Nachwort

Das vorliegende, in unserer Ausgabe leicht gekürzte Buch über das Sudetenland, ist erstmals bereits 1937 erschienen. Zum Verständnis der heute gerade wieder akut gewordenen Probleme im Zusammenleben Deutschlands und der Tschechoslowakei, insbesondere der Diskussionen um den deutsch-tschechoslowakischen Nachbarschaftsvertrag, soll in diesem Nachwort zunächst kurz auf die Entwicklung der beiden, auf das erstmalige Erscheinen dieses Buches folgenden Jahre eingegangen werden; sodann auf die Verbrechen der Vertreibung. Es ist schließlich insbesondere das sogenannte „Münchner Abkommen“ vom 29. September 1938, dessen Beurteilung die heutigen Diskussionen bestimmt. Dabei wird die Vorgeschichte dieses Abkommens leider durchweg verfälscht und im Hinblick auf eine Rechtfertigung der unendlich leidvollen Vertreibung der sudetendeutschen Bevölkerung zwischen den Jahren 1945 und 1948 durch die – auch nachkommunistische – Tschechoslowakei zweckinterpretiert. Einen gemeinsamen Weg Deutschlands und der Tschechoslowakei in eine europäische Zukunft nach dem endgültigen Aufbrechen der europäischen Teilung kann es indes nur dann geben, wenn die Geschichte so wahrgenommen und verstanden wird, wie sie tatsächlich gewesen ist: frei von legitimationsstiftenden Zweckinterpretationen und frei von undifferenzierten Pauschalverurteilungen Deutschlands. Erst wenn diese – noch aus der ideologischen Kriegsführung stammenden – Kategorien und Interpretationen endgültig verschwunden sind, haben die europäischen Völker nach den territorialen auch die geistigen Fesseln überwunden und können sich auf den Weg zu einem mitteleuropäischen Miteinander machen. Darin können dann sowohl die tschechischen als auch die deutschen Böhmen wieder die Plätze finden und einnehmen, die ihnen zustehen und die ihnen zur Selbstfindung unerläßlich sind.

Wenn Adolf Hitler als Reichskanzler überhaupt ein Konzept hatte, nach dem er konsequent vorgegangen ist, so läßt sich dies allein, dafür aber um so eindeutiger, im Bereich seiner Außenpolitik von 1933 bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges konstatieren. Sein außenpolitisches Konzept stand bis zum Beginn des Jahres 1939 allein und ausschließlich unter der Devise „Revision von Versailles“.1 Indes gehörten zu dem gesamten Komplex der dem propagierten Selbstbestimmungsrecht der Völker hohn sprechenden territorialen, politischen und volklichen Zerstückelung und Beschränkung Deutschlands und der Deutschen nach dem Ersten Weltkrieg nicht nur die schmerzlichen Bedingungen des Versailler Friedensdiktates vom 28. Juni 1919, sondern auch – und im Hinblick auf das Sudetenland vor allem – das Friedensdiktat in St. Germain-en-Laye für Österreich vom 10. September 1919 und das in Trianon für Ungarn vom 4. Juni 1920. In diesen beiden „Verträgen“ wurde die Tschechoslowakische Republik (CSR) gegründet, über deren Bildung sich die Tschechen und Slowaken im Pittsburgher Abkommen im Juni 1918 schon verständigt hatten,2 und die im Oktober 1918 ausgerufen worden war. Nach dem Rücktritt Kaiser Karls I. am 11. November 1918 hatte die Provisorische Nationalversammlung in Wien, die sich am 21. Oktober konstituiert hatte, unmittelbar und ohne Gegenstimmen ein Gesetz über die Staats- und Regierungsform angenommen, in dessen Artikel 2 bestimmt wurde: „Deutsch-Österreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik.“ Tags darauf gaben die Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien bekannt, daß auch sie und ihre Wohngebiete künftig Teil des Deutschen Reiches seien. Ein am 22. November in Wien erlassenes Gesetz bestimmte auf der Basis des von den Siegermächten verkündeten Selbstbestimmungsrechts als Staatsgebiet „das geschlossene Siedlungsgebiet der Deutschen innerhalb der bisher im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder“, das Teil des Deutsches Reiches sei. Damit waren die Alpenländer einschließlich Südtirol, Österreich und die deutsch besiedelten Gebiete Böhmens, Mährens und Schlesiens gemeint. Genau diese aber wurden im Diktat von St. Germain, das der sozialdemokratische Staatskanzler Karl Renner unter schwerem Druck der Sieger akzeptieren und unterschreiben mußte, den Deutschen entrissen. Ausdrücklich wurde Österreich das Selbstbestimmungsrecht verweigert, der Anschluß an das Deutsche Reich untersagt und der Name „Deutsch-Österreich“ verboten. Schon zuvor hatten tschechoslowakische Truppen die deutsch-böhmischen Gebiete besetzt und damit den tatsächlichen Charakter der Pariser Vorortsfriedensverträge unterstrichen. Damit stand nicht nur bei den Gebietsabtretungen von Versailles, sondern auch hier „das Siegerrecht über dem Selbstbestimmungsrecht“.3 Zugleich aber hatten die „Friedensmacher“ von Paris mit der Gründung der Tschechoslowakei „eine Zeitbombe in die politische Struktur der europäischen Nachkriegsordnung eingebaut … Das tschechoslowakische Staatsmosaik hatte etwas Anachronistisches an sich.“4 Diese absolut unlösbare Nationalitätenfrage im tschechoslowakischen Staatskonstrukt – neben Tschechen, Deutschen, Slowaken noch Ukrainer, Polen und Ungarn – blieb eine schwärende Wunde, die die gewaltsam am Schreibtisch geschaffene und allen Volkszugehörigkeiten hohnsprechende Nachkriegsordnung von Beginn an zum zwangsläufigen Scheitern verurteilte, zumal die führenden tschechischen Politiker unmittelbar daran gingen, statt eines Vielvölkerstaates nach Schweizer Vorbild einen zentralistischen Nationalstaat zu errichten, in dem sie konsequent die deutschen Bürger zurückdrängten und benachteiligten. Insbesondere führten sie diesen Entdeutschungskampf seit 1926 auf dem Feld der Sprache und der Schule sowie durch eine einseitige Abwälzung der Folgen der Weltwirtschaftskrise in den Jahren 1929 bis 1933 auf die Deutschen. Zudem wurde planmäßig die tschechische Minderheit in den sudetendeutschen Gebieten durch Ansiedlungen gesteigert. Dies alles führt zu dem unumgänglichen Schluß, daß weder die österreichische noch die tschechische bzw. sudetendeutsche Frage, die in den Jahren 1937 und 1938 virulent wurden, isoliert gesehen werden dürfen. Sie sind eingebettet in die in den Pariser Vororten geschaffene „neue, politische Unordnung“5 in Europa, deren Revision im Sinne der Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts der Völker, Hitlers außenpolitisches Ziel jener Jahre gewesen ist.

Dieses Ziel der „Revision von Versailles“ verfolgte Hitler seit seinem Amtsantritt konsequent. Am 14. Oktober 1933 trat das Deutsche Reich aus dem Völkerbund aus, der ihm sowohl das Selbstbestimmungsrecht als auch die Souveränität über seine Territorien wie über seine Armee verweigerte. Damit begann eine eigenständige deutsche Politik. Am 26. Januar 1934 schlossen Deutschland und Polen einen Nichtangriffs- und Freundschaftspakt, am 13. Januar 1935 stimmte die Bevölkerung des Saarlandes mit 91% für Deutschland ab, am 16. März 1935 wurde die Allgemeine Wehrpflicht erlassen, und nur drei Monate später schloß England ein Abkommen mit dem Deutschen Reich über gegenseitige Flottenstärken. Deutschland war vom Objekt der internationalen Politik zum Subjekt geworden. Am 7. März 1936 schließlich stellte das Deutsche Reich mit dem Einmarsch ins entmilitarisierte deutsche Rheinland die Souveränität über sein nach Versailles übriggebliebenes Staatsgebiet wieder her. Danach erst, 17 Jahre nach dem Friedensdiktat, konnte Hitler daran denken, die Pariser Vorortsverträge auch in territorialer Hinsicht zu revidieren, und die meisten Politiker der europäischen Siegermächte standen die Berechtigung und die Notwendigkeit dazu den Deutschen offen oder insgeheim zu. Die europäische Nachkriegsordnung von 1919/20 hatte sich selbst überlebt und war keine tragfähige Ordnungsgrundlage mehr.

Am 19. November 1937 erklärte der – damals noch stellvertretende – englische Außenminister Lord Halifax bei einem Besuch in Berchtesgaden Hitler gegenüber, daß der Versailler Vertrag revidiert werden müsse, da verschiedene Änderungen in Europa notwendig geworden seien. Dazu zählte er explizit Österreich, Danzig und die Tschechoslowakei. In der Tat waren diese Fragen längst überfällig. Mit dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich am 13. März 1938 begann dann tatsächlich die Revision der territorialen Zerstückelung Deutschlands. Bei der am 10. April folgenden Volksbefragung über die Zustimmung zum Anschluß stimmten 99,73% der Deutschen im nunmehr um Österreich vergrößerten Deutschen Reich mit „Ja“ ; die Relevanz dieser Abstimmung wird heute selbst von ansonsten kritischen Historikern nicht geleugnet.6 Der lange aufgeschobene Anschluß Österreichs ließ nun allerdings auch das immer drängender werdende tschechische Problem in den Vordergrund treten. Tatsächlich gehörten beide Komplexe – wie sich in Verlautbarungen vor und als Folge von St. Germain bewiesen hatte – eigentlich ja zu ein und demselben Problem, die nur schwerlich voneinander isoliert hätten betrachtet werden können. Zumal für die Sudetendeutschen selbst war der innere Zusammenhang zwischen dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich und dem Schicksal der von den Deutschen in der CSR besiedelten Gebiete obsolet.

Der tschechisch dominierte Staat war von Anfang an noch nicht einmal den Verpflichtungen als Vielvölkerstaat gerecht geworden, die er bei seiner anachronistischen Gründung 1919 übernommen hatte. Insbesondere die Deutschen waren massiver politischer, wirtschaftlicher und identitätsrelevanter Benachteiligung unterworfen. Seit 1933 waren zudem jene deutschen Parteien von der Prager Regierung verboten worden, die statt einer deutschen Autonomie innerhalb der CSR für einen Anschluß an das Deutsche Reich warben. Damit wurde die Unterdrückung des Selbstbestimmungsrechts offen demonstriert. Ihre Anhänger schlossen sich daraufhin zum größten Teil der damals gegründeten Sammlungsbewegung des Turnerführers Konrad Henlein, der Sudetendeutschen Heimatfront, an. Diese wiederum mußte sich 1935 auf Prager Druck in Sudetendeutsche Partei umbenennen. Trotz der von der SdP ausgehenden Ausgleichsbemühungen mit Prag kam es im Jahr darauf zu verschärften Spannungen wegen verschiedener regierungsamtlicher Erlasse, die erneut auf eine Benachteiligung der sich zunehmend artikulierenden Deutschen abzielten. Im Vertrauen auf Rückendeckung durch Frankreich und England verstärkten die tschechischen Staatsführer ihre Politik, die berechtigten Bestrebungen der Deutschen nach Selbstbestimmung endgültig zum Erliegen zu bringen. Doch die SdP wußte sich solcher Bestrebungen zu erwehren. Eine Gemeindewahl erklärte sie vorab zur Abstimmungsdemonstration für einen Anschluß an das Deutsche Reich und erzielte dabei rund 90% der Stimmen! Am 24. April 1938, also 14 Tage nach dem eindeutigen Votum der Deutschen für den Anschluß Österreichs, verabschiedete die SdP die „Karlsbader 8 Punkte“, um damit die Aufbruchstimmung der Deutschen in der CSR zu kanalisieren und Zusammenstöße mit dem massierten tschechischen Truppenaufgebot zu verhindern. Konrad Henlein formulierte in Karlsbad an jenem Tag das Dilemma der Sudetendeutschen: „Die Deutschen können sich nach zwanzigjähriger Unterdrückung an der heurigen Feier zum 20. Jahrestag dieses Staates nicht beteiligen. Die Tschechen haben in diesen zwanzig Jahren nichts getan, um uns innerlich für diesen Staat zu gewinnen, in den wir gegen unseren Willen eingegliedert werden.“7

In den darauffolgenden acht Punkten forderte er zwecks Schaffung eines freundschaftlichen Nachbarverhältnisses unter anderem „vollständige Gleichberechtigung“, „Anerkennung des deutschen Siedlungsgebietes“, „Ausbau der deutschen Selbstverwaltung im deutschen Gebiet“, „gesetzliche Schutzbestimmungen für die anderen Staatsangehörigen, die außerhalb der geschlossenen Gebiete ihres Volkes leben“ (womit die Ungarn, Polen und Ukrainer gemeint waren), „Beseitigung allen Unrechts“, „Wiedergutmachung der Schäden, die durch dieses Unrecht entstanden sind“ sowie die „vollkommene Freiheit des Bekenntnisses zum deutschen Volke und zur deutschen Weltanschauung“. Die Tschechen reagierten mit rigoroser Ablehnung und einer Flut schwerer Angriffe gegen die sudetendeutschen Politiker, obwohl zumindest die ersten Punkte exakt den Formulierungen des Vertrages von St. Germain entsprachen. Die Spannungen nahmen zu. Am 20. Mai mobilisierten die Tschechen gar ihre Truppen und versuchten damit, die Sudetendeutschen, die sich der blutigen Aktionen dieser Armee gegen sie in den vergangenen 20 Jahren erinnerten, zum Schweigen zu bringen. Die Zusammenstöße und Übergriffe gegen die Deutschen eskalierten in einem solchen Maße, daß sogar die Londoner „Times“ in einem Artikel den Anschluß des Sudetenlandes an Deutschland als einzige Lösung empfahl. Dieser Empfehlung schloß sich auch Lord Runciman an, der als britischer Sonderbotschafter im August und September 1939 auch die entlegendsten Teile der CSR bereiste. Seine Beobachtungen und Erfahrungen ließen ihn unmißverständliche Forderungen erheben: Die sofortige Abtretung der Grenzgebiete mit deutscher Mehrheit an Deutschland, für die in der Rest-Tschechoslowakei verbleibenden Deutschen eine Autonomie, und die Garantie einer außenpolitischen Neutralität der Tschechoslowakei, denn diese sei „für die Politik der Tschechoslowakei nötig, um nicht nur ihr eigenes Dasein in der Zukunft zu sichern, sondern auch für den Frieden Europas tätig zu sein.“8

Als es am 13. September 1938 zu blutigen Zusammenstößen zwischen Anhängern der Sudetendeutschen Partei und tschechischen Sicherheitsorganen kam, verhängte Prag den Ausnahmezustand und das Standrecht in den deutsch-böhmischen Gebieten. Am 16. September verbot die Regierung gar die SdP. Für Hitler war das Maß nun voll, und nicht nur für ihn. Am 15. September, während er Gespräche mit dem englischen Premier Neville Chamberlain auf dem Obersalzberg über das tschechische Problem führte, wies Warschau auf seine Ansprüche auf das polnisch besiedelte Teschner Gebiet in der CSR hin. Gleichwohl wollte Hitler das Problem nicht durch eine kriegerische Auseinandersetzung lösen und hoffte auf Einsicht und Einflußnahme vor allem Englands auf das „mitteleuropäische Problem“, das vor allem von der seinerzeitigen Unterdrückung Deutschlands herrührte. „Weder signalisiert er den Auftakt zu einer auf Eroberung lüsternen Lebensraumpolitik, noch erteilte er seinen Militärs den Marschbefehl.“9 Doch wußte Hitler um die wahren Ambitionen und Interessen der tschechischen Führung. Ihre Intrigen waren ihm bekannt geworden durch das Abhören und Mitschneiden der Telefongespräche und Telegramme tschechischer Spitzenpolitiker. Insbesondere die von Görings Forschungsamt erfaßten aufgeregten, oft fieberhaften Telefongespräche zwischen dem tschechischen Präsidenten, Dr. Eduard Benesch, und seinen Botschaftern in London und Paris ließen Hitler aufhorchen und ihn eine Lösung des Problems für unaufschiebbar erachten.10

Als Eduard Benesch indes von dem Besuch Chamberlains bei Hitler am 15. September erfuhr, ahnte er, daß er nun ausgereizt hatte. So entschloß er sich zu einer Geheimaktion.11 Auf Umwegen ließ er dem französischen Ministerpräsidenten Daladier ein Angebot über die Abtretung einiger sudetendeutscher Regionen zukommen, in dem er die Flucht nach vorne antrat. Indes war diese Abtretung an bestimmte Bedingungen geknüpft. Vor allem wollte Benesch damit die Plebiszit-Lösung vom Tisch bringen und so das Ausmaß der Abtretungen in Grenzen halten. Er dachte lediglich an einige tausend Quadratkilometer mit anderthalb bis zwei Millionen Menschen. Als sich Daladier und Chamberlain am 18. September in London zu Verhandlungen trafen, brachte er diesen tschechischen Vorschlag mit. Auf ihm aufbauend entwickelten sie ein Beratungsergebnis, das sie nach Billigung durch ihre Kabinette am 19. September in einer „Gemeinsamen Botschaft der Britischen und Französischen Regierung an Präsident Benesch“ diesem zukommen ließen. Darin hieß es unter anderem: „Die Vertreter beider Regierungen sind davon überzeugt, daß heute nach den Ereignissen der letzten Zeit der Punkt erreicht ist, an dem die hauptsächlich von Sudetendeutschen bewohnten Gebiete nicht weiter innerhalb der Grenzen des tschechoslowakischen Staates gehalten werden können, ohne die Interessen der Tschecho-Slowakei selbst und den europäischen Frieden auf Dauer zu gefährden.“12 Sie forderten die sofortige Abtretung aller Gebiete über 50% deutscher Bevölkerung an das Deutsche Reich. Damit reagierten sie endlich auf die von Hitler immer wieder geforderte Revision des „Unfriedens“ von Versailles und St. Germain, die er im Bezug auf die Sudetendeutschen auf dem Reichsparteitag in Nürnberg am 12. September 1938 letztmals öffentlich formuliert hatte.13 Das Prager Kabinett nahm diese „Gemeinsame Botschaft“, die einen Kompromiß zwischen den Vorschlägen Beneschs und den Forderungen Hitlers und eine Reaktion auf die Beobachtungen Lord Runcimans darstellte, am späten Abend des 20. Septembers 1938 an. Damit war das sudetendeutsche Problem und damit die Revision von Versailles und St. Germain zu dieser Frage zumindest auf dem Papier gelöst. Doch die Tschechen versuchten, die von ihnen selbst beschlossenen Abtretungen zu unterlaufen.

Während Chamberlain am 22. September zu weiteren Verhandlungen in Bad Godesberg weilte, schritt die tschechoslowakische Armee zur Wiederbesetzung der sudetendeutschen Gebiete. Am 23. September gab die Prager Regierung sogar die Mobilmachung der gesamten Armee bekannt. Unverzüglich, in der Nacht auf den 24. September, übergab die deutsche Regierung Chamberlain ein Memorandum, in dem sie ihn aufforderte, sicherzustellen, „das die von der tschechoslowakischen Regierung anerkannte Abtretung des Sudetenlandes nunmehr ohne jede weitere Verzögerung“ erfolge. Prag besaß sogar die Unverfrorenheit, dieses Memorandum nachträglich (!) zum Grund seiner Mobilmachung zu erklären.

Als der tschechische Terror gegen die sudetendeutsche Bevölkerung nach der Besetzung sofort eskalierte – allein in den sechs Tagen zwischen dem 23. und dem 29. September flohen 240.000 Sudetendeutsche ins Deutsche Reich – war Hitlers Geduld erschöpft und im Sinne der Sudetendeutschen war es höchste Zeit, zu reagieren. Im Berliner Sportpalast erklärte Hitler am 26. September unmißverständlich: „Und nun steht vor uns das letzte Problem, das gelöst werden muß und gelöst wird! Es ist die letzte Forderung, die ich in Europa zu stellen habe, aber es ist die Forderung, von der ich nicht abgehe und die ich, so Gott will, erfüllen werde … Ebenso will ich nun vor dem deutschen Volk erklären, daß in bezug auf das Sudetendeutsche Problem meine Geduld jetzt zu Ende ist! Ich habe Herrn Benesch ein Angebot gemacht, das nichts anderes ist, als die Realisation dessen, was er selbst schon zugesichert hat. Er hat jetzt die Entscheidung in seiner Hand! Frieden oder Krieg!“14 Chamberlain war sich der Brisanz und der Wichtigkeit der Angelegenheit durchaus bewußt, und, nachdem er am 28. September Hitler in einer persönlichen Botschaft angeboten hatte, „sofort nach Berlin zu kommen und die Übergabemodalitäten mit ihnen und den Vertretern der tschechischen Regierung zu besprechen“, kam es am 29. September zur Konferenz der Regierungchefs Englands, Frankreichs, Italiens und Deutschlands in München. Das Ergebnis dieser Konferenz wurde im sogenannten „Münchner Abkommen“ festgehalten.15 In ihm wurden der Zeitpunkt und die Art der am 20. September von der Prager Regierung gebilligten Abtretung geregelt, sowie ein internationaler Ausschuß für die Grenzfragen eingesetzt. In einem Zusatz wurde zudem das Problem der polnischen und ungarischen Minderheiten in der Rest-Tschechoslowakei angesprochen. Dieser internationale Ausschuß hatte am 20. November 1938 seine Aufgabe erfüllt. Seiner Grenzziehung stimmte die tschechoslowakische Nationalversammlung Mitte Dezember zu. Damit war die überfällige und von allen (!) deutschen Regierungen seit 1919 geforderte Revision von Versailles und St. Germain durchgeführt. Für die Sudetendeutschen beendete sie ein zwanzigjähriges Martyrium.

Das Münchner Abkommen, um dessen nachträgliche Annullierung die heutige Tschechoslowakei so vehement streitet und dessen Bestimmungen sie nach wie vor als Vorwand für die leidvolle Vertreibung der Sudetendeutschen nach 1945 nimmt, war also weder ein „Diktat“ Hitlers, sondern eine notwendige Einsicht der europäischen Signaturmächte in die Unaufschiebbarkeit des sudetendeutschen Problems, noch war es – entgegen den üblichen Darstellungen – der eigentliche Abtretungsvertrag. „Das Münchner Abkommen ist für die Sudetendeutschen nichts anderes als die Erfüllung des Selbstbestimmungsrechtes gewesen, das ihnen im Jahre 1919 und in den folgenden Jahren von der Tschechoslowakei verweigert worden war.“16 Und es regelte lediglich die Anerkennung und die daraus notwendig folgende Konsequenz, die die Prager Regierung am 20. September 1938 besiegelt hatte: daß es sich bei den sudetendeutschen Gebieten um urdeutsches Land handelte, das kraft des eindeutigen Willens seiner Bewohner den Anschluß an das Deutsche Reiche suchte.

Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges hatten Bevölkerungszuwanderungen aus anderen deutschen Gebieten stattgefunden, da das Sudetenland zu einem bedeutenden Schwerpunkt der deutschen Kriegsindustrie entwickelt wurde. Weitere Industrien kamen dadurch hinzu, daß ganze Fabriken aus den vom Bombenkrieg betroffenen Regionen hierher versetzt wurden. Schließlich kamen noch Hunderttausende von Evakuierten ins Sudetenland, vorwiegend Frauen und Kinder aus den zerstörten Großstädten. Mit der im Herbst 1944 beginnenden Evakuierung von Deutschen aus der Slowakei kam ein weiterer Menschenstrom ins Land. Vor den Russen flüchtende Schlesier – rund 1,6 Millionen – landeten ebenfalls vorübergehend auf sudetendeutschem Gebiet.

Im Gegensatz zu Ostdeutschland, wo die Menschen von den schnellen Vorstößen der Russen überrascht wurden, vollzog sich die Evakuierung der Deutschen aus dem östlichen Sudetenland vor der Roten Armee in etwas geordneteren Bahnen. Da sie erst im März 1945 einsetzte, waren die Witterungsbedingungen auch wesentlich günstiger als vorher im Osten. Kreise wie Jägerndorf wurden fast ganz von der deutschen Bevölkerung geräumt, andere – wie Teschen und Troppau – konnten infolge der Kämpfe nicht vollständig evakuiert werden. Im Hultschiner Ländchen wie auch überall sonst, wo die Bevölkerung zweisprachig war, also auch tschechisch oder polnisch sprach, hoffte sie, die Besetzung in der Heimat überstehen zu können.

Schon Ende 1938 soll der zurückgetretene Präsident Benesch ebenso wie sein Parteifreund Hubert Ripka erste Ideen eines Abschubes (tschechisch: odsun) aller Deutschen vom ehemaligen tschechoslowakischen Staatsgebiet geäußert haben. Ripka war es, der am 17. Mai 1941 in Manchester zum ersten Male klar das Vertreibungsziel beim Namen nannte: „Wir hoffen, daß dieser Krieg die Möglichkeit dazu geben wird, die Frage der deutschen Minderheit in der Tschecho-Slowakei ein für allemal zu lösen … Es wird notwendig werden, mit allen hierzu geeigneten Mitteln – einschließlich einer eventuellen organisierten Anwendung des Prinzips des Bevölkerungstransfers – Deutschland daran zu hindern, seine nationalen Minderheiten für seine großdeutschen Ziele zu mißbrauchen.“

Benesch und seine engen Freunde bemühten sich über den gesamten Krieg hinweg, in London wie in den anderen Hauptstädten der Siegermächte für den Austreibungsgedanken Verbündete zu gewinnen. Als tschechischem Exilpräsidenten gelang es Benesch, auch die Sowjets auf seine Seite zu ziehen. Roosevelt, dessen Haß gegen Deutschland während des Krieges von Tag zu Tag gewachsen war, willigte ebenfalls ein. Schon am 12. Dezember 1943 weilte Benesch in Moskau und brauchte einen „Vertrag der Freundschaft, der gegenseitigen Hilfeleistung und der Zusammenarbeit nach dem Kriege“ zum Abschluß, in welchem die „Umsiedlung“ der Deutschen der für ihn bedeutendste Punkt war. Der tschechische Exil-Präsident hatte richtig geahnt, daß wahrscheinlich die sowjetischen Truppen als erste in seinem Lande einmarschieren und damit zum wichtigsten Partner für seine unmenschlichen Pläne würden. Wenzel Jaksch, der bedeutendste Politiker der sudetendeutschen Sozialdemokratie, versuchte vergeblich, sich im Londoner Exil gegen diese verhängnisvolle Entwicklung zu stemmen. In einem Beschluß der Partei heißt es aus dieser Zeit, daß „einseitige Machtlösungen der tschechisch-deutschen Frage nach diesem Kriege keinen Bestand haben können und daher auch nicht im Interesse des tschechischen Volkes und des europäischen Friedens liegen“ könnten. In der Tat hat Benesch für sein menschenverachtendes und deutschfeindliches Spiel nach dem Zweiten Weltkrieg die erwartete Quittung erhalten. Die Tschechoslowakei und ihre Menschen gerieten für fast ein halbes Jahrhundert unter die unerbittliche Diktatur des Kommunismus.

Der Prager Aufstand vom 5. Mai 1945 war das Fanal zu einer beispiellosen Deutschenhatz, in der Zehntausende ihr Leben verloren. Zuerst wurde die kleine Mannschaft des deutschen Senders in Prag niedergemacht. Dann folgte eine Orgie der Gewalt gegen alles Deutsche. Deutsche – gleich welchen Geschlechts – wurden mit Benzin übergossen und lebendig verbrannt, ganze deutsche Dörfer wurden buchstäblich ausgerottet. In Aussig wurden Frauen, Kinder und Greise zu Hunderte in Wasserbehältern ertränkt und dann über die Elbbrücke in den Fluß geworfen. Noch im Herbst 1945 trieben in der mittleren Elbe mit Stacheldraht aneinandergebundene Ermordete an.

Leidtragende waren zumeist die „Deutschen in den größeren Städten und in den Sprachinseln. Besonderes Aufsehen erregte der Brünner Todesmarsch. Am 30. Mai 1945 wurden die Deutschen der Stadt Brünn nach fünftägiger Internierung zum Verlassen der Stadt aufgefordert. In Fußmärschen trieb man sie über die österreichische Grenze. Tausende kamen auf diesem Marsch zu Tode. Die unrühmlichste Rolle bei den Ausschreitungen gegenüber den Sudetendeutschen spielten die „Revolutionsgarden“ und die Nationalausschüsse („Národni Výbory“). In Landskron veranstalteten die Partisaneneinheiten ein „Tribunal“, vor dem sich alle männlichen deutschen Bewohner zu verantworten hatten. Am Ende stand ihre brutale Ermordung. Derartige Übergriffe spielten sich zunächst hauptsächlich an der Sprachgrenze oder in den gemischt besiedelten Gebieten ab. In den sudetendeutschen Gebieten mit rein deutscher Bevölkerung war es vergleichsweise ruhig. Dies änderte sich mit der Festigung der Macht der tschechischen Behörden.“17 Wie sagte doch Informationsminister Kopecký am 29. Mai 1945? „Wir wollen unseren großen Sieg über die Deutschen zu einer gewaltigen nationalen Offensive ausnutzen, um das Grenzgebiet unseres Landes von den Deutschen zu säubern. General Svoboda schickt seine Truppen und bewährte Partisaneneinheiten, um diese Gebiete von den Deutschen zu säubern.„

Über das Schicksal der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg ist auf die vom Bundesminister für Vertriebene herausgegebene Dokumentation zu verweisen,18 weshalb hier auch nur einige der wichtigsten Fakten gebracht werden sollen. Der größte Teil der Sudetenländer wurde von der Roten Armee ohne größere Kämpfe besetzt. Lediglich einige östliche Kreise in Mähren und einige Ortschaften im nördlichen Sudetenland wurden in Kampfhandlungen erobert.

Schon am 8. Mai 1944 hatte die sowjetische Regierung mit der tschechoslowakischen Exilregierung einen Vertrag vereinbart, in dessen Mittelpunkt die Vereinbarung stand, daß „die Verwaltung auf dem vom Feinde befreiten Gebiet nach den tschechoslowakischen Gesetzen“ und durch Mitglieder der tschechoslowakischen Exilregierung bzw. deren Delegierte erfolgen sollte. So gerieten die Deutschen sofort unter den doppelten Druck russischer Besatzung und deutschfeindlicher tschechischer Verwaltung.

In den Erlebnisberichten der Betroffenen stehen wie in anderen Vertreibungsgebieten Vergewaltigungen und Schändungen von Frauen an oberster Stelle. Tausende gingen in den Freitod, um den Drangsalen zu entgehen. Daß auch hier in Orgien der Plünderung durch Russen und Tschechen die Deutschen von ihrem Vermögen, ihrem Hab und Gut „befreit“ wurden, ist für die Schlußphase dieses Krieges im Osten traurige Regel.

Der Zeuge A. H. berichtet über den Einmarsch der Russen in Mährisch-Ostrau: „… Vormittag, am 30. April wurde es in der Stadt unheimlich ruhig, wir waren dies seit Monaten nicht gewöhnt, ahnten aber nichts Gutes, selten sah man einen Menschen auf der Straße, man ahnte, daß es dem Ende zugehe. Mit der weiteren Umgebung hatten wir keine Verbindung mehr, auch die Presse brachte nichts mehr zur Lage, viele Ämter flüchteten mit ihren Akten nach West- und Südmähren, nach anderen Orten. Auch das war vergeblich, wie es sich bald herausstellte. Kurz vor 5 Uhr mittags marschierten die Russen von Petershofen kommend in Oderfurt ein, in geordneten Kolonnen … Die Begrüßung durch die tschechischen Mitbewohner war nicht besonders enthusiastisch, man sah zu, sonst nichts, kein Blumenwerfen oder Hochrufe. Von den Deutschen sah man überhaupt niemand mehr auf der Straße, denn obwohl noch vor Stunden auf Waffenbesitz die Todesstrafe angedroht war, erschienen auf einmal junge Leute mit leichten Gewehren bewaffnet, marschierten entlang der russischen Kolonnen und schossen auf jeden, der nach Deutschtum aussah; so sah ich bald einige Tote oder Verwundete an der Breslauer Straße liegen …

Die Stadt glich nun einem Hexenkessel, überall sah man Männer und Frauen in Kolonnen streng bewacht in die Arreste ziehen, brutal aus den Wohnungen gerissen; die Wohnungen wurden nun geplündert, überall sah ich Hausrat auf den Straßen liegen, so bei Dr. Uhle, bei Baumeister Hertel lagen kostbare Bücher, Briefmarkensammlungen im Regen, auch die schöne Villa in der Parkstraße dasselbe Bild. Haufenweise deutsche Bücher, ja ganze Lexikons, Fotografien, Bilder und in jeder deutschen Wohnung ein Soldat, welcher das Übriggebliebene bewachte, aber Zeit fand, sich aus kostbaren Zimmerkredenzen die Mahagonibrettchen herauszuschneiden und ein Kofferle zu machen! Plünderung war den Soldaten drei Tage lang erlaubt, doch einige Unternehmungslustige plünderten noch viele Tage später, auch mich, besonders des Nachts, vier Anzüge und fast alle Wäsche gab ich her. Mancher Soldat hatte bis 12 Armbanduhren auf der Hand. Über das Schicksal vieler Frauen und Mädchen aus allen Kreisen will ich nicht schreiben, es war für die Betroffenen entsetzlich.“19

Ähnlich berichtet Wilhelm Mittag aus Sternberg: „… Die Haustür der gegenüberliegenden Druckerei Albrecht ist verbarrikadiert, die Russen lehnen Leitern an das Haus und dringen im ersten Stock ein. Gegen 22 Uhr läuft eine völlig unbekleidete Frau schreiend durch die Straßen, hinter ihr russische Soldaten. Die Frau ist die Gattin eines Staatsbeamten. Im Nachbarshaus wütet die rote Soldateska, eine etwa 40jährige Frau wird die ganze Nacht mißbraucht und erleidet dabei schwerste innere Verletzungen. Das Haus meiner Mutter wurde am Tag vorher von einem Tschechen, der seit mehr als zehn Jahren darin wohnte, in Eigentum übernommen. Am Tag vorher wurde es von Russen durchsucht; alle Konservengläser wurden geöffnet und auf die Straße geworfen, sämtliche Lebensmittel gröblichst verunreinigt und genußuntauglich gemacht, eine 65jährige Inwohnerin mißbraucht.“20

Diplom-Ingenieur Josef Kuhn aus Mährisch-Schönberg zum gleichen Thema: „… Aber die russischen Soldaten vergewaltigten unvermindert Frauen und Mädchen jeden Alters und plünderten und raubten, was ihnen begehrenswert erschien. Ich war Zeuge, als eine russische Kolonne in der Mühlfeldstraße kurz hielt, die Soldaten von den Fahrzeugen sprangen und in den anliegenden Häusern alle erreichbaren Frauen und Mädchen vergewaltigten. Meinen Versuch, in einem Haus ihrem Treiben entgegenzutreten, hätte ich beinahe mit dem Leben bezahlen müssen. Auf den Fahrzeugen saßen auch einzelne ordensgeschmückte weibliche Soldaten, die dieser anscheinend ganz unberührt ließ …“21

Der tschechische Terror verband sich mit dem russischen! Dipl.Ing. E.H. aus Teplitz-Schönau erzählt über die Austreibung: „… um 6 Uhr nachmittags wurde unser Trupp (ungefähr 100 Personen) vom Säugling bis zum Greis und Greisin, als letzter an diesem Tage streng bewacht vom Bramschplatz abgeführt. Zu Fuß ging es die Eichwälder Straße über Zuckmantel, Eichwald bis zur Ausspanne auf der Höhe des Erzgebirges, wo wir Mitternacht anlangten. Auf einer schmutzigen Wiese mußten wir warten, bis das tschechische Grenzkontrollamt zu amtieren begann. Dabei umschwärmten uns dauernd russische Soldaten, um sich weibliche Opfer zu suchen, ohne natürlich von der tschechischen Wachmannschaft daran gehindert zu werden. Um 6 Uhr früh des 7.6.1945 überschritten wir, da nichts mehr zu verzollen war, ungehindert die Grenze, verabschiedet von unseren Austreibern mit den höhnischen Worten: So, jetzt seid ihr heim im Reich. In den zwei Stunden vor uns ausgewiesenen Trupp fuhr ein russischer Lastwagen mit Beutegut, verletzte einige Menschen schwer und tötete auch die Tochter des Bürgerschullehrers Thöner; als wir in Sächs. Zinnwald ankamen, hatten er und seine Frau den Freitod gesucht, den er fand …“22

Adolf Ehm aus Komotau erlebte noch Schrecklicheres: „… Am Platz mußten sich alle in Reih und Glied aufstellen und wurde durch Lautsprecher bekannt gegeben, daß jene, welche bei der Waffen-SS gedient haben, austreten sollen. Nachdem sich niemand meldete, mußten alle Anwesenden, auch die 13- und 65-jährigen den Oberkörper entblößen und die Arme emporstrecken. Da hat man 15 Mann herausgefunden, darunter war aber auch ein schwer Körperbeschädigter (Bein und Arm amputiert), der gar nicht bei der Waffen-SS gedient hat, sondern bei der Luftwaffe. Über jeden Einzelnen von den Ausgesuchten machte sich gleich eine Meute von tschechischen Zivilisten und Soldaten und schlug solange auf ihn ein, bis er blutüberströmt zusammenbrach. Wurde er bewußtlos, so wurde sein mit Wunden über und über bedeckter Körper mit einem Eimer Salzwasser begossen, welches ein Küchenangestellter aus der Jahnturnhalle zutrug. Alle 15 waren vollkommen nackt, die Kleider hatte man ihnen vom Körper heruntergerissen; furchtbar hallten die Todesschreie der Gequälten. Das alles mußten wir Anwesenden mit ansehen und anhören … Nachmittags um ca. 2 Uhr marschierten wir dann ab, an den nackten Leichen der Erschlagenen vorbei, wo man uns noch in tschechischer Sprache höhnisch zurief, hier habt ihr eure Kollegen von der SS. Da man auch Kranke aus den Wohnungen, ja selbst aus den Betten getrieben hatte, so sind wir noch keine Viertelstunde marschiert, als Kranke nicht mehr weiter konnten. Sie wurden geschlagen, und konnten sie dann trotzdem nicht weiter, wurden sie erschossen. Der erste Tote war noch im Komotauer Stadtgebiet am Weinberg, ein Arbeiter der Mannesmann-Röhrenwerke, namens Weiß aus Komotau II … Wie wir durch Görkau und andere Ortschaften marschierten, eröffneten die uns begleitenden tschechischen Soldaten eine wilde Schießerei gegen die Häuser. Kein Einwohner durfte sich an seinem Fenster blicken lassen, sonst mußte er es mit dem Tode bezahlen. Unterwegs sollen nach Schätzungen von den am Ende des Zuges Marschierenden über 70 Mann in qualvoller Weise ihr Leben gelassen haben …“23

Dies sind nur einige ganz wenige Beispiele aus dem Schicksal von Millionen.

Die Austreibung der Deutschen vollzog sich in fünf relativ deutlich abgrenzbaren Phasen24:

Bis zum 5.5.1945 erfolgte die Mitnahme einzelner Personen in Trecks von Schlesien und den Kolonnen der zurückweichenden Wehrmacht, vor allem aus dem Kampfgebiet im Osten des böhmisch-mährischen Kessels.

Zwischen Mai und November 1945 fanden Massenaustreibungen aus gewissen Sprachinseln und Randgebieten durch tschecholowakische Verwaltungsbeamte und die „Revolutionsgarde“ (paramilitärische Organisation) bei gleichzeitigem Massenterror statt.

Von November 1945 bis Januar 1946 bemühten sich zahlreiche Personen, das Gebiet angesichts der bekannten Potsdamer Beschlüsse und des anhaltenden Terrors in Einzelfluchtaktionen zu verlassen, sofern trotz der Konzentration in Lagern, des Reiseverbots und der Jahreszeit Möglichkeiten dazu vorlagen.

Zwischen dem 19.1. und dem 27.11.1946 verließen insgesamt mehr als 1.000 Eisenbahntransporte mit durchschnittlich jeweils 1.200 Sudetendeutschen ihre Heimatgebiete. In diesem Zeitraum und Vorgang lag der Schwerpunkt der Vertreibung.

Nach dem November 1946 fanden nur mehr einzelne Transporte, später nur noch „Familienzusammenführungen“ und schließlich sogenannte „Aussiedlungen“ statt. Alle diese Phasen waren mit Hekatomben von Leid und Elend für die Betroffenen verbunden, wenn sie überhaupt überlebten.

Nur wenige Deutsche verblieben als Restgruppe in der Tschechoslowakei. Die tschechischen Kommunisten untersagten ihnen die Betätigung im Sinne des Deutschtums, verboten deutsche Schulen, Kirchen und die Ausübung deutschen Brauchtums. In den folgenden Jahren kämpften manche Deutsche erfolgreich um eine Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland. In jenen Familien, wo Tschechen und Deutsche sich vermischt hatten, starb das Deutschtum mit der jungen Generation zumeist aus.

Immerhin wurde 1968 in einem Gesetz „Über die Stellung der Nationalitäten in der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik“ zum ersten Male wieder das Vorhandensein einer deutschen Minderheit erwähnt – eines der wenigen Ergebnisse des Prager Frühlings, die nach Niederschlagung der Revolution nicht beseitigt wurden. Der Umfang der Minderheitenrechte blieb freilich gering. Immerhin gehörten die Herausgabe einiger deutscher Zeitungen und Zeitschriften und deutschsprachiger Unterhaltungsveranstaltungen dazu.

Jenseits der Grenze aber pflegte die sudetendeutsche Landsmannschaft mit Energie und Ausdauer das Erbe der Heimat systematisch weiter. Zu den sudetendeutschen Kulturpreisträgern in der Bundesrepublik Deutschland zählten u. a. seit 1949 Erwin Guido Kolbenheyer, Herbert Cysarz, Bruno Brehm, Emil Maerker, Josef Mühlberger, Gertrud Fussenegger, Karl Anton Prinz Rohan, Otfried Preussler, um nur aus der langen Reihe die bekanntesten Schriftsteller zu nennen.

In mehreren Verträgen hat die Bundesregierung den Versuch gemacht, das deutsch-tschechische Verhältnis auf eine neue Basis zu stellen. Das Entgegenkommen lag jedoch in erster Linie auf deutscher Seite. Nachdem die Tschechoslowakei die Herrschaft des Kommunismus abgeschüttelt hat, ist es mit dem neuen Staatspräsidenten Vaclav Havel und seiner Regierung zu intensiven Verhandlungen gekommen. Am Ende stand im Frühjahr 1992 allerdings ein Vertrag, den die meisten vertriebenen Sudetendeutschen nicht gutheißen, weil er das Vertreibungsrecht festschreibt und auch keine Ansätze für Rückgabe oder Entschädigungen deutschen Vermögens enthält. Da eine dauerhafte Aussöhnung zwischen den Völkern aber auf der Basis des Rechts und der historischen Wahrheit erfolgen muß, scheint auch in dieser Frage – ähnlich dem Vertrag mit Polen – das letzte Wort noch nicht gesprochen.

1Vgl. dazu beispielhaft Hellmut Diwald: Geschichte der Deutschen. Frankfurt am Main/Berlin/Wien 1978, insbesondere 5.234: „Die gänzlich urdoktrinäre, auf das jeweils Mögliche, das rein Pragmatische abgestimmte Außenpolitik Hitlers bleibt eine Tatsache –bis zum Einmarsch der deutschen Truppen in die Rest-Tschechoslowakei, dem ersten Akt einer Politik zwischen Einsichtslosigkeit und Aussichtslosigkeit, die das ganze Jahr 1939 erfüllte.“ Diwald steht damit leider relativ alleine im Bereich der etablierten Geschichtswissenschaft, die – vor allem beeinflußt von Karl-Dietrich Erdmann und Andreas Hillgruber – eine Kontinuität und Zwangsläufigkeit bei Hitler allein in seinen in „Mein Kampf“ geäußerten Lebensraumvorstellungen sehen will. Wie sehr sie damit indes einer Fehlinterpretation unterliegen, hat zuletzt Rainer Zitelmann eindrücklich herausgearbeitet (in: Hitler, Selbstverständnis eines Revolutionärs, Stuttgart 1989).

2Dazu Alfred Schickel: Die Deutschen und ihre slawischen Nachbarn. Materialien zur Ostkunde. München/Berlin 1985, S. 39–55: „Die deutsch-tschechischen Beziehungen von 1918/19 bis zur Gegenwart“, insbesondere S. 39-42 und 115f.

3Hellmut Diwald: Geschichte der Deutschen, a.a.0., S. 236. Zum „Frieden“ von St. Germain vgl. auch den Beitrag von Erwin Hölzle: Saint Germain. Das Verbot des Anschlusses, in: Gesamtdeutsche Vergangenheit. Festgabe für Heinrich Ritter von Sbrik zum 60. Geburtstag, München 1938, S. 400-414.

4Dirk Kunert: Hitlers kalter Krieg. Moskau, London, Washington, Berlin: Geheimdiplomatie, Krisen und Kriegshysterie 1938/39. Kiel 1992, S. 286.

5Ebd., S. 255.

6Beispielsweise Karl-Dietrich Erdmann (in: Deutschland unter der Herrschaft des Nationalsozialismus 1933-1939 (Gebhard. Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 4, §§ 541-69), München 1980, S. 245): „Es ist unbestreitbar, daß die große Mehrheit in beiden Ländern in dieser Stunde und in dieser Sache Hitler zustimmten …“ Anders sieht die Bewertung nur noch in Österreich selbst aus; solche zweckgerichtete Fehlinterpretation beruht auf den beiden legitimationsnotwendigen Lebenslügen der Republik Österreich: 1. daß Österreich eine eigene Nation sei, und 2. daß Östereich das erste Opfer deutscher Aggressionspolitik gewesen sei. Vgl. dagegen den knappen, aber umso fundierteren Beitrag des Insbrucker Historikers Rolf Steininger, der in diese innerösterreichischen Konflikte nicht verstrickt ist (Der Anschluß Österreichs – Stationen auf dem Weg zum März 1938, in: Aus Politik und Zeitgeschichte,9/1988, S. 255-276.)

7Abdruck der Rede Henleins und der Forderungen in: Reinhard Pozorny: Wir suchten die Freiheit. Schicksalsweg der sudetendeutschen Volksgruppe. Vlotho 1978, S. 256f. In diesem Band findet sich überhaupt eine gute Darstellung des Kampfes der Sudetendeutschen um Selbstbestimmung aus sudetendeutscher Sicht, die indes durch umfangreiche Zitate und Quellenabdrucke hervorragend ergänzt wird.

8Vgl. ebd., S. 264-266.

9Dirk Kunert: Hitlers kalter Krieg, a.a.0., S. 277. Zum gesamten Komplex der Sudetenfrage vgl. ebd., S. 277-295.

10Zum Komplex der abgehörten Telefongespräche durch das Forschungsamt vgl. David Irving: Das Reich hört mit. Görings „Forschungsamt“: Der geheimste Nachrichtendienst des Dritten Reiches. Kiel 1989, insbes. S. 71-75. Auf den Seiten 141-171 finden sich die Wortprotokolle der abgehörten Telefongespäche tschechoslowakischer Spitzenpolitiker vor dem Münchner Abkommen.

11Dazu die hervorragende Darstellung von Alfred Schickel: Die Geheimaktion des Eduard Benesch, in: Das Ostpreußenblatt, Nr. 39, vom 24.9.1988.

12Reinhard Pozorny: Wir suchten die Freiheit, a.a.0., S. 351f.

13ebd., S. 353-362.

14ebd., S. 362-372.

15ebd., S. 278-280.

16Hellmut Diwald: Mut zur Geschichte. Bergisch-Gladbach 1986, S. 280.

17Abgedruckt in der Studie von Ortfried Kotzian: Die Sudetendeutschen – Eine Volksgruppe im Herzen Europas. Bonn 1989.

18Bundesminister für Vertriebene (Hrsg.): Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei, dtv-Verlag, München 1985, 2 Bd., 1. Beiheft.

19ebd., S. 25ff.

20ebd., S. 28f.

21ebd., S. 36

22ebd., S. 405

23ebd., S. 412f.

24Vgl. dazu auch die Studie von Fritz Peter Habel und Helmut Kistler: Deutsche und Tschechen 1848-1948. Verlagshaus Sudetenland, München 1985, S. 34f. Nachwort des Verlages.

Autor: Markus Klein
Titel: Nachwort
Erstveröffentlichung in: Hans Krebs / Emil Lehmann: Sudetendeutsche Landeskunde, Kiel: Arndt Verlag 1992, überarbeitete Neuauflage, S. 221-247
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016080
URL: https://scholien.wordpress.com/2016080-2/