Er kennt alle Figuren seiner Romane

Der oberschlesische Preuße und Schriftsteller Hans Lipinsky-Gottersdorf vollendet das 70. Lebensjahr

Im Osten von Köln – wo sonst als im Osten kann er überhaupt leben, und sei es auch nur in dem von Köln – feiert der oberschlesische Schriftsteller Hans Lipinsky-Gottersdorf seinen 70. Geburtstag. Geboren wurde er am 5. Februar 1920 in Oberschlesien, in Leschnitz, am Fuß des Annabergs, dessen Bedeutung für Deutsche wie für Polen erst kürzlich wieder ins Gedächtnis zurückgerufen wurde.

Das preußische Schlesien war eine sonderbare, in mancher Hinsicht einzigartige Provinz. Ich bin dort als ein Preuße zur Welt gekommen …“ schreibt er selbst, und Preuße ist er sein ganzes Leben lang geblieben. Ein Preuße aus Oberschlesien, dieser Provinz von Deutschen und Polen, denen allein Preußen mit seiner Staatsidee gestattete, mit eigener Identität zu existieren. Gleichermaßen gestattete das Deutschtum, ebenso wie das Polentum, den Oberschlesiern eben nicht, was ihnen Preußen gewähren konnte, und so blieb Lipinsky-Gottersdorf sein Leben lang seinem Idealbild eines alle Völker vereinenden Preußentums treu, auch wenn er jetzt im seit jeher dem deutschen Osten mit Unverständnis begegnenden Rheinland lebt. „Ich bin ein Preuße und hier fremd. Ich möchte es bleiben dürfen.

Aufgewachsen an der Prosna und im pommerschen Stolp, war er als gelernter Landwirt dazu bestimmt gewesen, den Familienbesitz Gottersdorf zu übernehmen. Doch Krieg, Lazarett und Vertreibung ließ diese Zukunft vergehen. 1947 blieb er, mehr durch Zufall denn durch Bestimmung, in Köln hängen, in jener Zeit, als Hunderttausende quer durch Deutschland zogen und auf Arbeit, Heim und Zukunft hofften. Dort schlug er sich durch, als Gleisbauarbeiter und Kranführer, bis er 1950, nunmehr dreißigjährig, zu schreiben begann.

Was er schrieb waren Erzählungen, die sich durch ihre Kraft und Lebendigkeit auszeichnen, die beweisen, daß Hans Lipinsky-Gottersdorf in Wahrheit ein großer Chronist ist, ein Chronist jenes preußischen Oberschlesiens hauptsächlich und seiner Menschen, aber auch anderer Geschehnisse seiner Zeit. Man merkt seinen Figuren an, daß er sie alle, ausnahmslos alle, kennt, gesehen und erlebt hat. Hier ist nichts gekünstelt, nichts beschönigt und herbeigeredet. Für Preußen bedeutet er dasselbe, was vordem August Scholtis, und vor diesem Theodor Fontane bedeuteten: Liebende Kritiker und gerade darum so unvergleichlich vorteilhaft für den Rückblick auf dieses Gebilde, dem weder Vergötterung noch Rufmord gerecht werden können.

Lipinsky-Gottersdorf ist sich in allen seinen Erzählungen und Romanen treu geblieben, angefangen mit der „Wanderung im dunklen Wind“ 1953, dem großen Erfolg „Fremde Gräser“ 1955, „Gesang des Abenteuers“ 1956, „Finsternis über den Wassern“ 1957, „Stern der Unglücklichen“ 1958, „Ende des Spiels“ 1960, über „Wenn es Herbst wird“ 1961, „Vorweihnachtszeit“ 1970, „Pferdehandel“ 1975, „Der Sprosser schlug am Pratwa-Bach“ 1984 und zuletzt „Krähen im Februar“ 1989, bis hin zu seiner unübertroffenen, die gesamte Geschichte Oberschlesiens erfassenden Trilogie „Die Prosna-Preußen“, deren ersten Band er 1968 vorgelegt hat und deren zweiter Ende diesen Jahres erscheinen soll.

Ergänzt wird diese Bibliographie durch den Erzählungsband „Feindliche See“, Geschichten, mit denen er unter anderem den Literaturpreis der Deutschen Hochseefischerei 1957 errang, sowie unzähligen Beiträgen in Anthologien, Zeitschriften und Zeitungen.

Wenn er auch im Lauf der Zeit etliche weitere Ehrungen erfuhr, die Ehrengabe der Bayrischen Akademie der Schönen Künste 1966, die Ehrengabe Gryphiuspreis 1967, den Eichendorffpreis 1970 sowie den Kulturpreis Schlesien 1977 der Landesregierung Niedersachsen, so wird er im Kulturbetrieb der Bundesrepublik doch leider unter Gebühr zur Kenntnis genommen.

Autor: Markus Klein
Titel: Er kennt alle Figuren seiner Romane
Untertitel: Der oberschlesische Preuße und Schriftsteller Hans Lipinsky-Gottersdorf vollendet das 70. Lebensjahr
Erstveröffentlichung in: Das Ostpreußenblatt, (41) Folge 5 vom 3. Februar 1990, S. 11
Parallelveröffentlichung in: Der Schlesier, (42) Nr. 6 vom 5.2.1990, S. 13
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016054
URL: https://scholien.wordpress.com/0713-2/