Hans Lipinsky-Gottersdorf: Die unsichtbare Grenze

Vor Jahren, in einem zerlesenen Zeitschriftenexemplar der Nachkriegszeit, fand ich eine kurze Geschichte von John Steinbeck; ich halte sie seitdem für eine der schönsten Geschichten der Welt. Auf kaum mehr als anderthalb Druckseiten wird erzählt, wie an einem frostigen Morgen am Rande eines Maisfeldes ein paar Leute einander zufällig begegnen. Sie kennen sich nicht, sie haben Hunger und es ist Frühstückszeit, Sie legen von ihren Vorräten zusammen, zünden ein Feuer an, kochen Kaffee, braten Speck, braten Eier, schneiden Brot, teilen alles aus, setzen sich und beginnen ohne viel Worte zu essen. Danach steht einer nach dem anderen auf und geht mit freundlichem Gruß oder einfach kopfnickend fort: der Farmer an seine Arbeit, der Trapper zu seinen Fallen am Fluß, die Frau zur Taufe ihres Enkelkindes, und der Tramp, der noch ein Weilchen rauchend mit sich allein geblieben ist, tritt mit den viel zu großen Schuhen sorgfältig das Feuer aus, bevor auch er verschwindet, dem unbekannten Ziel lebenslanger Wanderschaft entgegen.

Die Fremden sind Fremde geblieben, eine Viertelstunde einfacher Brüderlichkeit, sonst nichts. Aber es genügt, und Gott (so denke ich ihn mir wenigstens) mag lächeln in Wohlgefallen, wenn ihm dann und wann der Duft solcher Frühstücksrunden in die Nase steigt und er, sich ein wenig herabneigend, sieht, wie die, die er um der Buntheit seiner Schöpfung willen zur Fremdheit erschaffen, friedlich zusammensitzen, ihr Brot essen und friedlich auseinander gehen.

Steinbeck hatte, davon bin ich überzeugt, einen seiner stärksten Augenblicke, als er diese Geschichte erzählte, ohne sie mit dem blauen Faltenwurf utopischer Hoffnung zu drapieren. In ihren besten Augenblicken sind Dichter gehorsam vor der Menschennatur. Das sind Utopisten nie; ihnen genügt Brüderlichkeit nicht als Geschenk der Stunde ‒ sie wollen Dauer, Ewigkeit, menschliche Ewigkeit mindestens und Fremdheit ist ihnen darum ein Greuel, das um jeden Preis ‒ um jeden! ‒ überwunden werden muß. Vergewaltigtes aber rächt sich durch Mißgestalt: Steinbecks Erzählung, hätte er sie als Ideologie der Brüderlichkeit geschrieben, wäre kaum mehr lesenswert.

In Deutschland als Deutscher leben, das heißt nicht erst seit siebenundzwanzig Jahren standhalten zu müssen dem Widerspruch des Fremden und selbst ein Fremder zu sein. Ich habe nicht vor zu vereinfachen. Es gibt nichts Einfaches an jener Fremdheit, die zwischen dem Westen des ehemaligen Reichs und seinem preußischen Osten bestand, lange bevor sie sich in einer willkürlich gezogenen Grenze materialisierte.

Ich erinnere mich eines Mannes, der sich in meiner Heimat fremd und unglückliche fühlte. Er stammte aus dem Westen und sein Schicksal, dem er nicht gerade dankbar war, hatte ihn zum Gehilfen eines preußischen Amtsvorstehers gemacht ‒ dort, wo der Osten am östlichsten war. Ich lernte ihn kennen, als ich vor fast vierzig Jahren auf dem Dominium des Grafen P. Landwirtschaft lernte. „Bei uns daheim pfeifen selbst die Mäuse Freiheitslieder“, pflegte er zu erklären. „Und hier …“ Er beendete den Satz nie; heute bedauere ich das. Der Haß hat scharfe Augen, und er hätte sicherlich eine bemerkenswerte Metapher gefunden.

Um ihn (und auch mich) verständlich zu machen, muß ich zunächst bei dem verweilen, was sein „und hier …“ zu bedeuten hatte. Das Dorf lag mitten im flachen Tal zwischen zwei jener kilometerlangen Bodenwellen, mit denen die schwere Dünung der sarmatischen Ebene vor der Oder zur Ruhe geht. (Die Schatten der Sommerwolken brauchten eine Stunde, um von einem Wellenkamm zum nächsten zu gelangen.) Es gab ein halbes Hundert zum Teil noch strohgedeckter Höfe, die massigen Gebäude des Guts und das zweistöckige, sehr langgestreckte weiße Herrenhaus. Die Bauern, ihrem Wesen nach legitime Erben jener Oppelner Piasten, die die Herzogtümer südlich der Przeseka jahrhundertelang zwischen Völkern und Reichen mit zähem Selbstbehauptungswillen, anpassungsfähiger Schläue und unberechenbarer Grausamkeit regierten, sprachen den wasserpolnischen Mischdialekt. Gräfin P., eine liebenswürdige alte Dame, die aus dem Elsaß stammte, sprach Französisch, las englische Romane, züchtete äußerst schmackhafte chinesische Enten und verbrachte den Rest ihrer Zeit teils am Flügel mit Wagnermusik, teils im Gespräch mit Bäuerinnen, denen sie zu erklären wünschte, daß gelegentliches Öffnen der Fenster nicht notwendig das augenblickliche Aussterben der gesamten Familie zur Folge haben müsse. Graf P. hatte vor der Revolution im diplomatischen Dienst des Kaiserreichs gestanden; er sprach nach Möglichkeit überhaupt nicht, las Thukydides, „Wild und Hund“ und die „Deutsche Allgemeine“ mit einem dieser Reihenfolge nach steil abgestuften Interesse und residierte, obwohl er von Rechts wegen wenig mehr zu sagen hatte, im Dorf mit einer Art gröblicher Gerechtigkeit, die den Bauern zwar nicht immer gefiel, für die sie aber jederzeit Verständnis hatten. Die Gerechtigkeit bestand darin, daß Graf P. den Bauern gegenüber seine eigenen Interessen, nach außen hin aber die des ganzen Dorfes, beides mit derselben rücksichtslosen Härte vertrat. Im übrigen mischte er sich nicht geradezu in jedermanns Angelegenheiten, wurde er aber einmal um Rat gefragt, so sorgte er nachdrücklich dafür, daß er nicht umsonst geredet hatte, und zwar mit Hilfe der vielen Wegerechte, die dem Dominium gehörten. Eine von ihm gesperrte Brücke zum Beispiel bewirkte, daß eine gewisse Bauerntochter ihren jungen Schullehrer bekam, mit dem sie noch heute glücklich verheiratet ist ‒ aber, das ist, um mit Kipling zu reden, eine andere Geschichte …

Hier ist zu sagen, daß nichts von alledem Gnade vor den Augen unseres westlichen Amtsvorstehersgehilfen fand. Im Gegenteil: die untere Hälfte seines Fensters war ständig verhängt, damit er nichts von der Außenwelt zu sehen brauchte. Der Himmel war ihm zu leer, das Land zu öde, das Dorf zu polnisch, die Gräfin zu französisch, der Graf zu feudal. Am meisten zuwider war ihm die Neujahrscour, und das war nicht verwunderlich: es war die Gelegenheit, bei welcher der Charakter des Landes sich am reinsten offenbarte.

Die Neujahrscour fand alljährlich im sogenannten Neuen Gesellschaftszimmer des Herrenhauses statt. Man hätte liebend gern ein anderes Zimmer genommen, allein das war den Bauern nicht zuzumuten; sie hatten ihr Gewohnheitsrecht und liebten keine Neuerungen. Es war ein großer Raum, der muffig roch und ganz im eher städtischen Geschmack des Zweiten Rokoko eingerichtet war. Wirklich schön war nur der Ofen, ein Riese und Adonis unter seinesgleichen; die Gräfin hatte ihm den Titel einer Weißen Exzellenz verliehen, aber die Gräfin urteilte niemals nach praktischen Gesichtspunkten. Die Stubenmädchen, die das taten, betrachteten diese gemeine Exzellenz mit bitterbösen und rachsüchtigen Blicken und belegten sie mit ausgesucht beleidigenden Namen wie Rußesel, Giftiger oder Kachelschwein. Seit Graf P. im Lexikon unter Lungenentzündung nachgeschlagen hatte, war er der Meinung, daß er und seine Frau um einen 10. Januar herum sterben würden. (Er irrte: er starb an einem Maitag nach einem Verhör durch die Gestapo, die sich bald darauf seiner annahm; seine Frau aber starb im Januar 1945 auf dem Treck ‒ um den 21. oder 22., wenn ich nicht irre.)

Am Vormittag jedes Ersten Januar brannten gelbe Kerzen in den bronzenen Wandleuchtern, die gleich seltsam verkrümmten Ästen aus dem kalt prunkenden Blau der Tapete wuchsen, und die Flämmchen spiegelten sich im rötlich leuchtenden Tiefbraun des Mobiliars. Schwere, feuchte Kälte strahlte vom Parkett, von den Wänden und vom Ofen herüber, der , ein schimmernder Eisberg, in seiner Ecke zum Plafond aufragte. Graf und Gräfin P. fröstelten in Frack und Gesellschaftskleid. Die Bauern fröstelten nicht; sie waren entsprechend angezogen und begannen ohnehin feierlichst zu schwitzen, sobald sie im kleinen Vorraum den wohlerinnerten Museumsgeruch von Pracht und Herrlichkeit in die Nase bekamen.

Schwarz und altväterlich gewandet, die Tuchhosen in die hohen Stiefelschäfte gesteckt, die Pelz- oder Krimmermütze unter dem im Ellbogen scharf nach vorn gewinkelten linken Arm, kamen sie herein, stapften vorsichtig über das glatte Parkett und verneigten sich: „Gott segne und beschütze im Neuen Jahr!“ Das war die alte Formel, und sie bekamen, mehr als fünfzehn Jahre nach Abdankung der letzten Berliner Majestät, zu ihrer vollen Zufriedenheit (und zum bedeutenden Mißfallen der neuen Machthaber) die ebenso alte Antwort zurück: „Er beschütze den König und uns alle“. Danach rückten sie einen Schritt weiter vor die Gräfin, tauschten noch einmal Wunsch gegen Wunsch und gingen zum Ecktisch hinüber, wo der livrierte Diener, fröstelnd die behandschuhten Hände reibend, seine stereotype Frage stellte: „Scharf oder Süß?“ Je nach Wahl bekam jeder „zur Stärkung“ ein goldgerändertes Hundertgrammglas mit gelbem, nach Anis schmeckenden Likör oder weißem Sechzigprozentigem eingeschenkt.

Der Amtsvorstehersgehilfe freilich hätte, seiner Stimmung an diesem Tage zu entsprechen, einen Bitteren bekommen müssen. Ein verächtliches Lächeln wetterte in seinen Augenwinkeln, als er über das feudale Parkett geschritten war; verächtlich hatte er sich verbeugt und Unverständliches gemurmelt, das weniger „Gott segne und beschütze“ als „Er segne und vernichte“ bedeuten mochte; zum Schluß stürzte er verächtlich den Scharfen ins Bittere hinunter und empfahl sich mit eisigen Blicken aufs blutsaugerische Mobiliar. Ich gestehe, daß ich damals nicht nur versucht war, ihn heimlich auszulachen.
„Warum, lieber Freund, machen Sie es sich und uns eigentlich so schwer?“ hat die Gräfin ihn ein paar Tage darauf während irgendeiner gleichgültigen Besprechung in seinem Büro gefragt. Und er (so erzählte sie später) habe zunächst ein paar Augenblicke geschwiegen und mit unruhigen Händen seine Bleistifte zu ordnen versucht. Dann aber (so sagte sie) habe er sich erhoben und, klein und zappelig, wie er war, habe er in diesem Augenblick, da er in stolzer Ablehnung gleichsam erstarrte, ruhig und würdevoll ausgesehen. „Ich bin hier fremd, Frau Gräfin,“, lautete seine in höflichem Ton gegebenen Antwort. „Ich möchte es bleiben dürfen.“ Er durfte es.

Heute verstehe ich ihn vollkommen. Aus dem liberalen Westen stammend und ihm zugehörig, war er bei uns auf etwas gestoßen, das ihm wahrhaft un-heimlich sein mußte: auf Preußen, vielmehr auf das, was damals von Preußen noch übrig war, auf seinen Geist, der in Menschen und Traditionen fortlebte. Preußen, in Gestalt einer „französischen“ Gräfin, hatte ihn befragt, und er hatte geantwortet, wie er antworten mußte. Um dieser Antwort willen denke ich mit Respekt und Sympathie an ihn zurück.

Es mag freilich sein, daß er, was er sah und erlebte, falsch, als einen bloß quantitativen Unterschied zu ihm vertrauten Lebensformen bewertet hat ‒ zugegeben: diese Gefahr lag besonders nahe im junkerlich-bäuerlichen Milieu. Und es sind kompetentere Geister als er und unter anderen Umständen ‒ etwa vor den Phänomenen Potsdam und Küstrin ‒ Opfer solchen Irrtums geworden und haben gemeint, konstatieren zu dürfen, es handele sich bei dem spürbaren Unterschied zwischen „West“ und „Ost“ lediglich um eine Frage des Entwicklungsstandes ‒ so als seien die ihnen fremden Zustände nichts anderes als Manifestationen barbarischer Vormenschlichkeit, die erst noch heranreifen müsse zu westlicher Humanität.

In Wahrheit haben sie alle, als sie zu uns kamen, jene heimliche Grenze passieren müssen, die später wir, unter nicht geringeren inneren Schwierigkeiten, in entgegengesetzter Richtung überschreiten mußten. Sie war, und ist „nur“ in die geistige Landkarte Europas eingezeichnet; sie übertraf, und übertrifft, indessen alle Minensperren, Stacheldrähte und Mauern an Geschichtsmächtigkeit, weil sie nicht Systeme, sondern weit Tiefergehendes voneinander scheidet: Grundformen menschlichen Denkens vom Einzelnen und seinem Verhältnis zum Staat und zu Seinesgleichen ‒ vor allem aber zum Staat.

Es ist nur natürlich, und es gibt eine Reihe sehr naheliegender Beispiele dafür, daß die Verschiedenheit der Auffassungen in einem so entscheidenden Punkte jeglicher gesellschaftlicher Existenz die Geschicke von Nationen und Ideologien in ebenso hohem Maße beeinflußt hat, wie sie Fremdheit zwischen den Einzelnen verursachte.

Die unerhört selbstbewußte polnische Nation, deren Entwicklung seit den Anfängen der Adelsrepublik schon das Wahlkönigreich zu einem Staatswesen westlichen Geistes im Osten machte, hat sich um der Selbstbewahrung willen für Fremdheit zwischen fremden Nachbarn entschieden: eine tragische Geschichte bis in die Gegenwart hinein ist die Folge davon.

Der Marxismus dagegen, Menschheitsutopie westlicher Intelligenz, hat sich auf russischem Boden binnen weniger Jahrzehnte zur pragmatischen Theorie eines „neuen Ständestaates“ (Marion Dönhoff) gewandelt ‒ das seltsame, in dünner Luft wurzelnde Gewächs ist auf Stalins Äckern zur derben Roten Rübe, Grundstoff des nationalen Borschtsch, mutiert, und es ist nicht ohne Reiz, das fassungslose Erstaunen der auf Welteinheit erpichten Marxisten etwa der Frankfurter Schule und ihre hilflosen Erklärungsversuche angesichts solch unorthodoxer Metamorphose beobachten zu können.

Und Deutschland? Es wäre schon ein Wunder gewesen, hätten gerade wir die Auswirkungen dieser unsichtbaren Grenze nicht zu spüren bekommen, verlief sie doch seit langem mitten durch unser Land.

Moskau und Sankt Leningrad waren gewiß niemals ohne weiteres gleichzusetzen mit Potsdam und Küstrin, nicht einmal zu jenen Zeiten, als an der Newa noch Nikolai I. regierte. Wenn allerdings ausgerechnet der kluge und humane Preuße Fontane immer wieder einmal herzhafte Sympathien für diesen im Westen verhaßten „Gendarmen Europas“ geäußert hat, so wird man das auch nicht als eine zufällige Geschmacksverirrung abtun können.

Mögen konziliante Preußen und zutrauliche Liberale (doch, auch solche Vertreter beider Lager kamen vor, freilich nicht eben scharenweise) sich zuweilen gegenseitig versichert haben, daß man im Grunde gar nicht so weit entfernt voneinander sei ‒ die Prioritäten Freiheit und Selbstverwirklichung im liberalen Denken schlössen schließlich Preußens Heilige Kuh, die Ordnung, keineswegs aus; andererseits müßten aber auch in Preußen Ordnung und Gebundenheit auf Freiheit hinauslaufen: wozu seien sie sonst da? ‒ so haben derartige Gespräche doch stets nur akademischen Charakter gehabt; sie waren Zeugnisse einer anerkennenswerten Gutwilligkeit, mehr nicht. Die Fremdheit blieb, sie war nicht hinweg zu diskutieren, und es ist zumindest eine hochinteressante, für jeden innerlich Beteiligten aber bewegende Frage, ob Bismarck nicht besser daran getan hätte, die Fremdheit in Deutschland ernst zu nehmen, als sie einfach zu ignorieren, wie er es eingestandenermaßen tat und tun mußte, als er den Purpur des Reichs auf die Schultern eines preußischen Hohenzollern lud.

Vom preußischen Standpunkt her ist dazu zu sagen, daß ‒ sonderbare Einsicht! ‒ dieser Akt nur dann hätte positive Folgen haben können, wenn Preußen wirklich jene staatgewordene Reaktion gewesen wäre, für die es im Westen gehalten wurde: dann nämlich hätte die mit der Herrschaft im Reich notwendig verbundene Transfusion liberalen Geistes auf ihre Befehlszentralen die Militärmonarchie nur zeitgenössischer, also vitaler werden lassen. Allein ‒ und ich werde mich trotz allem hüten „leider“ zu sagen ‒ der Nur-Staat in Uniform war seinem Wesen nach zu keiner Zeit reaktionär.

Im Gegenteil: sein einziger, ihm von zwei großen Königen und den kaum minder bedeutenden Reformern des Neunzehnten Jahrhunderts auf- und eingeprägter Lebenszweck bestand darin, Revolutionen zu verhindern, indem es sie überholte. Preußen hatte sich daran gemacht und daran zu machen, mit den ihm gemäßen Mitteln der aufgeklärt hierarchischen Tradition, also einer disziplinierten Bürokratie und einer ebenso disziplinierten ‒ warum eigentlich nicht? ‒ Untertanenschaft die Zukunft des heraufkommenden industriellen Zeitalters zu gewinnen, und zwar, wie es anders nicht sein konnte, über die Köpfe einer liberalen Gegenwart hinweg.

Daß die so schmählich übergangene Gegenwart nicht eben begeistert war, ist leicht einzusehen. Es bedarf darum keiner weiteren Erläuterung, daß dieses preußische Ziel sich nicht mit der Führung des Reichs, in dessen Westen liberale Traditionen lebendig waren, vereinbaren ließ; umgekehrt aber hätten gerade bei den Preußen selbst von vornherein kritische Zweifel daran bestehen sollen, ob ihre nicht immer nur heilige Nüchternheit geeignet sei, ein Reich zu repräsentieren, das auch in der rigorosen Verkleinerung seit Königgrätz immer noch der Verankerung im Metaphysischen bedurfte, um mit solchen inneren Widersprüchen fertig werden zu können. Der Purpur des Erzhauses ‒ auf preußischen Schultern roch er nach Anilin. Die Geschichte hat jedem möglichen Bedenken recht gegeben: in ihr wesensfremde kulturkämpferische, nationale und imperiale Probleme verstrickt, verlor die Militärmonarchie sich im weiten Felde Nirgendwo. Im übrigen Deutschen Reich aber war Preußen danach noch fremder (und befremdlicher) als zuvor; dort hinterließ es die Erinnerung an zur pomphaften Pose entleerte Ordnungsformen, an „des Königs Rock“ als Theaterkostüm.

Den Seinen aber hat Preußen mehr und, wie ich glaube, Besseres hinterlassen.

Ich möchte nicht mißverstanden werden.

Preußen war deutsch; als es aufhörte, ein Staat eigenen Rechtes zu sein, bleib es immer noch ein deutsches Phänomen. Vor den Widerstandkämpfern der Dreißiger und Vierziger Jahre haben sich Preußen wie Rathenau, Noske, Severing und Braun ehrenhaft und ehrenwert ins Buch der deutschen Zwischenkriegsgeschichte eingetragen. Nicht zufällig habe ich drei Sozialdemokraten genannt; die deutsche Sozialdemokratie hat viele Jahrzehnte lang preußische Züge getragen, und es gibt eine ganze Reihe guter Gründe dafür, es zu bedauern, daß sie diese Züge inzwischen fast alle verlor.
Preußen war deutsch: seine Hinterbliebenen in den kleinen Städten und auf den Kartoffeläckern der östlichen Provinzen haben ‒ mit wenigen Ausnahmen, wichtig genug freilich, daß ihre Behandlung diesen Rahmen sprengen müßte ‒ niemals Anlaß gehabt, sich in Deutschland fremd zu fühlen, so lange sie bei sich selbst zu Hause blieben. Sie bemerkten es kaum, als ihr Staat sich im Dickicht der Geschichte verlor; in und mit ihnen lebte Preußen fort.

Nein, es war kein Wunder, daß der Mann aus dem Westen uns als Fremde erkannte. Das war kein Wunder, und ich habe hier viel Mühe darauf verwandt, zu erklären, daß und warum mir westliche Fremdheitsgefühle, ja, selbst antipreußische Ressentiments begreiflich scheinen. Ich glaube, damit das Recht erworben zu haben, von mir zu reden, der ich die unsichtbare Grenze in westlicher Richtung überschritt ‒ nur von mir, denn wenn ich auch denke, daß es nicht wenige gibt, die meines Sinnes sind, so wäre es doch vermessen, ihnen die eigene Antwort vorwegnehmen zu wollen.
Ich würde die folgenden Worte gern an unseren ehemaligen Amtsvorstehersgehilfen richten; sie könnten ihm, vielleicht, eine Art von später Genugtuung bereiten. ich habe mich über nichts zu beklagen, und er legte so viel Wert darauf, daß jedermann gut von seiner Heimat dächte.

Ich wohne am östlichen Rande einer großen westlichen Stadt; ich habe Freunde, mit denen ich jederzeit reden oder korrespondieren, Nachbarn, mit denen ich auskommen und sogar ein ansehnliches Stück grünen Landes, auf dem ich täglich weite Spaziergänge unternehmen kann ‒ wenn ich es geschickt anfange so, daß mir kein rauchender Fabrikschornstein ins Blickfeld gerät. Zudem gibt es hierherum mindestens drei Kneipen ohne Musikbox noch Fernsehgerät, in denen ein wohlgepflegtes Bier an Gäste ausgeschenkt wird, die nach meinem Herzen sind: schweigsame Männer mit einem gewissen Interesse für Fragen des Wetters und der Politik. Es ist mir eine Ehre, mit solchen Männern am Schanktische stehen, Bier trinken und sparsamen Meinungsaustausch über Fragen des Wetters und der Politik pflegen zu dürfen.

Ferner freue ich mich des Hauses, das mir seit mehr als zwanzig Jahren Obdach gibt. Das Haus ist nicht ganz so geräumig, wie ich es mir in meiner Jugendzeit vorstellen durfte, wenn ich an mein Später dachte, aber es schützt mich und die Meinen vor Wetter und Wind, schenkt Stille und ein wenig Behaglichkeit ‒ ich danke Gott dafür, daß ich es haben darf.

Wenn ich nach einer Viertelstunde des Aus-dem-Fenster-Blickens bemerke, daß draußen ein Baum seine grünen Blätter wiegt oder verliert, dann weiß ich zweierlei: einmal, daß mir mit diesem Baum ein anderer Wunsch in Erfüllung gegangen ist, zum anderen, daß ich an meinem Schreibtisch sitze und arbeite. Ich tue das zwischen zehn und zwölf, zuweilen bis zu vierzehn Stunden am Tage. Ich liebe diese Arbeit nicht nur; ich kann mir überdies ausrechnen, daß sie mir im Lauf der Jahre einen Durchschnittsstundenlohn eingetragen hat, der, wie ich der Statistik entnehme, leicht über dem Durchschnitt meiner Schriftstellerkollegen, wenn auch erheblich unter dem des verdienstvollen Mannes liegt, der mir meine Post und meine Zeitungen bringt. Viel ist es also nicht, indessen habe ich mir diesen Beruf ja selbst ausgesucht; ich bin also zufrieden, wie ich mit meinem ganzen Leben einverstanden bin …

… und weiß, indem ich dies niederschreibe, sofort, daß ich mich damit in scharfen Widerspruch setze zu dem, was ich nach bestem Wissen für den Geist des Westens halten muß. Wie ich im Radio hören, in Zeitungen lesen und täglich auf vielfache Weise erleben kann, fordert dieser Geist von mir, Bescheidenheit für eine Narretei, Neid für eine Tugend, die Fähigkeit und Neigung vor Gott und vor menschlicher Größe Ehrfurcht zu empfinden für ein Symptom steinzeitlicher Rückständigkeit, ein Ethos der Pflicht und des Dienstes aber geradezu und schlichtweg für ein Verbrechen an der Menschlichkeit zu halten. All das im Namen eines vorgeblich humanen Fortschritts, dem besagter Geist des Westens in einer Art ständiger Gedankenflucht nachzuhetzen im Begriffe ist. Tritt aber ein solcher und ähnlicher Anspruch an mich heran, so weiß ich nur eine einzige passende Antwort dafür:

„Ich bin ein Preuße und hier fremd. Ich möchte es bleiben dürfen.“

Ich hoffe, ich darf’s ‒ wenn ich an die kleine Erzählung Steinbecks denke, so ist mir nicht bange davor.

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Die unsichtbare Grenze
Erstveröffentlichung in: Der Wegweiser (25) Nr. 3, März 1973, S. 6-9
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016053
URL: https://scholien.wordpress.com/lizentiatur/praeceptum3/2016053-2/