Grosser Chronist

„Ich habe mein ganzes Leben an etwas gehängt, was es nicht gibt: Preußen.“
(August Scholtis)

Hans Lipinsky-Gottersdorf

Hans Lipinsky-Gottersdorf

„Dieser Kerl kann erzählen und schreiben wie die Russen, er ist streitbar und trinkfest wie ein echter Oberschlesier“, so charakterisierte Herbert Hupka Hans Lipinsky-Gottersdorf 1979 in einer Laudatio. Es war dies nicht die einzige Ehrung, die ihm in seinem schriftstellerischen Leben widerfahren war: Die lange Liste reicht vom Literaturpreis der Deutschen Hochseefischerei 1957, der Ehrengabe der Bayrischen Akademie der schönen Künste 1966, der Ehrengabe Gryphiuspreis 1967, dem Eichendorffpreis 1970, über den Kulturpreis Schlesien 1977 bis hin zu etlichen weiteren Preisen bei Hörspiel- und Erzählwettbewerben; und dennoch blieb ihm die durchgreifende Anerkennung im deutschen Kulturbetrieb versagt. Nicht von ungefähr, denn Lipinskys Standort war eindeutig und er wurde nicht müde, ihn zu betonen: „Die Beschäftigung mit den ostmitteldeutschen Grenzland-Literaturen ist ein heilsam ernüchterndes Korrektiv zu den Träumen von konfliktfreien multikulturellen Gesellschaftmodellen.“

Am 5. Februar 1920 wurde er in Oberschlesien, in Leschnitz, am Fuße des Annabergs geboren. Aufgewachsen an der Prosna und im pommerschen Stolp, war er als gelernter Landwirt dazu bestimmt gewesen, den Familienbesitz Gottersdorf zu übernehmen. Doch Krieg, Lazarett und Vertreibung ließen diese Zukunft vergehen. 1947 blieb er, mehr durch Zufall denn durch Bestimmung, in Köln hängen, in jener Zeit, als Hunderttausende quer durch Deutschland zogen und auf Arbeit, Heim und Zukunft hofften. Dort schlug er sich durch als Gleisbauarbeiter und Kranführer, bis er 1950, nunmehr dreißigjährig, zu schreiben begann. Was er schrieb, waren Erzählungen, die sich durch ihre Kraft und Lebendigkeit auszeichneten, die bewiesen, daß Hans Lipinsky-Gottersdorf in Wahrheit ein großer Chronist war, ein Chronist jenes preußischen Oberschlesiens und seiner Menschen, die in einem national unerlösbaren Zustand zwischen Polen und Deutschen lebten. Dieses Identitätsproblem der nicht erst seit 1945 entorteten Oberschlesier löste er auf durch Erzählung, Erzählung jener oberschlesisch-preußischen Wahrheit, die sich ergibt, wie er einmal schreiben sollte, „sobald man die deutschen und die polnischen Bemühungen um nationale Eindeutigkeiten gleichermaßen zum Teufel schickt. Was dann übrigbleibt, ist ein schwer zu assimilierender Mischstamm aus ,Resten einer schwarzkroatischen Urbevölkerung aus den Zeiten des großmährischen Reichs, … deutscher Bauernsiedler im 12.Jahrhundert und den Fußkranken jener böhmischen, ungarischen und polnischen Heerhaufen… Dieser Mischstamm, schon im 16. Jahrhundert Wasserpolacken genannt, dürfte sich in seinen Dörfern kaum jemals gefragt haben, ob er nun deutschen oder polnischen Ursprungs sei.“

Neben den unzähligen Erzählungen ist es vor allem der erste Band der ursprünglich so geplanten Trilogie der „Prosna-Preußen“, der den Oberschlesiern jeder Zunge ihre Identität wiederzugeben vermag. Dieses leider unvollendete Werk ist nicht nur, wie August Scholtis einmal meinte, „der wichtigste Roman aus Schlesien seit dem Ende des Ersten Weltkrieges“, er ist für die Deutschen am Wendepunkt ihrer Geschichte, an dem Mitteleuropa wieder sein Recht fordert, überhaupt eines der wichtigsten Zeugnisse mitteleuropäischer Wahrheit. Für ihn gilt, was Lipinsky über den – ebenso verdrängten und vergessenen – bosnischen Literaturnobelpreisträger Ivo Andric gesagt hat: „Die Erneuerung Europas, wenn es denn eine solche geben sollte, wird aus solchem Geiste kommen.“ Es ist vor allem Lipinskys Bereitschaft, das Schicksal (auch das Verhängnis) anzunehmen, die ihn – wie auch Andric – zum, Dichter des Überdauern allen Übels und allen Elends durch die innere Kraft und Gelassenheit der Völker des Ostens gemacht hat.

Die Schatten, die über deren Geschichte lagen, lichten sich; sie völlig zu verdrängen, dazu kann das Werk, Lipinsky-Gottersdorfs uns helfen. Er hat auch sein Schicksal angenommen, ohne mit ihm zu hadern: weder, mit der Vertreibung in den ihm so fremden liberalen Westen, noch mit seinem Tode. Er starb am 3. Oktober im ruhigen Bewußtsein seines archaischen Christentums. Das von ihm meistverwendete Zitat findet sich in der Bibel unter den heute so mutwillig verdrängten Weisheiten Salomons, da wo der Mensch sich Auge in Auge mit sich selbst befindet, „mit den eisenharten und unabänderlichen Wahrheiten der eigenen Geschichte“, wie Lipinsky es. formulierte: „Was geschieht, das ist zuvor geschehn, und was geschehn wird, ist auch zuvor geschehen: Gott sucht wieder auf, was vergangen ist.“ Sucht man einen Zugang zu dem umfangreich hinterlassenen Werk und seiner Person, hier dürfte er, liegen.

Autor: Markus Klein
Titel: Grosser Chronist
Untertitel: Zum Tode von Hans Lipinsky-Gottersdorf
Erstveröffentlichung: 1991
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2014021
URL: https://scholien.wordpress.com/imprimatur/besprechungen-und-anmerkungen/0712-2/
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