Hans Lipinsky-Gottersdorf: Solidarität mit den Vätern

Der Familienverband der Lipinski(y) Poray, der hier angesprochen wird, besteht seit 1968. Ihm gehören 61 Einzelfamilien mit etwa 160 Mitgliedern an. Die Lipinski(y) Poray kamen im 17. Jahrhundert aus Litauen über Groß-Polen in den Kreis Kreuzberg in Oberschlesien, wo sie auf adligen Anteilen, Erbscholtiseien, Frei- und Rittergütern bis 1945 seßhaft waren. Dieser Familienverband dient, wie die meisten anderen, der Erforschung der Familiengeschichte und der Pflege familiärer Beziehungen. Der nachstehende Text wurde auf dem Familientreffen der Lipinski(y) Poray 1977 in Köln gelesen, für das er ursprünglich auch verfaßt wurde.

Es war bei unserer vorjährigen Vorstandsitzung in Lauterbach. Wenn ich mich recht erinnere, so hatten wir uns am runden Tisch ziemlich lange und mit großem Engagement über ein paar längst vollendete Lebensläufe gemeinsamer Vorfahren unterhalten; von dorther waren wir auf die erfahrungsgemäß immer wieder anregende Lipinskysche Wappenfrage zu sprechen gekommen. Da räusperte Vetter Achim sich kräftig und bemerkte, er müsse sich schon sehr über sich selbst und über uns alle wundern ‒ wie kämen wir eigentlich dazu, derlei nicht gerade brandaktuelle Dinge und Probleme zu Objekten hitziger Diskussionen und schweißtreibenden Arbeitseifers zu erheben. Er, Achim, käme jedenfalls immer in Verlegenheit, wenn er irgendeinem zeitgeistnäheren Mitmenschen jene Gründe erläutern solle, die ihn ‒ etwa ‒ dazu bewogen hätten, sich für eine Menge Geldes ein solches Wappen kunstvoll anfertigen zu lassen, es in seine Wohnung zu hängen und dort von Zeit zu Zeit, keineswegs mit berechtigten Bedenken wegen des also strapazierten, ohnehin knappen Bundeswehr-Offiziers-Familienetats, sondern mit ausgesprochenem Vergnügen anzuschauen. Ja, er habe auch vor sich selbst keine hinreichend rationale Erklärung dafür ‒ weder was die Geldausgabe noch was das dabei empfundene tiefsinnige Vergnügen betreffe. Vielleicht solle doch mal einer von uns genauer definieren, was unter Tradition ‒ und Tradition schlechthin ‒ nun wirklich zu verstehen sei, und wie Treue dazu in und vor der Gegenwart überhaupt noch gerechtfertigt werden könne.

Das sind Fragen, die leicht noch erweitert werden können. Wie kommt es eigentlich, daß unser Familienverband nach diesem Kriege binnen verhältnismäßig weniger Jahre wieder so etwas wie eine recht gut funktionierende Großfamilie geworden ist. Daß auch heute hier Menschen als Vettern und Cousinen zusammensitzen, sich als zusammengehörig empfinden, die ‒ nach den Erkenntnissen fortschrittlicher Soziologie ‒ miteinander kaum noch etwas gemein haben sollen? Was hält uns so zusammen und mit welchem Recht? Der Geist der Gegenwart ist es gewißlich nicht. Tradition also ‒ Tradition, die sich als so gelebte Wirklichkeit in der Tat in einem kaum zu überbrückenden Widerspruch zum Geiste unseres Jahrhunderts befindet. Daß sich hieraus zuweilen Selbstzweifel ergeben können, ist nur verständlich, und um ‒ wie es mir aufgetragen ist ‒ hier nach meinen Möglichkeiten etwas zur Klärung des eigenen Standorts beizutragen, werde ich vorab auf die Natur dieses schroffen Gegensatzes eingehen müssen.

Ich habe dabei nicht die alte Frage „Konservatismus oder Fortschritt“ im Sinn. Beides ergänzt sich eher, als daß es sich unvereinbar widerspräche. Martin Luther war katholischer als die Kirche selbst, ein Konservativer vom reinsten Wasser: war sein Wirken darum „Reaktion“? Napoleon I., Revolutionär und Usurpator, hat mit seinem gewaltigen Gesetzeswerk, dem Code Napoleon, mehr für die Stabilisierung des bürgerlichen Frankreich getan als irgendein bürgerlich-konservativer Politiker seines Jahrhunderts. Nein, nicht „Beharrung oder Bewegung“ steht hier zur Rede, sondern etwas weit tiefer Greifendes: der uralte Widerspruch zwischen dem Geist der Geschichte und dem Geist der Utopie.

Der englische Romancier und Essayist Gilbert K. Chesterton, der in seinem langen Leben reichlich Gelegenheit hatte, Werden, Wachsen und Reifen des Geistes unseres Jahrhunderts aufmerksam und mit steigendem Argwohn zu verfolgen, hat einmal folgende, jeden modernen Zeitgenossen zweifellos auf das Äußerste verblüffende Zeilen niedergeschrieben: „Wir müssen der tiefsten und verkanntesten aller Klassen, unseren Vorfahren, endlich wieder Stimmrecht in unserem Leben einräumen. Wir fordern Demokratie für die Toten. Tradition lehnt es energisch ab, der anmaßenden Oligarchie zufällig Herumlaufender widerspruchslos das Feld zu überlassen.“

Ich habe dieses bemerkenswerte, bissige und sicherlich auch außerordentlich englische Wort Chestertons erst vor kurzem als Zitat in einem kleinen Feuilleton des in Kreuzburg geborenen, uns zufolge seiner Freytag-Abstammung gar nicht so entfernt verwandten, Heinz Piontek gefunden. (Kulturpolitische Korrespondenz Nr. 330/25.1.78.) Wenn Piontek mir, aus Gründen einer gehabten literarischen Fehde, nicht gerade besonders wohlgesonnen sein dürfte: ich für meinen Teil bin ihm sehr dankbar dafür, daß er diesen Ausspruch Chestertons für erwähnenswert gehalten hat. Mit seiner Forderung nach Stimmrecht für die Toten wirft der ergrimmte Brite einem geschichtsfremden, je geschichtsfeindlich agierenden Zeitgeist unerschrocken den Fehdehandschuh vor die Füße und charakterisiert außerdem auf das Trefflichste Sinn und Wesen jeglicher Tradition.

Was schließlich sind Traditionen anderes als die zu Formen und Normen und Tabus, zu Sitten, Urteilen, Vorlieben, Abneigungen gewordenen Erfahrungen unserer Väter und Vorväter, Erfahrungen, gewonnen in unzähligen vor uns gelebten und zu Ende gelebten Leben; im Siegen und im Verlieren, im Mühen und Leiden, Lieben und Hassen; im immerwährenden Umgang miteinander als Mann und Frau, Väter und Söhne, Alter und Jugend, Untertan und Obrigkeit, und keineswegs zuletzt in der Begegnung des Einzelnen mit seinem Schöpfer und Gott, dem im Glauben erfahrbaren persönlichen Herrn aller Geschichte und jeglichen Geschicks.

Das Leben unserer Vorfahren war ein Leben, sozusagen, mit der Bibel in der Hand. Es war das auch dort, wo der Einzelne und sein Handeln nicht gerade von inniger Herzensfrömmigkeit geprägt gewesen sind, und das wird kaum weniger oft der Fall gewesen sein als heute. Ich bin gar nicht dafür, das Gedächtnis unserer Toten auf die Summe ihrer Vorzüglichkeiten zu reduzieren; ich halte das nicht einmal für ein Zeichen besonders inniger Verbundenheit mit ihnen. Pietät? Die Bibel selbst ist kein sonderlich pietätsvolles Buch; wenn er sie liest, befindet sich der Mensch Auge in Auge mit sich selbst, mit den eisenharten und unabänderlichen Wahrheiten der eigenen Geschichte.

Was geschieht, das ist zuvor geschehen, und was geschehen wird, ist auch zuvor geschehen.“ Jede neue Generation muß diese Weisheit Salomonis an sich selbst und in der eigenen Zeit neu bestätigt gefunden haben, zustimmend, trauervoll, je nach dem. Mir persönlich liegt Zustimmung näher als Kummer, sehr viel näher jedenfalls als fatalistische Resignation. Und wer bereit ist, in den Worten des Großen Predigers nicht nur einen Spruch von archaischer Schönheit zu sehen, sondern in ihm die Frucht konkreter und jederzeit gültiger Erfahrung und Selbsterfahrung zu erkennen, der wird ein Leben in und mit den überkommenen Traditionen so gerechtfertigt wie ‒ im eigentlichen Sinne ‒ vernünftig finden.

Sie sind ja keine tote Fracht, mitgeschleppt durch sich wandelnde Epochen aus Gedankenträgheit oder aus mangelndem Mute zu sich selbst. Als bewährte Regel des Miteinander-Auskommen-Müssens im Alltag und bei Festen, in Frieden und Krieg sind sie von Generation zu Generation jeweils neu gelebt worden und damit etwas Lebendiges geblieben. Dann und wann fiel etwas aus ihnen heraus, das sich als offensichtlich nicht mehr tauglich, kam anderes, Neues hinzu, das sich inzwischen als notwendig und hilfreich erwiesen hatte. Nicht um den Einzelnen zu erdrücken, zu knebeln und im Zustande der Unmündigkeit zu halten sind sie überliefert worden, sondern ihm zur Hilfe, seinen Weg nicht an einem gedachten Punkte Null neu beginnen zu müssen, sein Leben würdig und ehrenhaft zu bestehen ‒ auch ein ehrhaftes Scheitern hat ja noch seinen nur ihm eigenen Sinn.

Doch ist auch daran kein Zweifel: die Stimme der Toten hatte immer und hat noch heute etwas außerordentlich Gebieterisches. Sie fordert Gehorsam vor den Ordnungen, vor jenem Grundgesetz der Humanität, das in den Geboten der Bibel und in den erfahrenen Notwendigkeiten jener einfachen Dinge enthalten und mit ihnen überliefert worden ist, jener einfachen Dinge, auf die, wie der große Dichter der See und polnische Aristokrat Joseph Conrad Nalecz-Korzeniowski schrieb, die Welt gegründet ist, Tapferkeit, Treue, Pflichtgefühl, Bereitschaft zur Hingabe und eines an die Person gebundenen Ehrbegriffs.

Doch erschöpft sich das Wesen der Tradition eben nicht in ihrer Regelhaftigkeit. „Was geschieht, das ist zuvor geschehen, und was geschehen wird, ist auch zuvor geschehen: Gott sucht wieder auf, was vergangen ist.“ Die Toten, sie so zu uns sprechen, erinnern uns unerbittlich daran, daß sie Unseresgleichen waren, sind und sein werden für alle menschliche Ewigkeit.

Unseresgleichen: eine Botschaft, ebenso geeignet, stolzes Selbstbewußtsein zu begründen wie jeglichem Fortschritts-Hochmut von vornherein abzuhelfen.

Die zugleich großartigste wie erschreckendste Erfahrung aller Geschichte, jene Erfahrung, die jeglicher Überlieferung innewohnt, ist die von des Menschen Unveränderbarkeit. Unser Weg durch die Jahrtausende war ein immer sich wiederholendes Hinauf und Hinab; er war und er gibt kein Zeugnis von stetiger Hinaufentwicklung aus niederer zu höherer Humanität. Wie der Mensch mit seinen ersten Selbstzeugnissen in die von uns her überschaubare Geschichte eingetreten ist, so ist er in seinem eigentlichen Wesen heute noch: die Möglichkeiten zum Guten und zum Bösen in der Brust, mit der Fähigkeit zur Größe und zur Niedertracht, zum Wohltun und zum Verbrechen, zum Sterben für die Seinen und zum erbarmungslosen Wüten gegen sich selbst und gegen die eigene Art.

Freilich: vor diesem Menschenbilde scheiden sich die Geister. Die unser Jahrhundert beherrschenden Großideologien haben seinetwegen aller bisherigen Geschichte entschlossen den Rücken zugewandt. Sie huldigen einem anderen, einem Neuen Menschen und einer Neuen Menschheit, bestehend aus prinzipiell gleichen, prinzipiell guten und prinzipiell veränderbaren Individuen: gleich von Geburt, gut von Vernunfts wegen, veränderbar schließlich durch fortschreitende Emanzipation und darum insgesamt und allzumal unterwegs, fort von vormenschlicher Barbarei hin zur strahlenden und vollkommenen Humanität im eschatologischen Bürger- und Genossenparadies.

Über den Weg dorthin gibt es allerdings noch Meinungsverschiedenheiten. Während einer der westlichen Chefideologen in Sachen Emanzipation, Herbert Marcuse, fortwährend bekannt gibt, es genüge, die menschliche Paarung fortan auf offener Straße stattfinden zu lassen, um unvermeidlich bei paradiesischen Zuständen anzukommen, verficht man im Osten die unbedingte Notwendigkeit bürgerlicher Ordnungen, verbunden mit einer konsequenten Erziehungsdiktatur. Ich bin allerdings nicht sicher, ob den Erben Stalins im beständigen Umgang mit den Wirklichkeiten der Geschichte der Geschmack an Kunststoffparadiesen nicht längst vergangen ist und die ideologische Diktatur nur noch der Errichtung und Festigung neuer hierarchischer Strukturen zu dienen hat. Dort im Kreml hat man längst begriffen, daß die totale Emanzipationserklärung im Namen der Menschheit die totale Kriegserklärung der Menschheit an sich selbst zur unvermeidlichen Folge haben muß.

Nein, der wahre Geist der Utopie weht wohl nur im Westen noch. Und vor diesem Geiste ein Leben in Traditionen rechtfertigen zu wollen, halte ich für ein aussichtsloses Unterfangen. Ich sehe nicht einmal eine Notwendigkeit dazu. Woher eigentlich die wehleidig beklagte Sinnleere in einer angeblich so zielstrebig zur angeblichen Vollendung hineilenden braven neuen Welt? Woher ‒ wenn nicht aus der ideologisch bedingten oder aus stumpfer Gleichgültigkeit in Luxus vollzogenen Abkehr von den eigenen Ursprüngen, deren tiefster Sinn in dem Auftrag, die Erde bewohnbar zu machen, lag.

Das Trachten nach synthetischen Paradiesen ist kümmerliches Surrogat gelebter Wirklichkeit in der Geschichte, einer Wirklichkeit, die Alltag heißt und nach Gottes Willen so zu heißen hat. Traditionen, ernst genommen, bedeuten unmittelbare Teilhabe am geschichtlichen Alltag, bedeuten stete Solidarität mit den eigenen Vätern, die unendliche Kette erloschener, zu Ende gelebter Generationen hindurch.

Sie haben solche Solidarität zu beanspruchen. Woran und wofür immer sie gestorben sein mögen: uns Lebenden haben sie etwas Entscheidendes voraus ‒ aus den schlimmsten Katastrophen, den folgenschwersten Niederlagen hinterließen sie ihren Nachkommen jeweils eine Erde, auf der es sich selbst zwischen Trümmern noch leben ließ und weiterzumachen lohnte und verlockend war. Wir haben inzwischen einsehen müssen, daß dies keine bare Selbstverständlichkeit bedeutet.

Den vier Generationen unseres fortschrittstolzen Jahrhunderts steht diese letzte und eigentliche Bewährungsprobe noch bevor. Und wir haben allen Grund, dem Ergebnis mit dem Mißtrauen Chestertons uns Lebenden gegenüber entgegenzuharren. Wir haben allen Grund zu befürchten, daß über dem Trachten nach jenem irdischen Paradies das Naheliegende vergessen worden ist, jener große Auftrag, der einmal „die Erde bewohnbar zu machen“ hieß und der heute: die Erde bewohnbar zu erhalten lauten muß ‒ einzig dem Menschen aufgegebene Pflicht, seines Lebens vornehmster Sinn.

Bedarf es wirklich noch eines anderen, „höheren“ Sinns? Fragen wir die eigenen Toten danach! Sie waren, Landwirte und Soldaten vier überblickbare Jahrhunderte hindurch, insgesamt wohl eher hart und rauh denn gefühlvoll und sanft. Es ist scharfe Luft, die uns aus den Urkunden und Papieren entgegenweht, die von ihnen berichten. Sie lebten, einige von ihnen gewiß mehr wie sie wollten als wie sie sollten; aber sie taten in ihrem Leben das Ihre und hielten die Familie zusammen bis in die Gegenwart hinein. Sie lebten, danach starben sie, einig mit ihrem Gott. So lautete jedenfalls die Formel, die sie getreu der Tradition zu bekennen hatten. Es gehörte zu ihrem Glauben wie zu dem unseren, daß die Einigkeit sich auf jeden Fall einstellen müsse, sobald der Sterbende seine Augen für immer schloß.

Die Toten, so heißt es bei den Psalmisten, preisen ihren Herrn, der einstens alles gemacht hat, danach ansah und sagte, es sei sehr gut.

Wann immer auf Kathedern, in Parlamenten, auf den Emporen von Revolutions-Gedenktags-Feier- und Nobelpreiskomitees von einer steten Entwicklung des Menschen „hinauf zu sich selbst“ getragenen Tones die geschwollene Rede ist: das lautlose Gelächter über den Friedhöfen der Welt müßte die Fenster unserer Städte zerspringen lassen, hätte es nur die richtige Frequenz.

Wie steil ist eigentlich der Weg vom Sonnensänger Echnaton hinauf zum großen Bertolt Brecht? Wie groß der moralische Fortschritt vom heiligen Franziskus, der brüderlich den Tieren vom Evangelium erzählte, hin zu den menschheitsstolzen Geistesheroen unserer Zeit, die alle Brüderlichkeit auf später verschieben ‒ ad calendas graecas, den St.-Nimmerleins-Tag: Bloch und Habermas, Adorno und Lenin?

Wir können unbeirrt mit unseren Toten leben, in der kühlen Gelassenheit der Tradition; wir sollten es tun ‒ selbst, wo die Toten irrten und Unrecht taten, gehören sie zu uns, sie, nicht jene unbarmherzigen Schwätzer vom irdischen Paradies.

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Solidarität mit den Vätern
Untertitel: Vom Wesen der Familien-Tradition im wissenschaftlichen Zeitalter. Vortrag auf dem Familientreffen der Lipinski(y)-Poray in Köln
Erstveröffentlichung in: Der gemeinsame Weg (10) Nr. 2/1978, S. 25-28
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016057
URL: https://scholien.wordpress.com/2016057-2/