Hans Lipinsky-Gottersdorf: Märchen

Wie lange mag es her sein, seit Sie zum letztenmale ein Märchenbuch in der Hand hielten? Nicht um es auf den Weihnachts- oder Geburtstagstisch eines Kindes zu legen, sondern um selbst darin zu lesen, selbst noch einmal einzutreten in jene bunte magische Welt, in der Dornröschen im verwunschenen Schlosse schläft und der Machandelbaum dunkel auf einsamer Heide steht, in der die böse Königin auf glühendem Boden tanzt, das Pferd Falada spricht, der Froschkönig quakt und entlassene Soldaten oder nichtsnutzige Dummlinge gewaltige Taten vollbringen und zuletzt die Prinzessin heimführen? Viel Zeit ist seitdem vergangen, nicht wahr? Aber es ist schade, daß es so ist.

Gewiß, ich weiß, immer ist ein wenig bange Furcht vor einer bitteren Enttäuschung dabei, wenn man zu den Büchern greift, die einem in der Kindheit Freunde und Gefährten gewesen sind. Werden sie standhalten den gewachsenen Ansprüchen, dem gewandelten Geschmack? Werden sie noch ein wenig von dem alten Zauber wiederbringen, oder wird man finden müssen, daß flach und schal wirkt, was früher so gefesselt und begeistert hat, daß nicht die Qualität des Erzählens und des Erzählten sondern die begnadete Kinderphantasie Tiefe und Weite des Erlebens schuf? Meist ‒ das ist leider nicht zu bestreiten ‒ geht es so aus; der belehrende Ton, die saure oder süße Moral eines großen Teils der Literatur, die für die Jugend geschrieben ist, ihre törichte Albernheit auch enttäuschen und betrüben den erwachsenen Leser zugleich. Was Wunder also, wenn sich die durch solch trübe Erfahrungen genährte Zurückhaltung auch auf die Märchen bezieht. Und dies kommt noch hinzu: auch wenn man weiß, daß die Märchen ursprünglich keineswegs für Kinder erzählt und aufgeschrieben worden sind, so bleibt doch ein leises Mißtrauen wach: gehören sie denn nicht zu einer früheren, versunkenen Menschheitsepoche, haben sie in der entzauberten Welt der Sputniks und Explorer überhaupt noch Platz? Haben sie, wie man das auszudrücken pflegt, uns, den modernen, kritischen Menschen noch etwas zu sagen? Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute, enden viele Märchen. Leben sie heute noch?

Nun, drei Märchenbücher liegen heute hier auf meinem Tisch, drei Märchenbücher, die ich in den letzten Wochen gelesen habe, unterhalten und verzaubert, erheitert und angerührt von Trauer ‒ ganz so, wie es sich die Erzähler dieser alten Geschichten von ihren Hörern wünschten. Und das liegt gewiß nicht daran, daß es nicht die altbekannten Märchen unseres Volkes waren, die ich in diesen drei Bänden fand.

Ob die Märchen aus Skandinavien kommen, aus den Wäldern und Ebenen Rußlands oder ob sie zum erstenmal am Lagerfeuer in den Dschungeln der Goldküste erzählt worden sind: überall ist ihr geheimer Ursprungsort jene tiefgründige Bewußtseinsschicht der Urerfahrungen, Urwünsche und Träume, die den Menschen jeglichen Landes, aller Völker und Zeiten gemeinsam sind. Dort in dieser Schicht sind sie auch heute noch daheim, wirken sie fort, und darauf beruht ihre Lebenskraft. Professor Dimitri Tschižewski erwähnt in seinem Nachwort zu Afanasjews Märchensammlung (Alexander N. Afanansjew: Der Feuervogel. Märchen aus dem alten Russland, Stuttgart: Steingrüben-Verlag 1960) aus dem alten Russland, die jetzt in einer sehr schönen Auswahl unter dem Titel „Der Feuervogel“ im Steingrüben-Verlag erschien, die unglaubliche Hartnäckigkeit, mit der der Kern der Märchen, ihre Sujets und Motive allen Einwirkungen der Zeit Widerstand geleistet haben. Überall und immer noch zeugen sie von den gleichen, einfachen und doch weltbewegenden Dingen, vor allem aber von dem einen: von der Sehnsucht nach Erdenglück und nach der Dauer dieses Glücks. Die Märchen verwirklichen, weitgehend unbekümmert um Ethik und Moral, diesen einen großen Traum: alle geheimnisvollen Kräfte in den Wassern des Lebens, den zauberischen Bäumen, Vögeln, Fischen und Steinen dienen dem nämlichen Ziel ‒ und alle Drachen, Hexen, bösen Feen versuchen, den Weg dorthin zu verbauen.

Freilich soll damit nicht gesagt sein, daß die Märchen gleichförmig seien, daß, wer die des einen Volkes kennt, in denen eines anderen kaum wirklich Neues finden wird. Die Märchen sind so vielfältig, so zauberhaft bunt und abwechslungsreich wie die Welt des Menschen und ihre Erscheinungen selbst.

Wer wird, beispielsweise, behaupten wollen, das tapfere Schneiderlein und der russische Recke Bloß-Krieger seien ein und dieselbe Person? Zwar beginnen beide, das deutsche Handwerksmeisterlein beim Muskauf und der leibeigene Muschik, der seinen lendenlahmen Gaul ächzend über den Acker prügelt, ihre wahrhaft erstaunliche Laufbahn damit, daß sie ein paar Fliegen totschlagen und gerissen genug sind, das bramarbasierend für eine Heldentat auszugeben. Zwar triumphieren beide zum Gaudium und zur höchsten Befriedigung sowohl der russischen als auch der deutschen Märchenhörer, die es gern auch so einfach hätten, über die hochnäsige Dummheit ihrer Mitmenschen und führen Prinzessin beziehungsweise Zarewna heim. Viel mehr gemeinsam haben sie aber nicht. Man schaue sich einmal den Schluß der beiden Märchen an: während das Schneiderlein König wird und sich damit bescheidet, sich sozusagen in den Ruhestand begibt, zeugt der gerieben Muschik mit seiner Zarin zwei Kinder: die Schläue und den Gewinn. Das ist, mit Verlaub, ein Unterschied, und derlei Unterschiede gibt es noch mehr.

Die Motive mögen sich im Einzelnen noch so sehr gleichen ‒ erzählt unter anderen Menschen, anderen Bedingungen und mit anderen sprachlichen Mitteln und Akzenten wird jedesmal eine andere, eine neue, überraschende Geschichte daraus. Besonders bei den russischen Märchen, in denen sich ja relativ häufig Berührungspunkte und Überschneidungen mit den unseren ergeben, ist das sinnfällig und leicht zu erkennen. Eine bildkräftige, urwüchsige Sprache, die wildes, unzähmbares Temperament mit leiser Zartheit paart, beißenden Witz und demütiges Gottvertrauen, derben, vitalen Humor und weisen Tiefsinn oft hautnah nebeneinander stellt, ja, zu einem verbindet, hat Geschichten von einer unnachahmlichen Eigenart entstehen lassen. Die menschenfressende, übellaunige Hexe Baba Jaga, der hochstapelnde Katerfey Iwanytsch – „Einst lebte ein Bauer, der hatte einen Kater, aber ein solches Luder, daß es ein Kreuz mit ihm war“, so beginnt seine denkwürdige Geschichte ‒ all die mit mindestens ebensoviel Ironie wie Respekt gezeichneten Helden Iwan Kuhson, Aljoscha Popowitsch, Ilja Murometz und wie sie sonst noch heißen, sie haben gewiß ihre entfernten Vettern in den Märchen anderer Völker und Landschaften ‒ wiederholen werden sie sich nicht. Das liegt natürlich nicht nur an ihnen, die wesentlich ebenso wenig „Charaktere“ sind, wie andere Märchengestalten; es liegt an der Art, wie ihre Erzähler von ihnen reden. Und in dieser Art des Erzählens, des Sehens ist nun in der Tat ein gutes Stück der dem Westen so rätselhaften Psychologie Rußlands enthalten; wer die Märchen daraufhin aufmerksam betrachtet, mag manche Überraschung erleben. Den landläufigen Vorstellungen von der mystischen Verschwommenheit der russischen Seele entsprechen sie nicht.

Es bleibt anzufügen, daß der Band des Steingrüben-Verlages mit sehr treffenden und amüsanten Illustrationen Fritz Fischers ausgestattet ist.

Eine höchst bemerkenswerte Figur ist auch der Spinnenmann Anansi, der in allen Negermärchen von der Goldküste als Held oder persönlicher Erzähler eine wichtige Rolle spielt. Der schwedische Ingenieur Mike Joslin hat diese Märchen während seines siebenundzwanzigjährigen Aufenthaltes an der Goldküste gesammelt und aufgezeichnet; übersetzt und mit einem kurzen Nachwort versehen von Anni Carlssohn, erschienen sie jetzt in der Nymphenburger Verlagshandlung (Märchen von der Goldküste. Gesammelt von Mike Joslin).

Nach dem Glauben der Eingeborenen ist der Spinnenmann Anansi das älteste und klügste Lebewesen der Welt. Den Geschichten nach zu urteilen, die er erzählt oder verursacht, ist er ein ausgemachter Schelm, ein sehr auf das eigene Wohl bedachter, mit Witz und überaus gesundem Durchsetzungsvermögen begabter Ehrenmann ‒ eine rundherum vergnügliche Erscheinung also. Das mehr oder weniger schadenfrohe Gelächter, das sein ehrsamer Lebenswandel an den Lagerfeuern hervorruft, mag beträchtlich sein und der Leser hierzulande wird sich kaum weniger gut amüsieren.

Es ist eine sonderbare naturmythische Welt, in die Anansis Märchen und Geschichten hineinführen, eine Welt, in welcher Tiere und Götter, Menschen und Pflanzen eine Sprache reden ‒ meist freilich nur zu dem Zweck, sich gegenseitig besser übers Ohr hauen zu können. Da gibt es eine Sintflutlegende, in der die weise Meerschildkröte den Menschen mit gutem Rat zu überdauern hilft; zum Dank dafür wird aus ihr die erste Schildkrötensuppe der Welt zubereitet. Das hat sie davon, kommentiert Anansi tiefsinnig, denn „Erwarte dir für deine Wohltaten und weisen Ratschläge nicht immer Geschenke und Ruhm oder auch nur Dankbarkeit von deinen Schützlingen. Statt dessen sei dankbar, wenn sie dir deine Hilfe nicht damit vergelten, daß sie dir nach dem Leben trachten und dich im ganzen Land das dümmste aller Geschöpfe schelten“ ‒ das ist eine seiner Grundwahrheiten, und er bemüht sich redlich, diese Wahrheit durch sein eigenes Verhalten zu beweisen. Im großen und ganzen gelingt ihm das auch; enttäuscht ist er nur dann, wenn er selbst, mehr versehentlich, einmal etwas Gutes tat, und die anderen, getränkt aus dem Born seiner Weisheit, ihm mit gleicher Münze zahlen.

Freilich, es wäre schon seltsam, wenn sich unter den Märchen eines Volkes nur solche von derart pessimistischer Drastik fänden. Es gibt auch andere darunter von tiefer, melancholischer Poesie. Die Geschichte vom Jammädchen Adanume ist eines davon. Hier wird eine Jamfrucht aus Erbarmen mit dem Leid einer kinderlosen Frau in ein Mädchen verwandelt, das der Frau Tochter ist, bis sie in einem zornmütigen Augenblick des Mädchens Herkunft verrät. Da bleibt sie wieder allein. Ein anderes Beispiel dafür ist das Märchen von der kleinen singenden Schildkröte, die eines Menschen Freund wird, bis dieser sich die Freundschaft zunutze machen will und sie dadurch zerstört.

Ebenfalls in der Nymphenburger Verlagshandlung erschienen die „Nordischen Märchen“, die Josef Hofmiller nach der Dänischen Märchensammlung Svend Grundtvigs neu gefaßt und herausgegeben hat (Josef Hofmiller: Nordische Märchen, München). Hofmillers Spürsinn für verborgenen Schätze in der Literatur aller Völker ist bekannt, ebenso die Behutsamkeit und das Einfühlungsvermögen, mit denen er bei seinen Bearbeitungen zu Werke ging. Hildegard Till-Hofmiller berichtet in ihrem Nachwort über die Arbeitsweise, derer er sich bei der Neuerzählung dieser Märchen bediente: „Er las sie vor: seinen Schülern, seinen Kindern, und ersetzte dabei die eine oder andere Wendung durch eine plastischere, bis sich aus dieser im wiederholten Vorlesen gewonnenen, schließlich systematisch überarbeiteten Form eine in stetem Umformungsprozeß äußerlich abschließende Fassung herauskristallisierte“. Hofmiller war unbefangen genug, sich dabei des ihm zunächstliegenden bayrischen und alemannischen Sprach- und Ausdrucksschatzes zu bedienen. Es hat den dreizehn Märchen, die in diesem Bande zusammengefaßt vorliegen, nicht geschadet ‒ im Gegenteil, das Ergebnis hat die Mühe reichlich gelohnt. Sprache und Inhalt stimmen überein; sie gewinnen in ihrem Zusammenklang den bestrickenden und bezwingenden Zauber schlichter, volksliedhafter Poesie.

Naturgemäß sind diese nordisch-dänischen Märchen den deutschen Überlieferungen besonders nahe verwandt. Das Pferd Falada findet sich wieder in verwandelter Gestalt; der Teufel mit den drei goldenen Haaren, Aschenputtel und Allerlei-Rauh und der Fundevogel auch. Muß ich noch sagen, daß jede einzelne dieser Geschichten dennoch etwas ganz Eigenes ist, eine in sich selbst ruhende Welt, abgeschlossen, besonders und schön?

Viele Erklärungen für die Entstehung der Märchen hat die Wissenschaft zu geben versucht; keine von ihnen, so sagt Dimitri Tschižewski, den ich vorhin schon zitierte, keine von diesen Erklärungen trifft die Wahrheit ganz. Übrigens, so scheint mir, werden alle Fragen unwichtig vor der Wahrheit dieser Geschichten selbst. Alles männliche Suchen, aller Abschiede Geheimnis liegt in den drei Antworten beschlossen, die Prinz Irregang dem Kobold gibt: „Nie lag ich weicher als in meiner Mutter Schoß. Nie sog ich süßeres als aus meiner Mutter Brust. Nie hab ich meiner Mutter größeres Leid angetan als heut.“

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Märchen
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016055
URL: https://scholien.wordpress.com/2016055-2/
Advertisements