Hans Lipinsky-Gottersdorf: Ein Hiob namens Biberkopf

Überlesenes in Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“

Um die Jahreswende 1929/30 erschien im Berliner Samuel Fischer Verlag Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“. Ein Buch, an das nach nunmehr sechzig Jahren zu erinnern, nicht nur ein Akt literarischer Pietät sein sollte. Es gibt immer noch aktuelle Gründe dafür. Zum einen ist der „Alexanderplatz“ ein Großstadtroman, gehört also zu einer Gattung, die in Deutschland seit eh und je spärlich vertreten war und mit Ausnahme von August Scholtis´ „Jas, der Flieger“ (1935 bei Cassirer in Berlin erschienen) ist schwerlich ein weiterer zu nennen, der diesem Werk Döblins als ebenbürtig zur Seite gestellt werden könnte. Zum anderen hat der Autor mit der Sprache dieses Buches den zur sterilen Mode erstarrten literarischen Expressionismus aus seiner Sackgasse geholt, zum Mittel lebendigen Erzählens gemacht und damit auf seinen Gipfel geführt und vollendet. Drittens enthält die Handlung des Romans jenseits von und hinter allen stilistischen Finessen die Auseinandersetzung eines weitgehend schon emanzipierten Juden mit dem Glauben seines Volkes, mehr noch: mit dem furchtbaren Gott des Alten Testaments. Es ist bezeichnend für das geistige Gegenwartsklima, daß diese religiöse Dimension des Romans von der zeitgenössischen Literaturkritik entweder vollkommen ignoriert oder schroff zurückgewiesen worden ist. Daß sie für den Autor bitterer Ernst war, erhellt schon daraus, daß er nur wenig später zum Katholizismus konvertierte. Der Weg seines Protagonisten Franz Biberkopf durch Berlin und die Zeitgeschichte ist mutatis mutandis Döblins eigener Weg geworden. ‒ Ein bemerkenswerter Romanheld, ein bemerkenswerter Stoff, bemerkenswert nicht zuletzt auch die sprachliche Nonchalance, mit der Döblin an die Bewältigung gegangen ist. „Franz Biberkopf“, so Döblin, „kann es mit den alten Helden aufnehmen. Zementarbeiter, Möbeltransportör, und anderes, ist er einsachtzig groß und wiegt zwei Zentner. Er ist stark wie eine Riesenschlange, trägt grüne Wickelgamaschen, Nagelschuhe und Windjacke. Geld könnt ihr bei ihm nicht viel finden, es kommt laufend ein, immer in kleinen Mengen, aber trotzdem soll mal einer versuchen, ihm zu nahe zu treten.“

Biberkopf also hat seine Braut Ida erschlagen, nicht aus purer Lust an Gewalttätigkeit, die ist ihm, wie Männern seines Schlages gewöhnlich, gänzlich fremd, sondern anläßlich eines häuslichen Streits, bei welcher Gelegenheit Ida zu hemmungslosen Lautstärken als hundsgemeiner Waffe griff. Inzwischen hat Franz von Totschlags wegen vier Jahre Tegel abgesessen und ist wieder draußen. Frei, aber stark deprimiert. Die Häuser an den Straßen machen Zicken wie die im Caligarifilm; sie wiegen sich drohend in den Hüften, neigen sich vornüber und machen Anstalten, sich auf den erschrockenen Franz zu stürzen. Außerdem kann er es nicht mehr bei den Weibern. Mit zwei Huren hat er es vergeblich probiert, und erst mit seiner Schwägerin hat es wieder geklappt, aber hinterher hat sie ihn aus blasser Angst vor dem eigenen Mann sofort hinausgeworfen. Und Franz hat ihr als angemessenes Dankeschön aus der Fleischerei gleich gegenüber zwei gewaltige Kalbsschnitzel in die Wohnung geschickt. Das andere für den geschädigten Ehemann, denn Franz hat jetzt fest vor, sauber und anständig zu bleiben. Nicht gerade aus Gewissensgründen. Den mythischen Erinnyen, die vor Zeiten für Zucht und Ordnung sorgten, ist die moderne Großstadtluft nicht bekommen; sie haben sich mit ihrem bösartigen Hoihohatz-Geschrei in irgendwelche Parkanlagen verkrümelt. Nein, Franz will sauber bleiben aus nüchterner Einsicht und tiefsitzender Abneigung dagegen, noch einmal in den Knast zu müssen und dann wieder die Ängste unter wackelnden Häusern und Schwierigkeiten bei den Weibern. Nee, danke, danke bestens.

Alfred Döblin ist Jude pommerscher Herkunft gewesen. 1878 in Stettin geboren, hat er sich im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts als Nervenarzt für arme Leute im proletarischen Norden Berlins niedergelassen und bald auch zu schreiben begonnen. Aber es hat fast zweier Jahrzehnte bedurft, ihn u.a. über die Romane „Der schwarze Vorhang“ und „Die drei Sprünge des Wang Lun“ zur sprachlichen und formalen Einmaligkeit seines Hauptwerks hinfinden zu lassen. Als das Buch erschien, war in den meisten Kritiken, den wohlwollenden wie den erbosten, vorab zu lesen, daß der Autor sich als ein Schüler des berühmten Iren James Joyce ausgewiesen habe ‒ eine These, die sich auch im Ullsteinkompendium „Wege durch die Deutsche Literatur“ wiederfindet, erweitert um die allerdings gänzlich neue und absurde These, daß Döblin seinen Biberkopf den plagenreichen Weg durch das Jahr 1928 als einen Läuterungsprozeß proletarischer Selbstfindung auf die grobe Stirn geschrieben habe. Beides ist in das Buch hinein-, nicht dort herausgelesen worden. Zwar haben sowohl Joyce als auch Döblin uralte Geschichtenstoffe wieder aufgenommen und neu ausgesponnen, aber mit unterschiedlichen Mitteln und zu radikal entgegengesetzten Zwecken. Joyce hat den homerischen Mythos vom umherirrenden Helden in seinem „Ulysses“ in zeitlicher wie in räumlicher Hinsicht drastisch beschnitten, wobei sein Buch um ein Mehrfaches umfangreicher geworden ist. Kein Kreuzen noch durchs Mittelmeer und viele Jahre. Nein, vom monologbegleiteten morgendlichen Toilettenbesuch des Ulysses/Bloom einen öden Werktag lang monologisierend über Dublins umweltverschmutzte Strände, durch Straßen, Büros, Redaktionen, Friedhöfe, Speiserestaurants und Schnapskneipen, sodann in halluzinierender Besäufnis heim zur menstruierenden Penelope Claire, gleichfalls monologisierend mit Nebengeräuschen auf dem Nachtgeschirr.

Carola Giedion-Welcker mag recht haben, wenn sie in ihrer glucksend begeisterten „Einführung zum Ulysses“ behauptet, daß Joyce die Absicht hatte, mittels innerer Monologe die menschliche Psyche bis in die verborgensten Winkel zu erhellen. Freilich ist es ihm damit ergangen wie dem Vagabunden Chaplin in seinem besten Film mit der auseinandergenommenen Uhr: er brachte sie nicht mehr zusammen. Aufgelöst in Fetzen von Wahrnehmungen, Farben, Tönen, Empfindungen, Reminiszenzen und Mutationen verloren Psyche, Menschenbild und die Stadt Dublin sich im Nirgendwo. Trotzdem ist Joyce´ tabubrecherischem Bemühen ein Erfolg nicht versagt geblieben: er hat schockweise Proselyten gemacht. Seither kritzeln sinnentpflichtete Literaten schmutzige Sinnlosigkeiten in die Stammbücher einer sie ernährenden Bourgeoisie und warten im übrigen sehnsüchtig darauf, im von der marxistischen Eschatologie verheißenen Gleichheitsparadiese auch noch von der Last ihrer Individualität erlöst zu werden.

Was Döblin betrifft, so sind ihm aus der Begegnung mit dem Werk des genial verqueren Iren nur ein paar Manierismen überkommen, etwa die Neigung, Ortsbestimmungen mit kosmischen Dimensionen auszustatten: „Alex ‒ Stadt Berlin ‒ Staat Preußen ‒ Deutsches Reich ‒ Europa ‒ Nördliche Halbkugel ‒ Planet Erde ‒ Milchstraße ‒ das All“. Punkt. Und die Technik des Inneren Monologs verwendet er, ganz wie seine fortschrittsliberalen Kritiker es ihm vorwarfen, nur in Maßen, wie man sie schon in der Literatur des 19. Jahrhunderts, bei Tschechow etwa, nachweisen kann. Was sonst bei ihm noch so aussehen mag, ist nicht innerer Monolog, sondern expressionistische Beschreibung riesenstädtischer Wirklichkeit.

Keineswegs zufällig: die alte Geschichte, die im „Alexanderplatz“ noch einmal ausgerollt wird, entstammt dem Alten Testament. Und das Alte Testament ist kein Grund, auf dem Monologe wachsen. Es ist Schauplatz und Protokoll eines ungeheuren Dialogs, geführt zwischen dem erwählten Volk der Juden und seinem persönlichen Gott ‒ einem Gott, unnahbar, allgewaltig und umgeben von „Schrecklichem Glanz“, dem „Gold aus Mitternacht“, wie es im Buche Hiob heißt, das, von Döblin neu erzählt, den vermutlich grausamsten aller alttestamentarischen Dialoge enthält: eine denkbar unbehagliche Lektüre für Humanisten und liberale Theologen, weil es allen Vorstellungen von einem der Ratio erträglichen Gottesbilde radikal entgegensteht.

Meine erste Begegnung mit dem Roman „Alexanderplatz“ datiert auf das Jahr 1932. ‒ Ein unerschrockener Pädagoge im Stettiner Oberpräsidium, vermutlich Sozialdemokrat mit vegetarischen Neigungen, hatte einen Auszug aus den beiden Schlachthofkapiteln ins Deutsche Lesebuch für die Quarten der humanistischen Gymnasien in Pommern gesetzt. Zweifellos waren der bitteren Episode vom Kälbchen und dem netten alten Mann die blutigsten Bestandteile wegoperiert worden. Unser Deutschlehrer, vermutlich empfindsamer Nationalsozialist und Bindingleser, hat sie uns als Klassenlektüre trotzdem nicht zumuten mögen. So habe ich sie irgendwann daheim und still für mich gelesen. Ich muß gewaltig erschrocken sein, denn ich weiß noch, daß mir das Bild der grausam weißgekachelten, dampfdurchwölkten Halle, der angstvoll ergebene Blick der sanften Tieraugen, ihr Brechen im Tod jahrelang gegenwärtig geblieben sind. Sie waren mir immer noch unvergessen, als ich, ein volles Vierteljahrhundert später hier in Köln, den ganzen Roman gelesen habe.

Bei dieser ersten vollständigen Lektüre ist mein bewunderndes Staunen vor der unerhörten Suggestionskraft des Döblinschen Expressionismus übermächtig gewesen. Die Handlung war für den Lesenden einfach ein Teil der großen, von wildem und hektischem Leben geschüttelten Stadt Berlin, der uralten und brandneuen Hure Babylon. Das Zucken der ersten Lichtreklamen gehörte dazu wie das der hübschen Schwägerin unter dem begattenden Franz; wie das Chaos am Rosenthaler Platz, der Stieglitz in der verräucherten Budicke, die Ringvereine mit den vom Amüsierpöbel gern besuchten Bällen; wie die minutiös wiedergegebenen Streckenpläne der Straßenbahnen und Omnibusse, das Baugewühl am neuen U-Bahnhof und jene junge Dame, die auf dem Trottoir am Alex immerfort stehenbleiben und sich in heimlichen Verrenkungen üben muß, weil natürliches Unwohlsein ihr Bauchkneifen, das dazugehörige sanitäre Instrument ihr Ärgernis bereiten. Erst bei einer zweiten und dritten Lektüre ist mir aufgegangen, daß es sich bei den von Döblin reichlich verwendeten Worten und Versen aus dem Alten Testament keineswegs um schmückend archaisches Beiwerk zum rücksichtslos modernen Texte handelt, sondern um die majestätischen Kundgaben des furchtbaren Jehova in seinem immerwährenden Dialog mit seinem Volk und seinem Knechte Hiob. Ein dröhnendes: „Was geschieht, das ist zuvor geschehen, und was geschehen wird, ist auch zuvor geschehen: Gott sucht wieder auf, was vergangen ist“, durchgrollt den Roman von seiner ersten bis zur allerletzten Seite.

Schon in seinem knappen Vorspruch verheißt denn Döblin seinem Hiob-Protagonisten Biberkopf auch nicht eben besonders Gutes. „Er wird in einen regelrechten Kampf verwickelt werden mit etwas, das von außen kommt, das unberechenbar ist und wie ein Schicksal aussieht. Dreimal fährt dies gegen den Mann und stört ihn in seinem Lebensplan. Es rennt gegen ihn an mit einem Schwindel und Betrug. Der Mann kann sich wieder aufrappeln, er steht noch fest. Es schlägt und stößt ihn mit einer Gemeinheit. Der Mann kann sich schon schwer erheben, er wird schon fast ausgezählt. Zuletzt torpediert es ihn mit einer ungeheuerlichen Roheit. Damit ist unser guter Mann zur Strecke gebracht.“

Ich habe besagten Franz Biberkopf vorhin mit seiner nüchternen Einsicht und den guten Vorsätzen allein gelassen. Einen Riesenkerl, blauäugig, starkarmig und mit dem bescheidenen Glück tüchtiger Leute. Inzwischen ist seine Geschichte in berlinernder Gelassenheit in Gang gekommen. Biberkopf wohnt bei einer drallen, nicht zu alten Beamtenwitwe, ein glückliches Paar, das sich gegenseitig freigebig mit allem Lebensnotwendigen versorgt. Außerdem ist Franz mit Witwenhilfe zum ambulanten Textilkaufmann avanciert, Inhaber eines eigenen Bauchladens, und es ist ein selbstloses Bemühen, der dringenden Nachfrage des Literaturbetriebs nach Inneren Monologen nachzukommen, wenn er sich hin und wieder das von einem Mitknastologen verfaßte Gedicht durch den Kopf gehen läßt, ein Gedicht, in dem sogar das traditionell expressionistische Oh-Mensch vorkommt: „Willst du, oh Mensch, auf dieser Erden, ein männliches Subjekte werden, dann überleg es dir genau, eh du dich von der weisen Frau ans Tageslicht befördern läßt: die Erde ist ein Jammernest …“ Und so weiter, nicht gerade wie bei Penelope Bloom über 42 Seiten ohne Punkt und Komma, aber über mehr als zwanzig Zeilen immerhin, und das ist ja schon was für den selbständigen Textilbauchladen. Außerdem hat Franz an Wichtigeres zu denken als an gereimten Skeptizismus: er verhandelt aus Nebengeschäftsgründen mit einem Zeitungshändler über Gedrucktes in Sachen sexueller Aufklärung. Wobei ihm manches aus dem ihm zum Vertrieb angebotenen Material untauglich, weil unglaubwürdig erscheint. Ungefähr so: „Kiek ma zum Beispiel diesen D´Annunzio, Maxe, det Oberschwein. Da sind seine Gedanken so von der abgehauenen Liebsten erfüllt, daß ihm in der Nacht mit einem Ersatzmädchen der falsche Name rausrutscht. Kann ja vorkommen, Maxe, aber hier, lies ma weiter: „Eine große Leere und Schweigen erfüllte darauf ihre Seele“. Da schlägts aber Dreizehn. Det würde ich als Setzer nich drucken. Hab doch selbst mal eine gehabt und die hat was von der Andern gemerkt. Adresse in meinem Notizbuch hat ihr genügt. Die und schweigen? Die hätt’ste hören müssen. Ich war froh, als ich zur Tür raus war.“

Nein, Biberkopf läßt die Hände von der betrügerischen Aufklärung in sexualibus und widmet sich weiter seinen Textilien. Er ist, wie man sieht, anständig, sogar hochanständig geworden und erwartet dafür vom Leben ein bißchen mehr als ein Butterbrot: Gerechtigkeit. „Wie ich dir, so du mir“, mit anderen Worten. Statt dessen aber fährt aus heiterem Himmel ein Blitzstrahl auf ihn nieder. Ein Kollege erpreßt Franzens Wirtin, die Beamtenwitwe, mit einer angedrohten Anzeige wegen Unmoral bei der pensionsspendenden Behörde. Die Wirtin rückt Geld heraus, mag aber von dem gänzlich unschuldigen Franz, Franz von der Welt nichts mehr wissen. Der Textilhandel ist auch hin: Biberkopf zieht in eine andere Straße, fängt an zu saufen, zu hadern und herunterzukommen.

Döblin hat den einzelnen Großkapiteln des Romans jeweils ein paar Sätze vorangestellt, die, im Zusammenhang gelesen, einen fast balladenhaften Text ergeben. Diesmal heißt es: „Es hat den Biberkopf eigentlich noch gar kein Unglück getroffen. Der gewöhnliche Leser wird sogar fragen, was war schon dabei. Aber Franz ist kein gewöhnlicher Leser. Er merkt, sein Grundsatz, sauber bleiben zu wollen, so einfach er ist, muß irgendwie fehlerhaft sein. Er weiß nicht wo noch wie, aber schon daß er weiß, gräbt ihn in tiefe Betrübnis. Aber es war noch nicht so hart. Franz ist für Schlimmeres aufbewahrt.“ Das stimmt. Er kommt nicht herunter, er wird, sozusagen, von Stufe zu Stufe hinunter gestoßen, bleibt einmal auf einem Absatz liegen, und kaum, daß er sich aufgerichtet hat und Fuß zu fassen sucht, trifft ihn ein neuer Nackenschlag oder ein Fußtritt in den Hintern. Es wird nicht gerade sanft mit ihm umgegangen; von seinem Willen zum Sauberbleiben will er indessen nicht lassen. Und er bleibt das in der Tat auch in jenen Monaten, als ihm, gewissermaßen retardierend, eine Erholung in der Liaison mit der Prostituierten Eva bewilligt wird, die er vor Übergriffen von seiten verdächtiger Freier zu beschützen hat: ein Zuhälter mit einem reinen Herzen, ein Mensch guten, sogar besten Willens, ‒ und an dieser Stelle hat, nicht von ungefähr, sein Autor jene beiden Schlachthauskapitel und den halluzinierten Hiobsdialog gesetzt. „Siehe, es geht dem Menschen wie dem Vieh, wie dieses stirbt, so stirbt er auch“, lautet die Überschrift des ersten, „Es haben beide einerlei Odem, und der Mensch hat nichts mehr denn das Vieh“, die des anderen Kapitels. Ich habe diese Kapitel schon vorhin erwähnt und bin kein Vegetarier. So begnüge ich mich mit dem Bemerken, daß diese Episoden qualmen wie Opferrauch, und von Opferrauch umwölkt ist auch der Dialog mit der „Stimme“, der die beiden Kapitel eher miteinander verbindet als voneinander trennt.

Dieses Zwiegespräch zieht sich über vier Druckseiten hin und belegt eindrücklich, wie die lapidare Monumentalität alttestamentlichen Geschehens, der weder mit getragener Feierlichkeit noch mit süßlichem Nazarenertum beizukommen ist, sich gleichsam selbstverständlich mit berlinernder Schnoddrigkeit vereinbaren läßt.

Hiob hat alles verloren, was Menschen verlieren können, Familie, Besitz, Gesundheit, und liegt ächzend, ein nacktes Bündel Elend, bei der Hundehütte im Krautgarten, als die „Stimme“ mit ihm zu reden beginnt. Keineswegs majestätisch, sondern abwechselnd jovial und höhnisch empfiehlt sie dem Zerschundenen, von seinem Barmen nach Gerechtigkeit zu lassen und die Dinge zu nehmen, wie sie einmal sind. Alsbald werde ihm alles hilfreich sein. Gott aus Gnade, der Hund aus Solidarität, der Teufel aus Habgier, die Menschen, weil sie Helfer Gottes und des Teufels seien. Hiob wehrt sich entrüstet und verzweifelt, die „Stimme“ wiederholt sich und hat die größere Ausdauer. Schließlich bricht Hiob zusammen und fällt auf sein Gesicht. In die Proskynesis, jene Form blinder Verehrung, die vor den Großkönigen des Orients einem einzigen, Jehova, gebührt. Die „Stimme“ schweigt, und an diesem Tag heilen Hiobs erste Geschwüre.

Hier liegt, wenn ich so sagen darf, die Wasserscheide des Romans. Alles weitere Geschehen könnte man getrost eine Tragödie nennen. Allein ich werde nicht ebenfalls etwas in das Buch hineinlesen, was nicht darin steht. Der Autor Döblin hat mit der Tragik ebenso wenig im Sinn wie mit dem Schicksal. So vollzieht sich der Höllensturz des Franz Biberkopf, der in der Begegnung mit dem „gelben Reinhold“ anhebt, unter besonderen Aspekten und nimmt zuletzt sein besonderes Ende. Ein Höllensturz bleibt es darum doch.

Die Begegnung mit Reinhold geschieht in einer Berliner Straßenkneipe; sie ist auf den 9. Februar 1928 datiert und zeigt Döblin auf dem Gipfel seiner literarischen Gestaltungskraft. Es wird mit keinem Wort erwähnt, mit keiner Geste darauf hingewiesen, daß es sich bei dem dürftigen Schwächling mit den gelben Schuhen und der unbezwingbaren Vorliebe für Waldmeisterlimonade um einen gefährlichen Psychopathen handelt. Die Szene nimmt eine knappe Buchseite in Anspruch, aber der Leser wird sie unverrückbar im Gedächtnis behalten. Reinhold, gleichsam ein Schatten nur, lautlos, geruchlos, eine Gestalt aus dem Hades: Simplizius Franz, der Einfältige, avanciert zum Simplizisssimus, zum Allereinfältigsten, indem er sich eben dieser menschlichen Lemure in anhänglicher Freundschaft verbindet. Einer Freundschaft, die einseitig bleiben muß. Reinhold, selbst wenn er das wollte, könnte sie gar nicht erwidern. Biberkopf, allem zögernden und zagendem Sträuben zum Trotz, wird von Reinhold in ein Bandenverbrechen hineingezogen. Als potentiellen Verräter wirft ihn Freund Reinhold eigenhändig aus dem Fluchtauto. Verfolger überfahren ihn, und er verliert den rechten Arm. Von Kumpanen aus der Unterwelt aufgesammelt und gesund gepflegt, findet er eine neue und aufrichtig geliebte Braut, Mieze, die er sogar heiraten will. Es ist Reinhold, der sie ihm neidet; kurz vor der Hochzeit lädt dieser Mieze zu einer Landpartie und bringt sie draußen auf scheußliche Weise um. Franz, der sie sucht, wird in der Nähe des Tatorts aufgegriffen, des Mordes verdächtigt und eingesperrt. Dann, seines verzweifelten Tobens wegen in die Nervenklinik eingeliefert. Zwei Tage und zwei Nächte hat der erledigte Franz gejammert, gebettelt und geheult, als er von einem rüde daherberlinernden Tod besucht, in ein resümierendes Gespräch verwickelt und, im Namen der von ihm geforderten Gerechtigkeit, aller möglichen Missetaten und Unterlassungen beschuldigt wird. „Blitzen, Blitzen, Blitzen, das Blitzen, Blitzen hört auf. Hacken, Fallen, Hacken, das Hacken, Fallen, Hacken hört auf.“ Das Psychogramm des endgültigen Zusammenbruchs ist zurecht berühmt geworden.

Nach dem Prozeß gegen den überführten Mörder Reinhold, in dem Biberkopf als eher entschuldigender denn belastender Zeuge auftritt, wird ihm eine Stellung als Hilfsportier in einer Fabrik mittlerer Größe geboten; er nimmt sie an. Ende der Geschichte von einem Mann, der den alten Helden vergleichbar war und fortan die Ein- und Ausgänge von Waren zu überwachen haben wird. Es gibt noch einen knappen Dialog mit klassenkämpferisch klingenden Marschtönen, doch ist das nichts anderes als barer Hohn für jegliches Weltverbesserungsgetue.

Als im Spätherbst 1929 die Leseexemplare hinausgingen, schlug die Stunde harscher Kritik. Döblins Stallgefährte Thomas Mann empfahl das Buch, wie er jedes Buch empfahl, das ihm vorgelegt wurde, fügte jedoch hinzu, daß der „Alexanderplatz“ für deutsche Leser zu schwierig sei. Ein Quentchen Neid ist nicht zu überhören. Das fette Bürgersöhnchen Johannes R. Becher vom „Bund Proletarischer Revolutionärer Schriftsteller“ verlangte zeternd nach „kantiger Härte“ gegen den Klassenverräter Döblin, und im Moskauer Verlag „Semlja fabrika“ wurden Döblins Bücher endgültig aus dem Verlagsplan gestrichen. In Berlin verhöhnte F.C. Weißkopf Döblins „Vom Proletariat zum Kleinbürgertum“. Und namens der, damals wie heute, linksliberalen Wortführer der Bourgeoisie in Sachen Literatur, weigerte Walter Benjamin sich strikt, den religiösen Kern des Romans zur Kenntnis zu nehmen; er füllte Seite um Seite seiner Großrezension mit Meditationen über den Unterschied zwischen Epik und Roman und beschrieb auf diese Weise einen wunderschönen Bogen um die Hauptsache. Wenn „Berlin Alexanderplatz“ trotz alledem auch ein Verkaufserfolg geworden ist, so lag es in der Natur der Sache: Das Hiobsmotiv – „Gottes Geheimnis über des Menschen Hütte“ – gehört zu den ältesten und fesselndsten Motiven der Mythengeschichte.

Daß aber Döblin eine regelrecht und rundherum stimmige Hiobsgeschichte geschrieben hatte, ist damals nur von Friedrich Muckermann in der Zeitschrift „Gral“ angesprochen worden. „Der Autor“, so schrieb der Jesuit, „pocht an die ewigen Tore, aber sie öffnen sich nicht, schließen sich vielmehr dumpf und schwer. Ein ehernes Firmament steht grausig über dem fürchterlichen Spiel unerforschlicher, aber notwendig abrollender Ursachen. Fast scheint mir, als fehle dem Dichter, der das Letzte ahnt, der Mut, die Hände zu heben und um Gnade zu flehen. Ist es so schwer, aus dem Kerker herauszukommen, den der Freisinn dem modernen Schriftsteller angewiesen hat?“ Soweit der ahnungsvolle Muckermann: nur wenig später hat Döblin die Hände gehoben, als er im Jahre 1933 als Emigrant zum Katholizismus konvertierte: der eigentliche Epilog zu seinem größten Roman.

Anno 1919 war der Dr. Döblin ein kämpfender Marxist, doch ist das gegenseitige Hinmorden im Krieg der Klassen nicht seine Sache gewesen. Er ist bald wieder an seinen Schreibtisch und in seine Praxis zurückgekehrt, ohne allerdings der Erlösungsverheißung des Pseudophilosphen aus Trier abzusagen. Andererseits war er kein „nützlicher Idiot“ vom Schlage des Romain Rolland. Er mag der marxistischen Eschatologie noch ergeben gewesen sein, als er den „Alexanderplatz“ zu schreiben begann, nach seinen eigenen Worten: ohne zu wissen, zu welchem Ende. Das Predigerwort vom „Was geschieht, das ist zuvor geschehen, und was geschehen wird, ist auch zuvor geschehen“, muß ihm erst am Schreibtisch und aus dem zeitgeschichtlichen Kontext immer bedrängender auf den Leib gerückt sein. Die Menschheitshoffnung Rote Revolution in Rußland erwies sich in eben diesen Jahren mehr und mehr als das, was alle Revolutionen aller Zeiten gewesen sind und sein werden: blutiger Polterabend vor der Vermählung eines hoffnungsvollen jungen Utopismus mit dem gefräßigen Spinnenweibchen Geschichte: Der Priesterzögling im Kreml richtete das Morgenmahl für die vereinsamte Braut. Die Hoffnung auf einen, diesmal roten Messias war wieder einmal zerbrochen: für den Mann am Schreibtisch die Konversion nur noch eine Frage der Zeit. Freilich hat den Dichter Döblin am Taufstein eben jene Tragik eingeholt, die er hinsichtlich seines Biberkopf so entschieden verneinen zu müssen meinte: er hat dort den wesentlichsten Teil seiner literarischen Gestaltungskraft opfern und zurücklassen müssen.

Geschieden von der inneren Spaltung seines Judentums, hat dieser große Autor nie mehr ein Buch geschrieben, das dem Roman „Alexanderplatz“ auch nur entfernt zu vergleichen gewesen wäre.

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Ein Hiob namens Biberkopf
Untertitel: Überlesenes in Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“
Erstveröffentlichung in: Sechste Etappe (2) 1991, S. 58-65
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016060
URL: https://scholien.wordpress.com/2016060-2/