Hans Lipinsky-Gottersdorf: Preußen und sein Kadett

Zwei Begegnungen mit Ernst von Salomon

Ernst von Salomon, als Schriftsteller von hohem Rang und permanenter Rebell engagierter Zeuge für jenen permanenten Bürgerkrieg, der das Gesicht unseres Jahrhunderts gezeichnet hat und voraussichtlich weiter zeichnen wird: ich bin ihm zweimal begegnet, und es war jedesmal einprägsam genug, ihn für immer im Gedächtnis zu behalten.

Ich erinnere mich mit großer Deutlichkeit an jenes Mittwochsgespräch Anno 1951. Im Wartesaal 1. Klasse zu Köln. Der rührige Bahnhofsbuchhändler Ludwig hatte anläßlich des Erscheinens des „Fragebogens“ zur Diskussion geladen und alle drei, Autor, Verleger und Publikum waren gekommen – letzteres in überwältigender Menge und obwohl es ein rheinisches Publikum war, für diesmal nicht mit dem festen Vorsatz, sich aufs Beste zu amüsieren. Eingeklemmt zwischen unruhigen Nachbarn im unruhig brodelnden, überheizten Saal, hatte ich die seltene Gelegenheit, einen Preußen zu beobachten, der dem Gegner nicht nur im Sinne eingedrillter Dienstvorschrift die Stirn, sondern, ohne dadurch an Selbstachtung verlieren zu müssen, zugleich auch die Kehrseite bieten kann. Vom Diskussionsleiter im Stich gelassen und auf sich selbst gestellt, hatte Salomon, um den notwendigen Überblick zu gewinnen, sich auf den breiten, marmornen Spiegelsims geschwungen, saß dort und war also zweimal im Raum. Mir ist vor allem sein Rücken im Gedächtnis geblieben, sehr gerade und massig unter dem faltenlosen weißen Hemd, außerordentlich selbstbewußt …

Was alles ihm damals entgegengeschleudert wurde, ich weiß es mit einer Ausnahme nicht mehr genau. Jedenfalls entstammte es dem Arsenal einschlägiger Argumente, aus dem noch dieser und jener Nachrufverfasser nach Salomons Tod mißvergnügte Zeilen speiste. Vorgeblicher Antisemitismus des Rathenau-Mörders, zynisches Ignorieren grausiger Abgründe, hochmütige Verachtung westlicher Sieger- und Lebensart. Was mir im Gedächtnis geblieben ist, begann mit der Wortmeldung eines scharf bebrillten Herrn in grauem Straßenanzug. Ihm sei, sagte der Herr, als besonders empörend erschienen, daß der Verfasser des „Fragebogens“ statt ein unmißverständliches Schuldbekenntnis abzugeben, in gänzlich unangebrachte Ironie verfallen sei. Denn dazu sei jetzt nicht die Zeit. Sie, die Zeit, und er, der bebrillte Herr, forderten den Herrn von Salomon vielmehr energisch dazu auf, endlich Farbe zu bekennen.

Seine Farben, sagte Salomon, seien bekanntermaßen Schwarz und Weiß. Und in der Tat: seit dieser ehemalige Kadett zu schreiben begann, hat er es an einem gewiß nicht fehlen lassen: am Mut, Farbe zu bekennen. Er hat das mit jedem seiner Bücher getan, keineswegs zuletzt mit dem „Fragebogen“, der damals zur Rede stand. Der Fragebogen nämlich, der eigentliche, von den linksliberalen Frankfurter Schulmeistern verantwortete Fragebogen, war durchaus kein, wie man heute noch beschönigend lesen kann, „in seiner naiven Wissenschaftsgläubigkeit fast rührendes Unternehmen“. Es war, was da fordernd auf den Tischen und den Gemütern der Besiegten lag, ein unverfrorener Griff nach lebendigen Seelen: liberales Denken offenbarte seine ihm eingeborene totalitäre Komponente. Und natürlich hatte der Größenwahn, der da Weltgeschichte zu zensieren suchte mit den Mitteln eines psychoanalytischen und politologischen Seminars, auch Komisches. Ironie und Sarkasmus mußten sich von selbst einstellen, wenn dem mit gebotener Sachlichkeit begegnet wurde.

Man hielt Salomon für dies und jenes und, zusammengenommen, für eine, so wörtlich: „Vieldeutig schillernde, nirgendwo recht festzulegende Persönlichkeit“. Das dürfte ihm freilich niemals besonders nahe gegangen sein, teilte er doch dies Schicksal mit jenem Staatswesen, zu dem er sich zeitlebens bekannte: der untergegangenen Potsdamer Militärmonarchie. Das Volk der Dichter und Denker hat niemals so recht billigen und begreifen wollen, daß Preußen sich damit begnügte, nur Staat und nichts anderes als Staat zu sein. Was Wunder, daß preußische Obrigkeiten, vom König bis zum letzten Setzschulzen im Kreise Marggrabowa am preußischen Kältepol, die deutschen Dichter und Denker ihrerseits in einer Art behutsamen Argwohns beäugten.

Die sogenannte Grundfrage unseres Jahrhunderts „Kapitalismus oder Sozialismus“ etwa zielte an dem Zögling des preußischen Kadettenkorps schlichtweg vorbei; in der Wertordnung, auf die hin man ihn dort zurechtgestutzt hatte, war sie nicht vorgekommen. Dem permanenten Rebellen aus dienst- und militäradliger Tradition ging es – nachzulesen in dem nicht zufällig so frisch gebliebenen Essay „Nahe Geschichte“ von 1935, dessen Gedanken noch in dem nachgelassenen Romantorso „Der tote Preuße“ nahezu unverändert wiederkehren – es ging ihm um den Staat, nicht übrigens als ein ins riesenhafte aufgeblähtes Wohlfahrtsamt, sondern um den Staat als eine nur der eigenen Ordnung, dem eigenen Gesetz verpflichteten Institution.

Dies war das mit niemals nachlassender Leidenschaft umkreiste Zentrum seines Denkens und seines Schreibens. Es hat ihn noch im Zuchthaus sich von dem völkischen Fanatismus seiner nationalbolschewikischen Kameraden lösen lassen. Es hat ihn von dem rassistischen Größenwahn und der höhnischen Gesetzesverachtung des nationalen Sozialismus brauner Prägung ebenso geschieden wie von dem unfrohen Eudämonismus der abendländischen Jünger des Karl Marx. Und es hat ihn schließlich daran gehindert, der preußischsten aller Versuchungen nachzugeben und mit vollen Segeln in den von grauem Treibeis bedeckten Hafen des realen, des östlichen Sozialismus einzulaufen, den er übrigens weit besser und genauer kannte und verstand als die Demokratischen Sozialisten des Westens ihn kennen und verstehen.

Wir kamen auf dieses Thema in dem mehr als zehn Stunden dauernden Gespräch, zu dem meine zweite Begegnung mit Salomon in seinem letzten Zuhause sich ausweiten sollte. „So lange“, so etwa drückte er sich aus: „So lange im Osten stets von der Gesellschaft und der Partei gesprochen werde statt vom Staat, bleibe der Hafen für einen Preußen vermint. Und es müßten wohl, fügte er hinzu, auch in der dort drüben sich neu formierenden Geschichtsepoche noch viele Generationen geboren werden und hinsterben, bis die Nachfolger des blutroten östlichen Merowingers Stalin sich zur nüchternen Klarheit eines neuen zweiten Friedrich von Hohenstaufen hinaufgedient haben könnten.“

Um eigenen Vorhabens willen hatte ich mich eingehend mit den Vorkommnissen des wilden und wirren Volkstumskampfs zu befassen gehabt, der die preußisch-wasserpolakische Provinz Provinz Oberschlesien in den Jahren des ersten Nachkriegs bis in die Grundfesten erschüttert und auseinandergerissen hat. Es war ein borussischer Totentanz, in dem seltsame Gestalten mitwirbelten: sogenannte rechtsradikale Freikorps, denen es plötzlich einfiel (Korps Roßbach), die Partei in Ratibor deutsche Industrie bestreikender Arbeiter zu nehmen, oder die ernsthaft erwogen (die Korps Oberland, Aulogk und Gogolin), ob und auf weiche Weise sie den roten Kosaken Budjonnys zu Hilfe eilen könnten, die damals an der Weichsel Pilsudskis adlige Ulanen attackierten. Die neue Teilung des soeben erst wiedererstandenen Polen lag in der Luft – neben vielen anderen schwer durchschaubaren Möglichkeiten und Unmöglichkeiten. Ich verspürte den dringenden Wunsch, mir Auskunft zu holen bei einem Manne, der damals selbst mit von der Partie gewesen war. Und ich schrieb einen Brief an Ernst von Salomon.

Wenige Tage später saß ich, eingeladen, im schönen, schlichten Arbeitszimmer zu Stöckte hinterm Deich mit dem Ausblick auf einen stillen grünen See. Auf dem Schreibpult lag aufgeschlagen eine synchronoptische Weltgeschichte, auf dem Tisch ein Band mit Fontanes originalen Kriegsberichten und eine Geschichte der Mongolen, dazu sehr viele Manuskriptblätter in Stapeln von unterschiedlicher Höhe. Der Herr dieser schöpferischen Unordnung ging mit kurzen, raschen Schritten im Zimmer auf und ab und erzählte mir, wann und warum er gerade hierher gezogen sei in die Heimat der Langobarden. Ich hatte keine Ahnung davon, daß die Langobarden einmal hier gehaust hatten. Salomon aber sprach von der Genugtuung, die ihn erfüllte, weil sich mit dieser Heimkehr die Geschichte der lom- und langobardischen Familie Derer von Salomon zum Ring geschlossen habe! – auch wenn die absurde Skepsis des Deutschen Adelsarchivs mündlichen Überlieferungen gegenüber nach naturgemäß nicht beizubringenden Beweisen verlange: es seien diese schon vorn lausigen Westfranken Chlodwig niederträchtig vernichtet worden. Dann beklagte er laut und lebhaft, daß er heutzutage der einzige Langobarde in seinen Erblanden sei und zwischen lauter dickschädeligen Obotritennachfahren hausen müsse. Es sei jedoch eine üble Verleumdung, wenn der junge Rowohlt behaupte, daß er, Salomon, seine Töchter den Führerschein habe machen lassen, um einen Vernichtungsfeldzug gegen diese Nachbarn zu beginnen.

„Ich habe nichts gegen die Obotriten“, sagte er energisch. „Gar nichts! Sie waren prächtig! Bedenken Sie, Lipinsky, was für eine Mühe man sich drüben in der welfischen Ostakademie zu Lüneburg geben mußte, den obotritischen Fürstensprößlingen beizubringen, daß selbst die fettesten Dänen nicht eßbar sind. Dabei fällt mir ein“, sagte er, „sind Sie nicht hergekommen, um sich für das Verhalten der Freikorps in Oberschlesien die preußische Erklärung zu holen?“ „Ich hörte gern mehr von den Obotriten“, sagte ich. „Das andere hat Zeit.“ „Keine Abschweifungen“, sagte Salomon streng. „Jetzt ist Preußen an der Reihe. Ich werde Ihnen etwas vorlesen, das Ihnen die gewünschte Erklärung geben dürfte.“

Er griff eine Handvoll Manuskriptblätter vom Tisch und, immerfort mit kurzen, raschen Schritten hin und her gehend, begann er zu lesen. Er las von dem uralt-europäischen Widerspruch zwischen Ost und West und daß die Grenze zwischen beiden Welten immer durch das Land und die Seelen der Deutschen gegangen sei. Er las vom Bündnis des Attila mit den Ostgoten, der ersten großen antiwestlichen Konzeption und von der dem Osten verlorenen Schlacht auf den katalaunischen Feldern. Danach las er vom blutigen innerdeutschen Treffen zwischen Chatten und Hermunduren auf Kissingens mythenumwobenen Gräberfeld. Dann war Mittagszeit; drüben im alten niederelbischen Sachsenhause aßen wir Frau von Salomons ostpreußische Krautwickel und tranken trockenen Elsässer Riesling dazu. Danach las er den Canossagang Heinrichs IV., eines Kaisers verdammte Pflicht und Schuldigkeit dem eigenen Amt und der darin keimenden Staatsidee gegenüber. Damit fertig, legte er die Blätter fort, blickte mich scharf an und sagte: „Jetzt können wir uns ein halbes Stündchen unterhalten.“

Es war vier Uhr nachmittags. Und wir unterhielten uns. Es handelte sich darum, daß im Westen die Idee der Freiheit, im Osten die der Ordnung geboren worden war. „Keineswegs zufällig“, sagte Salomon. „Bedenken Sie: im Westen herrschte die Enge. Es waren die menschenwimmelnden Straßen der Stadtstaaten des frühen Abendlandes, in denen zum erstenmal Freiheit gedacht wurde. Und der Einzelne und sein Recht wurden vom abendländischen Humanismus in womöglich noch schauderhafterer Enge formuliert.“

„Durchaus nicht zufällig“, sagte ich. „In der grenzenlosen Weite des Ostens war Freiheit, schrankenlose Freiheit immer vorgegeben. Sie brauchte nicht erträumt zu werden. Im Osten drohten die Gefährdungen ungewiß von jenseits der Horizonte her und in der eigenen Brust . Die Völker suchten Ordnung und Bindung und nahmen dafür in allen Ehren jene strengen Groß-Väter hin, die beides nach Innen und nach Außen garantieren konnten.“

„Freiheit ist eine ziemlich schwierige Aufgabe“, sagte Salomon. „Vielleicht sollte man sie preußisch als des Menschen verdammte Pflicht und Schuldigkeit definieren. Es sind hoffnungslose Utopisten. die triumphierend zusehen, wie Freiheit im Abendland zum anarchohedonistischen Revoluzzertum degeneriert.“

„Es sind“, sagte ich, „dieselben Utopisten vom WDR, die sich bis zur Maulsperre darüber verwundern, daß das osmotisch-emanzipatorische Gewächs aus dem Riesenschädel des Karl Marx auf östlicher Erde augenblicklich zur autochthonen Roten Rübe einer tyrannischen Staatslehre mutierte, die allein den totalitären Anspruch weltweiter Verbindlichkeit unverändert in sich bewahrt.“ – „Ich habe das Gefühl, daß wir uns verstanden haben“, sagte Salomon. „Und ich bin sehr neugierig, wie die Deutschen ohne ein Preußen diesen Widerspruch in sich auflösen wollen.“

Das war um Mitternacht, und dann brachte die älteste Tochter des Hauses mich im blutroten Kampf- und Familienwagen Derer von Salomon nach Winsen zum letzten Zug. „Sie sind sicherlich ganz erledigt“, sagte sie mitfühlend. „Aber er ist großartig, nicht wahr?“ „Ihr Herr Vater“, sagte ich, „ist wie der Wein aus seinem Keller – über jedes Lob erhaben.“

Und das schöne Fräulein von Salomon lachte.

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Preußen und sein Kadett
Untertitel: Zwei Begegnungen mit Ernst von Salomon
Erstveröffentlichung in: Kulturpolitische Korrespondenz Nr. 461
vom 5. Dezember 1981, S. 3-6
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016084
URL: https://scholien.wordpress.com/lizentiatur/2016084-2
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