Technik-PR: Entscheidungs­orientiert, partizipatorisch und transparent

Anforderungen an die Technik-PR aus dem Modell der Technikfolgen­abschätzung

Der Studiengang „Technik­journalismus“, der in letzter Zeit an ver­schiedenen tertiären Bildungseinrichtungen geschaffen wurde, bildet Journalistinnen und Journalisten aus, die auch in der Technik gut Bescheid wissen (sollen). Eine mögliche Berufsaussicht – eine der interessantesten und zugleich mit den größten Zuwachsraten – für die künftigen Absolventen ist die Tätigkeit im Feld der Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit, sei es in Agentur, Unternehmen, Verband oder Kommune.

Journalismus auf der einen Seite und Public Relations und Öffentlich­keitsarbeit auf der anderen Seite sind nahe miteinander verwandt, und tatsächlich gibt es viele Seiten­wechsler unter den dort Tätigen. Wenn sich beide Bereiche jedoch auch ergänzen und partiell überschneiden, so gibt es doch auch eklatante Unterschiede, die es bei professioneller Anwendung zu beachten gilt. Diese Unterschiede betreffen sowohl das Handwerk, die einzusetzenden Hilfsmittel und die Technik, als auch Voraussetzungen in der Ausbildung und in den Anwendungszielen, die es zu beachten gilt. Es ist hier nicht der Raum, auf alle diese Unterschiede detailliert einzugehen. Ein Gebiet soll jedoch exemplarisch ausgeführt werden. Es soll aufgezeigt werden, was die besonderen Herausforderungen an die Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit sind aufgrund dessen, was unter dem Schlagwort „Technikfolgen“ und deren Diskussionen in der Öffentlichkeit subsumiert werden – und was aus dem diskursiven Modell der Technikfolgenabschätzung für die Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit abgeleitet werden kann.
Daraus ergeben sich wiederum Konsequenzen für die zur Zeit noch unfertige Gestaltung entsprechender Studien- und Weiterbildungsgänge.

Gesellschaftliche Herausforderungen

Die moderne Industriegesellschaft befindet sich in einem starken Umbruch. Debatten und Kontroversen über Technik und deren Risiken sind seit langem schon ein Teil der politischen Kultur unseres Landes. Sie haben in den letzten Jahren nicht abgenommen, sondern eher zugenommen.

Gleichwohl: Allen Unkenrufen zum Trotz – von welcher Seite auch immer – gibt es in Deutschland keine generelle Technikfeindlichkeit. Das zeigt sich immer wieder in Studien zur Akzeptanz von Technik und technologischen Risiken. (Ortwin Renn: Geleitwort, in: Zwick/Renn 1998; ebd. S. 15; vgl. auch Zwick 1998)

Dennoch gibt es besondere Befindlichkeiten, auf die bei der Vermittlung von Technik durch Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit eingegangen werden muß. Diese Befindlichkeiten korrelieren besonders mit spezifischen Technologien,

  • die als Großtechnologien mit Risiken oder hohen Unsicherheiten behaftet sind (bspw. Kern-, Gen- oder Chemietechnik),
  • in der Regel aufgrund entsprechender Technikkatastrophen oder aktueller Metathemen,
  • die als Technologien der Arbeitswelt im Verdacht stehen, Arbeitsplätze zu vernichten.

Die Einstellung zur Technik wird weitgehend durch drei Faktoren bestimmt: die wahrgenommene Kosten-Nutzen-Bilanz, die emotionale Beurteilung der Technik und die persönliche Nähe zur Technik, wie sie durch Interesse, Informiertheit und Begeisterungsfähigkeit für Technik zum Ausdruck kommt.

Hierbei handelt es sich in jedem der drei Fälle (auch) um normative Beurteilungen, die – weil sie auf Werten fußen – nicht durch reine Fakten zu beeinflussen sind und daher für die Vermittlung von Technik und Technologien durch Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit von entscheidender Bedeutung sind.

Werte und „Wertepluralismus“

Für die Wahrnehmung und Bewertung von Technik und Technologien sind Werte vor allem dann relevant, wenn es sich bei der spezifischen Technik oder Technologie um Symbole für Fortschritt und wissenschaftliche Modernisierung (wie bspw. bei der Gentechnologie) handelt. Je nach dem Wertekosmos, dem sich eine Person verpflichtet fühlt, je nachdem, ob man die Zukunft positiv oder negativ sieht, ob man modernistisch oder modernisierungsfeindlich eingestellt ist, ob eine Person eher zu Modernisierungsgewinnern oder ‑verlierern gerechnet werden kann, ob sie gesellschaftlich Probleme vorwiegend technokratisch oder sozialpolitisch deutet, ob sie romantischen oder analytischen Naturbildern anhängt, wird sie auch zu solcher Technik oder Technologie ein je spezifisches Verhältnis entwickeln.

Hieran wird deutlich, daß in einer pluralistischen Gemeinschaft nur noch wenige kollektiv verbindliche Werte existieren – zumal wenn diese Gesellschaft von rasanten Veränderungen und Modernisierungen geprägt wird. Um so komplexer sind die Anforderungen an jede Vermittlung werterelevanten Themen und Informationen.

Werte basieren auf biographischen und lebensweltlich verankerten Eigensinnigkeiten und „Widerspenstigkeiten“. Sie sind als Resultanten hochselektiver biographischer Erfahrungsschichtung tief in Charakterstruktur und Biographie eingelassen. Sie sind daher – anders als die oberflächlicheren Meinungen und Einstellungen – extern nur schwer manipulierbar. Werte besitzen im Persönlichkeitssystem relativ hohe Konsistenz, Persitenz und Resistenz. Sie können gleichsam als zentrale normative Selektions- und Steuerungsinstanzen verstanden werden, die – auf der Grundlage dessen, was einer Person als wichtig, wertvoll und wünschenswert gilt – die Wahrnehmung fokussieren, akzentuieren, die zur Orientierung verhelfen und Urteile ermöglichen. „Am präzisesten lassen sich Werte als Entscheidungs- und Handlungsprädispositionen bezeichnen.“ (Zwick 1998, S. 7)

Die Werte, mit denen Technikakzeptanz am ehesten konfrontiert wird, sind soziale Werte rund um die Natur, den Wert menschlichen Lebens, das Recht auf freie, nicht manipulierbare Persönlichkeitsentwicklung sowie das Recht auf eine Autonomie des Konsumenten. Diese Werte finden sich vor allem in jeder Laienöffentlichkeit. Wer sie mißachtet oder verletzt, stellt damit nicht nur soziale Grundwerte in Frage, sondern greift die Lebenswelt der Bürger an. Das gilt vor allem auch dann, wenn versucht wird, Technologien und technische Produkte hinter dem Rücken der Öffentlichkeit „schleichend“ einzuführen. „Auf lange Frist wird durch solche Strategien der Technikeinführung Vertrauen zerstört und die Akzeptanz von Technik in der Öffentlichkeit unterminiert, ganz zu schweigen von dem problematischen Verständnis von Demokratie und der Autonomie der Bürger, die diesen fragwürdigen Strategien zu eigen ist.“ (Zwick 1998, S. 85)

Das wirkt sich andererseits darin aus, daß diese Werte – anders als Meinungen und Einstellungen, die tagespolitischen Schwankungen unterworfen sein können, – ziemlich unempfindlich gegenüber kurzatmigen Manipulationsversuchen sind: „Technikeinstellungen sind einigermaßen resistent gegenüber politischen Appellen, gegenüber einer Bearbeitung mit PR, gegenüber Schadensberichterstattung und Katastrophenjournalismus und Versuchen, über Science-Centers und ähnlichen Veranstaltungen, Technikeuphorie oder ‑skepsis zu erzeugen, weil die Aufnahme von Informationen, also auch Informationen über Groß- und Risikotechnologien, im Menschen auf starke Selektionsfilter stößt. Selektionsfilter, die eng auf Werten und ,probaten‘ persönlichen Überzeugungen beruhen und gleichsam ,vorab‘ strukturieren, welche Informationen wem geglaubt werden und wie der Inhalt einer Broschüre zu bewerten ist.“ (Zwick 1998, S. 87)

Damit soll der Rahmen abgesteckt sein, in dem Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit bei der Vermittlung von Technik sich bewegen und dessen Besonderheiten sie zu berücksichtigen haben.

Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit

Organisationen bewegen sich nicht im luftleeren Raum. Jede Organisation ist auf vielfältige Weise mit der Gesellschaft verbunden. Ihr Verhalten steht unter teils zustimmenden, teils argwöhnischen oder kritischen Blicken von Interessengruppen, die sich von ihren Aktivitäten betroffen fühlen. Der Erfolg einer Organisation ist nur dann langfristig gesichert, wenn es ihr gelingt, zwischen ihrem eigenen Handeln und den Bedürfnissen gesellschaftlicher Interessengruppen einen Ausgleich zu schaffen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in ihren Fähigkeiten, konsequent nach innen und nach außen zu kommunizieren. Organisationen müssen ihr Handeln und ihre Leistungen bekannt machen und erklären. Sie brauchen dazu die Akzeptanz der Gesellschaft. Ohne Kommunikation können Organisationen nicht zielgerichtet agieren und ihren Handlungsspielraum verändern. Und ohne Kommunikation können sich auch nicht wirtschaftlich erfolgreich agieren – aufgrund der stetig wachsenden partizipativen Nachfrage, unterstützt noch von den unbegrenzten technologischen Kommunikationsfähigkeiten, die das Internet jedem Menschen heute offeriert, weniger denn je.

Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit sind – bei allen angeblich existierenden rund 2000 verschiedenen Definitionensversuchen – das Mittel, diesen vielfältigen gesellschaftlichen Kommunikationsanforderungen zu begegnen. Sie sind bewußtes, geplantes und kontinuierliches Kommunizieren mit dem Ziel, Verständnis und Vertrauen aufzubauen und zu erhalten. Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit sind geplante und methodische Kommunikationsarbeit, die sich an den Zielen der Organisation und den Informationsbedürfnissen ihrer Bezugsgruppen orientiert.

Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit vermitteln somit zwischen Auftraggeber und Öffentlichkeit. Aber sie sind mehr als einfache Informationsvermittlung: Sie sind ein Beziehungsmanagement innerhalb und außerhalb des Unternehmens. Aber so, wie Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit kein Selbstzweck sind, sondern klare Aufgaben zu erfüllen haben, so haben ihre Akteure dabei die Interessen ihrer Arbeit- oder Auftraggeber zu erfüllen.

Technik-PR und ihre Probleme

Was zuvor über die Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit im allgemeinen gesagt wurde, gilt so auch für die Technik-PR. Technik und Technologien sind – zumal bei ihrer Einführung – konkreten Akteuren und deren Interessen zuzuordnen. Wenn der Erfolg einer Organisation nur dann langfristig gesichert werden kann, wenn es ihr gelingt, zwischen ihrem eigenen Handeln und den Bedürfnissen gesellschaftlicher Interessengruppen einen Ausgleich zu schaffen, dann zählen hierzu auf jeden Fall auch ihre Produkte und Techniken sowie der technologische Hintergrund, auf dem sich diese bewegen. Auch und gerade dafür bedarf es der gesellschaftlichen Akzeptanz, ohne die wiederum auch kein Markt für Produkte und Technik bestehen kann.

Gleichwohl hat es Öffentlichkeitsarbeit mit dem Ziel, wissenschaftliche und/oder technische Sachverhalte zu kommunizieren schwer.  Das gilt ganz allgemein schon für die Vermittlung neuer technischer oder wissenschaftlicher Verfahren an sich, die nur dann für Multiplikatoren interessant sind, wenn damit spektakuläre Ergebnisse erzielt wurden oder werden oder dieses Verfahren bei aufsehenerregenden Projekten eingesetzt wird. (Vgl. Weyer 1999)

Ungleich schwerer ist es jedoch, über Risiken, besonders solche, die durch extreme Unsicherheit in den Informationsgrundlagen sowie durch hohe emotionale Aufladung geprägt sind, zu kommunizieren. Hierbei kommt es in der Regel zu Mißverständnissen, stereotypen Wahrnehmung und Blockaden. „Unterschiedliche und häufig unvereinbare Risiko- und Nutzeneinschätzungen sowie divergierende Vorstellungen über Maßnahmen prallen aufeinander. Eine wichtige Rolle spielt dabei die oft unproduktive Konfrontation zwischen Experten und Laien.“ (Petermann 2001, S. 6)

Die Rahmenbedingungen der Technik-PR sind also auf der einen Seite dadurch gesetzt, daß ohne Verständnis für die gesellschaftsverändernden technischen Entwicklungen heute ein Bürger eigentlich nicht mehr politisch und gesellschaftlich mündig ist. Auf der anderen Seite aber erschweren wertbedingte Vorbehalte gegenüber Technik und Technologien bzw. deren oft destruktiven Gebrauch die Bereitschaft, sich über normative Betrachtungen hinaus mit Technik zu beschäftigen. Und über die konkrete Ausgestaltung von Werten und Leitbildern wie Sicherheit, Gesundheit, Integrität und Umwelt kann es in einer pluralistischen Gesellschaft keinen Konsens geben.
Die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Einschätzung von Risiken durch Experten und Laien beruhen auf den unterschiedlichen Kriterien, die beide Gruppen anlegen: „Laien haben oftmals einen eher weiten Risiko,begriff‘, der zahlreiche Aspekte mit einschließt, wie insbesondere das Katastrophenpotenzial oder ob man einem Risiko freiwillig oder gezwungen ausgesetzt wird. Dagegen spielen qualitative Aspekte bei Experten eine geringere Rolle. Sie orientieren sich an der Wahrscheinlichkeit eines Schadenseintritts und berücksichtigen vor allem quantifizierbare Kriterien wie Todesfälle sowie Vermögens- und Gesundheitsschäden. Dazu kommt, dass Experten dazu neigen, Risiko und Nutzen gegeneinander abzuwägen (und bei erkennbarem Nutzen Risiken eher in Kauf nehmen), während Laien sehr viel seltener eine solche Abwägung vornehmen.“ (Petermann 2001, S. 6)

Technikfolgenabschätzung

Technikfolgenabschätzung meint eine Berücksichtigung des öffentlichen Diskurses über Chancen und Risiken der Technik. Technikfolgenabschätzung gibt es seit rund 30 Jahre. Sie hat sich seither kontinuierlich verändert und weiterentwickelt (vgl. dazu Meyer 1999). Ausgehend von ersten Konzepten in den USA, die eher informativen Charakter für Parlamentarier hatten, über verschiedene Assessement-Modelle, redet man in Deutschland seit Anfang der 90er Jahre von „partizipativer Technikfolgenabschätzung“, ohne das dies ausformuliert wäre. „In solchen diskursiven bzw. partizipativen TA-Prozessen wird das gesamte TA-Verfahren als Prozeß der Diskussion zwischen interessierten (bzw. betroffenen) Gruppen oder ausgewählten Bürgern und Experten gestaltet.“ (Meyer 1999, S. 6. Meyer beruft sich dabei auf Hennen 1999.)

Von einem eher traditionellen Verfahren der Kommunikation zwischen Experten und Entscheidern hat sich die Technikfolgenabschätzung entwickelt zu einem intensive Diskurs unter Beteiligung aller gesellschaftlicher Gruppen oder interessierter Bürger. Damit sollen sowohl öffentliche Debatten um neue Techniken stimuliert sowie Beiträge zur Lösung gesellschaftlicher Konflikte um neue Techniken geleistet werden.

Diskursen zur Technikfolgenabschätzung liegt die Erkenntnis zugrunde, daß eine umfassende Bewertung und Abschätzung moderner Technologie ohne die Einbeziehung möglichst aller relevanten gesellschaftlichen Interessen und Positionen, Sichtweisen und Wertvorstellungen unvollständig bleibt.

Diskurse versuchen, unter Beteiligung möglichst aller relevanten Gruppen (Kritiker, Befürworter, Experten, Politik und Verwaltung, interessierte Bürger), zu einer (im günstigsten Fall) konsensuellen Lösung von Technologiekonflikten zu gelangen bzw. zu einer konsensuellen Bewertung von Technologiekontroversen zu kommen. Sie sind darauf angelegt betroffenen bzw. interessierten Gruppen ein Forum zu bieten, in dem sie ihre Positionen und Wertvorstellungen deutlich artikulieren und begründen können. Es sollen durch die aktive Mitarbeit der beteiligten Interessengruppen Mißtrauen abgebaut und Nachvollziehbarkeit der Argumente ermöglicht werden. Ferner versuchen Diskurse, neue und qualitativ bessere Informationen für die Entscheidungsträger in der Politik bereitzustellen, um gut begründete Entscheidungen zu ermöglichen.

Erkenntnisse der Technikfolgenabschätzung

Die diskursive Technikfolgenabschätzung und die Forschungen darüber haben Erkenntnisse gebracht, die für das Problem der Vermittlung von Technik und Technologien durch Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit grundlegend sind.

Am wichtigsten ist wahrscheinlich die rund um die Untersuchungen zur Debatte um die Gentechnik gewonnene Erkenntnis, „daß die Technikdebatte stellvertretenden Charakter besitzt für eine umfassendere Legitimationskrise: In der Diskussion um die Gentechnik kommt ein von breiteren gesellschaftlichen Kreisen geteiltes Unbehagen an der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation und ihrer weiteren Modernisierung zum Ausdruck. Nicht ob, sondern welche Modernisierung gewünscht wir, steht zur Disposition: Welche substanziellen Folgen sie für die Umwelt und Menschen einschließlich ihrer Selbstverwirklichungsansprüche haben wird, ob sie ausreichend legitimiert und ethisch gerechtfertigt erscheint.“ (Zwick 1998, S. 87)

Dahinter offenbaren sich die Sorgen der Menschen, daß ihre eigene Lebenswelt zunehmend technisiert und fremdbestimmt wird, ohne daß sie selbst an der Gestaltung dieser Lebenswelt beteiligt werden. Dies geht einher mit einem mangelnden Vertrauen in Politik, Wirtschaft und Medien (zumindest wenn es um die Berichterstattung über Technik geht). „In diesem Vakuum wächst der Wunsch nach mehr eigener Mitwirkung an der Gestaltung der eigenen Lebenswelt.“ (Ortwin Renn: Geleitwort, in: Zwick/Renn 1998)

Entscheidend für die Technikfolgenbewertung durch die Menschen ist nach diesen Erkenntnissen folgendes:

  • „Technik soll sozialverträglich sein. …
  • Technik muß umweltverträglich sein, will sie Zustimmung erfahren …
  • Technik muß ethisch gerechtfertigt sein. …

Vor allem aber muß Technik politisch breiter als bisher legitimiert werden. Insgesamt drängt sich nämlich der Eindruck auf, daß die Bürgerinnen und Bürger Baden-Württembergs weniger technikfeindlich als vielmehr verdrossen darüber sind, daß sie bei der Technikentwicklung und ‑einführung von der Politik weitgehend übergangen werden. Dabei bekundet die Öffentlichkeit erstaunlich hohe Bereitschaft zur Partizipation … Die breite Mehrheit der Bürger ist offenkundig nicht mehr bereit, eine schleichende Technikeinführung ,hinter ihrem Rücken‘ hinzunehmen. In diesem Fall sind viele Befragte willens, groß- und risikotechnische Projekte notfalls auch mit unkonventionellen Protestverhalten zu behindern.“ (Zwick/Renn 1998, S. 70)

Daraus lassen sich entscheidende Folgerungen für die Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit bei der Technikkommunikation ziehen.

Konsequenzen für Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit

Wenn man Technik einführen will, besonders Groß- und Risikotechnologien, kommt man um eine breite Legitimationsbasis nicht herum – es sei denn, man will es zu Selbstblockaden kommen lassen. Die Erkenntnisse der Technik­abschätzung machen zweierlei deutlich: Zum einen, was die konkreten Erwartungen der Menschen an die Qualität von Technik und Technologien ist. Wenn Techniken oder Technologien tatsächlich nicht akzeptabel sind, gehören sie geändert oder aufgegeben. Sie sind dann weder wie auch immer gerechtfertigt, noch vermittelbar, noch erlauben sie dem dahinterstehenden Akteur, damit jemals wirtschaftliche erfolgreich zu reüssieren.

Zum anderen aber machen diese Erkenntnisse für die Qualität der Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit eins deutlich: Die Menschen müssen stärker noch als bisher in die Technikdebatte und die Technologiepolitik einbezogen werden. Klassische PR-Strategien und Informationskampagnen reichen hierfür nicht aus. „Es geht nicht so sehr um die Behebung von Wissensdefiziten als um den Ausgleich von Vertrauensdefiziten.“ (Ortwin Renn: Geleitwort, in: Zwick/Renn 1998)

Aufgabe solcher Technik-PR ist es also nicht mehr, Akzeptanz herzustellen, sondern Vertrauen. „Unternehmen müssen ihrer Verantwortung gegenüber der Bevölkerung gerecht werden indem sie Ängste und damit verbundenen Folgen erst gar nicht entstehen lassen. Und das kann nur mit Transparenz geschehen.“ (Wunder 2001)

Um jedoch Transparenz zu schaffen, ist Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit in Form eines Diskurses nach dem Muster der diskursiven Technikfolgenabschätzung notwendig. Allein in einem solchen Diskurs lassen sich die aufgrund der unterschiedlichen Interessen des Auftraggebers, der Multiplikatoren und der Empfänger existierenden Grundprobleme der Vermittlung technischer Sachverhalte lösen.
Der diskursive Ansatz sieht seine Aufgabe hauptsächlich darin, eine aufgeklärte öffentliche Debatte über Techniken zu führen und zur gesellschaftlichen Konsensbildung in kontrovers diskutierten Fragen beizutragen. Übertragen auf die Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit muß diese Begriffsbestimmung erweitert werden um den Zusatz, daß dies geschieht, um durch eine solche gesellschaftliche Konsensbildung die (gesellschaftliche wie wirtschaftliche) Basis für den Erfolg des Auftraggebers zu legen.
Solch diskursive Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit muß als strategisches Rahmenkonzept

  • entscheidungsorientiert sein, d.h. sie muß alternative Handlungsoptionen aufzeigen, überprüfen und diskutieren;
  • partizipatorisch angelegt und nicht rein wissenschaftlich ausrichtet sein. Das bedeutet, daß man „sich an alle organisierten und individuellen Akteure wende(t), die in Technisierungsprozessen eine Rolle spielen, in der Politik, der Wissenschaft, der Wirtschaft und der gesellschaftlichen Öffentlichkeit, und das von der Erfindung bis zur Verbreitung, so dass jeder Technisierungsprozess zugleich einen fortgesetzten gesellschaftlichen Lernprozess bildet“ (Ropohl 2000);
  • Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Nachprüfbarkeit gewährleisten. Das kann sie nur, wenn sie alle getroffenen Annahmen und Werturteile und der Begründungen offenlegt und mit den Öffentlichkeiten einen fairen, ergebnisoffenen (Ziel-)Diskurs führt.

Schlußfolgerung

Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit müssen sich den gesellschaftlichen Bedingungen anpassen, wollen sie ihre Aufgaben (weiterhin) erfüllen. Dies gilt gerade auch für die Technik-PR im Rahmen der Technikdiskussion und -bewertung. Um aus der in weiten Bereichen der Diskussion vorherrschenden kostspieligen Selbstblockade und Konfrontation mit unabsehbaren Folgen für die Stabilität unserer Gesellschaft herauszukommen, müssen schnellstmöglich entsprechende Modelle und Strategien nach dem Muster erfolgreicher diskursiver Technikabschätzung entwickelt und durch Anwendung erprobt und evaluiert werden.

Damit können in der Gesellschaft neue Mitwirkungsmöglichkeiten für die verschiedensten Öffentlichkeiten geschaffen und neue Formen demokratischer Beteiligungsmöglichkeiten geschaffen werden. „Für den Fall, daß dies nicht geschieht, drohen harte Auseinandersetzungen um technische Innovationen, die die Gefahr hoher Reibungsverluste mit sich bringen. Denn die politische Verdrossenheit der Bevölkerung drückt sich in einer unerwartet hohen Protestbereitschaft aus, die auch vor unkonventionellen Protestformen nicht halt macht.“ (Zwick/Renn 1998, S. 70)

Weiterführende Literatur

Grunewald, A. (1999a): TA-Ver­ständnis in der Philosophie, in: Bröchler, S. / Simonis, G. / Sundermann, K. (Hg.): Handbuch Technikfolgenabschätzung, Bd. 1, Berlin 1999, S. 73-81

Grunewald, A. (Hg.) (1999b): Rationale Technikfolgenbeurteilung. Konzepte und methodische Grundlagen (Wissenschaftsethik und Technikfolgenbeurteilung, Bd. 1), Berlin u.a. 1999

Hennen, Leonhard (1999): Partizipation und Technikfolgenabschätzung, in: Bröchler, S. / Simonis, G. / Sundermann, K. (Hg.): Handbuch  Technikfolgenabschätz­ung, Bd. 2, Berlin 1999, S. 565-571

Korhing, Matthias (1997): Die Funktion des Wissenschaftsjournalismus: ein systematischer Entwurf, Opladen 1997

Lewenstein, Bruce (1994): Science and the Media, in: Jasanoff, Sheila u.a. (Hg.): Handbook of Science and Technology Studies, Thousand Oaks u.a. 1994, S. 343-360

Meyer, Rolf (1999): Eine kurze Geschichte der TA-Konzept, in: TAB-Brief Nr. 17, Dezember 1999, S. 4-11

Petermann, Thomas (1999a): Technikfolgen-Abschätzung – Konstituierung und Ausdifferenzierung eines Leitbildes, in: Bröchler, S. / Simonis, G. / Sundermann, K. (Hg.): Handbuch Technikfolgenabschätzung, Bd. 1, Berlin 1999, S. 17-49

Petermann, Thomas (2001): Technikkontroversen und Risikokommunikation, in: TAB-Brief Nr. 20, Juni 2001, S. 5-7

Petermann, Thomas / Hennen, Leonhard / Sauter, Arnold (2001): Risikodiskurse – ein Thema in neuen TAB-Projekten, in: TAB-Brief Nr. 20, Juni 2001, S. 16-20

Ropohl, Günter (2000): Demokratische Technikgestaltung braucht konzeptionelle Konvergenz, in: TAB-Brief Nr. 18, August 2000, S. 40

Weyer, Thomas H. (1999): Neue Medien verändern die Technik-Kommunikation. Das Beispiel der PR-Konzepte zu den Radar-Shuttle-Missionen 1994 und 1999, Online-Veröffentlichung im Public Relations Forum 1/99, 5. Jahrgang, Februar 1999, zugänglich unter http:// http://www.prforum.de/prfor/arch/ar1-99_5.htm [Stand: 14.10.2001]

Wunder, Werner (2001): Editorial, Online-Veröffentlichung im Public Relations Forum 3/01, 7. Jahrgang, August 2001, zugänglich unter http:// http://www.prforum.de/prfor/arch/ar3-01_0.htm [Stand: 14.10.2001]

Zwick, Michael M. (1998): Wertorientierung und Technikeinstellung im Prozeß gesellschaftlicher Modernisierung. Das Beispiel der Gentechnik. Abschlußbericht (Arbeitsbericht 106), Stuttgart 1998

Zwick, Michael M. / Ortwin Renn (1998): Wahrnehmung und Bewertung von Technik in Baden-Württemberg. Eine Präsentation der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Würt­temberg, Stuttgart 1998

Autor: Markus Klein
Titel: Anforderungen an die Technik-PR aus dem Modell der Technikfolgenabschätzung
Untertitel: Entscheidungsorientiert, partizipatorisch und transparent
Erstveröffentlichung: Studienpapier, accadis – IBS International Business School Bad Homburg 2001
Zitierfähige Überarbeitung von 2014 in Druckform
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2014012
URL: https://scholien.wordpress.com/imprimatur/beitrage/0905-2/