Vorwort zur „Politischen Lageanalyse“

„Der Politologe verbrennt sich die Finger, wenn er die Geschichte anrührt.“
(Nicolás Gómez Dávila)

„Zu den unheimlichsten Phänomenen menschlicher Geistesgeschichte gehört das Ausweichen vor dem Konkreten.“
(Elias Canetti)

Wer die Situation an den bundesdeutschen Hochschulen im Fach „Politische Wissenschaft“ kennt, weiß um die Bedeutungslosigkeit, wenn nicht gar Sinnlosigkeit dieses Faches und seiner etablierten Vertreter. Ebenso wie der Fachbereich „Zeitgeschichtsforschung“ hat sich dieses nach 1945 in der vorliegenden Form in der damaligen Bundesrepublik neu eingeführte Hochschulfach zu einem sich selbst erhaltenden Perpetuum mobile entwickelt. Nicht einmal seine aus der amerikanischen Sozialwissenschaft hergeleiteten Gründungsabsichten vermag dieses Fach heute noch zu erfüllen, und so ist es, bar sowohl jeder theoretischen und praktischen Bedeutung wie auch der zweckgerichteten Verwendbarkeit, in seiner vorliegenden Form und mit seinen vorhandenen besoldeten Hauptdarstellern längst überflüssig geworden.

Daß solche Entwicklung in der Gründung selbst schon angelegt war, hat HansJoachim Arndt 1978 in einer vernichtenden Kritik und Entlarvung dieses Wissenschaftsbetriebes offenbart. Gleichzeitig unterstrich er damit seine einsame Außenseiterrolle in eben diesem Fach an den bundesdeutschen Hochschulen, und dies so eindeutig, daß er – wenn nicht bereits schon geschehen – fortan zum Hauptfeind (im Sinne des inimicus, nicht des  hostis) innerhalb der Zunft erklärt wurde, der er doch selber angehörte. Zugleich mit seiner Kritik hatte er nämlich den „Versuch einer Politologie für Deutsche“ vorgelegt, der in seiner titellosen Umschreibung schon unmißverständlich klar machte, was Hans-Joachim Arndts Verständnis von einer „politischen“ Wissenschaft, ja, von dem „Begriff des Politischen“ selbst denn ist.  Wenn die  Politik  nach  diesem  Verständnis  eine  Behauptung  des  politischen Kollektivs im hic et nunc ist, bar jeglichen Planes, reagierend allein auf die sich ständig  neu  und  anders  stellenden  Herausforderungen  im  konkreten  politischen Dasein, so kann die Politische Wissenschaft weder auf irgendeiner normativen Vorgabe gründen noch irgendeinen Plan zum politischen Handeln liefern. Ihre Aufgabe ist und kann allein darin liegen, anormativ und – bezüglich einer jeden Verallgemeinerung und Ableitung äußerst vorsichtig – historisch die jeweilige konkrete Lage eines jeweilig konkreten politischen Subjektes zu analysieren und damit der Politik konkrete analytische Hilfen zur Erfüllung ihrer Aufgabe an die Hand zu geben. Das Subjekt, für das Hans-Joachim Arndt diese Aufgabe zu erfüllen trachtet, sind die Deutschen, genauer: die Deutschen in der politischen Lage nach 1945. Doch für diese gilt der von Hans-Joachim Arndt vorausgesetzte Begriff des Politischen nicht mehr – wenn er denn je gegolten haben mag. Nach jener Begrifflichkeit ist dieses politische Subjekt ins Apolitische hinabgetaucht, hat sich zum politischen Objekt machen lassen und auch selbst gemacht. Dem entsprach und entspricht seine „Politische Wissenschaft“, und so kann es denn nicht verwundern, daß die solche Entwicklung und Lage entlarvende Arbeit Hans-Joachim Arndts weit mehr als einfach in Ungnade fallen muß, offenbart sie doch eben diesen Zustand und untergräbt zugleich die Legitimation dieses politischen Objekts, das sich euphemistisch und unter Mithilfe des etablierten Fachbereiches zum Subjekt erklärt. So stand Hans-Joachim Arndt lange Jahre seines wissenschaftlichen Lebens als einsamer und zugleich ausgegrenzter „Rufer in der Wüste“, der tagtäglich schmerzlich die Verbindlichkeit seiner Analysen zur Kenntnis nehmen mußte. Erst in den letzten Jahren fielen seine Bemühungen auf fruchtbaren Boden bei den nachfolgenden Generationen – wenn auch nicht im universitären und „politischen“ Bereich. Ihnen gab Hans-Joachim Arndt mit seinen Arbeiten das Handwerkszeug in die Hand, mit Hilfe dessen sie sich um die täglich überfälligere Rückkehr der Deutschen in den Bereich des Politischen bemühen können, um zugleich dem deutschen Objekt/Subjekt ein Überleben zu sichern.

Hans-Joachim Arndt hat am 15. Januar 1993 sein siebzigstes Lebensjahr vollendet. In weiten Kreisen der etablierten universitären Wissenschaften ist es – inflationär – üblich geworden, „Festgaben“, „Festschriften“ und sonstige Jubelzeugnisse aus Anlaß eines solchen Jubiläums aufzulegen, die zumeist die gedankliche und positionelle Inzucht des jeweiligen Betriebes offenbaren. Genau solches kann HansJoachim Arndt aufgrund seiner Position in der bundesdeutschen Politologie nicht widerfahren. Weder hat er eine „Schule“ begründet noch „Schüler“ „gesetzt“, was in seinem Fach ohnehin nur dann möglich ist, wenn man normativ-unhistorisch vorgeht. Wenn hier dennoch eine „Festschrift“ anläßlich seines Geburtstages und zu seinen Ehren vorgelegt wird, so hat dies seine Gründe. Der Kreis der hier versammelten Autoren ist äußerst weit gesteckt, von den Biographien, den Fachzugehörigkeiten, den Generationszugehörigkeiten und nicht zuletzt von den jeweiligen Beziehungen her, in denen sie zu Hans-Joachim Arndt standen oder stehen. Es sind sogar einzelne darunter, die noch nie in persönlichem Kontakt mit ihm gestanden haben. Doch gibt es einen Nenner, unter dem zumindest einige der Autoren sich im weitesten Sinne erfassen lassen. Dieser Nenner entspricht dem Arbeitstitel, den sich Hans-Joachim Arndt für seine „Politologie für Deutsche“ im Jahre 1978 gegeben, aber nicht verwirklicht hat: „Im Kampf mit Nürnberg, Potsdam, Jalta“. Es erinnert dieser Titel nicht nur zufällig an ein Werk von Carl Schmitt aus dem Jahre 1940 („Positionen und Begriffe im Kampf mit Weimar – Genf – Versailles“). In beiden Fällen geht es um den Versuch einer Wiederherstellung des subjektiven wie objektiven Subjektstatus‘ durch politische Analyse, der zugleich ein Licht auf die Beziehung zwischen Hans-Joachim Arndt und Carl Schmitt wirft. Zugleich hat dieser mit den Namen der beiden Vorgenannten unausweichlich verbundene – doch unausgesprochene – Nenner leider dazu geführt, daß einige Namen in der vorliegenden Schrift fehlen, die doch auch zu verschiedenen Zeiten das wissenschaftliche Leben Hans-Joachim Arndts zumindest für eine kurze Zeit begleitet haben. Zumal für die Juristen unter ihnen schien nach der mit der „Wiedervereinigung“ angeblich abgeschlossenen Nachkriegsära ein Hinterfragen in einem über juristische Begriffssetzungen hinausgehenden Bereich weder angebracht noch überhaupt nötig; dabei ist dies seither unvermeidlicher denn je.

Gleichwohl: Absicht der hier versammelten Autoren ist es, Hans-Joachim Arndt und mit ihm sein wissenschaftliches Wirken anläßlich seines Geburtstages zu ehren. Dafür aber konnte es keinen besseren Weg geben, als ihm und dem Leser gegenüber durch die vorgelegten Beiträge die Aufnahme und die Verbindlichkeit seiner Arbeiten zu unterstreichen, selbst wenn diese im Einzelfall nicht ausdrücklich auf ihn Bezug nehmen. Zugleich bemühen sie sich, den von Hans-Joachim Arndt eingeschlagenen Weg auf die jeweils eine oder andere Art und Weise und unter einer jeweils anderen Fragestellung fortzusetzen. Alle thematisierten Bereiche indes sprechen auf unterschiedlichste Weise die verschiedensten Facetten des reichhaltigen wissenschaftlichen Œuvre Hans-Joachim Arndts an, das sich aus der am Ende folgenden Bibliographie seiner Veröffentlichungen erschließen läßt. Um sein wissenschaftliches Grundanliegen zu verdeutlichen, findet sich vorweg ein Wiederabdruck eines Kurzartikels von Hans-Joachim Arndt, der kürzer und prägnanter das bisher Ausgeführte nicht unterstreichen könnte. Mögen die darauf folgenden Beiträge – Hans-Joachim Arndt zu Ehren – dem Rechnung tragen. Unser Dank gilt über den hier vertretenen Namen hinaus all jenen, die uns in verschiedenster Hinsicht  bereitwillig  geholfen  und  somit  am  Zustandekommen  dieses  Bandes  nicht unmaßgeblichen Anteil haben.

Bruchsal und Limburg im Oktober 1992

Autor: Markus Klein
Titel: Vorwort
Erstveröffentlichung in: Politische Lageanalyse
Festschrift für Hans-Joachim Arndt zum 70. Geburtstag am 15. Januar 1993. 
Herausgegeben von Volker Beismann und Markus Josef Klein
Bruchsal: San Casciano Verlag 1993, S. 7-9
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2014015
URL: https://scholien.wordpress.com/imprimatur/beitrage/0613-2/