„Stuttgart 21“ als Modellfall – Gastkommentar

„Vision Bahn 21“ und der ÖPNV

Die Bahnhöfe wieder zum Zentrum zu machen, zu einer „Erlebniswelt mit Gleisanschluß“ – das ist nach den Worten von Heinz Dürr die „Grundidee“ seiner „Vision Bahn 21“. Zur Verwirklichung gelte das Konzept, „auf regionaler Ebene strategische Allianzen mit den Kommunen einzugehen“, denn durch regionale Partnerschaft werde eine umfassende Stadtentwicklung möglich. Der Vorstandschef der Deutschen Bahn AG führt als „bestes Beispiel“ dafür das vielbeachtete Projekt „Stuttgart 21“ an. Grund genug, sich den dafür unlängst unterzeichneten Rahmenvertrag einmal anzusehen.

Das Gesamtkonzept besteht aus einer Tieferlegung des Hauptbahnhofes und der Untertunnelung der Zulaufstrecken im Stadtgebiet. Ausgelöst wurde dieses Projekt, das so schon einmal in den dreißiger Jahren geplant und wegen Unrentabilität ad acta gelegt worden ist, durch anstehende Investitionen im Bereich des heutigen Hauptbahnhofes von annähernd 3 Mrd. DM, die allein von der nunmehr privaten, gewinnorientierten Bahn aufgebracht werden müßten. Doch Gewinnstreben gebiert Phantasie. Flugs wurde der „zukunftsweisende“ Plan aus der Taufe respektive Vergangenheit gehoben. „Nur“ rund 4,9 Mrd. DM solle das einzigartige Prestigeobjekt kosten (Zahlen vom Januar 1993), von denen die Bahn großzügig 2,175 Mrd. durch den Verkauf der frei werdenden Fläche im Zentrum der Stadt erbringen wolle (mit Haftungsrisiko für die Stadt!). Das sei eine phänomenale „Finanzierung des Projekts aus sich selbst heraus“ – ein Argument, dem sich die Vertreter der Stadt und des Landes nicht verschließen konnten. Auch der Träger des ÖPNV, der Verband Region Stuttgart, war der Ansicht, daß die von der Bahn AG errechnete verkehrspolitische Aufwertung der Region unbedingt eine Finanzspritze von über 1 Mrd. DM aus Nahverkehrsfördermitteln verdiene. Schließlich bot die Deutsche Bahn AG als Gegenleistung für die der Region in den nächsten fünfzehn Jahre zugedachten Mittel derselben im geplanten Durchgangsbahnhof für den ausschließlich auf Radiallinien beruhenden ÖPNV die exklusive Nutzung von je einem Bahnsteig in jede der beiden Richtungen an!

Daß die DB AG mittels des neuen Bahnhofes eine Angebotssteigerung von bis zu 50 % erreichen kann, ist durchaus glaubhaft; schließlich hat der heutige Kopfbahnhof vor dreißig Jahren einmal die dreifache Anzahl an Zugbewegungen erlebt. Wo aber eine 80-prozentige Steigerung für den Regionalverkehr herkommen soll (selbst bei nochmaliger Zählung der 50 % beim Fernverkehr), ist ein Geheimnis, das wohl nur die DB AG bzw. deren Marketingprofis erklären können.

Hinter den Plänen der DB AG stehen eindeutig rein wirtschaftliche Interessen. Um diese zu realisieren, ist sie selbst auf eine Anbindung an den ÖPNV angewiesen. Im Interesse der Region aber wäre es, ein davon unabhängiges, bedarfsorientiertes Nahverkehrskonzept zu erstellen und mit dem für das Projekt „Stuttgart 21“ verplanten Geld so weit als möglich zu realisieren.

Was die DB AG den Kommunen mit ihrer „Vision Bahn 21“ anpreist, nutzt den Aktionären und vielleicht dem Fernverkehr. Der ÖPNV jedoch kann nur verlieren, solange er sich lediglich als Mitfinanzierer über den Tisch ziehen läßt.

Autor: Markus Klein
Titel: „Stuttgart 21“ als Modellfall – Gastkommentar
Untertitel: „Vision Bahn 21“ und der ÖPNV
Erstveröffentlichung in: Straßenbahn-Magazin 1/96, S. 6
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2014027
URL: https://scholien.wordpress.com/imprimatur/besprechungen-und-anmerkungen/2014027-2/