Der Alltag eines Raumes

Die Bedeutung der Grenzlandliteraturen für das Zusammenwachsen

Mitteleuropa als politischer Begriff besitzt konkreten Inhalt, der sich aus der Summe seiner untereinander verwobenen Völker zusammensetzt. Das Bild ihres Zusammenlebens, das so lange künstlich unterbunden wurde und dessen Wiederbelebung erst noch bevorsteht, ergibt sich heute ausschließlich aus der Frucht der dort entstandenen und verwurzelten Grenzlandliteraturen. Die gezielte Aufnahme und Synthese dieser Literaturen kann den Mitteleuropäern eine unverzichtbare Hilfe zur historischen und konkreten Ortsbestimmung geben. Sie kann, wie der österreichisch-böhmische Schriftsteller Johannes Urzidil einmal schrieb, die entschieden multinationale Ökumene der mitteleuropäischen Völker aufzeigen, die in jeder Dimension miteinander verflochten sind. Ihre gemeinsame Koine, die durch solche Literaturen deutlich wird, ist der Ort jenes Mitteleuropas, das allein lebensfähig ist. Die Kenntnis seiner Bedingungen ist für die Mitteleuropäer zudem ein heilsam ernüchterndes Korrektiv zu den Träumen von konfliktfreien multikulturellen Gesellschaften.

Die Identifizierung eines einzelnen Menschen wie die jeden Kollektivs, also auch der mitteleuropäischen Völker, kann nur durch die Erzählung seiner Geschichte erfolgen. Die Erzählung ihrer Geschichte ermöglicht es den Völkern, zu einer Selbstverortung im historischen Prozeß und im Gesamtrahmen mit den anderen Völkern zu finden. Durch sie lassen sich die Völker abgrenzen, die Unterschiede gegenüber anderen zeichnen, aber notwendigerweise über alle Katastrophen hinweg auch die Gemeinsamkeiten erkennen, deren Unabdingbarkeit die einzigartige Volksstruktur Mitteleuropas prägt: erzählte Geschichten sind immer zugleich Medien der Präsentation eigener wie fremder Identität, wobei beides sich bedingt: „Auch wenn wir Leben, Werke und Tage anderer beschreiben, ist die Präsentation ihrer Identität eine Funktion des geschichtlichen Zusammenhangs, in welchem wir unsere eigene haben …“ (Hermann Lübbe).

Gerade bezüglich Mitteleuropas ist ein Nachholen der fast ein halbes Jahrhundert lang mutwillig unterbrochenen Erzählung der Geschichte der Völker notwendiger denn je, denn nirgendwo ragt die Geschichte.so unabweisbar in alle Gegenwart hinein wie in seinen unzähligen Grenzländern. Weit wichtiger für die Frage nach dem Wie des Miteinanders der Völker Mitteleuropas in der Zukunft als die bestallte Historiographie ist die Erzählung des konkreten Zusammenlebens dieser Grenzlandvölker. Diese Arbeit wird allein von den Grenzlandliteraturen gemeistert, insbesondere dann, wenn ihre Autoren nicht dem zucht- und sinnlosen Geschwafel vor allem der neudeutschen Gegenwartsliteraturen oder einem wie auch immer gearteten Pathos, beispielsweise dem von synthetischen Paradiesen, oder einer beliebigen Dramatik unterliegen, sondern lediglich schildern, was ihnen in der Wirklichkeit begegnet ist.

Die Autoren, die die zugleich großartigste wie erschreckendste Erfahrüng aller Geschichte gemacht haben, jene Erfahrung, die aller Überlieferung innewohnt, von der Unveränderbarkeit des Menschen, sie schildern uns den Alltag dieses Zusammenlebens in Mitteleuropa. Dieser Alltag im genau bestimmten geographischen Raum ist gelebte Wirklichkeit, die in ihrem Gleichmaß grenzenlos ist. Die Schilderung des alltäglich Daseins der Menschen verschiedenster Völker unter- und miteinander ist die Realität Mitteleuropas.

Die Schriftsteller der mittelenropäischen Grenzländer können den Mitteleuropäern etwas erzählen, was sie nicht mehr wissen. Sie wissen nicht mehr, und das bedingt die heute vorherrschenden Utopien von sogenannten konfliktfreien Multimischgesellschaften, wie in dieser europäischen Grenzlandzone die verschiedensten Völker und Volksstämme miteinander gelebt und sich ohne Vermischung oder Egalisierung wechselseitig befruchtet haben. Sie wissen nicht mehr um die unzähligen Mosaiksteinchen, die – statt Träumereien – erst ein Bild der Synthese ergeben können. Sie wissen nicht mehr um die innere Kraft und Gelassenheit der Völker des Ostens, die vom Westen so verschieden veranlagt sind, nicht mehr um die daraus erwachsende Macht des Überdauerns allen Übels und allen Elends, die Mitteleuropa von dort aus wiedererwecken wird. So ist die Rezeption solcher. Schriftsteller, die in der für Europa so leidvollen Nachkriegszeit lediglich am Rande des Bewußtseins existierten, ein mitteleuropäisches Existential. Ihre Namen. sind jenseits der einstigen innereuropäischen Grenze weit präsenter als im entorteten Westen.

Am bekanntesten noch unter ihnen ist Joseph Roth, der in seinen späten Romanen seit ca. 1930 ein unvergleichliches Bild des so unverdient geschmähten Kakaniens gemalt hat. Im äußersten Süden Mitteleuropas läßt er sich ergänzen durch den Südtirol-Schilderer Franz Tumler, dem die Ladiner so vieles verdanken, und durch Claudio Magris, der sich der Komplexität Istriens und der südlichen Donau angenommen hat. Die hochaktuellen Probleme der Südslawen in ihrem Miteinander finden sich bei dem bosnischen Kroaten Ivo Andrić, der als literarisch weitaus brillantester der erwähnten Schriftsteller 1962 sogar den Literaturnobelpreis erhalten, gleichwohl wegen seiner ideologischen Unvereinnahmbarkeit sofort wieder ins Vergessen zurückgesunken ist. Die nicht weniger undurchschaubare Fülle völkischer und religiöser Konstanten des östlichen Balkans und seines Nordens bis hin nach Galizien schildert der rumänische Vagabund Panait Istrati, um dessen Gesamtwerk sich im Moment die Büchergilde Gutenberg unschätzbar verdient macht. Speziell für Galizien lassen sich die „Memoiren eines Antisemiten“ und die „Maghrebinischen Geschichten“ von Gregor von Rezzori Istrati zur Seite stellen.

Unvergleichlich auch die oberschlesischen Repräsentationsfiguren in August Scholtis` Werk. Die ganze Komplexität dieses heterogensten mitteleuropäischen Grenzlandes Oberschlesien läßt sich erst ermessen, wenn man die ob ihrer ruhigen Klarheit eindringlichen und in ihrer Sprachkraft mit Andrić vergleichbaren Erzählungen auf sich wirken läßt, die der „slawische Preuße“ Hans Lipinsky-Gotterdorf uns hinterlassen hat. Seine und Andrićs Erzählungen sind aufgrund ihrer Sprachgewalt und der geographischen Besonderheit ihrer Orte die eindringlichsten Zeugnisse des mitteleuropäischen Zusammenlebens. Wenn es denn eine Erneuerung Mitteleuropas geben soll, kann sie nur aus solchem Geiste kommen, wie er uns von ihnen hinterlassen worden ist.

Autor: Markus Klein
Titel: Dr Alltag eines Raumes
Untertitel: Die Bedeutung der Grenzlandliteraturen für das Zusammenwachsen
Erstveröffentlichung: Mai 1992
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2014032
URL: https://scholien.wordpress.com/2014032-2/