Hans Lipinsky-Gottersdorf: Keine andern Götter

Über eine Predigtsammlung von Hinrich Stoevesandt

Es ist lange her, daß Luther seinen Amtsbrüdern anraten konnte, eine gute Predigt solle ‒ nach Möglichkeit! ‒ nicht länger dauern als zwei bis drei Stunden, weil sonst das gespannte Interesse der Gemeinde nachlasse, die Zuhörer ermüden könnten. Und auch jene Zeiten liegen mindestens drei Menschenalter zurück, in denen zu jedem geordneten Hauswesen in Stadt und Land neben der heiligen Schrift eine oder mehrere umfängliche Predigtsammlungen gehörten: alltägliche Lektüre nicht bloß geplagter Hintersassen und lebenssatter alter Leute, sondern eben der verantwortlichen Familienhäupter und ihrer überaus tätigen Hausehren, welche alle aus den in grimmiges Schwarz gebundenen Folianten voller grimmig selbstbewußter Theologie je nach Auswahl und Bedarf Besinnung, Erbauung, Trost, Hoffnung schöpften, zuweilen aber auch jenen heilsamen heiligen Schrecken erfuhren ‒ jähes Erschrecken vor dem furchtbaren Glanz um Gottes Majestät, ohne welches der Mensch seiner selbst nicht wahrhaft inne werden kann.

Der Mensch war sich klar darüber, in einer heillosen Welt zu leben und, unentrinnbar, selbst schuld an dieser Heillosigkeit zu sein. Das Gnade verkündende Wort der Kirche, das allein Heil bedeutete, durfte auf weithin ungeteilte Aufmerksamkeit rechnen.

Aus vielen mehr oder weniger guten Gründen ist das anders geworden. Nach einer relativ kurzen Übergangszeit, die ihre Erlösungssehnsucht in prunkvollen, den Künsten und den Künstlern erbauten Tempeln zu stillen versuchte, wird das Heil der aufgeklärten Menschheit heute mit Nachdruck von neuen, unbezweifelbar diesseitigen Instanzen verwaltet und wahrgenommen.

Hoffnung spenden Wissenschaft und Beate Uhse oder, anderswo, abermals die Wissenschaft im Verein mit Marx, Mao und/oder Lenin. Garantie für zeitliche Gerechtigkeit ‒ die ewige in der Forderung nach obligatorischer Reihengrab-Bestattung perspektivisch mit eingeschlossen ‒ leisten tüchtige Gewerkschaftsbünde. Das vorerst immer noch unumgängliche Leiden und Sterben der Menschen ist wohlausgestattet ‒ tunlichst etwas abseits gelegenen ‒ Altersheimen und Kliniken, wo nicht dem Schamanen der Neuzeit, dem Psychotherapeuten anvertraut, und fürs erste existentiell bekömmliche, wenn auch nicht mehr ganz so heilige Erschrecken sorgen Ölscheichs und Wirtschafts-Wachstums-Statistiker. Was aber die erbauliche Besinnung, besinnliche Erbauung angeht, so hat es damit erst recht keine Not: Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe, Hingabe an die Erniedrigten und Geschlagenen des Lebens, wärmende Strahlen ehedem der christlichen Botschaft in die Kälte der Menschenerde ‒ brave neue Welt: keines ihrer Parteiprogramme kommt ohne dergleichen Forderungen aus. Und selbst das kostbare Salz der Bergpredigt wird von Wahlrednern so freigiebig mit beiden Händen ausgestreut, als bezögen sie es zu Vorzugspreisen waggonweise aus einem Kaliwerk.

Wirklich, es hat sich vieles verändert, fast alles, außer der Menschennatur, weswegen man füglich bezweifeln darf und sollte, ob die Welt insgesamt heilvoller geworden sei ‒ gäbe es da nicht als verbreiteteste Krankheit der Gegenwart jene Angst, die von vornherein Gewißheit schafft.

Die Kirche indessen, so heißt es, hat es heute schwer. Eingezwängt zwischen ‒ und in steter Gefahr überschrieen zu werden ‒ soviel kompakter Diesseitigkeit, die das wahre und immerwährende Glück der Menschheit mit den Mitteln unwiderleglicher Wissenschaften wahrnimmt und betreibt, steht sie, die Kirche, einigermaßen armselig da: nichts in der Hand als jene Wahrheit, die ihr einmal und unabänderlich in den uralten (schon mißlich!) wissenschaftlich unhaltbaren (noch mißlicher!) Berichten, Geschichten, Gesängen und herrischen Befehlen der Bibel offenbart worden ist.

Hat es die Kirche schwer? Schwerer als zu irgendeiner anderen Zeit? Träfe das zu, es wäre ein Umstand, den ich für ganz natürliche halten müßte. (Bisher ist mir keine Verheißung bekannt geworden, aus welcher gerade die Kirche, ihre Glieder und Diener den Anspruch herleiten dürften, es müsse ihnen hienieden ein besonders leichtes und angenehmes Dasein beschieden sein.) Es wäre also keine andere Frage angebracht als jene erste und uralte, wie und in welchem Maße sie dem ihr eingeborenen Auftrag gerecht zu werden sucht, der Welt die biblische Wahrheit zu verkündigen. Die Antwort ist verborgen hinter hektischer Betriebsamkeit.

Immer noch ragen die Glockentürme, Gott zu Ehren, über Städte und Land. (Und daß, wie zuweilen ärgerlich vermerkt, ihr Geläut den Sonntagsfrieden störe, wird von eingeschüchterten Presbyterien mit dem Versprechen beantwortet, daß man an Stelle von unnützen Glockentürmen nützliche Kindergärten bauen wolle.) Gemeinden existieren, Räte und Konsistorien amtieren: ausgestattet oft mit materiellen Mitteln, von denen in weit früheren Zeiten kaum der Papst in Rom zu träumen gewagt hätte. Das sei ihnen herzlich gegönnt: es ist wirklich nichts dagegen einzuwenden, daß der geplagte Schullehrer im abgewetzten blauen Anzug auf der Orgelbank so gut wie überall vorzüglich ausgebildeten Kirchenmusikern Platz machen mußte. Und es hat sicherlich einiges für sich, daß eine Unzahl neuer kirchlicher Ämter, Werke, Kreise und Akademien gegründet werden konnten ‒ zur Bewältigung heutiger Aufgaben, wie es heißt, und „um des Menschen willen“. So wird in der Tat alles getan, damit kein Stückchen irdischen Ackers unbestellt, allerdings auch kein noch so verschrobenes Thema unausdiskutiert bliebe. Es gibt kirchliche Beauftragte für alles und jedes; es gibt einen für Schlagertexte und -musik, volkstümlich „Schnulzen-Pope“ geheißen, und vermutlich ‒ ich kenne keinen triftigen Grund, daran zu zweifeln ‒ auch einen für die Ethik der Pornographie. Wie dem Reinen alles rein ist, so mag für derart tüchtige Weltfrömmigkeit alles geheiligt sein. Um des Menschen willen!

Auch um Gottes willen? Im Lichte des biblischen Gebotes betrachtet: doch wohl nicht!

Es war aber jenes „Um Gottes willen“, das einstmals das selbstbewußte „Wir“ der Kirche begründet hat, ein „Wir“, das keine Anmaßung, sondern Bekenntnis zum eigenen Auftrag bedeutete, und das heute zu einem atemlos herausgeheiserten „Wir auch“ heruntergekommen ist. Betrieb, Betrieb! In sich überstürzender Hast, nicht Hirten mehr sondern Herde, setzen Diener der Kirche dem überstürzt hastenden Zeitgeist hinterher. Um des Menschen willen?

Vergebliches Rennen: der diesseitige Swinegel ist immer schon vor Ort. Daß Gott tot ist ‒ „humaner Realismus“ sozusagen einer Neue-Welt-Nahen Verkündigung ‒, haben Feuerbach und Nietzsche in ihrer Zeit in gültigeren Formulierungen und mit mehr geistigem Anspruch konstatiert. Die Sache marxistischer Revolution wird kompetenter vom jeweiligen ZK, tragisch gläubiger von zahllosen einfachen Parteimitgliedern vertreten als von jenen Fortschrittschristen um jeden Preis, die im Verein mit der Doktorin Sölle das neue Testament zur Roten Fibel umdeuten möchten: ein Unterfangen, platt und aussichtslos, lediglich dazu geeignet, die Evangelisten und Apostel in den Augen intellektuell engagierter Revolutionäre als Wirrköpfe zu entlarven. Und jene avantgardistischen Theologieprofessoren, die sich damit befassen, den Heiligen Geist in der Kirchengeschichte tiefenpsychologisch „vom Menschen her neu sehen“ zu lernen und zu lehren; auch sie dürfen das getrost dem Professor Mitscherlich überlassen, der schon seit Jahren bei diesem seltsamen Geschäfte ist.

Dies Wort aber scheint mir wichtig genug, dabei halt zu machen. Nicht „um des Menschen willen“, sondern „vom Menschen her“: Kernpunkt gegenwärtiger Betriebsamkeit! Der Mensch, der, wenigstens proklamatorische, unserem Jahrhundert als das Maß aller Dinge gilt ‒ mit einem Erfolg, über den man Bedenkenswertes bei Solschenizyn nachlesen kann ‒ nun auch noch Maß und Ausgangspunkt der Theologie!

Zwei ‒ die Jahrhunderte alttestamentarischer Prophetie eingerechnet sind es fast drei ‒ Jahrtausende hindurch standen die Prediger der Kirche dem Menschen zugewandt und verkündigten ihm seinen lebendigen Gott. Heute hat die Kirche in ihren dergestalt zeitgenössischen Vertretern kehrt gemacht und predigt dem Schöpfer sein Geschöpf, legt dem ‒ gestorbenen? ‒ „Ich bin der Ich sein werde“ der biblischen Offenbarung einen bei Lichte betrachtet reichlich larmoyanten Fragenkatalog einer ‒ so sagt man gänzlich ohne Selbstironie ‒ „zur Mündigkeit herangereiften“ Menschheit vor.

Gott aber, so predigt der Pastor Stoevesandt zu Basel, Gott ist nicht abfragbar. Er lebt, und sein majestätisches „Ich bin“ ist identisch mit seinem nicht minder majestätischen „Du sollst!“

Ich bin ein dankbarer Hörer von Predigten, von wirklichen Predigten, meine ich. Nicht gerade von Kindesbeinen an, spätestens aber seit ich im November 1960 am Totensonntag in der hallenden Schifferkirche einer norddeutschen Küstenstadt dem beleibten und kurzatmigen Pfarrherrn zuhören durfte, der seiner verblüfften Gemeinde vierzig Minuten lang gespannte, wenn auch anfänglich etwas erboste Aufmerksamkeit abzwang, obwohl die Akustik schlecht, seine Stimme asthmatisch und seine Rhetorik nicht rühmenswert war. Auch predigte er weder Ruhm der Toten noch Trost der Lebendigen, sondern Ewigkeit und ihren Herrn. Eben! Dieser bemerkenswerte Prediger war kein Humanist. Humanisten, gerade die größten unter ihnen, sind zu allen Zeiten nur mäßige Prediger gewesen, wenn sie biblische Wirklichkeiten verkündigen sollten.

Predigten sind, auch in den Regalen einschlägiger Buchhandlungen, rar geworden. Ich rede nicht von kirchlichen Denkschriften und Worten zu allem Möglichen. Worte in … Worte über … Worte zu …, man findet sie reichlich und allerorts. Manche erregen Aufsehen, Zorn, Widerspruch, begeisterte Zustimmung; sie wirbeln den Staub auf, den sie dann ansetzen ‒ nach einigen Wochen, äußerstenfalls Monaten ist es soweit: plötzlich sind sie vergessen, als wären sie niemals ausgesprochen worden. Ich denke auch nicht an jene Worte zu und über Literatur, Kultur, Politik, die als Predigten verkleidet daher gekommen sind. Auch diese gibt es in mehr als ausreichender Zahl, wenngleich sie ihren Verfassern nur in seltenen Fällen geradezu aus den Händen gerissen werden.

Bei Kanzleireden, wie ich sie soeben nannte, halte ich das nicht für sehr bedauerlich: sie sind mehr oder weniger intelligente Beiträge zu allen möglichen Fragen, persönliche Meinungsäußerungen: wirkliche Predigten, das sind sie nicht.

Predigten, und zwar solche „reinsten Wasserș enthält die Sammlung Keine anderen Götter … des Pastors Stoevesandt. Sie erschien im Herbst 1973 bei Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen. Es ist der Tradition des noblen alten Hauses angemessen, gleichwohl aber eines besonderen Dankes wert, daß man sich dort der sechzehn Stücke des Bandes angenommen hat. Eine jede für sich wie in ihrem Zusammenklang sind die hier versammelten Predigten mit der beherrschten und leisen Genauigkeit ihrer Sprache, der dazu in einem scheinbar schreienden Widerspruch stehenden Hochbrisanz der Inhalte überzeugende ‒ mich ein paar mal bis zur erschrockenen Sprachlosigkeit überzeugende ‒ Beispiele dafür, was ein Kanzelredner heute noch, ach was, gerade heute „zu sagen haben“ kann. Vorausgesetzt allerdings, das er sich, wie Stoevesandt, der scheinbar so schlichten Tatsache bewußt ist, seinem Auftrag bis in das letzte Satzzeichen hinein Treue halten zu müssen.

Hinrich Stoevesandt, aus Bremen stammend, gehört zur jüngeren Theologengeneration. Heute betreut, verwaltet und bearbeitet Stoevesandt als Leiter des Karl- Barth-Archivs in Basel das nachgelassene Jahrhundertwerk, vorher war er einige Jahre Mitglied des Dozentenkollegiums der evangelischen Jugendakademie Radevormwald. Dort wurden Tagungen veranstaltet mit Themen wie „Juden und Christen fragen nach dem Frieden“, „Zeitgenössische Lyrik“, „Chagalls Malerei“ und so fort. Auf die jeweiligen Tagungsgottesdienste hin wurden die meisten der vorliegenden Predigten konzipiert. Es hätte also sehr nahegelegen, daß dabei die bewußten Worte zu … Worte über … zustande gekommen wären, allein dieser Prediger war, wie er in seinem Vorwort schreibt, „geleitet von der Überzeugung, daß das Wort des (biblischen) Textes maßgeblich sei für die Situation und keineswegs umgekehrt“.

Angesichts des Geisteszustandes zeitgenössischer Gesellschaft, ihrer menschlichen Selbstherrlichkeit und des theologischen Kapitulantentums auf ihrem Schoß, ist dieser Satz es wert, zweimal gelesen zu werden: Ein junger Pfarrer, der höflich und entschieden jeglichen Anspruch von sich weist, sofern davon Inhalt und Akzentuierung seiner Verkündigung tangiert werden könnten. Jeglichen Anspruch, wohlgemerkt, also nicht nur die Erwartungen, die sich aus dem jeweiligen Tagungsklima ergeben haben mußten, sondern auch den weit dringenderen und drängenderen Anspruch der Humanität. (Mir hat sich hier einen Augenblick das Wort „vermeintliche Humanität“ in die Feder drängen wollen, doch darf und soll in diesem Zusammenhang nichts verharmlost werden.) Nur dem Prediger ‒ so Stoevesandt ‒ ist es namens seines Auftrags gegeben, einen Anspruch zu stellen, der für ihn selbst ebenso wie für die Gemeinde verpflichtend ist: Forderung nach gläubigem Gehorsam vor Gott.

Niemand glaube, es handele sich hierbei um eine fromme Floskel von der Art, wie man sie bekanntlich auch von derart geistlichen und weltlichen Humanisten zu hören bekommen kann, die den handelnden Gott der Bibel ‒ „um des Menschen willen!“ ‒ längst bis zur völligen Unverbindlichkeit und beliebigen philosophischen Verwendbarkeit vergeistigt, lies: entwirklicht haben. Stoevesandt kennt keine Floskeln, jedenfalls macht er keine; er wägt seine Worte und meint genau das, was er sagt. Und man tut gut daran, von vornherein darauf gefaßt zu sein, daß er selbst dort keine Neigung zu einer gleichwie gearteten Entmythologisierung zeigen wird ‒ die freilich auch niemals etwas anderes bedeutet, als daß eine vorausgesetzte prinzipielle Glaubensunfähigkeit „des modernen Menschen“ schon vorweg der Verkündigung einverleibt werden soll ‒ wo die uralten Geschichten und Befehle der Bibel rauhe Tatbestände und furchtbare Widersprüche aufzuweisen haben.

Gerade so ‒ sagt Stoevesandt ‒ hat sich Gott nach seinem Willen seinen Geschöpfen gnädig und fordernd offenbart. Nein, hier wird nicht der geringste Versuch unternommen, Widersprüchen auszuweichen. Das aber gibt der geschliffenen sprachlichen Form dieser Predigten ein wuchtiges Maß von Ursprünglichkeit: der klaffende Abgrund zwischen humaner Hoffnung und biblischer Wahrheit, den Stoevesandt unerschrocken von jeder freundlichen Vernebelung befreit, ist authentische Nachricht vom überwältigenden Gott der beiden Testamente in all seinem furchtbaren, übermenschlichen Glanz.

Stoevesandt predigt den Einen, Persönlichen, Lebendigen, Handelnden, Gnädigen Herrn der Geschichte und jeglicher geschaffenen Welt. Er predigt ihn, wenn er die griffige Weltfrömmigkeit gängiger Wandsprüche wie „Gott hat keine anderen Hände als die Deinen“ am von der Bibel geforderten Gehorsam mißt und verwirft. Er predigt ihn, wenn er den „Fragenden nach dem Frieden“, ihrem menschlichen Begehren nach allerhöchster Absicherung guten Willens zu allgemeiner Menschenliebe in einer endlich zum Guten erzogenen Welt mit 1. Samuel 15 die Geschichte vom überlieferten Handeln Gottes bei der blutigen Ausrottung der Amalekiter entgegenhält. Oder ihnen ein andermal in Matthäus 22, 34-40 die bibelgerechte Rangfolge von Gottes- und Nächstenliebe zu bedenken gibt. Stoevesandt predigt den Zorn der Bibel, aber ihr Gelächter predigt er auch, und es frage niemand: wie, um Himmels willen, reimt sich das alles zusammen.

Abfragen verboten! ‒ sagt Stoevesandt und steht damit fest auf der biblischen Erde, von der Gott einst sagte, sie sei gut. Sie sei es, braucht es also nicht erst zu werden von Menschenhand. Was wiederum keinesfalls so gedeutet werden darf, daß der Mensch aller eigenen Anstrengungen enthoben wäre oder gar seinen Gott zum Zeugen für die Qualität menscheneigenen Willens zum Guten und noch Besseren aufrufen dürfe.

Gott mit uns? Verboten! ‒ Mit den Anderen? Durchaus ungewiß … – Mit Allen? Abfragen verboten! ‒ so abermals und immerwieder Stoevesandt. Nur dies ist vollkommen gewiß: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“

Es bereitet, unter anderem, ein tiefes und nachhaltiges Vergnügen, sich mit solcherart Theologie auseinandersetzen zu dürfen. Doch wird man dem Prediger Stoevesandt und seiner Sache kaum gerecht, wenn man seine Bekenntnisse und Hinweise noch so vollständig aneinanderreihen sollte, ein Vorhaben, das hier nicht auszuführen und auch nicht beabsichtigt war. Zwar ist es gewiß nichts Geringes, wenn Stoevesandt eine Predigt ‒ Tagungsthema: Orthodoxe Verkündigung und Revolutionäre Tat ‒ unter den Text 1. Mose 11, 1-9 (Turmbau zu Babel) stellt und aus der mythischen Erzählung plötzlich mit erschreckender Wucht rauchender Aktualität hervorzubrechen beginnt. Und es ist von geschichtlichem wie zeitgeschichtlichem Gewicht, rücksichtslos mit der Tatsache konfrontiert zu werden, daß es dem Einzelnen so wenig wie der Menschheit insgesamt gegeben ist, die eigene Situation vor dem Gewaltigen des Himmels und der Erde anders zu erkennen als im heiligen Erschrecken vor einer unfaßbaren Majestät ‒ dies ist wirklich entscheidend zu nennen in einer Zeit, die das menschliche Gewissen zur autonomen Instanz zu erheben wünscht: gebrechliches Organ, das zu seinem kompaßhaften Funktionieren vorab des Magnetpols bedarf.

Alles ist das indessen längst noch nicht.

Stoevesandts volles Vermögen wird erst deutlich, wenn man seine Worte im Ganzen nimmt und so wiegt und so wirken läßt, weil er dem Auftrag der Bibel bis in das letzte Wort hinein gehorsam geblieben ist.

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Keine anderen Götter
Untertitel: Über eine Predigtsammlung von Hinrich Stoevesandt (Besprechung des gleichnamigen Buches von Hinrich Stoevesandt, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1973)
Erstveröffentlichung in: deutsche studien (12) Nr. 48, Dez. 1974, S. 401-406
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016058
URL: https://scholien.wordpress.com/2016058-2/