar. So gilt für die Literatur, die Lipinsky-Gottersdorf schrieb, was er 1989 prophetisch hinsichtlich Andric‘ Werk schrieb: „Die Erneuerung Europas, wenn es denn eine solche geben sollte, wird aus solchem Geiste kommen. Andric ist nicht zufällig ein Dichter des Überdauerns allen Übels und allen Elends durch die innere Kraft und Gelassenheit der Völker des Ostens, die bislang, freilich nur scheinbar, ganz und gar im Schatten der Geschichte jetzt zerfallender und nicht mehr zu erweckender Reiche gestanden hat.“

Mit allem, was er schrieb, hatte Hans Lipinsky-Gottersdorf die Absicht, eine Geschichte zu erzählen, „eine sehr menschliche Geschichte, gewoben aus Handeln und Leiden, trägem Nichtstun, Irrtum, Verzweiflung, Niederlage und Tod“, das aufzuschreiben, was er nach bestem Wissen und Gewissen für die Wahrheit hielt, und das ist ihm gelungen. Ob mit seinen unzähligen Erzählungen aus Oberschlesien, deren größter Teil zum Glück in einigen Sammelbänden geschlossen vorliegt, die im Buchhandel noch greifbar sind, in seinem – leider unvollendet gebliebenen – Hauptwerk, der auf mehrere Bände ursprünglich konzipierten Geschichte der „Prosna-Preußen“, die sein großes Vorbild August Scholtis einst den „wichtigsten Roman aus Schlesien seit dem Ende des Ersten Weltkrieges“ genannt hat, oder in den Geschichten von der „Feindlichen See“, mit seinem gesamten Œuvre nimmt Hans Lipinsky-Gottersdorf eine einsame Stellung in der deutschen Nachkriegsliteratur, gegen deren ideologischen Repräsentationsdefekt er sich immer gewehrt hat; die neudeutsche Gegenwartsliteratur, sie war in seinen Augen „zucht- und sinnloses Geschwafel“. So war es bei der Homogenität des deutschen Kulturbetriebes kein Wunder, daß er trotz vielfacher Auszeichnungen und Ehrungen (u.a. Literaturpreis der deutschen Hochseefischerei 1957, Ehrengabe der Bayrischen Akademie der Schönen Künste 1966, Eichendorffpreis 1970, Kulturpreis Schlesien 1977, Oberschlesischer Kulturpreis 1986, u.a.) keine angemessene Resonanz in der Öffentlichkeit fand; allein, wer seinem Werk einmal begegnet war, vermochte seinen tatsächlichen Rang in der deutschen – und darüber hinaus in der mitteleuropäischen – Literaturgeschichte zu ermessen. Für ihn war die Beschäftigung mit den ostmitteldeutschen Grenzland-Literaturen über die Identitäts- und Geschichtsschreibung Mitteleuropas hinaus „ein heilsam ernüchterndes Korrektiv von konfliktfreien multikulturellen Gesellschaftsmodellen“; die totale Emanzipationserklärung im Namen der Menschheit hatte für ihn die „totale Kriegserklärung der Menschheit an sich selbst“ zur unvermeidlichen Folge. Der Widerstand gegen solches Chaos, das machte für ihn die Würde des Menschen aus.

Am 3. Oktober ist 1991 Hans Lipinsky-Gottersdorf in Köln gestorben, wo er seit seiner Hochzeit 1949 ein neues Zuhause gefunden hatte. Auch wenn er in dieser liberalsten aller westdeutschen Städte als Preuße fremd bleiben mußte, so hatte er doch sein Schicksal angenommen, wie er es in seinem Werk immer gefordert hatte. Über sein schriftstellerisches Werk hinaus war er von hier aus auch sonst zeit seines Lebens rührig gewesen. Die Spanne seine Tätigkeiten reichte von der Mitgründung der in ihrer Gründungsidee block- und ideologieübergreifenden Deutschen Friedens-Union im Dezember 1960 bis hin zur Mitgründung des Bundesverbandes Deutscher Autoren im Oktober 1977, als der Bundesverband Deutscher Schriftsteller den Marsch in die IG Druck und Papier antrat. Darüber hinaus hielt er bis zu seinem Tode den Vorsitz des Westdeutschen Autorenverbandes inne, der allein seine Schöpfung gewesen war.

Es bleibt den Deutschen um ihrer und Mitteleuropas Zukunft willen zur Zeit aufbrechender Nachkriegsordnungen zu wünschen, daß sie Hans Lipinsky-Gottersdorf Werk rechtzeitig zur Kenntnis nehmen. Vielleicht lernen sie dann, wie ein Zusammenleben mit den slawischen Völkern nötig und möglich ist.

Autor: Markus Klein
Titel: Hans Lipinsky-Gottersdorf 1920-1991
Untertitel: Nachruf
Erstveröffentlichung in: Criticón (21) Nr. 128, Nov./Dez. 1991, S. 306 f
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2014009
URL: https://scholien.wordpress.com/imprimatur/beitrage/0603-2/

					
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