Verortung in Mitteleuropa

Zur Diskussion um einen deutschen Begriff

„Europa“ bedeutete in der Begrifflichkeit des die Herrschaftsverhältnisse der Weltmächte legitimierenden Ost-West-Konfliktes kein konkretes Raumbild, sondern ein geschichtsphilosophisch untermauertes Wertesystem. Damit einher ging die „europäische“ Verortung: „Das «Ja» zu Europa sollte“, wie es in völliger Verkennung der dahinterstehenden und für die Deutschen völlig lageinadäquaten Zielsetzungen lauthals verkündet wurde, „ein «Ja»zur politischen Organisation zur Freiheit sein.“ (Werner Weidenfeld, 1985). Somit war „Europa“ im Europa nach 1945 von seinen geographischen, historischen und kulturellen Wurzeln abgeschnitten und zu einem normativen Räsonbegriff geworden. Die Teilung Europas und der dort einsässigen Europäer voneinander, die jeweilige Bedrohungsperzeptionen, in denen die nachwachsenden Generationen sozialisiert wurden, deutscherseits speziell noch die grundsätzliche kausalgeschichtliche Verdammung der eigenen räumlichen wie geistigen Wurzeln: das alles mußte die oberschwellige Akzeptanz solcher Entortungsbemühungen fördern. Einher ging damit eine grundsätzliche Negation der Relevanz Mitteleuropas.

Als Mitte der achtziger Jahre — vornehmlich von seiten der unmittelbar auf östlicher Seite sich aus der sowjetischen Umklammerung lösenden Völker — plötzlich und unvorbereitet der Begriff zunehmend in der Diskussion auftauchte, war es um das westliche Stillschweigen geschehen. Es begann zunächst auf intellektueller Ebene relativ harmlos mit dem Versuch, die angebliche Irrelevanz des Begriffs unter Bezugnahme auf die eigene normative Europavorstellung zurückzuweisen. Franwis Bondy erklärte in diesem Sinne 1985 — und in seiner Offenbarung exemplarisch — östlicherseits sei unter dem verwendeten Begriff „Mitteleuropa“ ein Synonym für legitime Selbstbestimmung, deutscherseits hingegen eine illegitime „Distanzierung gegenüber dem Westen“ zu verstehen. Die Legitimität solchen Strebens unterscheide sich deshalb so entscheidend, da bei Verwendung des Begriffs unberechtigterweise seitens der Deutschen unterstellt werde, es „seien West- und Osteuropa in gleicher Weise „besetzt“.

Bei den Deutschen selbst mündete dieser Kampf gegen den Begriff nach dem Untergang der Nachkriegsordnungen und dem nunmehr unausweichlichen „Fortgang“ der Geschichte in schier unglaublichen volkspädagogischen Geschichtsbetrachtungen: In einer bundesoffiziellen Veröffentlichung findet sich gar die Behauptung, der Begriff sei nicht nur bar jeglichen Bewußtseinsinhaltes, sondern ein „Kunstbegriff der deutschen Außenpolitik“, ein „deutsches Anliegen nur als Objekt der Macht-und Wirtschaftspolitik.“ Der Schluß dieser Ausführungen ist programmiert: „Mitteleuropa gibt es nicht mehr. Außer auf unseren Wetterkarten hat es nie existiert.“ Dies ist der verzweifelte Kampf der geistigen Verlierer der deutschen Teileinigung gegen eine Zukunft Europas.

Die Vergangenheit Europas war leidvoll und von Erschütterungen und Brüchen geprägt. Der aus dem Gedanken der Demokratie hervorgegangene exklusive Nationalismus zerstörte den Zusammenhalt Europas, führte zu seiner Dekadenz, „nämlich Verzicht auf einen tragfähigen Ausgleich zwischen dem individuellen nationalen und dem allen gemeinsamen Interesse der Europäer.“ (Roman Schnur). Das betraf weniger die europäischen Randvölker als die in einem nationalstaatlich unerlösbaren Gemisch zusammenlebenden Völker in der Mitte Europas. Die hier schwankenden und unfixierbaren Grenzen zwischen den Völkern waren es auch, die eine geographische Bestimmung des Begriffs „Mitteleuropa“ so schwer machten; insofern zumindest muß man Karl Haushofer zustimmen, der von einem „schwankenden Begriff“ sprach – ein „Verlegenheitsbegriff“ hingegen ist es nicht. Die geographische Begrenzung Mitteleuropas von außen kann allein den Grenzen mehr oder weniger eindeutig, national homogener Länder folgen; so erklärt sich auch die Aversion französischer Politiker, die ihr Staatsvolk per definitionem als national eindeutig betrachten, gegen dieses Mitteleuropa. Mitteleuropa ist nicht da, wo die Deutschen physisch oder geistig angeblich oder real die bestimmende Macht sind, sondern dort, wo der französische Begriff von der Nation als Staatsvolk offensichtlich irrelevant ist. Die Rezeption dieses französischen Nationenbegriffs in Deutschland seit 1945 erklärt zugleich die seitdem und bisher noch vorherrschende Abwendung vom eigenen mitteleuropäischen Schicksal.

Das mitteleuropäische Schicksal: Mit den Ereignissen von 1989ff und den damit zusammenhängenden Bildern vorn jeweils bisher „anderen“ Teil Europas ist es nicht nur auf die Deutschen, sondern auf alle Völker Mitteleuropas eingestürmt und hat ihnen seine Unvermeidlichkeit aus der fast gelöschten Erinnerung ins Bewußtsein zurückgerufen. Damit ist nicht nur der bisher dominierende „europäische“ Horizont zerbrochen, sondern es sind auch Erfahrungsund Handlungsräume ins europäische Bewußtsein zurückgekehrt. Die mitteleuropäischen Völker wissen nun instinktiv, selbst wenn auch gegen ihren Willen, daß die anderen auch zu ihrem Schicksal gehören, ja daß eine singuläre oder normative Betrachtung des eigenen Schicksals Europa erneut in ein Desaster stürzen muß, daß es schlichtweg undenkbar sein kann, „ein Europa zu errichten, von dem sie ausgeschlossen wären.“ Claudio Magris, von dem diese Worte stammen, fühlte ein Entsetzen über die nach (!) 1989 forcierte Westeuropäische „Einigung“: „Umso schrecklicher ist die Spaltung, die die europäische (eigentlich „Europäische“, MK) Einheit vielerorts hintertreibt, zerstört oder bedroht.“

So eindeutig Europa nicht etwa von Natur aus, „sondern durch Geschichte ein Kontinent, das heißt ein Zusammenhaltendes“ ist (Hans Freyer), so selbstverständlich ergibt sich die Identität der Völker Eureas nicht etwa aus irgendeiner gesetzten „Europäischen Einheit“, sondern allein aus ihrer Geschichte. Schicksale stiften Identitäten, und sie tun dies auch dort, „wo es nicht um das im Übermaß glückliche Gelingeh oder um das ganz große Verhängnis geht“ (Udo Marquard). Das gemeinsame Schicksal Mitteleuropas ist im Gegensatz zu dem Gesamteuropas evident. Es macht sich bewußt in dem „untrüglichen Gefühl, daß ein Wiener, ein Budapester, ein Krakauer, ein Laibacher … mehr gemeinsam haben als beispielsweise mit einem Madrilenen, Angelsachsen oder Skandinavier. Mitteleuropa — das ist das Bewußtsein, daß ein Ladiner und Friauler, ein Kroate und Slowene, ein Mährer und ein Bayer, ein Slowake und ein Triestiner einer imaginären Mitte zugeordnet sind, die jedenfalls nicht in London, Paris oder Moskau zu lokalisieren ist.“ (Wolfgang Broer). Das Schicksal verbindet die Mitteleuropäer unweigerlich mit Mitteleuropa. Das ist kein Gespenst, kein „geopolitisches Tamtam“ (Jürgen Habermas) und keine „Lust am Untergang“ (Michael Stürmer), im Gegenteil: Es ist das historisch-politische Existential des miteinander verbundenen Daseins der Völker Mitteleuropas.

Weder ein Programm, noch eine politische Idee ist also unter Mitteleuropa zu verstehen (das könnte es ohnehin frühestens erst nach einer wiedergefundenen Identität werden), sondern es ist die Welt, aus der wir kommen und in die wir unweigerlich nach einem statischen Intermezzo wieder gehen. Um diesen Weg nicht zu gefährden, „deshalb sollte man weniger von Mitteleuropa reden und mehr von spezifischen Problemen, die Teil der mitteleuropäischen Wirklichkeit sind“ (Claudio Magris).

Die mitteleuropäische Wirklichkeit bestimmt sich aus ihrer Landschaft, in der der Mitteleuropäer verortet ist, in, von und aus der er lebt und denkt. Sie bestimmt sich aus ihrer Vergangenheit, die dis Heute zur Folge hat, und hier mehr noch aus der kultürellen Vergangenheit denn aus der politischen oder gar ökonomischen. Eben dieses kulturelle Erbe hat Mitteleuopa als ein „Zivilisationsobjekt“ (Karl Schlögel) geprägt, hat es zu dem gemacht, was es sich wieder anschickt zu werden, und was die Mitteleuropäer in ihrer Verbundenheit schon sind.

Nicht fruchtloses „Mitteleuropa“ in irgendeiner unausgegorenen Weise gegen „Europa“ (was immer auch gemeint sein mag) auszuspielen gilt es — sondern dem unterbewußt vorhandenen und um geistige Orientierung ringenden mitteleuropäischen Schicksalsbewußtsein den Weg zum Erbe freizuräumen. Es muß in Mitteleuropa möglich werden, wie es Claudio Magris gefordert hat, „ohne Furcht eine vertraute Welt zu lieben, sie aus alten Büchern zu studieren und sich aufzumachen, sie in den Farben ihrer Stationen und in den Gesichtern der Menschen zu sehen, welche sie bewohnen“. Entweder wird daraus ein europäisches Bewußtsein entstehen, was allein in Europas Mitte gefunden werden kann, oder ein solches wird nie entstehen. Durch politische Wollungen ist das nicht zu ersetzen.

Autor: Markus Klein
Titel: Verortung in Mitteleuropa
Untertitel: Zur Diskussion um einen deutschen Begriff
Erstveröffentlichung: 1992 / Zitierfähige Überarbeitung von 2014 in Druckform
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2014016
URL: https://scholien.wordpress.com/imprimatur/beitrage/0715-2/