Hans Lipinsky-Gottersdorf: Oberschlesier

19. XII. 1990

An
DER SPIEGEL
zu Hdn. von
Herrn Dr. Gerhard Spörl
Postfach 110420
2000 Hamburg 11

Betr.: OBERSCHLESIER No. 46/1990 ‒ S. 26/27

Sehr geehrter Herr Dr. Spörl,

leider ist mir der oben genannte Artikel erst jetzt in die Hände gekommen. Er hat seine Richtigkeiten, aber zwei Anmerkungen scheinen mir unerläßlich.

Eryderyk Kremser irrt sehr, wenn er behauptet, daß es keine oberschlesische Wahrheit gebe. Sie ergibt sich, sobald man die deutschen und die polnischen Bemühungen um nationale Eindeutigkeiten gleichermaßen zum Teufel schickt. Was dann übrig bleibt, ist ein schwer zu assimilierender Mischstamm aus Resten einer schwarzkroatischen Urbevölkerung aus den Zeiten des großmährischen Reichs, der zumeist kleinadligen Drushina jenes Piastenzweiges, der im 11. Jahrhundert den Bannwald (Przeseka) zwischen Nieder- und Oberschlesien durchquerte, um den uralten Herrschaftssitz Oppeln in Besitz zu nehmen, deutscher Bauernsiedler im 12. Jahrhundert und den Fußkranken jener böhmischen, ungarischen und polnischen Heerhaufen, die sich in den folgenden drei Jahrhunderten starrköpfig auf Selbstbewahrung bedachten Opplischer Piastenpolitik in den Kleinfürstentümern beiderseits der jungen Oder verheerende Stelldicheine zu geben pflegten. Dieser Mischstamm, schon im 16. Jahrhundert Wasserpolaken genannt, dürfte sich in seinen Dörfern kaum jemals gefragt haben, ob er nun deutschen oder polnischen Ursprunges sei. Diese Frage wurde erst virulent, als mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert massenhaft deutsche Bürger aus dem Reich und polnische Arbeiter aus dem Osten ins Ländchen kamen. Ohne damit freilich das Provinz ihr besonderes, „wasserpolnisch“ geprägtes Gesicht zu nehmen oder dies auf nennenswerte Weise zu verändern. Dies zu erreichen, ist nicht einmal der braunen Chujawa in ihrem zwölfjährigen Jahrtausend gelungen.

Was die Charakterisierung des wasserpolakischen, des autochthonen Oberschlesiers betrifft, so hat Herr Kremser den falschen Autor zitiert. Daß sich im Oberschlesier „das Licht abendländischen Geistes und die Weite der slawischen Seele (vereinten)“ entstammt nicht meinem Vokabular. Es ist bei Horst Bienek nachzuschlagen. Bei mir heißt es vom Oberschlesier: „… eine schwierige Natur, fern von aller wohltemperierten Groß- und Kleinbürgerei: herzliche Frömmigkeit, die jederzeit umschlagen kann in Ausbrüche wilder Brutalität, scharfes, kaltes Denken und hemmungslose Hingabe an die Emotionen des Augenblicks; tapfer, verschlagen, demütig, eigensinniges Selbstbewußtsein, leichtverletzlicher Stolz …“ Bewahre mich der Himmel davor, meinen Landsleuten in diesem bemerkenswerten Jahrhundert jemals die üble Nachrede, Licht abendländischen Geistes machen zu wollen.

Mit freundlicher Empfehlung

Lipinsky-Gottersdorf

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Oberschlesier
Untertitel: Leserbrief an DER SPIEGEL
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016056
URL: https://scholien.wordpress.com/2016056-2/
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