Hans Lipinsky-Gottersdorf: Vom Ulenspiegel zum Oskar Matzerath

Zu Damme in Flandern, da der Maimond des Hagedorns Blüten erschloß, ward Ulenspiegel, des Klas Sohn, geboren. Eine Wehemutter, Katheline genannt, wickelte ihn in Windeln und da sie seinen Kopf beschaute, wies sie auf einen Haarschopf. „Glückshaube, unter gutem Stern geboren“, sprach sie fröhlich. Doch alsbald jammerte sie und deutete auf ein schwarzes Pünktlein an des Kindes Schulter. „Wehe“, weinte sie, „das ist das schwarze Mal vom Teufelsfinger.“ „Meister Satan“, erwiderte Klas, „muß gar früh aufgestanden sein, wenn er schon Zeit hatte, meinen Sohn zu zeichnen.“

„Er hat gar nicht geschlafen“, antwortete Katheline, „denn horch! da weckt erst Kreyant die Hennen.“

Sie legte das Kind in Klasens Hände und ging hinaus. Da zerriß die Morgenröte das Nachtgewölk, die Schwalben strichen zwitschernd über die Wiesen, und die Sonne zeigte ihr blendendes Antlitz purpurn am Himmel.

„Und die Mutter bot dem Neugeborenen ihre schönen Naturflaschen.“

Mit diesen Worten beginnt das Buch, von dem hier die Rede sein soll, die große Erzählung vom flandrischen Ulenspiegel. Es ist der klassische einfache Anfang eines klassischen und ganz und gar nicht einfachen Romans: knappe Sätze von kunstvoller Schlichtheit, in deren Bildern eigentlich schon alles enthalten ist, was Welt und Umwelt dieses Buches ausmacht und auszeichnet: eine Erde von ursprünglicher und rauher Schönheit und auf ihr der Mensch, begnadet und verurteilt zugleich, auf ewig zwischen den Mächten des Himmels und der Hölle daheim zu sein.

Vor hundert Jahren erschien in Brüssel zum erstenmal die „Legende von den heroischen, lustigen und ruhmreichen Abenteuern des Tyll Ulenspiegel und seines Kumpanen Lamm Goedzak im Lande Flandern und anderen Orts“. Ihr Verfasser, Charles de Coster, Professor der französischen Literatur an der Brüsseler Militärakademie, hatte das Buch in einem saft- und kraftvollen archaisierenden Französisch geschrieben, das der Zeit, in der es spielt, der Zeit der Geusenkriege im sechzehnten Jahrhundert, angemessen war, breiteren Leserschichten den Zugang jedoch nicht eben erleichterte. So wurde der Ulenspiegel erst allmählich bekannt, dann aber auf eine Weise, die das Buch bis heute als flämische Bibel gelten läßt, in deren Charakteren ein ganzes Volk sich wiedererkennt und liebt. Auch in Deutschland hat der Ulenspiegel, seit er 1909 bei Diederichs erschien, unzählige Bewunderer gewonnen und die Auflage von Hunderttausend weit hinter sich gelassen; es ist dies nicht zuletzt das Verdienst des Übersetzers Friedrich von Oppeln-Bronikowski, dessen großartige Leistung die deutsche Ausgabe in den Rang eines Originals erhebt. Schon die wenigen, eingangs zitierten Sätze genügen als Beleg dafür.

Der flämische Ulenspiegel hat nur wenig mit dem Till Eulenspiegel des alten deutschen Volksbuches zu tun, nahezu überhaupt nichts, auch wenn de Coster im ersten Teil seines Romans ganze Kapitel aus jenem übernimmt. Der Ulenspiegel ist kein bloßer Schalksnarr wie sein deutscher Vetter; den de Coster übrigens in einer deftigen Legende als des Ulenspiegels kleineres Söhnchen ausweist ‒ zu Recht, wie man zugeben muß, denn der Flame ist sehr viel mehr, sehr viel gewichtiger als Charakter wie als literarische Gestalt. Er ist der Sohn, dem die Asche des auf dem Scheiterhaufen der Inquisition verendeten Vaters die Brust verbrennt, den das Andenken an die zu Tode gequälte Mutter zu wilder und blutiger Rache treibt. Aber er ist nicht nur das. Er ist der Freiheitsheld seines Volkes, der mit Schläue und Gewalt, mit List und Lachen und Tapferkeit gegen die spanischen Unterdrücker kämpft ‒ gegen jede Unterdrückung und Versklavung der Gewissen in der Welt. Er ist mehr als das alles, ist der Mensch, dessen Menschenliebe den Haß überwiegt, der in und hinter all seinen tausendfältigen Abenteuern und Tollheiten mit unzerstörbarer Hoffnung dem Frieden nachjagt ‒ einem Frieden, von dem er doch ahnt, nein, weiß, daß er ihn niemals finden wird, auch nicht in der Liebe zu Nele, seiner Milchschwester, dem mütterlichen Herzen Flanderns, mit der gemeinsam er zuletzt aus dem Buche verschwindet, um draußen weiter seine Lieder zu singen und schließlich zu enden ‒ im Irgendwo unruhiger Unsterblichkeit.

Weit und bunt ist der Bogen, der sich von dem sonnigen Morgen von Ulenspiegels Geburt bis zu diesem Ende des Buches schwingt, das kein Ende ist. Ein grausames Buch voller Gelächter, das die untergründige Trauer nicht verbirgt, sondern unterstreicht, ein Buch, mit unerhörter Sprachkraft geschrieben, einer Sprachkraft, die den Erzähler in keiner Situation im Stiche läßt. Scheiterhaufen qualmen, der Gestank verbrannten Menschenfleisches, der strenge Weihrauchgeruch, der aus den offenen Türen der Kirchen quillt, der schwere Dunst von Strömen verflossenen Blutes mischt sich mit dem nahrhaften Duft gebratener Würste, fetter Pfannkuchen und dem Aroma auf Holztischen verschütteten Weins. Szenen düsterer Mystik wechseln mit berückend zarten Augenblicken der Liebe, diese wiederum stehen unmittelbar neben dem dröhnenden Gelächter urgewaltiger Freßgelage, neben dem kalten Spott kluger Narretei. König Philipp, ohne zu lachen, sitzt steinern auf seinem Thron oder spielt, ein junger, boshafter Dämon, seine perverse Erfindung: das Katzenklavier. Die gefolterte Katheline versucht mit dem letzten Atemzuge den verbrecherischen Liebsten zu retten, der sie lange mißbrauchte und perfide verriet. Lamm Goedzak, von dem es im bitterbösen Vorspruch der Eule ironisch heißt, daß er zu jenen gehöre, die im Leben stets geradeaus gehen, genauso, als ob man in dieser Welt nur gut und ehrlich zu sein brauche ‒ Lamm Goedzak, der melancholische, der gute Mensch von Flandern, sucht traurig allenthalben nach seiner verlorenen Frau und tröstet sich zwischendurch mit Würsten und Suppen und Schinken von gargantualischer Quantität, bis er die Gesuchte am Ende wiederfindet: dem Lamm Goedzak wird jener Friede beschieden sein, den sein Freund Ulenspiegel vergeblich sucht.

Die Sprachkraft, die sich in diesem großartigen Buch manifestiert, sie hat wenig zu tun mit der naiven Wortkunst des Märchens, obwohl es manchmal anders scheinen mag, weil sich der Erzähler auch ihrer so unbefangen zu bedienen weiß, wie er souverän über alle Stilmittel verfügt: von der hämmernden Wiederholung im dröhnenden Fluß erzählender Sätze bis zur atmosphärischen Pracht beschreibender Adjektive, von Perioden eisigen Witzes bis zur zartesten Nuance der Wortwahl, des zögernden Senkens der Stimme in den Vokalen in jenen Augenblicken, in welchen die Zeit selbst anzuhalten scheint, wie erstaunt über die lebendige Möglichkeit des Schönen und Zarten mitten in der Grausamkeit und Härte der Welt.

In dieser Sprache vereinen sich mystische Leidenschaft, körperwarme Sinnlichkeit und kühler, nüchterner Verstand mit einer alles durchdringenden und erhöhenden Humanität. Bewußt bis in die scheinbar nebensächlichste Zeile hinein schreibt de Coster gegen den spießigen Zynismus des Eulenvorspruchs an. Denn, so verhöhnt die Eule den Dichter: Lamm Goedzak, den guten Menschen, Ulenspiegel, den aussichtslosen Kämpfer für Frieden und Gerechtigkeit, die kleine Nele, die nur einen Mann in ihrem Leben liebt ‒ wo sieht man solche Dinge? Ich würde, sagt die Eule dem Dichter, ich würde dich beklagen, wenn ich nicht über dich lachen müßte. Ungeachtet dieses mißtönenden Gelächters, mit dem das Spießertum sich Luft schafft angesichts einer Herzensgröße, die es nicht begreifen kann, hat de Coster den Lamm, den Ulenspiegel, die kleine Nele geschaffen.

Es lohnt sehr, den Ulenspiegel heute wieder zu lesen: von ihm her führt ein gerader Weg hin zu einem wesentlichen Teil unserer modernen Literatur. Manches von de Costers mystisch-visionärem Romanwerk, von der kosmisch-erotischen Kraft seiner Bilder findet sich wieder ‒ beispielsweise im Werk von Günter Grass, das dem Ulenspiegel in vieler Hinsicht verpflichtet ist. Aber gerade darum zeigt ein Vergleich sofort, in welch erschreckendem Maße sich die Literatur seitdem enthumanisierte. Jenen Kritikern des Schweizer Professors Staiger, die nicht zu verstehen vorgaben, was Staiger meinte, als er von der Vorliebe der Modernen für menschliche Monströsitäten sprach, sei empfohlen, den Blechtrommler Oskar an seinem großen Vorgänger Ulenspiegel, die Tulla Pokriefke an der Nele zu messen: der Verlust an humaner Substanz dürfte auch ihnen sofort spürbar sein ‒ denn weder Nele noch Ulenspiegel entstammen dem Edelmenschenrepertoire verkitschter Ganghoferei: sie kommen als lebendige Zeitgenossen aus einer furchtbar harten Geschichtsepoche, die den Vergleich mit dem Schrecklichsten unseres Jahrhunderts nicht zu scheuen hat. Sollten sich die Menschen seitdem so verändert haben, daß sie es verdienen, sich nur noch als Monstren gespiegelt zu sehen? Oder bedeuten die widerwärtigen Popanze, von Günter Grass mit großer Kraft in die Welt geschleudert, etwa den Sieg der Eule: sich selbst bespiegelndes, pervertiertes Kleinbürgertum, das über dem eigenen Abbild alles andere aus den Augen verlor; Kritik am Faschismus, die sich unversehens in des Faschismus dreckige Kehrseite verwandelt? Das wäre zu bedenken.

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Vom Ulenspiegel zum Oskar Matzerath
Erstveröffentlichung in: deutsche studien (9) Nr. 34, Juni 1971, S. 154-156
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016059
URL:  https://scholien.wordpress.com/2016059-2/
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