„Der Doktor war ein Matrose …“

Hans-Joachim Arndt © T. Clement

Hans-Joachim Arndt © T. Clement

Nachruf auf Hans-Joachim Arndt

Nach seinen eigenen Beobachtungen war er – wie er in einem Festschriftenbeitrag für Armin Mohler berichtete – unter der Kriegsgeneration der einzige Ordinarius für Politikwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland, der vor 1945 als Erstberuf die Laufbahn des aktiven Marineoffiziers gewählt hatte. Und tatsächlich: Diese seine Sozialisation in der Marineoffiziers-Crew Jahrgang 1940 der Marineschule Mürwik und seine Teilnahme am Weltkrieg als Marineoffizier, zuletzt auf dem Torpedoboot T 16, sollten Hans-Joachim Arndt herausragend prägen. Nicht nur, daß er jenen aktiven Jahren einen vornehmen Platz in seinen Erinnerungen einräumte (und sich so bezeichnenderweise über einen Beitrag seines Heidelberger Kollegen Klaus von Beyme tief verärgert zeigte, in dem dieser ihm konstatiert hatte, er – Arndt – habe seine „besten Jahre“ im Kriege vergeudet) – darüber hinaus konditionierte sie ihn hinsichtlich der Entwicklung und des Gangs seines Forschungsinteresses. Letztlich verdanken wir dem „Matrosen“, als welchen ihn 1957 der damals dreijährige Sohn Armin Mohlers entlarvte, und seiner Sozialisation die Einführung der Politischen Lageanalyse in die Politische Wissenschaft!

Die messerscharfe Analyse der jeweiligen Lage, wie sie denn die Voraussetzung jeglichen erfolgreichen militärischen Handelns ist: Sie sollte sein ganzes Leben begleiten. Sein Studium der Nationalökonomie und der Soziologie führte nach St. Louis und Harvard, nach Paris und Heidelberg. Neben seinen akademischen Lehrern Alfred Weber, W.Y. Elliot und Henry Kissinger führte es ihn früh schon zu Carl Schmitt und zu umfangreichen Kontakten und Begegnungen mit später die Geisteswissenschaften der jungen Bundesrepublik prägenden Intellektuellen: Rüdiger Altmann, Erwin Faul, Ernst Forsthoff, Arnold Gehlen, Hanno Kesting, Armin Mohler, Roman Schnur, Nicolaus Sombart, Jacob Taubes und Friedrich Tenbruck seien stellvertretend für alle genannt. Forsthoff war es im übrigen, der nach verschiedenen vergeblichen Versuchen der Heidelberger Universität, einen Nachfolger für den Lehrstuhl für Politische Wissenschaft von Carl Joachim Friedrich zu berufen, 1968 die Angelegenheit in die Hand nahm und Arndt überredete, seine damalige berufliche Tätigkeit im Bereich der Unternehmerbildung zugunsten der Übernahme eines Lehrstuhls aufzugeben. So kam Arndt an das Heidelberger Institut für Politische Wissenschaft, das sich gerade zu einem Brennpunkt der Studentenradikalisierung in Deutschland rund um 1968 entwickelte.

Viel Zeit zur Akklimatisierung in diesem gerade aufbrodelnden Hexenkessel gewährte man Arndt nicht – und er ließ sich hinsichtlich seiner Standhaftigkeit auch nicht lange bitten. Schon seine Antrittsvorlesung zum Thema „Verfassungsstandard und Gebietsstatus“ war ein erster Paukenschlag für den, der es verstehen wollte. Hier offenbarte sich Arndts anormativ-historisches Verständnis der  Politischen Wissenschaft bereits deutlich – wenn auch noch auf einem relativ abstrakten Feld. Deutlicher noch wurde er in seinen Lehrveranstaltungen, in denen er die Politische Lageanalyse zur Anwendung brachte. Gleichwohl waren seine regelmäßigen Vorlesungen zur „Geschichte der politischen Ideen“, ständig überfüllt, waren – wie ein Zeitzeuge berichtet – „für jeden Hörer eine Genuß und eine Ahnung von dem, was die deutsche Universität einmal war, bevor sie anfing, Scheine zu verteilen“. Und dennoch: in den kommenden Jahren bis 1973 avancierte er aufgrund seiner Courage, die Dinge beim Namen zu nennen, zunehmend zur expliziten Zielscheibe (im Sinne des Wortes) der Heidelberger „Revolutionäre“. 1972 sah er sich deshalb gar zur Unterbrechung seiner Lehrtätigkeit gezwungen; sowohl sein Fachverband wie auch die Baden-Württembergische Landesregierung sollten sich dabei durch mangelhaftes Stehvermögen auszeichnen.

Der Bruch mit der Gesellschaft für Politische Wissenschaft, die Arndt 1973 verlassen hatte, manifestierte sich in seinem 1978 erschienenen Hauptwerk „Die Besiegten von 1945“, mit dem er einen „Versuch einer Politologie für Deutsche samt Würdigung der Politikwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland“ vorlegte. Das war eine Herausforderung und machte deutlich, was Arndts Verständnis von einer „politischen“ Wissenschaft denn war: Ihre Aufgabe ist und könne allein darin liegen, anormativ und historisch die jeweilige konkrete Lage eines konkreten politischen Subjekts zu analysieren und damit der Politik konkrete analytische Hilfen zur Erfüllung ihrer Aufgabe an die Hand zu geben. Und das Subjekt, für das Arndt diese Aufgabe zu erfüllen trachtete, waren die Deutschen in der politischen Lage von nach 1945. Demgegenüber hatte die etablierte „Politische Wissenschaft“ in der Bundesrepublik das Situationsbewußtsein der Deutschen, „ein besiegtes Volk zu sein“, durch wissenschaftlich nicht ausgewiesene Abstraktionen und Systemkonstrukte verdrängt. Damit aber konnte sie sich keine Klarheit über ihren Gegenstand schaffen, ließ sie doch die Subjekte der Politik – Staaten, Nationen, Verbände usw. mit ihren historisch gewachsenen einzigartigen Lagen  – in abstrakten, universell geltenden Systemmodellen verschwinden. Schlimmer noch: Sie leitete dann aus diesen Modellen wiederum  universell geltende Aussagen ab, die keinen Bezug zur Realität der Politiksubjekte aufweisen. Und was das wiederum für Arndts Subjekt bedeutete, war eindeutig: „Jedenfalls scheint uns die Konzentration oder gar Beschränkung einer Politikwissenschaft auf diesen Systemansatz geeignet (und besonders dann, wenn er als abgeschlossen, vollständig zur Erklärung des Politischen gilt), um «Deutschland» nach 1945 mit einem politischen Bewußtsein auszustatten, ohne daß überhaupt die Frage nach dem «wer», nach der Identität, ins Spiel gebracht zu werden brauchte. So haften denn der Politischen Wissenschaft wie der politischen Bildung in starkem Maße Elemente einer abstrakten Regel- oder Normenordnung an, die für «jedermann» Geltung haben sollte, dies aber nicht in überzeugender Weise leistete, eben weil die Deutschen als Besiegte von 1945 nicht «jedermann» waren.

Der Verdikt, der seitens des etablierten Wissenschaftsbetriebes folgte, war total. Rasch wurde Arndt zum Feind der Zunft erklärt, der er doch selber angehörte. Er aber legte noch einen `drauf: Im Auftrag der Bayerischen Staatskanzlei legte er 1981 ein wissenschaftliches Gutachten über „Die staatlich geförderte Friedens- und Konfliktforschung“ vor, das unter den von solch wirklichkeitsfremden Brahmanismus lebenden „Kollegen“ zu lautem Wutgeschrei führte. Bis zu seiner Emeritierung und noch darüber hinaus sollte sich das Verhältnis nicht mehr einrenken. Assistenten von Arndt wurden bis  in den Selbstmord getrieben, Schülern wurde versucht, nicht nur die akademischen Weihen, sondern auch jegliche berufliche Zukunft zu verwehren. Arndt jedoch blieb standhaft, auch, weil in den letzten anderthalb Jahrzehnten zunehmend wieder wißbegierige Schüler auftauchten, denen er das analytische Werkzeug an die Hand gab.

Am 3. Oktober ist Hans-Joachim Arndt im 82. Lebensjahr verstorben. Gegen jede heuchlerische Stellungnahme der  Heidelberger Universität hat er sich verwahrt. Nicht verhindern konnte er leider die schon in den Todesanzeigen beginnenden Versuche, ihn  für politische Stellungnahmen mißbrauchen zu wollen. Arndt war persönlich ein Mann von Format und Geist. Als akademischer Lehrer war er brillant und souverän. Fachlich war er Nominalist und Etatist – „Politisch“ aber war er nicht, eher schon ein Anarch der deutschen Geisteswissenschaft. Der Doktor war eben ein Matrose!

Autor: Markus Klein
Titel: „Der Doktor war ein Matrose“ 
Untertitel: Anarch der deutschen Geisteswissenschaft: Ein Nachruf auf Hans-Joachim Arndt
Erstveröffentlichung: 2004
Wiederabdruck als Nachwort in: Hans-Joachim Arndt: Verfassungsstandard und Gebietsstatus. Mit Vor- und Nachwort von Markus Klein (Schriften zur Politischen Wissenschaft, hrsg. von Markus Klein, Bd. V), eBook: Achenmühle: Brienna Verlag 2014 (in Vorbereitung)
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2014019
URL: https://scholien.wordpress.com/imprimatur/beitrage/0741-2/