Hans Lipinsky-Gottersdorf: Ich bin ein Preuße

Geboren 1920 am oberschlesischen Annaberg, aufgewachsen in Stolp, ab 1932 in Gottersdorf, dem alten Familienbesitz in Oberschlesien, bis 1936 Gymnasiast, sodann Landwirtschaftslehre. Aber nachher: Soldat im Kriege, nach dem es keine Heimkehr gab, Ferkelschneider in Holstein, Bau- und Fabrikarbeiter in Köln, schließlich Schriftsteller und inzwischen seit fast zwei Jahrzehnten fast ausschließlich damit beschäftigt, was um diesen Lebenslauf herum geschah und ihm seine Akzente gab, in mehr oder weniger dicke Bücher zu fassen. Warum? Welche Rechtfertigung kann es heutzutage dafür geben, sich derart Vergangenem zuzuwenden.

Ich habe eine Geschichte zu erzählen, das ist alles, und es war von Anfang an für mich nicht die Frage, ob ich das tun sollte, sondern, ob ich es schaffen würde.

Das preußische Oberschlesien war eine sonderbare, in mancher Hinsicht einzigartige Provinz. Ich will damit nicht sagen, daß sich meine Heimat über jede beliebige andere Provinz erhob. Eine jede Provinz hat ihre Besonderheiten, es kommt nur darauf an, sie herauszufinden. Das lohnt eigentlich immer, und es gibt meiner Ansicht nach kaum etwas Dümmeres als die Angst mancher Schriftsteller, für provinziell gehalten zu werden. Begibt man sich tief genug in seine kleine Welt hinein, so entdeckt man plötzlich in ihrem Besonderen alle großen Linien des Allgemeinen ‒ der Zeit. Des Schriftstellers Sache ist dann nur noch, jene Geschichte zu erzählen, sie sich aus der Wechselwirkung zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen ergibt.

In Zeiten des Umbruchs wird eine solche Geschichte immer dramatische, nicht selten tragische Züge tragen. In Oberschlesien handelte es sich um den ein halbes Jahrhundert hindurch währenden Kampf eines kleinen Stammes, der sogenannten Wasserpolacken, um ihr Recht, bleiben zu können, was und wie sie waren. Der Ausdruck Wasserpolack wird meist als Schimpfwort verwendet; ich bin ein Wasserpolack und halte das für einen Ehrentitel. Übrigens endete dieser Kampf damit, daß es die Wasserpolacken nicht mehr gibt. Sie teilen dies Schicksal mit dem Staat, zu dem sie sich bekannten, mit Preußen.

Oberschlesien war eine sonderbare Provinz, Preußen ein sonderbares Staatswesen, bei vielen reichlich unbeliebt. Aus Gründen. Preußen, man muß das zugeben, war zu seinen Lebzeiten weniger sanft als rauh, es roch nicht gerade nach großer Welt und bot anspruchsvollen Geistern außer harter Arbeit wenig Unterhaltung; minder Anspruchsvollen auch nicht viel mehr. Man kann das unter anderem bei Casanova und Fehses als pikant gerühmten Hofgeschichten nachlesen: die den Berliner Hof betreffenden verhalten sich zu, etwa, den Berichten aus Dresden oder Wien wie, etwa, das ehrbare Wochenblatt „Kirche und Mann“ zum „Playboy“ oder zum „Twen“.

Immerhin aber hatte dieses Preußen eine Gewohnheit, die von den Betroffenen als außerordentlich schätzenswert empfunden wurde: es ließ seine Untertanen sein, bleiben und glauben, was immer sie wollten, wenn sie nur taten, was sie sollten. Mit den unterschiedlichen Muttersprachen und „blutsmäßigen Herkommen“ verhielt es sich genauso: der Staat betrachtete sie mit jenem hohen Maße an Toleranz, das aus völligem Desinteresse resultiert. Dieser Tatsache eines Geborgenseins unter der kratzigen Decke preußischer Ordnung verdankte es manch slawischer Kleinstamm, manch sprachliche Misch- und “rassische Fremdgruppe“, den rasch über alle humanen Ufer bordenden Nationalismus des nachrevolutionären bürgerlichen Jahrhunderts unbehelligt überstehen zu können.

Aber Preußen verschwand anno 1871 im neuen Deutschen Reich, verschwand für immer und ließ seine Schützlinge zurück, die sich nunmehr von einer mißtrauischen Umwelt naserümpfend daraufhin untersucht sahen, ob sie sich nicht auf irgendeine Weise in eine der modern gewordenen und für gottgewollt erklärten Volkstumskategorien einordnen ließen. Hier und da gelang das, in Oberschlesien gelang es nicht; die dort ländlich behausten Wasserpolacken waren nach Sprache und Charakter zu eigenwillig, weswegen sie von den Deutschen und Polen, als den beiden Hauptinteressenten, fortan teils mit bissiger Verachtung, teils mit grimmiger Feindschaft angesehen und behandelt wurden. Die Wasserpolacken revanchierten sich dafür, indem sie deutsche Amtsvorsteher und polnische Agitatoren verprügelten, wo sich das unauffällig machen ließ, und außerdem mit erboster Treue an jenem so rätselhaft verschwundenen Staatswesen festhielten, das sie zwar manchmal mit seiner penetranten Ordentlichkeit geärgert, im großen und ganzen aber stets in Ruhe gelassen hatte. Überdies erinnerten sie sich mit überzeugender Deutlichkeit daran, um wie vieles es ihnen in jeder Hinsicht besser gegangen war, seit die preußischen Könige das bemerkenswerte Kunststück fertigbekommen und ihrem Adel seine goldenen Freiheiten gegen die schweißtreibende Ehre abgekauft hatten, dem Staat an führender Stelle dienen zu dürfen.

Als ich in Leschnitz geboren wurde, war der Volkstumskampf soeben auf einem seiner Höhepunkte angekommen, das weltverlorene Landstädtchen am Fuß des Annabergs das blutige Zentrum des polnischen Aufstands. Mein Vater stand dort beim Freikorps Gogolin. Eine meiner ersten Erinnerungen zeigt mir mit gestochener Schärfe einen verrußten Bahnhof, blakende Lichter in der Winternacht, durch die Schneeflocken wirbeln, am Bahnsteig den überfüllten Zug, in den meine Mutter, mich auf dem Arm, hineinzukommen sucht, indes irgendwo scharf und peitschend Schüsse fallen. Auch dieser „polnische Aufstand“ hatte seine Besonderheiten: es waren Preußen, die auf Preußen schossen. Der polnische Anführer Korfanty und seine Agitatoren haben in vielen Fällen Dorfschaften, die anders nicht zu gewinnen waren, dazu aufrufen müssen, im Namen des „unglücklichen und verratenen Preußenkönigs“ gegen die „Söldlinge des Roten Berlin“ anzutreten. Sie sind angetreten, grimmig entschlossen, die beleidigte Person ihres Königs blutig zu rächen. Als sie merkten, daß sie ganz und gar in die Irre gegangen waren, da war ihre Ratlosigkeit noch größer als ihr Schmerz.

Das war alles voller Widersprüche, für den Außenstehenden kaum zu verstehen. ich fand mich rasch hinein, denn auch in meiner Familie, die auf einer Reihe von Gütern im Prosnagebiet saß, wurde ausschließlich preußisch gedacht, seit sie vor mehr als zweihundert Jahren aus Glaubensgründen das Großfürstentum Litauen verlassen und hier eine neue Heimat gefunden hatte: man erkannte die preußische Ordnung und deren Tugenden als vornehmsten Maßstab an. Bis in meine Gegenwart hinein war das unverändert geblieben; freilich zeigte das alte Gefüge schon viele Zeichen des Verfalls. Nicht nur die Wasserpolacken und ihre Sprache waren unzeitgemäß geworden, auch die patriarchalisch-dominale Lebensgemeinschaft, die sich hier um hundert Jahre selbst überlebt hatte, bröckelte und löste sich auf. Die Gründe dafür lagen in der veränderten Welt, aber die Betroffenen erkannten das nicht, vielleicht konnten sie es gar nicht erkennen. Sie setzten sich zornig zur Wehr.

Wir lebten damals in Stolp, einer kühlen Stadt unter grauem Pommernhimmel; mein Vater hatte dort seinen Dienstsitz, arbeitete aber meist in Berlin, dolmetschte in Prozessen gegen den polnischen Untergrund. Wenn er von dort heimkehrte, brachte er die Unruhe der Zeit mit ins Haus. Es wurde über Politik gesprochen. Einmal fuhren wir mit dem Auto nach Gollnow, einer kleinen Stadt in der Nähe. Es gab da auf einem Hügel ein imponierendes graues Gemäuer, das Zuchthaus, in dem ein Freund meines Vaters, ein Reichswehroffizier, auf Festung saß. „Auf Festung sitzen“ war offenbar nichts Ehrenrühriges; man sprach das Wort mit nachsichtigem Verständnis aus. Im übrigen vernahm ich, daß er dort saß, weil er einen Putsch vorbereitet hatte. Auch das schien nichts Absonderliches zu sein. Putsch und Revolution waren Worte, die ich häufig zu hören bekam; sie hatten, meist von Zivilisten ausgesprochen, jedesmal einen anderen Klang. Er konnte gleichmütig sein, scharf, ablehnend oder drohend. Waren Männer in Uniform anwesend, die zum örtlichen Reiterregiment gehörten, so hielten diese sich bei solchen Gelegenheiten zurück, lächelten nur ab und zu.

In den Ferien fuhren wir heim ins Prosnagebiet, wo es in den Häusern der Verwandtschaft neben den Lebenden unübersehbar auch die Toten gab: Schatten von Männern und Frauen, saßen sie in den Gesprächen mit zu Tisch, verkörperte Vergangenheit. Zuweilen gab es auch hier politische Debatten zwischen Männern in Uniformen oder strengem Landmannszivil; dann hatten alle den gleichen gespannten Ausdruck im Gesicht, atmeten alle dieselbe scharfbeizende Unruhe aus. Zu unbedingter Staatstreue erzogen, waren die meisten von ihnen erbitterte Gegner des neuen Staates, der Republik. Sie waren in einer sonderbar zwiespältigen Situation. Einer von ihnen trug die Uniform eines Führers der schlesischen Reiter-SA; ich liebte ihn, denn er lachte gern, mit lachenden Augen sprach er von der kommenden Revolution, indes sich um ihn herum Augen verfinsterten und Stirnen zusammenzogen.

Er wurde am 30. Juni 1934 erschossen.

Das Dritte Reich beendet meine Geschichte, beendet sie mit „Geschrei, Verrat und Mord, die nichts besagen“. Danach gab es die Provinz Oberschlesien nicht mehr, auch die Wasserpolacken sind verschwunden. Sie leben noch, hier und da verstreut, aber ihre Kinder werden Deutsche oder Polen sein. Für die Welt ist das keine Katastrophe, sie wird es nicht einmal bemerken, aber sie wird danach ein wenig ärmer, ein wenig farbloser geworden sein.

Man hat mich gefragt, warum ich Schriftsteller geworden sei. Weil ich eine Geschichte zu erzählen habe, eine sehr menschliche Geschichte, gewoben aus Handeln und Leiden, trägem Nichtstun, Irrtum, Verzweiflung, Niederlage und Tod.

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Ich bin ein Preuße
Erstveröffentlichung in: Motive ‒ Deutsche Autoren zur Frage: Warum schreiben Sie? Selbstdarstellungen mit 70 Porträtfotos. Hrsg. von Richard Salis. Mit einem Vorwort von Walter Jens. Tübingen/Basel: Erdmann 1971, S. 255-259
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016052
URL: https://scholien.wordpress.com/lizentiatur/praeceptum3/die-unsichtbare-grenze/2016052-2/