Reflektierender Historiker – Zum Tode von Thomas Nipperdey

Saper aude“ hat er einst als sein Motto angegeben, und getreu dieser Devise bestand sein ganzes Lebenswerk darin, den Eigensinn der Geschichte gegen die „beckmesserische“ Besserwisserei, Rechthaberei und den Eifer der Moralisten und ihren Absolutismus zu verteidigen. Dahinter stand als Hauptcharakterzug das Zweifeln, und mittels der ihm eigenen Neugier und Skepsis, die zugleich seine Lust an der Geschichtswissenschaft der Nachkriegszeit einsam dastehendes Lebenswerk, das durchaus mit.den überragenden Leistungen des neunzehnten Jahrhunderts verglichen werden kann.

Es ist vor allem seine große Trilogie des deutschen Bürgertums, „Deutsche Geschichte„, deren dritter und abschließender Band gerade im Druck ist, die ihm eine umfassende Anerkennung und Bewunderung geschaffen hat und für die er am 19. November 1992 den diesjährigen Preis des Historischen Kollegs, den angesehensten deutschen Historikerpreis, verliehen bekommen sollte. Darin offenbart sich sein weises und ironisches Urteil, aufgrund dessen Gustav Seibt ihn einmal als „Brummbär deutscher Geschichtswissenschaft“ bezeichnet hat, das aber zugleich seinen historischen Respekt vor unserem Erbe unterstreicht. Indes ist dieses Monumentalwerk nur ein Aspekt des Historikers Nipperdey, der seiner Zunft zeitlebens und unmißverständlich nahelegte, in den Theoriedebatten immer die Position eines reflektierenden Historismus gegen den strukturgeschichtlichen und sozialwissenschaftlichen Paradigmenwechsel zu vertreten.

Thomas Nipperdey wurde am 27. Oktober 1927 in Köln als Sohn des berühmten Juristen Hans Carl Nipperdey geboren, der maßgebend die Entwicklung des modernen Arbeitsrechts beeinflußt hat. So war ihm die bürgerliche Bestimmung ein väterliches Erbe, wenn auch seine Schwester Dorothee Sölle zu seinem Leidwesen andere Wege beschreiten sollte. Nach einem Studium in Göttingen, Cambridge (von wo er seine Bewunderung für England mitgebracht hatte) und Köln promovierte er beim Altmeister Theodor Schieder mit einer Arbeit über den jungen Hegel. Im Gegensatz zu den gleichaltrigen anderen Schülern Schieders wurde Nipperdey von der Geschichtstheorie und der Philosophie geprägt, stieß er darauf, daß es darauf ankomme, „durchdachte Geschichte“ festzuhalten. So wurde er zum Erben Rankes und zugleich Fontanes in diesem Jahrhundert, der sein großes Werk mit einer Habilitation über die deutschen Parteien vor 1918 begann.

Während seiner Professuren in Karlsruhe, Berlin und seit 1972 in München nutze er zunehmend seinen Einfluß im Fach zur Wirkung auf die Öffentlichkeit. Dies begann mit dem Vorsitz des „Bundes Freiheit der Wissenschaft“ zu einer Zeit, da die späteren Kerenskis seines Faches noch liebedienernd ihre eigene Legitimation untergruben, und steigerte sich zum bewußten Kampf gegen die moralisierte Vergangenheit und damit den Raub an unserer Geschichte. „Wir müssen den vergangenen Generationen das zurückgeben, was sie einmal besaßen, so wie jede Gegenwart es besitzt: die Fülle der möglichen Zukunft, die Ungewißheit, die Freiheit, die Endlichkeit, die Widersprüchlichkeit“; das war seine Forderung im Jahre 1978, als er für eine gegen eine zwangsläufige Kontinuität in der deutschen Geschichte plädierte und damit eigentlich den späteren „Historikerstreit“ schon vorwegnahm (1933 und die Kontinuität in der deutschen Geschichte, in: Historische Zeitschrift, Bd. 227, H. 1 [Aug., 1978], pp. 86-111). Er hatte begriffen, wie wichtig die Identität, die sich nur historisch verstehen läßt, für das Dasein ist, und wie schädlich die automatische Gleichsetzung unserer Identität mit dem Nationalsozialismus ist. In der daraus entstehenden Geschichtslosigkeit sah er den Grund für die Unausgeglichenheit der Deutschen und die Flucht deutscher Intellektueller in Utopien und Modeströmungen. Dem aber, und das führt zurück auf seinen Ansatz, den er in seinen meisterhaften Aufsätzen und Werkstücken offenbart, läßt sich nur mit der Geschichte begegnen, denn aus ihr „erfahren wir, wie bedingt und abhängig die Menschen sind, wie brüchig die Sicherheiten, wie unlösbar die Widersprüche, wie hart sich die Realitäten gegen alles Wünschen und Wollen sich durchsetzen. Wir erfahren die Endlichkeit des Menschen. Das macht skeptisch gegen das Heilspathos des Fortschritts wie das Nostalgiepathos der Vergangenheit.

Am 14. Juni 1992 ist Thomas Nipperdey nach langem, schwerem Leiden verstorben. Bis zuletzt hat er mit seiner tödlichen Krankheit um die Vollendung seines Lebenswerkes, aber auch gegen die selbsternannten Tugend- und Wahrheitsrichter gerungen zur Ehrenrettung seines Faches. Als Persönlichkeit vorbildlich und für seine Angehörigen und Schüler unverzichtbar, war er es auch für die Geschichtswissenschaft in Deutschland.

Autor: Markus Klein
Titel: Reflektierender Historiker
Untertitel: Zum Tode von Thomas Nipperdey
Erstveröffentlichung: 1992
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2014020
URL: https://scholien.wordpress.com/imprimatur/besprechungen-und-anmerkungen/0718-2/
Advertisements