Nihilismus – Normerhöhung – Nullpunkt

Ernst von Salomon und seine Zeit

… worin sich bereits zeigt, daß die Ideologie
eine scharfe Waffe ist, die die Gegner zwingt,
sich ebenfalls mit ihr zu rüsten,
wenn er mit ihr angegriffen wird.
(Hans Freyer)

Ernst von Salomon ist das verkörperte Abbild einer Epoche, ist Exponent eines deutschen Geschichtsabschnitts, der einst erneut „die deutsche Romantik“ genannt werden könnte. Leidenschaftlich beteiligt an den vielschichtigen Abenteuern seiner Zeit repräsentiert er die oft fatalen Wirren und Brüche, mit denen die Deutschen im 19. und im 20. Jahrhundert konfrontiert waren. Sein Leben stellt subjektiv wie objektiv eine stellvertretende Kontinuität dar, nämlich die der Deutschen in eben jener Zeit, die so von Ideologien überfrachtet war.

An ihm ist die Geschichte und das zwangläufige Scheitern der im eigentlichen Sinne – um ihrer Identität willen – unideologischen Deutschen in dieser Epoche nachzuvollziehen. 1902 wurde Ernst von Salomon in eine zutiefst dem Preußentum in seiner Idealform verhaftete Adels- und Offiziersfamilie geboren, die den Schritt der Verbürgerlichung des Staates noch nicht mitvollzogen hatte. Sie verdrängte, wie so viele, daß dieses Preußentum und sein daraus erwachsener Staat längst untergegangen waren, da das durch eine preußische Revolution „von oben“ entstandene Deutsche Reich zugleich den Endpunkt der preußischen Geschichte markiert hatte. Da war es nur konsequent, daß sie wie selbstverständlich daran dachte, ihren vier Söhnen eine staatstragende Aufgabe zukommen zu lassen. So folgte Ernst von Salomon 1913 seinem älteren Bruder Bruno in ein nach wie vor preußisches Kadettenkorps. Hier hatte die preußische Staatsidee ihr Refugium gefunden, hier hatte ihre Staatsräson überlebt und hier wurden Staatsdiener für einen Staat erzogen, den es schon seit langem nicht mehr gab und dessen nüchternes Erbe anzutreten ein von chauvinistischem und bürgerlich-liberalem Bewußtsein getragenes Deutsches Reich weder willens noch fähig war. Umgekehrt mußte die strenge und pflichtbetonte Erziehung die Zöglinge einem Geist verpflichten, der vor dem „bürgerlichen Zeitalter“ zu suchen ist; einem Geist, der in Schülers historischem Idealismus gründet, nicht aber im politischen Liberalismus und seinen mit der Industrialisierung einhergegangenen Begleiterscheinungen. In diesen erkannten sie allein die Gegensätze zu ihrem eigenen Denken, die staatsauflösenden Tendenzen, die Negation der Staatsräson, die Gleichsetzung von Staat und Gesellschaft. So mußte schon ihre Erziehung die Kadetten den Neuerungen des späten 19. und des angehenden 20. Jahrhunderts entfremden.

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Dabei waren die Kadetten nicht die einzigen, denen die Kultur der Jahrhundertwende fremd war. Ihr Widerstand gegen die Erscheinungen des selbstzufriedenen, unkollektiven, bürgerlich-materialistischen und von Parvenus geprägten Zeitalters fand seine Entsprechung im romantischen Rückgriff der vielfältigen Erscheinungen der Jugendbewegung und der Arbeiterjugendbewegung. Gerade um jene Zeit, in der Ernst von Salomon seine endgültige Prägung in der Kadettenanstalt erhielt, suchte dieser Jugendprotest gegen die Auswüchse des bürgerlichen Industriezeitalters seine Ausdrucksformen im radikalen Expressionismus. Und das wiederum war keine genuin deutsche Erscheinung, die allein etwa im Wilhelminismus gründete, sondern hatte seine Entsprechungen vor allem im französischen Symbolismus und im italienischen Futurismus. Sie alle – ob in Deutschland, Frankreich oder Italien – litten an den Veränderungen, die das 19. Jahrhundert mit sich gebracht hatte, an den Entfremdungen, Entortungen, Individualisierungen und Entpersönlichungen.

So war es nur zu verständlich, daß sie Gewitterwolken über Europa notwendig in einen Weltkrieg umschlagen sehen wollten, denn sie alle erhofften sich davon eine Flucht aus ihrer Bedrängnis und eine Reinigung der Verhältnisse im Sinne ihrer Kulturkritik. Tatsächlich schienen die mit den ersten Kriegsmonaten einhergehenden Erscheinungen in den am Weltkriege involvierten Ländern diese Hoffnungen auch zu bestätigen. Mit der Dauer des Krieges jedoch nahmen die Entbehrungen und Schwierigkeiten zu, die das Bürgertum so schwer nur zu ertragen in der Lage ist, und es folgten daraus – hüben wie drüben – noch tiefer gehende Spaltungen und Parteiungen des Volkes. Die Individualisierung und Materialisierung der Gesellschaft war schon zu weit gediehen, um nochmals endgültig zurückgedreht werden zu können. Spekulierende Kriegsgewinnler machten sich breit und beherrschten die Szene, während gleichzeitig größter Mangel herrschte und an den erstarrten Fronten unter unglaublichen Verlusten und ohne praktische Gewinne weitergekämpft wurde. Hier an den Fronten jedoch fanden die nach Kollektiv, Einheit, Ziel und Telos suchenden Jugendlichen ihre vorläufige Erfüllung, zumal in den einfachen Offiziersrängen, die durchgehend von eben jenen aus der Jugendbewegung oder aus den Kadettenkorps stammenden Renegaten des Bürgertums besetzt waren. Hier ist auch die tiefe Ursache für die Entwicklung der Nachkriegszeit, für die nationale Bewegung, für den Rückgriff auf die Romantik und die Innerlichkeit zu suchen. Ganz trivial bewirkten schon die ungeheuren Belastungen an der Front eine natürliche Kameradschaft der Soldaten untereinander, die allein jedoch höchstens in Stammtischrunden ihre Fortsetzung gefunden hätte. Hinzu kamen indes zwei weitere Momente, die zueinander gehörten und gravierende Folgen haben sollten. Es war dies zum einen die oben erwähnte Erwartungshaltung hinsichtlich dessen, was dieser „reinigende“ Krieg am Zeitgeist bewirken sollte. Sie wirkte hinsichtlich des zweiten Moments als Verstärker und Beschleuniger. Je weniger nämlich erkennbare militärische Gewinne ihres Einsatzes erkennbar waren, und je höher, damit einhergehend, umgekehrt die Verluste an Menschenleben wurden, desto mehr mußte in ihren Köpfen eine Suche nach dem verborgenen Sinn ihres Einsatzes beginnen. So wandten sich die Frontkämpfer immer weiter der Innerlichkeit, dem deutschen Idealismus zu und suchten den Sinn im Gewinn einer noch unsichtbaren Welt, die natürlich dem entsprechen mußte, was sie unartikuliert zu suchen überhaupt in diesen Krieg aufgebrochen waren. Ihre Romantik war im Grunde der Versuch einer Sinnprojektion auf die große Sinnlosigkeit. Sie wußten allerdings nicht, wie genau diese Welt auszusehen hatte, aber es war ihnen klar. daß sie ganz anders als die bisherige sein mußte, da sie nichts mehr mit dem politischen Liberalismus gemein haben durfte. Es bildeten sich zwei Hauptströmungen heraus, die sich primär allein in dem Kollektiv unterschieden, das ihnen vorschwebte. Das wiederum machte die Grenzen zwischen ihnen unsicher und die Seitenwechsel dafür umso einfachen Die eine setzte auf einen Kommunismus, der später vielfach nationale Züge zeigen sollte, und die andere wandte sich radikal gegen jede Form von Internationalismus, verachtete die Parteien und die Demokratie als Massenherrschaft und strebte nach elitär-aristokratischer Führung. Erstere Strömung sollte dereinst vornehmlich unter dem Begriff des „Nationalbolschewismus“ firmieren, letztere unter denen des „Frontsozialismus“ und der „Nationalen Revolution“.

Geineinsam aber war beiden neben der Ablehnung der bürgerlichen Welt auch und vor allem ein Existenzialismus extremer Form und daraus eine unglaubliche Bereitschaft zum persönlichen Einsatz und Aktionismus in dem Bemühen, vor der jederzeit möglichen Endlichkeit des Lebens noch erfüllt zu sehen, was sie sich erträumten. Das bedeutete aber nichts anderes, als daß in ihnen eine Haltung entstand, in der der letzte Sinn nicht unbedingt im erreichten Erfolg, sondern im unbedingten Einsatz als solchem lag. Ihr Staats- und Nationsbegriff entsprach dieser dynamischen Lebensführung.

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Diese „heroische Haltung“ als Folge des Krieges äußerte sich natürlich nicht so unmittelbar und direkt schon während oder unmittelbar nach dem Kriege. Die Rückkehr der „im Felde nicht besiegten“ Soldaten jedoch in ein von Partei- und Bürgerkriegsgegensätzen zerrissenes Deutschland, das in allem dem genauen Gegenteil der erhofften Sinnprojektion entsprach, führte recht unmittelbar zu den obigen Folgen.

Gerade den vom Frontsozialismus vorgeprägten jungen Offizieren blieb angesichts des ihnen unverständlichen Bürgerkrieges in Deutschland und der ihnen darob entgegengebrachten Feindseligkeiten nur ein Rückzug auf und in sich selbst und daraus die Hoffnung, aus der eigenen Tat eine neue Lebensordnung schaffen zu können. Darin aber trafen sie sich mit den jungen Kadetten, die wie Ernst von Salomon zu jung gewesen waren, um am Kriege noch teilzunehmen. Ihnen war im Zuge der Aufkündigung der Staatlichkeit des Deutschen Reiches mehr und mehr der ideologisierte Haß entgegengesprungen, und so war auch ihnen allein die Möglichkeit verblieben, sich auf sich selbst und die ihnen anerzogene Haltung zurückzuziehen. Es war ihnen – ebenso wie den vom Frontsozialismus geprägten Frontsoldaten – schlechtweg unmöglich, einen ideologisch fundierten Bürgerkrieg zu verstehen. Genausowenig waren sie dazu in der Lage, einen Staat anders zu begreifen als in dem ihm von Hobbes zugedachten Sinne, nämlich als Überwindung eben jeglichen Bürgerkrieges. Einen ideologisch fundierten Staat, der damit genau diesen Intentionen widersprach, in dem Parteien nach der Macht und der Funktionalisierung desselben zu ihren Gunsten strebten, konnten sie hingegen gar nicht erst als Staat verstehen. Ihr ganzes Bestreben und Denken war auf die Übernahme staatserhaltender Aufgaben gerichtet, dazu waren sie erzogen worden.

Nach der sogenannten Novemberrevolution, in der die SPD die Republik ausgerufen hatte und damit den Spartakisten lediglich um Stunden zuvorgekommen war, war dies der Grund, warum die Kadetten und die ihrer Haltung entsprechenden Frontkämpfer sich sofort in den Dienst der selbsternannten Regierung stellten. Die unmittelbarere und akutere Gefahr für den Erhalt des Staates glaubten sie nämlich im dem Internationalismus verpflichteten Bolschewismus zu erkennen, der unverhohlen die Überwindung der Staatlichkeit propagierte. Die gleichermaßen vorhandenen Tendenzen der Staatsauflösung durch Parteien waren ihnen noch nicht so bewußt und offensichtlich, als daß sie den Aufruf der SPD zum „Kampf gegen den Bolschewismus“ als das erkannt hätten, was er tatsächlich war, nämlich als Mißbrauch ihrer staatsorientierten Einsatzbereitschaft zugunsten einer Bürgerkriegspartei, die einer gänzlich anderen Staatsidee verhaftet war. Das erklärte Bündnis zwischen dem selbsternannten Reichspräsidenten Ebert und dem Generalquartiermeister Groener tat ein übriges zu dieser Bereitschaft. Ein weiterer Faktor waren die tatsächlich an den durch die deutschen Truppen gehaltenen Frontgrenzen im Osten seitens bolschewistischer Truppen einsetzenden Übergriffe, die es der SPD leicht machten, den kampfbereiten Soldaten und Kadetten die Bedrohung von außen wie von innen als identisch darzustellen und die unter der Parole „Kampf um das Reich“ antretenden Freikorpskämpfer gleichermaßen für die Durchsetzung ihres Machtanspruches im Inneren einzusetzen. Das waren die Gründe, warum Ernst von Salomon gemeinsam mit sämtlichen Kameraden seines Kadettenjahrgangs Anfang Januar 1919 unverzüglich in die – oftmals erst aufgrund des Appells der selbsternannten Reichsregierung neu entstandenen Freikorps eintrat, um sich, wie sie glaubten, damit für den Erhalt des Staates einzusetzen.

Ernst von Salomon selbst trat dem Freiwilligen Landesjägerkorps unter General Maercker bei, der sich bedingungslos auf die Seite der SPD und damit die Seite der noch vorläufigen Staatsmacht gestellt hatte. Keine drei Tage später schon war diese Einheit in die Kämpfe des Berliner „Januaraufstandes“ verwickelt, jene erste Auseinandersetzung um die Macht in Deutschland, in deren Folge die Spartakistenführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg erschossen werden sollten. Bei diesen „Säuberungs- und Polizeiaktionen“ im Auftrage der neuen Regierung sollte sich das Landesjägerkorps so auszeichnen, daß ihm Anfang Februar die Aufgabe übertragen wurde, die in Weimar anberaumte „Nationalversammlung“ zu schützen. Die dortige Untätigkeit und der direkte Kontakt mit den selbsternannten Volksvertretern zeitigte indes gravierende Folgen bei einigen der Freiwilligen. Solange sie im Einsatz gestanden hatten, waren vorrangig die dadurch entstehenden Notwendigkeiten bestimmend für ihr Denken gewesen. Es hatte der Einsatz selbst eigentlich schon die Legitimation für ihr Tun gebildet. Nun aber begannen sie nach dem Sinn ihres Daseins angesichts der Bewachung einer sich in endlosen parlamentarischen Debatten ergehenden Versammlung von Parteipolitikern zu fragen, während gleichzeitig im Baltikum erstmals seit dem Waffenstillstand wieder deutsche Einheiten zum Vormarsch antraten. Dort, so vermuteten sie, werde tatsächlich um Deutschland gekämpft, stand tatsächlich Deutschlands Existenz auf dem Spiel, hier in Weimar aber ging es lediglich um die Form des Staates. Was sie nicht wußten, war die Tatsache, daß die im Baltikum stehenden Freiwilligenverbände um alles andere zu kämpfen hatten als um Deutschland. Sie waren zwar von der neuen Reichsführung unter der Parole „Kampf dem Bolschewismus“ gerufen worden, doch bedrohten die vorrückenden bolschewistischen Truppen nicht, wie behauptet worden war, Ostpreußen, sondern versuchten vielmehr, aus dem Waffenstillstand Kapital hinsichtlich der baltischen Staaten zu ziehen. Das wiederum war aber auch das erklärte Ziel der englischen Regierung, die gleichwohl jedoch nicht bereit war, dafür eigene Truppen einzusetzen. Wahrscheinlich war es ihr auch daran gelegen, im Sinne ihrer kontinentaleuropäischen Gleichgewichtspolitik ein weiteres Arrangement der deutschen und der sowjetischen Regierung zu hintertreiben. So war auf ihr Betreiben hin der deutschen Regierung im Waffenstillstandsabkommen auferlegt worden, das von deutschen Truppen am Kriegsende besetzte baltische Gebiet so lange zu sichern, bis stabile westlich orientierte Regierungen dort etabliert worden seien. Für solche Zwecke jedoch ließen sich die dort stehenden Kriegstruppen nicht halten, weshalb die provisorische Reichsregierung auf Druck der Alliierten mit eben jener offiziell vorgeschobenen Aufgabe der „Sicherung Ostpreußens“ durch den „Kampf gegen den Bolschewismus“ Freiwillige zu werben begann.

Der Verdacht liegt nicht fern, daß zwecks beabsichtigtem Eigengebrauchs der Freiwilligen dieses Ansinnen der Alliierten durch die Reichsregierung nicht ungern befolgt wurde. Aus diesem Irrglauben heraus desertierten Ernst von Salomon und weitere Angehörige des Freikorps Maercker am 31. März von Weimar. Sie zogen auf schnellstem Wege ins Baltikum, um sich dort den deutschen Truppen anzuschließen und um damit unbewußt zum zweiten Male für Zwecke mißbraucht zu werden, die durchaus nichts mit der Motivation zu tun hatten, unter der sie angetreten waren. Von der von England eingesetzten lettischen Regierung wurde ihnen zudem versprochen, sich in Lettland ansiedeln zu können, eine Aussicht, die in ihnen den Irrglauben verstärkte, in deutschem Namen zu kämpfen. Nachdem sie jedoch so erfolgreich gegen die Bolschewisten operierten, daß sie schon im Mai/Juni zu eigenen offensiven Aktionen übergehen konnten, setzten die Engländer, die solches durchaus nicht begrüßten, zum einen die Reichsregierung unter Druck, zum anderen befahlen sie den Freikorps, sich zurückzuziehen und zu demobilisieren. Zur Unterstreichung dieses Befehls beschossen englische Kriegsschiffe das von den Deutschen unter schwersten Opfern eroberte Riga. Dadurch ermutigt kündigte die lettische Regierung alle den deutschen Truppen gemachten Versprechungen auf. Das aber war der Punkt, an dem den Freikorpskämpfern der ganze Betrug offensichtlich wurde, der mit ihnen getrieben worden war. Als zudem am 28. Juni 1919 von der Reichsregierung noch die – von den militärisch so erfolgreichen Kämpfern schlechtweg für nie möglich gehaltene – Unterschrift unter das Versailler Friedensdiktat gesetzt wurde und parallel dazu Rückkehrbefehle an die deutschen Truppen ergingen, brach für sie eine Weit zusammen.

Sie hatten unausgesprochen geglaubt, der deutschen Regierung durch ihre Siege politische und geschichtliche Möglichkeiten verschafft zu haben, und mußten nun den Eindruck gewinnen, daß dergleichen nicht einmal mehr im Bereich des Denkens der an die Macht gekommenen Politiker lag. Vielmehr schienen diese sich rein persönlicher Vorteile wegen mit den Siegermächten arrangiert zu haben, mit deren Staatsideologie, deren Vorstellungen bezüglich Deutschlands und vor allem mit deren erklärtem Ziel, die Deutschen zu einer passiven Größe herabsinken zu lassen. Und das alles zudem noch unter Mißbrauch der allzu bereitwilligen Freiwilligen. Das war der Punkt, an dem sie zum „aktiven Nihilismus“ übergingen.

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Der „aktive Nihilismus“ war der Wille zur Tat, zur Revolution oder auch zur Schaffung einer revolutionären Lage, nicht um dadurch eine Utopie durchzusetzen, sondern allein um Bestehendes zu zerschlagen und neuem geschichtlichen Werden den Weg zu bereiten. Sie besaßen keine Utopie; sie hatten überhaupt noch keine konkrete Vorstellung, was genau werden sollte, es sollte nur gänzlich anders sein als das Bestehende. Wie es letztlich aussah, das würde die Geschichte erweisen. Die stärkste geschichtliche Bewegung würde sich schon Bahn durch das Chaos brechen. Nur zweierlei glaubten sie fest zu wissen: zum einen, daß das Bestehende überlebt war, und zum anderen, daß sie keinesfalls eine Anarchie erstrebten. Nach ihrem idealistischen Geschichtsverständnis war eine Anarchie sogar undenkbar, da immer irgendeine kämpferische Bewegung vorhanden war, die aus dem Chaos nach oben streben und sich durchsetzten würde. Das Ziel der Geschichte und damit des Lebens, wenn es denn überhaupt eines geben konnte, war es, die Norm des Menschen und der Völker dauernd zu erhöhen, damit Beiträge zur Weltgeschichte zu liefern, wie sie dem einzelnen und den Völkern nach ihrer Potenz und Bestimmung zugedacht waren. Das Mittel dazu konnte weder die Passivität noch die Dekadenz sein; es blieb, in einem engen sozialdarwinistischen Sinne, einzig die ständige Auseinandersetzung, der ständige Kampf, aus dem letztlich immer der Stärkste sich durchsetzen und damit, idealistisch, seinen Beitrag zur Normerhöhung liefern würde. Diese Aufgabe aber und das war ihnen unartikuliert schon damals klar, noch bevor dies formuliert, gefaßt und vorgedacht werden sollte – konnte keinesfalls durch eine liberale Demokratie gelöst werden. Die nämlich war völlig ungeschichtlich, glaubte gar in eschatologischer Hybris, den Endpunkt der Geschichte erreicht zu haben und beendete mit ihrer geschichtsphilosophischen Legitimation jegliches weitere Streben nach höheren Normen der Menschheit in der Weltgeschichte. Das mußte – dies ein Vorgriff auf die weitere Entwicklung – selbstverständlich und vor allem auch eine unbedingte Verneinung des liberalen Freiheitsbegriffes nach sich ziehen. Solcher nämlich führte zu der von ihnen so schmerzlich empfundenen Individualisierung, der Aufhebung jeglicher Kollektive und des „Ohne mich“.

Der Freiheitsbegriff, den sie dagegen setzten, war eingebunden in eben jene Notwendigkeit der Erreichung von geschichtlichen Zielen und Aufgaben. Und dies mußte sie später – zu einem Zeitpunkt, an dem eben dies durchdacht war – zwangläufig wieder zu ihren Wurzeln zurückführen und weiter noch dazu, daß ihnen die – zwar einer Utopie anhängenden, jedoch aktivistisch agierenden – Arbeiter näher standen als das aus wirtschaftlichen und damit ungeschichtlichen Gründen auf Ausgleich und Entpolitisierung dringende Bürgertum. Zunächst jedoch, im Sommer 1919 im Baltikum, führte dieser einsetzende Bewußtseinswandel zum Exzeß der Baltikumkämpfer. Geprellt um das sie ursprünglich zum Einsatz bewegende Motiv des Kampfes um und für das Reich, desillusioniert und in dem schmerzlichen Bewußtsein, mißbraucht worden zu sein, verweigerten sie den Befehl zur Rückkehr ins Reich und der sie dort erwartenden Auflösung. Zum einen erkannten sie die Legitimation und damit die Autorität der Reichsregierung wegen deren „undeutscher“ „Verzichtspolitik“ nicht mehr an, zum anderen wuchs in ihnen das Gefühl, „die letzten Deutschen überhaupt“ noch zu sein, und zum dritten drängte sie einfach der Trotz, der durch Strafandrohungen seitens der Reichsregierung noch verstärkt wurde. So beschlossen die politischsten unter den deutschen Freikorpsverbänden zu desertieren und unterstellten sich den im Baltikum entstandenen weißrussischen Truppen. Von nun an wurden sie – und diesmal willent- und wissentlich – zu Partisanen, zu Kämpfern um eine Idee. Sie gaben damit dem Krieg im Baltikum ein eigenes und grausames Gesicht, geprägt von allen nur denkbaren Leidenschaften, Exzessen und Zerstörungen. Darin entsprachen ihnen die lettischen Partisanen, gegen die sie nunmehr kämpften, und somit wurde erstmals in diesem Jahrhundert ein – wenn auch nur kurzer – wirklich „totaler“ Krieg geführt. Anfang Dezember 1919 jedoch brach die deutsche Front ohne Nachschub, Ersatz und Munition zusammen. Mit extrem dezimierten Einheiten und bar jeder Hoffnung auf Verständnis überschritten die Baltikumkämpfer am 13. Dezember die Reichsgrenze. Sie erwartete die unvermeidliche Auflösung und die persönliche Ächtung der einzelnen Kämpfer aus ideologisch geschürtem Haß und ignorantem Unverständnis. Und es schien zunächst durchaus so, als wollten sie sich darin schicken. Die ersten beiden Monate des Jahres 1920 verliefen für die Republik relativ ruhig. Die zurückgekehrten Freikorps lagen in ihren Garnisonen und harrten der Dinge, die da unweigerlich auf sie zukommen mußten. Anderes konnten sie auch kaum tun. Sie waren im wahrsten Sinne des Wortes „Geächtete“ der Republik, wurden beschimpft und zu Feinden des Staates, d.h. der Republik, erklärt. Man glaubte ihrer nicht mehr zu bedürfen, nachdem der Machtanspruch der Regierenden gesichert schien.

So gab man sie preis und leitete ihre Auflösung ein. Die Freikorpskämpfer jedoch hatten ganz andere Vorstellungen von dem, was um der deutschen Staatlichkeit willen und deren Konsolidierung nötig sei. Vor allem glaubten sie, daß sie und ihr Einsatz unverzichtbar seien, zumal sie durchaus nicht den Eindruck hatten, daß der Krieg gegen Deutschland seitens der Alliierten vorüber war. Wie sonst auch sollten sie die propagierten Ideologien verstehen, wo die hinter diesen stehenden Mächte und deren Interessen doch so klar zu erkennen waren? Wie sonst sollten sie den als der Weisheit letzten Schluß angepriesenen Völkerbund und die damit verbundene ewige Festschreibung des Nachkriegs-status-quo verstehen, der doch allein den Siegermächten Vorteil und Nutzen zu versprechen schien? Und wie sonst sollten sie die im Versailler Friedensdiktat festgeschriebenen Tribute und moralischen Verurteilungen Deutschlands verstehen? Daß zudem noch eine deutsche Regierung dieselben anerkannt und unterzeichnet hatte und gleichzeitig sie, die Freikorpskämpfer, die doch um des deutschen Anspruches willen an jeder Front zu kämpfen bereit waren, ächtete, mußte fast zwangsläufig ihre Reaktion heraufbeschwören. Wohin sie auch im Reich blickten, nirgends stand einer auf und wehrte sich gegen diese Entwicklungen. Sie waren vereinsamt, sozusagen von den „Menschen des Nutzens“ umzingelt, wie sie das allein an sein persönliches Wohlergehen denkende Bürgertum nannten. So glaubten sie in Notwehr zu handeln, freilich nicht für sich, sondem für Deutschland, für die deutsche Geschichte und Zukunft, als sie Mitte März erstmals und auch einmalig versuchten, die parlamentarische Demokratie in Deutschland zu beseitigen, indem sie Kapp und Lüttwitz bei ihrem Putschversuch unterstützten.

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Deren Ziele waren schon nicht einheitlich, und die der Freikorps deckten sich weder mit dem des Einen noch dem des Anderen. Doch in der Ablehnung der „verrotteten Mächte der Gegenwart“ trafen sie sich. Was hernach kam, das würde sich noch herausstellen, so dachten die Freikorpskämpfer, erst galt es jedoch einmal zu handeln. Und so marschierte am 13. März die Brigade Ehrhardt in Berlin ein, der sich im ganzen Reich unabgesprochen die vereinzelten und isolierten Freikorpsverbände anschlossen. Emst von Salomon tat dies in Kehdingen, wo er dem Aufruf des dort liegenden Hauptmanns Berthold folgte.

Der gesamte Putsch war von vornherein zum Scheitem verurteilt. Ohne Vorbereitung, ohne Konzept, ohne Utopie und ohne massenpsychologische Vorarbeiten, ganz zu schweigen von möglichem Verständnis seitens der Massen, fehlte dem Versuch jegliche Aussicht auf Erfolg. Das war auch den meisten der Führer unter den Putschisten bekannt, doch sahen sie keine andere Möglichkeit, als den untauglichen Versuch trotzdem zu unternehmen. Sie hatten nur zu kämpfen gelemt, doch der Gegner, den sie zu bekämpfen dachten, bewegte sich seit 1789 auf einem Terrain, bei dem es damit allein nicht mehr getan war. Nach nur vier Tagen war das Abenteuer gescheitert und das durchaus selbstlose Anliegen der Freikorps vorläufig desavouiert. Gleichzeitig jedoch hatten die revolutionären Arbeiter sich organisiert und dachten – ähnlich wie dies zuvor die Freikorps erhofft hatten – das entstandene Chaos zu ihren Zielen zu gebrauchen. Zunächst noch hatten sie engagiert mit der Waffe in der Hand versprengte Freikorpsverbände angegriffen und teilweise auch zerschlagen urid vernichtet, wie z.B. in Harburg die Truppe um Berthold, der auch Emst von Salomon angehört hatte. Doch dachten die Arbeiter damit durchaus nicht, die Republik zu erhalten.

Im Gegensatz zu den Freikorpskämpfem, denen eine eigene Utopie fremd war, ließen sie sich nicht von gegensätzlichen Interessen mißbrauchen. Sie wollten die Revolution, jedoch eine andere. Innerhalb von einer Woche nach Scheitem des Kapp-Putsches schon kontrollierten sie fast das gesamte Ruhrgebiet, und der Aufstand breitete sich immer rascher, immer weiter aus. Und abermals ließen sich die Freikorpskämpfer mißbrauchen. Erschreckt von den drohenden intemationalistischen Konsequenzen eines solchen Aufstandes und dazu noch umworben von der Reichsregierung, stünnten sie wenige Tage nach dem Scheitem ihres eigenen Versuches zum Kampf um die Macht in die Reihen der Reichswehr. Diese stellte Formationen aus Zeitfreiwilligen zusammen, mit denen sie bis Mitte April sämtliche Unruhen niederschlagen sollte. Und nicht nur dies: die Säuberungen im Namen der Republik durch die vorherigen Putschisten waren so erfolgreich, daß dem revolutionären Flügel der Arbeiterschaft auf lange Jahre hinaus das Rückgrat gebrochen war und umgekehrt die Republik enorm gefestigt wurde. Als sie diese ihre zweite „Sünde wider den Geist“ erkannten, kannte der Ingrimm der politischsten unter den Freiwilligen keine Grenzen mehr. Und er gab ihrem künftigen Widerstand gegen die Republik das Gesicht.

Die Qualifikation eines Widerstandes hängt letzlich von der geschichtlichen Entwicklung ab. Bleibt er eine marginale oder auch nur erfolglose Bewegung, so wird ihm die positiv besetzte Bezeichnung „Widerstand“ verweigert. Statt dessen werden ihm negative Wertungen wie „Terrorismus“ oder „Nihilismus“ zugedacht, die eine ideelle Beschäftigung mit ihm schwierig, wenn nicht gar unmöglich machen. Noch komplexen wird das Problem, wenn zwar seine verneinenden Ziele erreicht werden, jedoch nicht durch ihn, sondern durch eine weitere Widerstandsbewegung, seine konstruktiven Ziele jedoch keine Entsprechung haben. Von Seiten der nochmalig erfolgreichen Widerstandsbewegung wird er nur von seiner letzten Zielsetzung her beurteilt werden, und folglich als illegitim, von Seiten der Unterlegenen jedoch nach seinen Taten, und damit als Wegbereiter der erfolgreichen Bewegung. In beiden Fällen ist die Wertung also negativ. Allen diesen Schwierigkeiten und negativen Bewertungen war und ist nachmals der nicht-nationalsozialistische Widerstand gegen die Weimarer Republik, die parlamentarische Demokratie und gegen die später zu Verbündeten dialektisch umgedeuteten Besatzungsmächte in Deutschland ausgesetzt. Er hat zudem noch mit dem Problem zu kämpfen, daß die Elemente des so heterogenen Nationalsozialismus zwar von einer völligen Unverbindlichkeit hinsichtlich ihrer Quellen waren, dessen Wesensmerkmale gleichwohl aber umfassend aus allen Bereichen zusammengestellt und hinsichtlich seiner Legitimation so umfassende Ahnenreihen konstruiert waren, daß kaum ein Bereich ausgespart blieb. Erst nach dem völligen Untergang des Nationalsozialismus wurden seine Klitterungen in den Rang von angeblich unbestreitbaren Wahfheiten erhoben, und damit gleichzeitig durch die abermals triumphierende parlamentarische Demokratie ihren anderen Feinden der Stempel des auf ewig Widerlegten und Desavouierten aufgedrückt. Dennoch ist auch der nicht-nationalsozialisitische nationale Widerstand eine Erscheinung – wenn nicht sogar eine zwangläufige – jener Jahre nach dem Kriege und ihrer Wirrnis, und nur aus der Lage der Deutschen zu erklären, wie dies Ernst von Salomon versucht hat:

„Wer jene Jahre nach dem ersten Weltkriege – und jene Jahre nach dem zweiten auch – bewußt als Deutscher miterlebte, mußte zu dem Eindruck gelangen, daß noch niemals in der Weltgeschichte ein Volk so maßlos und einhellig, so gründlich und an haltend beschimpft worden war, so bis in die letzte Faser moralisch zerfleddert, wie das deutsche, und zwar nicht wegen seiner Taten – denn die konnten ja nur als Ausfluß seines unwandelbaren Charakters gedeutet werden – sondern wegen seineiMentalität. Auf die Deutschen wurde ein Ausmaß von Schuld gehäuft, welches so groß war, daß jeglicher Versuch sich zu entschuldigen, ganz unsinnig erschien. Was den Deutschen zu tun blieb – hier die Masse als psychologische Person genommen –, war nichts anderes, als sich zu eben der angegriffenen Mentalität zu bekennen und aus diesem Bekenntnis den Honig zu saugen. Die nationale Bewegung nach dem ersteil Weltkrie- begann mit diesem psychologischen Akt. Beschuldigt ihres radikalen Tuns, begannen die Deutschen in der nationalen Bewegung sich zur Radikalität zu bekennen; beschuldigt der Gründlichkeit ihrer Verbrechen, begannen sie, gründlichst die Radikalität bis zu dem eigentlichen Sachverhalt, bis zur radix, bis zur Wurzel, zu treiben. Die Philosophie der nationalen Bewegung, soweit sie einer Artikulation bedurfte, war schließlich die einer sogenannten ‚Konservativen Revolution‘. Die Deutschen versuchten in der nationalen Bewegung alle jene unbezweifelbaren Ewigkeitswerte zu präsentieren, die der deutschen Mentalität entwachsen waren – und wenn sie dies aus vermotteten Truhen oder von verstaubten Simsen holen mußten. Ihre Radikalität, bis zur Wurzel der Begriffe vorzudringen, trug die Konsequenz in sich, radikal dem Bekenntnis zu diesen Begriffen auch zu leben. Das deutsche Volk, die Deutschen schlechthin, waren niemals in ihrer Geschichte so politisiert wie in jenen Jahren. Die Forderung nach der Identität der Person mit einer (sic) Idee erschien so selbstverständlich, daß nicht einmal der Versuch unternommen werden konnte, die Legimität dieser Forderung zu bezweifeln. Bei der Vielzahl der Ideen mußte der Kampf aller gegen alle beginnen. Der Willen zur Wahrheit mochte zuerst einmal nichts wahrhaben. Jedermann war bereit, auf die Barrikaden zu steigen. Aber es waren keine Barrikaden da.“ (Emst von Salomon, Das Schicksal des A.D. Ein Mann irn Schatten der Geschichte. Ein Bericht, Reinbek 1960, S. 45f.)

Die Wurzel, die dieser nationale Widerstand zu erkennen glaubte, war das Volk, denn die bestehende politische Form, der Staat, hatte sich als wertlos für einen subjektiven Kollektiv-Willen der Deutschen erwiesen. So erhofften sie über die angeblich objektiv faßbaren völkischen Wurzeln eine Emeuerung des Kollektivs und darnit dessen politische Einheit. Insbesondere wurde diese völkische Bewegung durch die emeut negativen Erfahrungen in Oberschlesien gefördert, doch ansatzweise war sie schon zuvor vorhanden gewesen. Unmittelbar nach der Niederschlagung des Ruhraufstands geriet Ernst von Salomon wie so viele der aktivsten und politisiertesten ehemaligen Freikorpskämpfer in die Reihen der später so titulierten „Organisation Consul“. Dies war ein weitgehend unorganisierter Kreis um den ehemaligen Brigadeführer Ehrhardt, der sich insgeheim sofort nach dem Kapp-Putsch mit General von Seeckt arrangiert hatte. Beide waren sich darüber einig geworden, daß eine Konsolidierung Deutschlands nur langfristig und nur im Geheimen, nicht aber durch eine Revolution zu erreichen sei. So erklärte sich Ehrhardt bereit, für die zwar zur politischen Enthaltsamkeit verdammten, dafür insgeheim aber nach wie vor „preußische“ neue Reichswehr einen geheimen Flügel aufzubauen, der später unter dem Begriff „Abwehr“ firmieren sollte. Dessen Aufgaben bestanden nach Seeckts und Ehrhardts Plänen darin, Aktionen in den durch die Franzosen anläßlich des Ruhrkampfes besetzten deutschen Gebieten durchzuführen, sowie Geld durch Waffenverkäufe zu beschaffen und damit eine geheime Mannschaftsreserve für die durch alliiertes Dekret auf 100.000 Mann beschränkte Reichswehr aufzubauen. So waren diese Pläne mittelfristig wegen der beabsichtigten Stabilisierung der deutschen Lage auf eine Rückenstärkung der Republik ausgerichtet. Die sich Ehrhardt anschließenden Freikorpskämpfer jedoch wußten davon nichts. Für sie war Ehrhardt der militärische Leiter des Kapp-Putsches, eine Idolfigur in dieser entheldeten Zeit. Und die ihnen gestellten Aufgaben gegen die Franzosen sowie cegen deren Helfershelfer in deutschen Reihen konnten sie nach ihren Erfahrungen unmöglich in Zusammenhang mit der Republik bringen, die tatsächlich selbst auch darüber nicht viel wußte.

So agierten und kämpften sie emeut für Ziele, die nicht die ihren waren, und diesmal gab es nichts, was ihnen die Wahrheit hätte enthüllen können, zumal sie permanent von den deutschen Strafermittlungsorganen verfolgt wurden. Unterbrochen wurde ihre Tätigkeit jedoch schon im Mai 1921, als polnische Insurgenten unter tätiger Unterstützung der französischen Besatzungstruppen daran gingen, die bei der vom Völkerbund anberaumten und am 20. März 1921 durchgeführten Volksabstimmung in Oberschlesien nicht gewonnenen Gebiete gewaltsam dem entstandenen polnischen Staat einzuverleiben. Diesmal dachte sogar die deutsche Reichsregierung an militärischen Widerstand, jedoch nur im Geheimen und ohne eine offizielle Verantwortlichkeit. So stellte sie unter der Hand Geld zur Verfügung, mit dem die unverzüglich herbeistürmenden ehemaligen Freikorpskämpfer ausgerüstet werden sollten. Als diese dann auch tatsäschlich erfolgreich Oberschlesien zu säubem begannen, griff die von Franzosen majorisierte alliierte Kontrollmission ein und forderte die Reichsregierung kategorisch zu Gegenmaßnahmen auf. Diese Note wurde von der Reichsregierung unverzüglich erfüflt, die auf Reichsgebiet stehenden Verbände am Einsatz unter Waffengewalt durch die Reichswehr gehindert und die bis dahin erzielten Erfolge in Oberschlesien zunichte gemacht. Diesmal nicht eigentlich mißbraucht, aber zutiefst verbittert und nunmehr unbedingt entschlossen, dieser Republik, die dergleichen zugelassen hatte, den totalen Kampf anzuzeigen, kehrten die jungen Aktivisten zurück ins Reich. Sofort nahmen sie ihre Widerstandsaktionen wieder auf, jedoch um etliche Grade in ihrer Radikalität gesteigert. Die Ortsgruppen, die sie gebildet hatten, verselbständigten sich in der Folge von Oberschlesien mehr und mehr, die Einsätze und Aktionen bekamen ein immer endgültigeres Gesicht. Was einzig noch zählte, war der Einsatz, die Aktion. So wurden sie zu „Phantasten der Tat“, wie Herbert Cysarz sie genannt hat. Vor allem tat sich dabei ein kleiner Kreis hervor, der sich in Frankfurt am Main um den dortigen Ortsgruppenführer Friedrich Wilhelm Heinz bildete und dem auch Ernst von Salomon von Anfang angehörte. Sie nannten sich „Die Warte“, und sie waren die aktivistischsten Feinde dieser Republik und ihrer Folgen. In ihnen war der ohnmächtige Zom darüber, Zeit ihres bisherigen Lebens nur für Ergebnisse mißbraucht worden zu sein, mit denen sie sich auf keinen Fitil identifizieren konnten, so übermächtigt geworden, daß sie nur noch zu zerstören dachten. Keine Minute länger durfte diese unpolitische Republik bestehen, unverzüglich war das Chaos herbeizuführen, aus dem dann das Neue mit Kraift erwachsen mußte. Aus diesen Vorstellungen erwuchs dann die Idee – ähnlich wie dies die russischen Sozialrevolutionäre 15 Jahre zuvor schon gedacht hatten –, durch Attentate gegen die Republik und ihre Repräsentanten das Chaos herbeizuführen. Ideelle Unterstützung fanden sie dabei durch die Verlautbarungen und Verleumdungen, die sich die im Reichstag vertretenen Paneipolitiker gegenseitig anhängten. und die nur graduelle Unterschiede zu einer offenen Bürgerkriegssituation aufwiesen. Daraus erwuchs bei den Mitgliedem der „Warte“ eine Liste von potentiellen Attentatszielen, mit denen sie die Republik, ihre Schöpfer und ihre Protagonisten ins Mark zu treffen suchten. Die Attentatsserie begann mit Erzberger – der zudem noch persönlich nach seinem Prozeß als integritätslos erschien –, Gareis und Scheidemann. Als der Anschlag auf letzteren jedoch scheiterte und keinerlei Anzeichen einer drohenden Zerstörung der Republik sichtbar wurden, beschlossen sie, ein Fanal zu setzen. Dazu aber war keiner prädesfinierter als der jüdische Außenminister Walther Rathenau.

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Rathenau vereinte in seiner komplexen Person nicht nur den zuerst erfolg- und einflußreichen Wirtschaftsmagnaten und Politiker, er war zudem noch ein vielgelesener Publizist und Kulturphilosoph, ein Freund Willhelms II. und ein Kritiker des Wilhelminismus, darüberhinaus Verfechter eines preußischen „dritten“ Weges jenseits von Kapitalismus und Kormunismus. Er war der maßgebliche Begründer einer eigenständigen deutschen Außenpolitik nach Versailles – schon vor seinem Amtsantritt als Außenminister –, die hauptsächlich über eine Kooperation nüt der Sowjetunion Auswege aus dem Objektstatus Deutschlands suchte. Im Grunde vertrat und repräsentierte er – in ungleich realpolitischerer und pragmatischerer Weise – all das, was seine nochmaligen Attentäter so unausgegoren für Deutschland erhofften.

Rathenau und seine Politik hatten allerdings auch erbitterte Feinde – teils aus echter politischer Gegensätzlichkeit, hauptsächlich aber wohl aus von ideologischer Befangenheit bestimmtem Unverständnis. Diese waren hauptsächlich im Lager der Altkonservativen und -nationalen zu finden. Sie hingen Rathenau zwecks Desavouierung seiner Politik alle möglichen konstruierten Unterstellungen an, die von den die Republik und ihre Folgeerscheinungen so hassenden jugendlichen Aktivisten bereitwillig aufgenommen und geglaubt wurden. Dies war umso mehr möglich, da diese Aktivisten von einer Abart der damals zur Massenbewegung ausgeuferten völkischen Denkart beherrscht waren, die im Judentum eine gänzlich andersvölkische Tendenz erblickten. Das seiner Eigenart entsprechend entortete Judentum war in ihrem Verständnis unlösbar mit dem gleichfalls entortenden und von ihnen darum so vehement bekämpften Liberalismus verbunden. Da sie im Liberalismus die Gefahr einer „Entdeutschung“ orteten, mußte ein Jude in der Rolle des deutschen Außenministers bei ihnen alle Alarmglocken läuten lassen. Entsprechend ihrem Politikverständnis war die Außenpolitik die eigentliche Politik und war das – einst von Bismarck selbst besetzte – Amt des Außenministers das darum wichtigste und entscheidendste Amt, wie es auch Rathenau selbst so begriffen hatte. Ein jüdischer Politiker rnit dem sie die zwangsläufigen Tendenzen der Entpolitisierungen durch den Liberalismus verbanden – in diesem Amt, der darüberhinaus noch solche Fähigkeiten entwickelte wie Rathenau, war ihnen darum fast gleichbedeutend mit einer „Verletzung des Mythos vom Reich“, versprach ihnen das Ende der deutschen Geschichte bzw. der Teilnahme der Deutschen als Volk an der Weltgeschichte überhaupt. So konnte es für sie kein wichtigeres und unumgänglicheres Ziel zum politischen Mord geben als Walther Rathenau. Am 24. Juni 1922 führten Mitglieder der „Warte“ das unglückselige Attentat auf Außenminister Rathenau erfolgreich aus. Die Folgen waren jedoch gänzlich andere, als sie sich vorgestellt hatten. Zwar wurde der Mord tatsächlich als Fanal begriffen, doch führte dies unmittelbar zu einer Stabilisierung und vorläufigen Befriedung der Republik. Bis auf die ausgegrenzte DNVP rückten die Parteien sofort soweit zusammen, daß sie unmittelbar ein Republikschutzgesetz verabschieden konnten.

Aufgrund dieses nach ihrer Tat erst geschaffenen Gesetz, trotzdem jedoch nicht als politische Überzeugungstäter, wurden die Mittäter des Attentats, derer die Behörden habhaft geworden waren, verurteilt. So wurde auch Ernst von Salomon, dem lediglich eine Beihilfe nachgewiesen werden konnte, zu fünfjährigem Zuchthaus mit anschließendem fünfjährigem Ehrentzug verurteilt. In diesen fünf Jahren zwischen Ende 1922 und Ende 1927 schied er seine ideologisch-völkischen Elemente in einer Art Selbstreinigung aus und fand zu dem Gesetz zurück, nach dem er angetreten war: der Staatsidee Preußens. Es waren diese fünf Jahre aber auch die Zeit, in der sich in Deutschland allgemein die so verschiedenen und verworrenene Bewegungen auf nationaler und völkischer Seite voneinander separierten und – zumeist unrein – ausprägten. Grob skizziert entwickelten sich daraus drei Richtungen, die sich teilweise bis ins Grundsätzliche von ihrer Zielsetzung her unterscheiden sollten, dennoch oftmals von ihrer gemeinsamen Ablehnung der Weimarer Republik her gleichgesetzt und letztlich für die Entartungen des Dritten Reiches verantwortlich gemacht werden.

Es waren dies idealtypisch, jedoch nie rein vorkommend, zum einen die altkonservativ-patriotisch-bürgerlichen Parteien, die in ihrem Denken vornehmlich noch dem vergangenen Jahrhundert verpflichtet waren. Als zweite ideologisch fundierte Richtung bildeten sich die unterschiedlichen Strömungen des Nationalsozialismus heraus, die oftmals – und letztlich bestimmend – eher biologisch-rassitische denn nationale Element, aufwiesen. Die dritte Strömung aber war die der Nationalrevolutionäre, denen eine jede Nation ein mythischer Wert war und die in nationalen Revolutionen mit – je nach Nation zwar eigenen, immer jedoch ortskonkreten Ausprägungen – die einzig zukunftsträchtige Weltordnung erwarteten. Dazwischen und mitunter zuerst unkonturiert bildeten sich noch Dutzende anderer, zumeist jedoch unbedeutende Bewegungen und Grüppchen heraus, wobei die große Masse der „Konservativen Revolution“, insbesondere sämtliche mehr oder weniger „jungdeutschen“ Bewegungen, in einem nicht faßbaren Grenzbereich zwischen der bürgerlichen und der nationalrevolutionären Seite sich ansiedelte.

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Die auf ihre wenigen Protagonisten beschränkte nationalrevolutionäre Bewegung war die eigentliche „revolutionäre“ und eigentlich „konservative“ Gruppierung innerhalb der „Konservativen Revolution“. Sie war stark von Oswald Spengler beeinflußt und hatte im Gegensatz zu so vielen anderen Richtungen und Bewegungen, keine Zukunfts-, Ordnungs- oder Fortschrittsvorstellungen. Sie war im eigentlichen Sinne unideologisch, utopiefrei und ihres occasionellen und das „höhere Dritte“ suchenden Charakters wegen politisch-romantisch. Ohne eine solche geschichtsphilosophische Selbstlegitimation war sie in einem um jene Zeit immer virulenter werdenden Weltbürgerkrieg, in dem die anderer vorhandenen Parteien entsprechende Untermauerung für sich reklamierten – ganz abgesehen von ihrem sektenhaften Wirkungskreis –, von vornherein zum Mißerfolg verurteilt. Sie verfolgte tatsächlich einen entschiedenen und totalen Bruch mit dem Bisherigen, und ihre Mitglieder waren und lebten das neue Prinzip in der Geschichte, das gleichwohl weder geschichtliche Realität war, noch werden sollte. Das einzige, was sie von dem neu zu Schaffenden wußten, war die Unbedingtheit der Haltung und das Bekenntnis, auf die es gründen mußte, war der Glaube an die Gewalt als einzig geschichtlich bewegendes Prinzip und war der sie bewegende Mythos „Nation“. Sie stellten die Orientierung an die Geschichte und das Streben nach konkreter Geschichte(n)-„macherei“ der ungeschichtlichen Zukunftsprojektion des Rationalismus entgegen. Das war die Konkretisierung ihres Konservatismus, der nichts mit dem gemeinhin darunter verstandenen zu tun hat. Diese Bewegung blieb aber weitestgehend in theoretischen Erörterungen und publizistischen Verlautbarungen stecken, und wo sie handelte, scheiterte sie an ihrem eigenen unkonkreten und damit verfälschten Nominalismus. Vor allem in Berlin, wo sich das Gros ihrer Mitglieder konzentrierte, fand der Kampf allein im Geistigen statt, endete fast zwangläufig im Literarischen und mußte letztlich als „Bewegung der Einzelnen“ von den Massenbewegungen überrollt werden. Ihre Protagonisten betrieben einen subjektiven Okkasionalismus, daneben einen Kampf um eine „Einheitlichkeit der seelischen Grundhaltung“ und suchten darüber einen „preußischen Sozialismus“ zu erreichen, der die natürliche Organisationsform der einzelnen Völker sein sollte.

Die Zeit zu solchen Vorstellungen war in Deutschland durchaus reif, das System von Weirnar hatte seine völlige Unzulänglichkeit bewiesen, die massive Kulturkritik schwappte über alle Parteiungen hinweg, etwas Neues stand bevor. So war der Neue Nationalismus eine Folge dieser Entwicklung, nicht aber deren Ursache. Da er dennoch keine politischen Gestaltungsmöglichkeiten erhalten sollte, lag in seiner unkonkreten und utopielosen Unvermittelbarkeit, einem Problem, dem der alle Begriffe und Vorstellungen in sich vereinende und Utopien formulierende Nationalsozialismus dagegen nicht ausgesetzt war. So mußte er wohl zum Erben des Weimarer Desasters werden, während der Neue Nationalismus im Literarischen unterging und sich allein am 20. Juli 1944 eine letztes Mal konkret bemerkbar machte. Seine einzige aktivistische Eruption hatte der Neue Nationalismus im Intermezzo der Landvolkbewegung Schleswig-Holsteins im Jahr 1929 durch seine dynamischsten Vertreter gehabt. Hier hatten einige wenige seiner Mitglieder, die sich neben ihrer Tatbereitschaft vor allem durch ihre stark in der deutschen Romantik gründende und durch Görres formulierte geistige Verbundenheit mit dem Bauerntum und dessen erdhafter Verwurzelung auszeichneten, versucht, durch attentatsähnliche Demonstrationen eine Initialzündung zur „nationalen Revolution“ zu geben. Der Versuch, an dem die ganze Familie von Salomon beteiligt gewesen war, mußte – zu früh und zu spät wie er war – fehlschlagen, und recht eigentlich hatten die Täter selbst von Anfang an nicht an einen wirklichen Erfolg geglaubt, um dessen Gesicht sie sich indes auch keine Gedanken gemacht hatten. Enttäuscht von den bloßen Debatten in Nationalistenkreisen hatten sie gleichwohl darauf gehofft, zumal die Radikalisierung und der Zulauf der aktivistisclien Kommunisten und Nationalsozialisten ein latentes Potential vermuten ließen. An dem selbstlähmenden Widerspruch zwischen ihrer unkonkreten Perspektivlosigkeit und ihrer unkonkreten nominalistischen Grundhaltung mußten sie indes scheitern, und das Erbe ihrer Aktion rissen die beiden anderen aktiven und zudem universalistischen Bewegungen an sich. Die Nationalrevolutionäre aber ergingen sich in der Folge noch intensiver in intellektuellen und theoretischen Erörterungen, wobei sie mehr und mehr Gemeinsamkeiten bis hin zu Freundschaften mit den entsprechenden intellektuellen Kreisen der Linken suchten und fanden.

Beide Flügel wetteiferten dabei in intellektueller Arroganz hinsichtlich der ungehindert sich ausbreitenden Massenbewegungen, vornehmlich des Nationalsozialismus, und in schwadronierenden Teetischdebatten unkonkreten Charakters; so verloren sie sämtliche Bezugspunkte zu dem dem Universalismus wesentlich geneigteren Volk. Das aber war beider Ende und Untergang.

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Am 30. Januar 1933 folgte Hitler als Reichskanzler auf den der „Konservativen Revolution“ im weiteren Sinne zugehörenden und auch darum zum Scheitern verurteilten Kurt Schleicher. Unter dem propagandistischen Begriff der „nationalen Erhebung“ appellierte Hitlers Kabinett an alle nichtmarxistischen politischen Richtungen zur Zusammenarbeit und hatte mit dieser selbsternannten Erbfolge auch großen Erfolg. Allein die links- und die nationalrevolutionären Kräfte verweigerten weitgehend die Mitarbeit, so sie nicht daran glaubten, durch ihr Engagement Einfluß auf die noch unklare endgültige Richtung des Nationalsozialismus nehmen zu können. Bei den einen war die Ablehnung durch ihre entgegengesetzte ideologische Zielrichtung bestimmt, bei den anderen die Mitarbeit durch ihre bedingungslos statistische Grundhaltung, aus der heraus eine Verlagerung vom Staat zum Volk und von der Autorität zur Totalität unakzeptabel war. Gleichwohl nach wie vor und in der Tendenz sogar noch zunehmend in ihrer intellektuellen Arroganz gegen die „Pöbelherrschaft“ des Nationalsozialismus befangen und von diesem als schärfster Konkurrent hinsichtlich des reklamierten begrifflichen Erbes betrachtet und verfolgt, emigrierten diese „Kerenskis“ der „nationalen Erhebung“ ins „Innere Reich“. Dieser Titel ihres wichtigsten Publikationsorgans stand stellvertretend für etliche ähnliche Zeitschriften, Zeitungen und Buchreihen, sowie Gesprächs- und Literatenkreise. Ihre Autoren und Mitglieder suchten durch Aufklärung, mehr oder weniger eindeutige Stellungnahmen und durch Geschichtsschreibung der Geschichtsklitterung und Begriffsverfälschung durch die Nationalsozialisten entgegenwirkten. Aufgrund der heterogenen und durch rnannigfache Einzelinteressen bestimmten Zusammensetzung der NSDAP und ihrer Funktionsträger ließ sich dies auch einige Jahre durchfuhren, doch blieb der Erfolg aufgrund des intellektuellen Charakters solcher Bemühung recht gering. Hinzu kamen demonstrative Stellungnahmen zur Sowjetunion, gegen den russischen Antisemitismus und für den Staat. Je nach Rückendeckung der einzelnen durch Funktionsträger des neuen Systems wurde solches aber nach und nach mittels massiver Einflußnahmen und Drohungen unterbunden, so daß die „inneren“ reichs-, begriffs- und inhaltstreuen Widerständler zunehmend verstummten und in irgendeiner Weise ins Unpolitische „emigrierten“. Ein endgültiges Ende setzte ihnen der Beginn des Zweiten Weltkriegs. Schon der seit 1919 überfällige Anschluß Österreichs mußte die Nationalisten, die sich in einer Oppositionsstellung gegenüber Hitler befanden, in Zwiespalt und Zweifel stürzen. Wegen der daraus erwachsenden Zustimmung im Volk für Hitler wurde unter anderem auch ein in der Planung weit fortgeschrittenes Attentat gegen diesen abgeblasen. Als dann der Krieg selber ausbrach, der durchaus zunächst noch keine bestimmenden ideologischen Züge trug, sondern viel eher Tendenzen offenbarte, die an eine neue europäische Großraumordnung denken ließen, als welche sie auch den deutsch-russischen Nichtangriffspakt verstanden, verstummte ihr Widerstand.

Die Nationalisten befanden sich mit diesem Krieg in einer Situation, die durchaus dem deutschen Nachkrieg von 1919/20 vergleichbar war. Vorrangig sahen sie nun den Bestand des Reiches gefährdet und begriffen den Krieg als Fortsetzung des 1919 zunächst erfolgreichen Kampfes der Westmächte gegen die deutsche Selbstbestimmung. Eine – wenn auch forciert – nationale Selbstbestimmung der Deutschen einhergehend mit einer Revision von Versailles, die die Westmächte via Polen als Infragstellung des status quo verhindern wollten, konnten und wollten die Nationalisten nicht als Kriegstreiberei oder als Aggression Deutschlands verstehen. Niemals seit Versailles hatten sie den Nachkriegs-status-quo als endgültig angesehen, sondem lediglich als Intermezzo im Kampf Deutschlands gegen die ideologisch fundierten Flügelmächte. Entsprechend konnten sie den 1939 beginnenden Krieg nur als „deutschen“ Krieg begreifen, der zunächst zu entscheiden war, bevor eine Revision des politischen Systems in Deutschland auf der Tagesordnung stand. Sie waren Deutsche, die das sie bestimmende Kollektiv in der Nation und ihrer politischen Form, dem Staat, suchten, und so war dieser Krieg auch ihr Krieg und ein deutscher Sieg für sie trotz nationalsozialistischer Führung so erstrebenswert wie je.

Darüberhinaus erhofften sie sich – wie so viele Freiwillige und Kollaborateure in ganz Europa auch –, durch diesen Krieg eine Befreiung Europas von der ihm nach dem Ersten Weltkrieg unter tätiger Mithilfe Frankreichs aufgezwungenen angloamerikanischen kontinentalfeindlichen Nachkriegsordnung, die allein die sichtbaren Folgen einer gegenseitigem Auspielbarkeit der europischen Völker haben mußte. Eine solche weltgeschichtliche Neutralisierung Europas und der europäischen Völker durch die gegenseitigem Bindungen hielt in ihren Augen die Weltgeschichte auf, zementierte die beherrschende Rolle der imperialistischen angelsächsischen Mächte in der Welt, und hinderte die aufstrebenden und jungen Völker in ihrer Entwicklung und an der Ausübung ihrer Rolle in der Weltgeschichte. Aus diesem Verständnis heraus traten sie weitgehend geschlossen in die Phalanx der von den Nationalsozialisten regierten deutschen Nation zurück.
Mit zunehmender Ideologisierung des Krieges und dem immer offensichtlicher werdenden Mißbrauch der Deutschen als Nation im durch den Eintritt des ideologischen Nationalsozialismus als Partei komplexen gewordenen Weitbürgerkrieges verstärkten sich jedoch die Zweifel und Widerstände bei den deutschen Nationalisten. Nunmehr wurden auch bei ihnen emeut Pläne zur Beseitigung der nationalsozialistischen Regierung und des „größten Verfälschers“ der deutschen Nation erörtert. Ebenso wie zu Zeiten der „Konservativen Revolution“ gebrach es nunmehr der deutschen Position an Reinheit und Eindeutigkeit; so mußte sie an sich und in sich selbst zerbrechen. Es waren oftmals die vom Frontsozialismus oder dem Preußentum geprägten Nationalisten, die zu treibenden Kräften im sich organisierenden nationalen Widerstand wurden, der in Stauffenbergs Attentatsversuch gipfelte. Ein nicht unerheblicher Teil der führend Beteiligten stammte aus den Reihen der preussischen Wehrmacht, den Freikorps und aus dem ehemaligen Widerstand gegen Weimar und Frankreich. Lediglich Ernst von Salomon versagte sich aus persönlichen Gründen einer direkten Teilnahme arn Attentat, obwohl nach seinem selbsterstellten Anspruch, seiner Herkunft und seinem Standort dort sein Platz gewesen wäre. Dabei hatte er den rigorosen Bruch mit der eigenen Tradition geistig schon vollzogen, der dem Attentat vorausgehen mußte, wie dies auch die nochmaligen Attentäter mußten. Um die Zeit des Attentats nämlich war die Aussichtslosigkeit der von ihnen verfolgten deutschen Position schon evident. Am Kriegsverlauf ließ sich nichts mehr ändern, lediglich am Kriegscharakter.

Darum allein versuchten sie das Attentat auf Hitler, um der deutschen Nation und ihrem Anspruch das Rückgrat nicht völlig brechen zu lassen. Da sie damit einhergehend dem „Westen“ und seinen Ordnungsvorstellungen den Weg erleichterten, war ihnen schmerzlich bewußt. Sie sahen diese Folge, auch wenn sie ihren eigenen politischen Wurzeln konträr war, als unumgänglich an. Das einzige, was ihnen zu hoffen übrig blieb, und was sie zum Attentat trieb, war das moralische Überleben der deutschen Nation. Mit ihrem Widerstandsversuch repräsentierten sie die nationale deutsche Kontinuität, und das ist es auch, was den 20. Juli im Verständnis der Deutschen nach 1945 so schwierig macht. Mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht irn Mai 1945 begann jedoch eine nachhaltige Ernüchterung über den Selbstbehauptungswillen und die Selbstbehauptungsfähigkeit der deutschen Nation. Die gemeinsam gegen den Nationalsozialismus und gegen den nationalen Ordnungsanspruch der Deutschen angetretenen zweckverbündeten Sieger traten ihre Besatzungsherrschaft und Nachkriegspolitik mit dem erklärten Ziel an, diesen Ordnungsanspruch auf Dauer zu unterbinden. Noch wesentlich konsequenter als schon 1918 sollte Deutschland zu einer Objektrolle der Weitpolitik verdammt werden.

Die Motive der verschiedenen Siegermächte dazu waren jedoch grundverschieden. England war primär an einer Fortsetzung seiner seit je bestehenden Politik der Neutralisierung der Kontinentalmächte interessiert und hatte die ideologische Bekämpfung Deutschlands weitgehend zu diesem Zweck funktionalisiert. De Gaulles Politik schien sich zunächst – bei aller Eigenmächtigkeit des Generals – in dieses von England verfolgte Kalkül einbeziehen zu lassen, bis dieser spätestens nach seinem Ausschluß von der Potsdamer Konferenz begriff, daß eine Selbstbehauptung Kontinentaleuropas im Konzert der Weltmächte allein über einen endgültigen Ausgleich mit Deutschland zu erreichen sei. Diese Politik aber wurde wenige Jahre darauf von den US-Amerikanern unterbunden. Unter Stalin hatte sich die sowjetische Politik von der einer rein ideologischen Weltbürgerkriegspartei zunehmend hin zu einer imperialen Machtpolitik gewandelt, zu der die Ideologie – wenn auch in ungleich umfassenderem Maße als seitens der Engländer – ebenfalls funktionalisiert worden war. Ähnlich war die Situation der Amerikaner. Angetreten mit einem Messianismus ohnegleichen, aus welchem heraus der Nationalsozialismus zum totalen Feind erklärt worden war, war ihnen durch Englands Schwäche zu Beginn des Krieges schon dessen imperiales Erbe zugefallen. Die Folge war der schlagartige Aufstieg zu einer hegemonialen Weltmacht, der in der veränderten Weltordung lediglich noch die Sowjetunion und damit der einzige wirkliche Gegner gegenüberstand. Beide rechtfertigten sich mit Ideologien, die universale Geltungsansprüche hatten und mittels derer sie ihre wichtigsten Hilfsmittel, die Begriffe, besetzten. Den vier Hauptsiegermächten mußte durchaus bewußt sein und war es wohl auch, daß die nationalsozialistische Ideologie die nationalen Begriffe und Ansprüche der Deutschen verfälscht hatte.

Gleichwohl waren sie aus – je nach ihrer Zielsetzung – verschiedenen Gründen und mit unterschiedlicher Dauer nicht willens, solches zuzugestehen. Vielmehr trachteten sie unverzüglich danach, jedem nationalen Anspruch der Deutschen, der zu solcher Kraft fähig gewesen war, daß trotz seiner völligen Verfälschung durch den National,sozialismus fast die ganze Welt zu seiner Niederringung hatte antreten müssen, das Rückgrat zu brechen. Insofern war auch der Widerstandsversuch der Nationalisten gegen die Nationalsozialisten im Nachhinein sinnlos geworden. Das Mittel zur moralischen und geschichtsphilosophisch-begrifflichen Entnationalisierung und damit zur „Objektisierung“ der Deutschen war eine umfangreiche und alle Bereiche erfassende langfristige Umerziehung der besiegten Deutschen, der die Kollektivschuldbehauptung eine wesentliche Unterstützung war. Die Bereitschaft zur Unterwerfung und zur endgültigen Akzeptanz des Parlamentarismus und des „Westens“ wurde in den westlichen Besatzungszonen durch Wohlstand, Versorgung und einem aufkomrnenden Wertesystem des maximalen Konsums und einhergehend damit durch umfassende individuelle Korruption indirekt gefördert. In der amerikanischen Besatzungszone vor allem wurden nicht nur unmittelbar nach dem Waffenstillstand hundertausende Deutsche „automatisch“ inhaftiert und teilweise auf Jahre interniert wie dies auch in den anderen Zonen geschah, sondem parallel dazu Millionen von „Entnazifizierungs-Fragebogen“ ausgegeben. Besonders diese der amerikanischen Sozialwissenschaft entstammende Verfahrensweise sollte dem amerikanischen Messianismus Hilfe bei der Erfassung und Kategorisierung der Deutschen anhand von feststehenden und nicht auf Erklärungswillen beruhenden Schablonen leisten.

Eine solchermaßen durchgeführte „Entnazifizierung“ konnte und wollte den Deutschen und ihrer Geschichte nicht gerecht werden, sondem war ein Mittel zur endgültigen Niederwerfung der Deutschen. Dem aber gedachten diejenigen unter den Nationalisten entgegenzuwirken, die weitgehend ungebrochen – auch und vor allem in ihrem Glauben an die Nation – den deutschen Zusammenbruch überstanden hatten. Doch waren dies nur wenige – viele hatten den Glauben an eine deutsche Selbstbestimmung und ihrer Verwirklichung verloren – und unter ihnen noch wesentlich wenigere, die sich überhaupt die Mühe machen wollten und dazu Gelegenheit haben sollten, gegen die moralische und begriffliche Unterwerfung der Deutschen als Deutsche ihre Stimme zu erheben. Diejenigen, die dies wie Ernst von Salomon dennoch versuchen sollten, mußten aber wegen der bis dahin schon vorangegangen Vereinnahmung der „Öffentlichkeit“ und der Besetzung der Moral und der Begriffe zwangläufig damit scheitem und sich selbst in Verruf bringen. Ihr Appell konnte auch deshalb nirgendwo und nirgendwie unmittelbar greifbaren Erfolg haben, da – zusätzlich zu den realen Machtverhältnissen – das Vakuum der Geschichtsphilosophie auf beiden Seiten der sich mittlerweile wieder antagonistisch gegenüberstehenden SiegerMächte durch diese längst besetzt worden und darin jeder nationale deutsche Aplomb sofort als feindlich diskreditiert war. Zudem herrschte der im Gefolge der absoluten Niederlage aufkommende Zweckglaube an die pauschale Überlebtheit nationaler Kollektivformen bei den Deutschen vor. Damit war die Erfolglosigkeit solcher Versuche vorherbestimmt.

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Die Begriffsbesetzung auf beiden Seiten der besiegten und ideologisch-geschichtsphilosophisch geteilten Deutschen durch die jeweilig bestimmenden Siegermächte – „Ost“ und „West“ –, die sich als letzlich verbleibende Parteien nun immer offener gegenüberstanden, ging einher mit der Funktionalisierung und dem Mißbrauch der jeweils beherrschten Deutschen in diesem Weltbürgerkrieg. Sie wurden für die und mit den die Positionen bestimmenden Ideologien auf der jeweiligen Seite eingespannt; damit zementierten sie ihre eigene Teilung und Entnationalisierung in einer Weltordnung, die mittels der Atombombe an das in Potsdam errichtete Kreuz genagelt wurde, um so mehr. Vor allem die lähmende gegenseitige Bedrohung durch die Atombewaffnung schien wegen der ihr immanenten Absolutheit eine weitere Fortentwicklung der Geschichte und damit die Möglichkeiten zur Revision des instrumentalisierten Nachkriegsstatusquo auf Dauer zu unterbinden. Solcher „Geschichtsbeendigung“ und vor allem der Gewöhnung an ihre Grundlagen, der Bedrohung, entgegenzuwirken, waren die Motive, die die Nationalisten und die Verfechter des soge nannten „Dritten Weges“ sofort in die Reihen der entstehenden Anti-Atom-Bewegungen einscheren ließ, selbst als diese eindeutig von den Anhängern der entgegengesetzten „östlichen“ Ideologie majorisiert und ausgerichtet wurden.

Aus den gleichen Gründen auch engagierten sich diese Gruppen und Anhänger eines „deutschen“ Weges auf das Entschiedenste gegen eine Aufstellung von deutschen Streitkräften. Da diese eingebunden und hinsichtlich ihrer Feindvorstellungen ideologisiert waren in und durch die auf der jeweiligen Seite in diesem Weltbürgerkriegs entstandenen Militärbündnisse, mußten sie sich nicht nur gegenseitig neutralisieren, sondern in ihrer Tendenz sogar zu einer direkten Bürgerkriegsauseinandersetzung unter Deutschen führen. Das aber durfte in ihrem, durch Hobbes formulierten, etatistischen und nationalen Grundverständnis niemals geschehen und stand zudem der von Preußen vorgegebenen Aufgabe einer Armee als Repräsentantin der nationalen Einigungsgröße „Staat“ diametral entgegen. Tatsächlich schienen ideologisch bestimmte deutsche Armeekörper neben der Neutralisierung bei der nunmehrigen Totalisierung der Feindvorstellungen auch zur definitiven Entnationalisierung und damit zur „Entsubjektisierung“ der Deutschen zu führen.

Solchen Konsequenzen zu begegnen diente auch der Widerstand gegen den zur Staatsräson erhobenen Antikommunismus in der Bundesrepublik, der, ähnlich wie der ideologische Antisemitismus des nationalsozialistischen Systems, der Neutralisationsebene „Nation“ jede Grundlage entziehen mußte. Durch einen solchen normativen Bestimmungsüberbau mußten sich die Deutschen primär und neutralisierend nicht mehr als Deutsche im nationalen Sinne begreifen und verstehen, sondern als Zugehörige zu einem ideologisch geformten Kollektiv. Die Formen, in denen sich dieser Widerstand äußerte, waren Mitarbeit, Erklärungen und Bekenntnisse in den und zu den von Seiten der etablierten Systemparteien diffamierten und verfolgten Organisationen. Gruppen und Parteien, die oftmals tatsächlich – teils von Beginn an, teils erst im Laufe der Zeit – von kommunistischer Seite finanziert oder unterwandert waren. Darüberhinaus suchten etliche unter ihnen, und nicht nur sie, sondern auch Intellektuelle und Schriftsteller, die durchaus weder ins nationalistische, noch ins kommunistische Lager passen mochten, den bewußten Kontakt und Austausch mit ihren Pendants in der DDR, was in der Bundesrepublik umgehend mit fanatischem Rufmord durch offizielle Stellen beantwortet wurde. Solche Kontakte zur Herausstellung deutscher Gemeinsamkeiten fielen ihnen um so leichter, als sie fast alle aus den Kreisen stammten, die sich schon zu Anfang der dreißiger Jahre kommunikationswillig und -fähig begegnet waren, unabhängig von ihrer jeweiligen Herkunft und Zielsetzung. Ein knappes Jahrzehnt später jedoch, um die Zeit der aufkommenden Debatten um eine Notstandsgesetzgebung bis hin zu „1968“, war diese souveräne Zusammenarbeit vorbei.

Nur wenige der über dreißig Jahre zuvor führenden Protagonisten auf nationaler wie auf kommunistischer Seite lebten bzw. vermochten noch, eine führende Rolle auf ihrer jeweiligen Seite zu spielen. Die nachrückenden Worführer waren immer fester dem mittlerweile bipolaren Weltbürgerkrieg verhaftet bzw. Produkte desselben. Sie bezogen ihre jeweiligen Rollen in zunehmenden Maße innerhalb des ideologisch abgesteckten Rahmens, in dem eine deutsche Souveränität außerhalb einer der vorgegebenen Ideologien keinen Platz mehr hatte. Die Bewegungen um das Jahr 1968 schienen den absoluten Erfolg der durchgeführten Umerziehung und der entsprechenden Sozialisation der nachgeborenen Generationen zu bestätigen. So war es auch nicht verwunderlich, daß sowohl innerhalb der Notstandsdebatten als auch innerhalb des „68er“-Widerstandes gegen die Wirklichkeit „Bundesrepublik“ Verfechter einer nationalen Revision deutschen Geistes und deutscher Staatlichkeit ungehört untergingen und ins Abseits gedrängt wurden. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, die vornehmlich zu den versprengten Resten der Gründer der Deutschen Friedens-Union und zu den Kreisen um die Studentenzeitschrift „Konkret“ gehörten, fanden nicht einmal Ansätze zu einer weiteren Zusammenarbeit nationaler und kommunisfischer Interessen gegen die Bundesrepublik auch nur das geringste Gehör. Die Begriffsverwirrung nach 1945 war so erfolgreich gewesen, daß solches auf Jahrzehnte verhindert wurde.

Ein geistig-nationaler Aufbruch, der doch eigentlich aufgrund des immer offener hervortretenden Anti-Amerikanismus und der immer eindringlicheren Sympathiekundgebungen für die Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt so naheliegend schien, unterblieb. Bezüglich eines solchen Rückschlusses schienen die Deutschen geistig blockiert. Dieses Scheitem innerhalb der die Nachkriegsformen Deutschlands anscheinend so bedrohenden Proteste und Widerstände war gleichzeitig – zumindest bis zur „Wiedervereinigung“ im Jahre 1990, deren Folgen für einen nationalen Rekurs noch nicht eindeutig absehbar sind – das vorläufige, damals jedoch definitiv scheinende Aus für den Kampf um deutschen Selbstbehauptungswillen.

Ernst von Salomons Tod im Jahre 1972 hätte bei linearer Geschichtsbetrachtung deshalb aus damaliger Sicht als Synonym für ein vorläufiges Ende genuin deutscher Geschichte interpretiert werden können. Sein Glaube an die mythische Kraft der Nation jedoch verhinderte eine solche Resignation – wie sonst auch hätte er nach 1945 überhaupt die Kraft zum Kampf um deutsches Subjektbewußtsein finden können? Betrachtet man das Leben Ernst von Salomons wegen seines subjektiven Bekenntniswillens als stellvertretend für die Kontinuität der Deutschen im 20. Jahrhundert, so offenbart sich anhand seiner vita die Geschichte dieser Zeit in einem Licht, das zumindest frei von den Voreingenommenheiten und den Maßen einer der von ihm zeitlebens bekämpften Parteien ist. Dieses Jahrhundert barg und birgt noch einen ideologischen Weltbürgerkrieg in sich, der sich vor allem als ein Kampf zweier bzw. dreier mit Ideologien gerösteter konkreter Mächte um Werte, Begriffe, Moral und Geschichtsphilosophie entpuppt. Dazwischen finden sich einzelne, verzweifelt und zumeist erfolgslos um unideologische Selbständigkeit ringende Völker. Mit den Maßstäben der an diesem Bürgerkrieg beteiligten Parteien kann man einem Ernst von Salomon genausowenig gerecht werden wie der Geschichte der Deutschen in dieser Zeit; gerade diese Maße und Begriffe zu konterkarieren und als das zu offenbaren, was sie tatsächlich sind und waren, nämlich Mittel zum Zweck im Machtkampf, war sein Ziel gewesen. Somit würde man die Begriffe der gegnerischen Partei verwenden, die ihm notwendigerweise nicht gerecht werden können. Ernst von Salomon war ein Mensch auf der Suche nach der ihn bestimmenden kollektiven Identität. Nach einigen Wirren fand er sein Kollektiv in der deutschen Nation. Bevor diese Nation sich jedoch aus sich heraus finden, bestimmen und politisch definieren konnte, geriet sie in den Strudel des mittlerweile die Welt ergreifenden Bürgerkrieges und existierte eher als kategoriales Behandlungsobjekt denn als Willenseinheit. Das war ihr Unglück und Schicksal, dem sich die vom Mythos „Nation“ subjektiv bestimmten Deutschen bis in die späten sechziger Jahre dieses Jahrhunderts entgegenzustemmen versuchten. Die starke preußisch-etatistische Färbung der Deutschen mußte die Wirrnis noch verstärken, in die sie hineingetrieben wurden.

Aus diesem Denken heraus war es den Deutschen lange Zeit unmöglich, den Charakter eines ideologischen Bürgerkrieges auch nur ansatzweise zu verstehen, und noch heute gerät dessen Wesen nur schwer in den Bereich des Begreifbaren. So geschah es fast zwangläufig, daß sich die auf der Suche nach dem politischen Kollektiv und seinem Telos umherirrenden Deutschen nur allzu bereitwillig immer wieder in den ideologischen Auseinandersetzungen des spätestens 1917 zum Weltbürgerkrieg ausgeuferten Streites einsetzen und mißbrauchen ließen. Ernst von Salomons vita bietet dafür das eindeutigste Beispiel. Immer erst dann, wenn sie durch ihren Einsatz zuvor geholfen hatten, Ziele zu erreichen, die durchaus nicht im nationalen Sinne der Deutschen lagen, offenbarte sich ihnen ihr Mißbrauch. Und immer wieder schlug solches Erkennen aus identischen Gründen um, entweder in tiefste Resignation und völlige Entpolitisierung, oder aber in Exzesse, die die Deutschen jedoch nicht aus ihrer Misere befreien konnten, sondern sie im Gegenteil immer weiter darin verstrikken mußten. Im Grunde mußte solch radikaler Widerstand, wie er sich ganz massiv in der „Konservativen Revolution“ offenbarte, fruchtlos bleiben. Gleichwohl waren die hinter diesem Widerstand stehenden Fragen deutsche Daseinsfragen, deren Aktualität nach wie vor gegeben ist. Die durch universalistische Geschichtsphilosophien gestutzten Parteien in diesem Weltbürgerkrieg, in dessen Mitte die Deutschen durch den erklärten Willen zur souveränen politischen Selbstbestimmung hineingeraten waren, kämpften mit ihren eschatologischen Utopien, denen die Deutschen, zumeist auch wegen dauemder Verfälschung ihres nationalen Mythos, nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hatten. In einem Zeitalter der Aufklärung und Individualisierung konnte mit den erklärten Idealen von Ordnung, Bindung, Pflicht den Utopien kein Paroli geboten werden, nicht einmal bei der Masse der ebenfalls von der Aufklärung erfaßten Deutschen.

Gegen einen utopischen Universalismus ist im Zeitalter der Identifizierung von Staat und Gesellschaft mit mythischem, jedoch unkonkretem, Nominalismus im wahrsten Sinne des Wortes kein Staat mehr zu machen. So war das Scheitern des in Ernst von Salomon beispielhaft personifizierten deutschen Selbstbehauptungswillens fast zwangsläufig. Sich diesem Scheitern dennoch – dazu noch mit untauglichen Mitteln politisch-romantischer Art – in tiefem Glauben an die mythische Kraft der Nation entgegengestellt zu haben, machte seinen romantischen Nationalismus aus. Ein verspäteter Erfolg dieser Bemühungen könnte erst dann denkbar sein, wenn die Utopien nicht nur verblaßt, sondem völlig getilgt sind, die die Welt so lange Zeit zweigeteilt und in diesem Zustand fixiert haben.

Autor: Markus Klein
Titel: Nihilismus – Normerhöhung – Nullpunkt
Untertitel: Ernst von Salomon und seine Zeit
Erstveröffentlichung in: Achte Etappe, (3) April 1992, S. 57-79
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2014014
URL: https://scholien.wordpress.com/imprimatur/beitrage/0607-2/