Die romantische Komponente

Zur Verbindlichkeit des Begriffs der „Konservativen Revolution“

Die „Konservative Revolution“ als faßbares zeitgeschichtliches und politikbildendes Phänomen ist eine Chimäre – sowohl jene später so benannte Erscheinung der Jahre 1928-1932/33 als auch und besonders diese selbsternannte der Jahre 1989ff. Gleichwohl ist jener Spätweimarer Phase, so verworren und vielfältig ist auch immer gewesen ist und so literarisch und passivisch sie auch immer gewesen sein mag, eine gewisse Berechtigung hinsichtlich einer zeitgeschichtlich-politischen Einordnung unter ebendiesen strittigen Begriff nicht abzusprechen. Sie ist – im Gegenteil – vielmehr um so plausibler, je mehr man sich mit den begrifflichen Umständen auseinandersetzt – ganz im Gegensatz zu diesen selbsternannten seltsamen publizistischen Systemappeasementversuchen junger Stellensucher der Jahre nach 1989, die sich gar schon als „Generation“ zu generieren versuchen.

Als Phänomen ist jene „Konservative Revolution“ in der Endphase des Weimarer Systems wahrscheinlich mit einiger Berechtigung zu fassen unter den Begriff des „Neuen Nationalismus“, der seinerzeit selbst schon im Gebrauch gewesen ist und wie er übergreifend zunächst (1933) von Wolfgang Herrmann verwandt worden1 und zuletzt von Stefan Breuer weit wirksamer noch gefordert worden ist2. Dafür spricht das Wesen jenes Nationalismus, dessen Geburtsstunde offensichtlich zunächst im Kriege lag und damit „mit dem Konservatismus der Großväter, mit der bürgerlichen Reaktion oder mit dem Patriotismus der wilhelminischen Ära“ – wie schon Herrmann festgestellt hat – nichts zu tun hat. Gleichwohl würde dieser Oberbegriff zu viele Facetten jener so weitgefächerten „Konservativen Revolution“ ausblenden. Das beruht nicht zuletzt darauf, daß fast alle Vertreter jenes Phänomens mehr oder weniger rein einem subjektiven Okkasionalismus gehuldigt haben, der das Spezifische jeder politischen Romantik ausmacht. Und tatsächlich ist das romantische Denken den Vertretern der „Konservativen Revolution“ noch mehr eigen als etwa ihre – ebenfalls relevante – Generationszugehörigkeit.

Das Phänomen der „Konservativen Revolution“ daher etwa unter den Begriff einer neuen „Deutschen Romantik“ zu fassen, wie dies bereits 1952 erstmals Paul Fechter vorgeschlagen hat,3 hat also noch weit mehr Berechtigung als der Vorschlag des „Neuen Nationalismus“, da dieser nur eine Variante innerhalb der politischen Romantik darstellt – jene nämlich, die ihren konkreten Gegensatz im ausufernden Individualismus und dem aus ihm notwendig hervortretenden Bourgeois sah, der das genaue Gegenteil des kulturschöpfenden Zoon politikon ist. Fast schiene uns dieser Begriff der „Deutschen Romantik“ für jene Jahre vor 1933 hervorragend zu passen auf jenes romantische Phänomen der „Konservativen Revolution“ auf der Suche nach dem sinnstiftenden „höheren Dritten“4 – wenn uns nicht gerade jenes Dritte und die Suche nach ihm zwingend zurückverweisen würde auf den Begriffder Revolution und damit zum Ausgangspunkt unserer Betrachtung.

Jede „Revolution“ beruht grundsätzlich auch auf der Suche nach oder dem Bestreben um – ein „Drittes“, das tatsächlich, eher aber wohl nur utopisch erhofft, schon einmal dagewesen ist, Dieses „Dritte“ mag naturrechtlich, ideologisch, geschichtsphilosophisch, tatsächlich konkret oder wie auch immer fundiert sein – in jedem Fall weist es darauf hin, daß jeder „Revolution“ ein grundlegend romantischer Zug innewohnt. In der Konsequenz weist es weiter darauf hin, daß jede „Revolution“ in ihrem eigenen absoluten Sinne zum Scheitern verurteilt ist. Und tatsächlich beweisen ja alle geschichtlichen Beispiele, daß eine „Revolution“ immer etwas „Drittes“ gebiert, das indes nichts mit dem vielbeschworenen „höheren Dritten“ gemein hat, vielmehr zumeist fatale Ähnlichkeit mit dem Vorherigen aufweist und zugleich dessen Negative noch zu übersteigern weiß.

Grundsätzlich ist daher bei fast jeder historischen Revolution der Begriff als solcher schon strittig; das beste Beispiel dafür bietet jene überstürzte, panikartige Demobilisierung während des Zusammenbruchs von 1918, die idealisierend zur „Novemberrevolution“ verklärt worden ist. Hier spricht nicht nur das Ergebnis, sondern bereits die Genesis einer solchen Klassifizierung Hohn.5 Vorsicht und Skepsis sind daher bei jeder Verwendung – besonders bei Selbstbezeichnungen – des Begriffes „Revolution“ angebracht. Kriterium einer tatsächlichen Revolution ist nicht etwa das Ergebnis oder eine geschichtsphilosophische Untermauerung, sondern die Haltung und Intention ihrer Protagonisten, Sie müssen – und die romantische Grundlegung steht dem nicht entgegen – einen Neuanfang unter entschiedenstem Bruch mit der Vergangenheit anstreben, sich über bisherige Rechts- und Wertordnungen, über bisher gültige Vorstellungen hinwegsetzen, kurzum: sie müssen „Prinzip gegen Prinzip“6 stellen.

Damit haben wir den übergreifenden Begriff für jene „tollen“ (im karnevalistischen Sinne) Jahre von 1928 bis 1932/33, jene Jahre des Lebens im „Eie des Leviathan“, wie Ernst Jünger sie genannt hat,7 die existentialistisch fundiert ihr Politikverständnis entwickelten – ein Politikverständnis des aktiven Lebens, des „Geschichte/n zu machen“, wozu es der jungen Leute bedurfte, „die an Temperaturerhöhung leiden“8, um den Aufstand zu machen, „der sich der Herrschaft der Gemütlichkeit entgegenstellt und der der Waffen einer gegen die Welt der Formen gerichteten Zerstörung, des Sprengstoffes bedarf, damit der Lebensraum leergefegt werde für eine neue Hierarchie“. Der Sprengstoff. das ist das neue Prinzip, und das war vorhanden.

Nehmen wir also Armin Mohlers Kompendium der ,,Konservativen Revolution“9 zur Hand, streichen seine fünf Ordnungs- bzw. Zuordnungskapitel,10 und versuchen wir statt dessen, die aufgelisteten Personen, Zeitschriften und Kreise (ähnlich wie Wolfgang Herrmann) Oberbegriffen wie „Die geistigen Wegbereiter“, „Putschisten und Revolutionäre“, „Konservativ und National“, „Nationalsozialismus“, „Bünde“ und „Faschismus“ zuzuordnen, Wenn wir dabei strenge begriffliche Maßstäbe anlegen, so fällt ein Teil der bei Mohler erwähnten Namen aus den Grenzbereichen weg (die sich auch zumeist hinsichtlich ihrer Generationszugehörigkeit unterscheiden). Was oder wer aber bleibt, entspricht auf jeden Fall unserem Sammelbegriff der „Revolution“, der ja keinesfalls notwendig eine Einheitlichkeit des positiv Gewollten voraussetzt. Revolution war es also – wenn auch in einem heterogenen und weitgehend passivischen Sinne, auch wenn Teile des Nationalsozialismus bis zum 30. Januar 1933 unbedingt dazuzurechnen sind.

Anders sieht es hingegen bei der Verwendung der adjektivischen Klassifizierung „konservativ“ für all jene so heterogenen Revolutionäre aus. Eine Revolution strebt nach etwas zuvor bereits oder mutmaßlich vorhanden gewesenem Dritten. Das legt den fatalen und mißverständlichen Schluß nahe, daß eine „konservative“ Veränderung – und eine Staatsveränderung zumal – stets auf eine Restaurierung früherer Zustände abzielt. Dagegen hat sich bereits 1929 Albrecht Erich Günther zu Recht verwahrt: dies sei „ein Vorurteil des neunzehnten Jahrhunderts, das nur aus der Abneigung des liberalen Menschen gegen das geschichtliche Denken zu verstehen ist […] jener ungeschichtlichen Gesinnung, welche den Rationalismus von seinen Anfängen bis zu seinem letzten Ludwig kennzeichnet, erscheint die konservative Orientierung der Geschichte selbst schon als eine restaurierende Tendenz. An der ‚Zukunft´, d.h. an ideologischen Projektionen auf die Nebelwand des Unbekannten, meint der Liberale die Orientierung finden zu können. Er lebt ‚für´ seine Sache, der Konservative ,aus´ seiner Sache.“11

Das ist der eine Strang, der uns zur Begriffsklärung hilft. Ergänzend sollten wir uns bewußt machen, daß seit jenem Ereignis namens „Französische Revolution“, während der und durch die die französische „Nation“ sich selbst geschichtsphilosophisch überhöhte und aus der sie extrem-chauvinistische Legitimation ableitete, in deren konsequenter Entwicklung ein Napoleon Bonaparte erschien, während zugleich und seither die Opfer solchen Chauvinismus entrückt-beglückt von „Menschheit“ faseln, daß also seit jenem Ereignis mit absolut begriffsbildendem Charakter der Begriff „Revolution“ geschichtsphilosophisch einseitig besetzt ist. Jeder Systemveränderung von links wird seither im positiven Sinne der Begriff der „Revolution“ und zugleich menschheitsbeglückende Wirkung zugestanden, während umgekehrt jeder Systemüberwindung zwecks wirklicher Wiedergewinnung von menschlicher Würde und gleichzeitiger staatlicher Rekonstruktion der Begriff des „Putsches“, der „Tyrannei“ oder des „Terrorismus“ und zugleich der Entzug jedes „Menschenrechtes“ – wenn nicht gar der Daseinsberechtigung – zudiktiert wird. Konsequenterweise hat daher – um zu unserem zeitgeschichtlichen Phänomen zurückzukommen – Hans Freyer als einer der Protagonisten desselben bewußt einer „Revolution von Rechts“ das Wort geredet.

Selbstverständlich hat Panajotis Kondylis in seiner monumentalen Untersuchung zum „Konservatismus“ recht, wenn er darlegt, daß „der Konservatismus als konkrete geschichtliche Erscheinung, die von einer fest umrissenen Ideologie begleitet wurde, […] längst tot und begraben“ ist.12 Und dennoch trifft der Begriff „konservativ“ das Prinzip jener Protagonisten einer Revolution in den Jahren 1928-32/33 trotz ihrer so weiten Heterogenität. „Prinzip gegen Prinzip“ bzw. „Menschsein“ gegen Prinzip „System“ bzw. „Funktionalisierung des Menschen“ – das kann mit einiger Berechtigung verkürzt als gemeinsamer Nenner jener romantischen Revolution angesprochen werden, die so wenig politisch und so sehr idealistisch war. Ihre Vertreter waren auf der romantischen Suche nach einem „höheren Dritten“, das sie „Volk“, „Nation“, „Gemeinschaft“, „aktiver Mensch“ oder wie auch immer nannten – im Grunde aber waren sie alle auf der Suche nach sich selbst in einer funktionalisierten Welt des das Individuum in seiner Menschenwürde mißachtenden Systems des Liberalismus, den sie doch 1914 – wie übrigens die Jugend fast aller europäischen Länder – zu überwinden ausgezogen waren und der sie bei ihrer demütigenden Rückkehr 1918 mit Hohn wieder empfing.

Wenn aber die Berufung auf das Prinzip „Mensch“ bzw, „Menschsein“ nicht „konservativ“ genannt werden soll, was dann? So hat es auch einer der intellektuellen Protagonisten selbst formuliert: „Konservative Revolution nennen wir die Wiederinachtsetzung all jener elementaren Gesetze und Werte, ohne welche der Mensch den Zusammenhang mit der Natur und mit Gott verliert und keine wahre Ordnung aufbauen kann.“13 Konservativer geht es nicht, und damit haben wir zugleich den Existentialismus en passant verortet. Der Mensch „lebt“, im System aber wird der Mensch „gelebt“. „Leben“ ist das Gegenteil von „existieren“, „leben“ heißt, sein Leben „heroisch“ zu meistern, bedeutet im Sorelschen Sinne „Widerstand leisten und Widerstand gegenwärtigen. Es ist ein sich Messen von Kräften, Leben ist Kampf. Leben heißt zwangsläufig in konflikthafte Situationen zu geraten und Konflikte auszutragen.“14 Solches Leben ist das Leben des „Geschichte/n“ machen, ist damit, wie A.F. Günther dargelegt hat, „konservativ aus sich selbst heraus.“

Somit schließen wir unseren philologischen Bogen und unterstreichen erneut: Für jenes weitgefächerte Phänomen der Jahre 1928-32/33 gibt es keinen treffenderen und zugleich weniger Täter ausgrenzenden Begriff als den der „Konservativen Revolution“. Zugleich aber wird gerade an der Betrachtung jener „Konservativen Revolution“ deutlich, wie anmaßend und zugleich unsinnig der begriffliche Rekurs dieser systemtreuen weinerlichen Jünglinge der Jahre 1989ff. ist.

Anmerkungen

1) Wolfgang Herrmann: Der neue Nationalismus und seine Literatur. Ein besprechendes Auswahlverzeichnis. Zweite, berarbeitete Aufl., hrsg. und mit einem Vorwort von Markus Josef Klein, Limburg a.d. Lahn: San Casciano 1994 / eBook: Achenmühle: Brienna Verlag 2014
2) Stefan Breuer: Anatomie der Konservativen Revolution, Darmstadt 1993
3) Paul Fechter: Geschichte der deutschen Literatur, Gütersloh 1952
4) Vgl. Carl Schmitt: Politische Romantik, Berlin 19824
5) Vgl. dazu Eugen Rosenstock: Revolution als politischer Begriffder Neuzeit, Breslau 1931, sowie Karl Griewank: Der neuzeitliche Revolutionsbegriff. Entstehung und Geschichte, Frankfurt a.M. 1973.
6) Ernst Jünger: Strahlungen‚ Tübingen 1949, S. 308‚ Eintragung vom 20.4.1943
7) Hans Freyer: Revolution von Rechts, Jena 1931
8) Ernst Jünger: Das Abenteuerliche Herz. Erste Fassung (Berlin 1929), Neuausgabe Stuttgart 1987; folgendes ebd.
9) Armin Mohler: Die konservative Revolution in Deutschland 1918-1932. Ein Handbuch, Darmstadt 19893
10) Vgl. Henning Eichberg: Der Unsinn der „Konservativen Revolution“. Über Ideengeschichte, Nationalismus und Habitus, in: Wir selbst 1/1996, S. 5–33.
11) Albrecht Erich Günther: Die nationale Revolution, in: Deutsches Volkstum 8/1929
12) Panajotis Kondylis: Konservatismus. Geschichtlicher Gehalt und Untergang, Stuttgart 1986
13) Edgar Julius Jung: Deutschland und die konservative Revolution, in: Deutsche über Deutschland. Die Stimme des unbekannten Politikers, München 1932, S. 380
14) Hans Barth: Masse und Mythos. Die Theorie der Gewalt: Georges Sorel, Hamburg 1959

Autor: Markus Klein
Titel: Die romantische Komponente
Untertitel: Zur Verbindlichkeit des Begriffs der „Konservativen Revolution“
Erstveröffentlichung in: Wir selbst 1/1996, S. 42-44
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2014031
URL: https://scholien.wordpress.com/0625-2/
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