Hans Lipinsky-Gottersdorf: Ich war in der Provinz

In Münster waren drei Herren zugestiegen, höhere Beamte des Wasserbauamts oder leitende Funktionäre eines Wasserwirtschaftsverbandes, die von einer Sitzung im Bonner Verkehrsministerium in ihre Dienstorte zurückkehrten. Schon als der Zug den Bahnhof verließ, hatten sie Listen mit Zahlen und Daten aus den Aktentaschen gezogen. Als wir Emsdetten passierten, erörterten sie Vorflutverhältnisse und Tidenhub; in Rheine waren sie bei dem (endlich) recht zufriedenstellenden Grundwasserstand in den kultivierten emsländischen Mooren angelangt; und draußen glitt die schimmernde Metallkuppel des neuen Atomkraftwerkes am Fenster vorbei, da erwähnte einer von ihnen mit gerunzelter Stirn die Möglichkeit, daß dieser Grundwasserspiegel sich bei weiter im vorgeplanten Ausmaß hinzukommender Industrie innerhalb der nächsten zehn oder zwanzig Jahre in gänzlich unvorhergesehenem Maße senken könne. „Seltsam, daß uns das erst bei dem Jubiläum neulich bewußt geworden ist“, fügte er hinzu ‒ „Sehr seltsam“, bestätigte der zweite, „wie konnte es angehen, daß wir das so lange übersehen haben?“ ‒ „Der Fortschritt“, sagte der dritte nachdenklich, „ist ein grelles, weißes Licht; starrt man zu gebannt hinein, so übersieht man die Schatten.“

Später merkte ich, noch bevor mein Besuch im Emsland recht begonnen, auf ein wichtiges, wenn nicht eines der wichtigsten Zukunftsprobleme dieser Provinz gestoßen worden zu sein.

Es ist angenehm, in Lingen einzukehren. Die Luft war sauber und roch nach dem strengen Atem des grünen Landes ringsum. Es war Freitagnachmittag, und auf der Hauptstraße lief starker Durchgangsverkehr, doch nur ein paar Meter seitab herrschte jene lebendige Stille, die mir von den Landstädten meiner östlichen Heimat her vertraut geblieben ist. In den Fleischerläden kauften Frauen Sonntagsbraten und „Rauchenden“, kleine, scharf geräucherte Würste, die ich nicht kannte. Trotz fast sommerlicher Wärme waren die Kleider von gemäßigter Länge. Die kräftige Kellnerin, bei der ich mir ein Bier bestellt, lachte; ihr Gesicht war breit und sehr hübsch: „Nehmen Sie einen „Deichgraf“ auf die Enttäuschung, wenn es eine war. Schinken im Schlafrock ist auch was Gutes, falls Sie verstehen, was ich meine. Und vielleicht sollten Sie mehr nach oben schauen; das lohnt hier auch.“

Sie hatte recht und nicht nur, was sie selber betraf: zierlich das Haus der Kivelingen-Gilde mit dem seltsam verschobenen Dach; alt der Fachwerkbau einer von Oraniern gegründeten Miniatur-Universität, die länger als ein Jahrhundert fast unbemerkt hier am Rande des alten Reiches bestand. Unweit davon ein graues Renaissance-Palais; das steinerne Wappen zeigt Kranich und Haspel: die Danckelmanns, die der Krone Preußens manchen Minister stellten. Ich hatte nicht gewußt, daß sie von hier gekommen waren, und wie es einem Preußen geziemt, lüftete ich meinen Hut, grüßte über Jahrhunderte hinweg respektvoll gemeinsame Vergangenheit.

Es ist angenehm, in Lingen einzukehren. Der junge Kellner im kleinen Hotel am Bahnhof, der mir den Mokka brachte, wäre in jedem teuren Großstadtrestaurant durch tadelloses Benehmen aufgefallen. Er stammte aus einem Dorf in der Nähe; erst vor kurzem hatte er in diesem Hause die Lehre abgeschlossen. Ob er später fort wolle? Gewiß. Für immer? Er schob mir behutsam die Tasse zurecht und richtete sich auf, die Serviette unter dem Arm. „Nicht, wenn ich mir auch hier mein Brot verdienen kann“, sagte er entschieden. Das Wort klang seltsam im Munde eines so jungen Mannes, altväterisch, unzeitgemäß. Mir gefiel es, ich war in der Provinz, fühlte mich wohl und hatte dabei nicht die mindeste Sorge um meine ordnungsgemäße Zeitgenossenschaft. Ist es nicht eine höchst ehrenwerte Aufgabe der Provinz, den Zeitgeist um jenes natürliche Beharrungsvermögen zu ergänzen, dessen er bedarf, wenn sein Fortschrittsstreben nicht zur Flucht vor sich selbst werden soll, jener heillosen Gedankenflucht, die in immer neue Identitätskrisen führt? Freilich, mein Kompliment für den jungen Mann, der „sein Brot verdienen“ wollte, hielt ich zurück: Möglicherweise hätte er es falsch verstanden.

In der Nacht regnete es zum erstenmal nach langer Frühjahrstrockenheit, und am Morgen holte ein liebenswürdiger Herr mich zu einer kleinen Rundfahrt ab. Er war noch jung, er stammte nicht aus der Gegend, aber er sagte „wir“, wenn er von den Emsländern redete, und sein Hochdeutsch hatte die sympathische Klangfarbe niederdeutschen Platts. Hinter seinem Hause am Stadtrand grasten zwei Islandponys auf sauberer Koppel, und er rieb ein Büschel selbstgeernteten Heues zwischen den Fingern. „Sehen Sie“, sagte er, „diese Kräuter hier ‒ ist das nicht eine wahre Freude?“

Die Heidewälder beginnen dicht vor der Stadt. Wo sie auf sandigen Hügeln stehen, hielten wir in einem Dorf, dessen alte Kirche wie in eine mehrere Meter tiefe Mulde hineingebaut erscheint. Die Wanderdüne hätte alles verschüttet, wäre nicht im vergangenen Jahrhundert die Aufforstung des Gebietes gelungen. Nicht ganz reibungslos: Die ums Althergebrachte besorgten Bauern nahmen zwar den Kiefernsamen des Staates und streuten ihn gehorsam aus, aber nicht ehe sie ihn gekocht hatten. „Sei untertan der Obrigkeit, wenn sie Gewalt über dich hat“, das war die bäuerlichen Gemütern angemessene Übersetzung von Römer 13 in meiner Heimat gewesen. Mein Begleiter lachte: „Wir sollten einen Bauern besuchen. Sie spielen immer noch eine entscheidende Rolle für dies Land.“

Der Hof liegt in der Wacholderheide, keine hundert Meter von der Ems entfernt: 120 Hektar Weide, 80 Hektar unter dem Pflug. Gewirtschaftet wird mit modernen Maschinen, auf konservative Weise. Milch- und Mastvieh in geräumigen Ställen, Läuferschweine auf den Koppeln; Getreide und Hackfrucht werden angebaut ‒ mit gutem Erfolg, der Hof ist schuldenfrei und sieht überall nach selbstbewußtem Wohlstand aus. Freilich arbeitet man von fünf Uhr früh bis zur Dunkelheit. „So ist das in der Landwirtschaft“, sagt der Bauer gleichmütig, ein stämmiger Mann mit intelligentem Cäsarengesicht. „Und ich möchte es nicht anders, so wenig wie meine Frau. Schreiben Sie das ruhig. Nur dürften die Preise angemessener sein. Wir bekommen für den Zentner Roggen dasselbe wie vor zehn Jahren. Überlegen Sie einmal, um wieviel teurer Ihr Brot inzwischen ist.“

Die Wohnräume im Haus sind groß und hell, mit soliden alten Möbeln eingerichtet. Die Proportionen der mächtigen Diele müßten manch zeitgenössischen Architekten dazu treiben, stumm hinauszugehen und sich an der nächsten Birke zu erhängen. Im Zimmer daneben war ein Frühstückstisch gedeckt, selbstgebackenes, lockeres Brot und milder, selbstgeräucherter Schinken. Die Eier stammten von einer freien Hühnerschaft, der das Recht zugebilligt wird, sich gelegentlich vom Fuchs dezimieren zu lassen. „Erzählen Sie das alles keinem Schreibtischlandwirt“, sagt die Bäuerin heiter. „Es war mal einer hier, der binnen fünf Minuten ausgerechnet hat, daß wir im Hilton preiswerter frühstücken würden.“ ‒ Meine Leute“, erklärt der Bauer zuversichtlich, „haben auf diesem Hof den Dreißigjährigen Krieg, die Oranier, die Hannöverschen und die Preußen überdauert. Lassen Sie sich’s ruhig schmecken: Wir werden auch die landwirtschaftlichen Berater überleben“. Man sah ihm an, wie sehr ihn diese Vorstellung befriedigte. Seit fünfzehn Jahren hat er ein Denkmal landwirtschaftlicher Beratung vor Augen: zwei Silos, in denen das Grünfutter nicht säuert, sondern fault, weil man es infolge sinnreicher Konstruktion nicht feststampfen kann. Andererseits sind sie so solide gebaut, daß sie nur durch Sprengung zu beseitigen wären.

Die auf diesem Hof die spätere Neuzeit überleben wollen, sind das Elternpaar und fünf wohlgeratene Kinder. Der Älteste wird den Hof übernehmen; die übrigen werden eine angemessene Ausbildung und eine Mitgift erhalten, deren Höhe sich nach dem Einheitswert richtet und den Hof nicht über die kritische Grenze hinaus belasten wird. Die Gefahr, daß ‒ wie in anderen Gegenden zuweilen ‒ der Hoferbe keine Frau mehr finden könne, wird lächelnd verneint. Auch die Tochter des Hauses, zwanzigjährig und bildschön, wird demnächst in einen Hof einheiraten. Kurz: Es hat den verblüffenden Anschein, als gebe es unter diesem Dach nur jene uralten Sorgen um das Wetter, das Gedeihen des Viehs, um Gottes Segen im Leben und im Tod.

Ich kenne ihn“, sagte der energische Landwirtschaftsrat, der mir am Nachmittag die Zukunft des Emslandes von seiner Sicht her zeigte. „Er investiert zu wenig und arbeitet infolgedessen viel zuviel. Wer will heute noch derartig schuften?“ ‒ „Gott bewahre uns“, sagte ich zustimmend, „vor Bauern, die heute noch arbeiten wollen. Was sollen die Frankfurter Schüler von uns denken!“ ‒ „Ich rede von der Effektivität“, sagte er streng. Effektivität war seines Amtes. Eigentlich hatte er mit uns fliegen wollen; gottlob war es windig genug, daß ich’s ihm hatte ausreden können, und ich sah mit Befriedigung die winzige Maschine von Böen geschüttelt ohne uns über den Waldrand setzen. Mein Begleiter war weniger zufrieden; er war ein begeisterter Flieger. Außerdem wurde die Zeit jetzt knapp.

Zuerst“, sagte er, „müssen Sie aber sehen, wie es beim Fliegen gewesen wäre ‒ wenigstens so ungefähr.“ Wir fuhren in Windeseile nach Bentheim hinunter, kletterten auf den Schloßturm, sahen riesige Wolkenschatten zum Hümmling wandern und sausten wie der Blitz durch die Alte Piccardie in den Norden zurück. Sie wirkt heute schon fast behäbig und riecht nach Tradition; wir beeilten uns mächtig, sie hinter uns zu lassen. Die Straßen waren hervorragend.

Danke“, sagte der Landwirtschaftsrat erfreut; er gehörte zur Emsland GmbH, die, neben vielem anderen, den Straßenbau finanziert. Ab und an lag ein überfahrener Fasan auf dem Pflaster. „Zwölftausend im Jahr“, erläuterte der Landwirtschaftsrat. Er meinte nicht die überfahrenen, sondern die erlegten. „Gleich wird es interessant“, versprach er. Die Gegend begann nach Torf zu riechen. Bussarde und Falken kreisten über uns. Erdölpumpen bewegten ihre Schwengel, und am Horizont reckte ein riesiger Moorpflug eine urweltliche Klaue in die Luft. Die neuen Höfe zwischen mit Lärchen besetzten Windschutzstreifen sahen einer wie der andere aus; fensterlose Stallgebäude dienen der Schweine- oder Hähnchenmast. „Spezialisierung“, sagte der Landwirtschaftsrat glücklich. In den Kreisen des Emslandes werden jährlich 55 Millionen Hähnchen, eine Million Puten produziert. Auf 25 Hektar vermag eine Bauernfamilie mit relativ geringer Mühe 50 Stück Rindvieh zu halten. An einem Kanal erhob sich der imponierende Bau einer neuen Papierfabrik.

Dies ist die Zukunft“, sagte mein Begleiter begeistert. „Investitionen, Spezialisierung, Industrie. Eine andere gibt es nicht.“

Es war eindrucksvoll, ihm zuzuhören. Auch er gehört zu diesem Land. Als wir des Abends durch die Totenstille des großen Munitionserprobungsgeländes wieder südwärts fuhren, erzählte er, wie er als Junge im Krieg hier des Abends einmal zum Kartoffelroden gehen mußte und wie er sich vor der unheimlichen Leere gefürchtet hatte. Dann gab er mir ein Büchlein aus der Feder seines Vaters: „Aus einer kleinen Stadt“ ‒ ein paar Gedichte und die Liste der Auswanderer eines einzigen emsländischen Kirchenspiels die letzten hundertfünfzig Jahre hindurch. Sie sah niederdrückend aus. Als ich die Gedichte durchblätterte, fiel mir ein schlichter Vers ins Auge:

Vader in Hewen, staoh ower Hus und Land!
Heere Christ, stür us Lewen mit Brauderhand!
Hillger Geist, gew us Herte dat warme Lecht,
Rechtes tau daun alltieden an Bur un Knecht.

Das Rechte tun wir, wenn wir ein neues Emsland schaffen“, sagte er überzeugt. „Eines, das dieser Zeit gewachsen ist und aus dem niemand mehr fortzugehen braucht.“

In der kommenden Woche wird es allein in einem Teil des Kreises Lingen sieben Höfe-Versteigerungen geben“, sagte jemand an dem Honoratiorenstammtisch, der allsonntäglich an jenem Tische tagt, an dem die preußische Landkaufkommission seinerzeit 30.000 Hektar Moor zur Kultivierung ankaufte. „Es sind mehr spezialisierte als gemischt wirtschaftende Höfe dabei. Die Investitionen sind hoch.“ ‒ „Vielleicht wird es in dreißig Jahren überhaupt keinen Bauern mehr geben“, sagte ein anderer. „Aber das mag die Zukunft mit sich ausmachen. Wir arbeiten für die Gegenwart.“ Der dritte sagte: „Die Papierfabrik allein schadet nicht viel. Aber es sollen auch Kunststoffindustrien hierhergezogen werden. Und viele Fabriken solcher Art werden an das Grundwasser gehen wie die Elefantenherde an den Ententeich und Gift und Schmutz produzieren wie …“ ‒ „Ich habe gelesen“, fügte der erste hinzu, „Daß ein einziger grüner Baum in der Stadt die verbrauchte Luft von 80 Normalwohnungen regeneriert. Wieviel europäische Luft mag das grüne Emsland regenerieren ‒ bis jetzt noch jedenfalls? Wenn es keine Bauern mehr geben sollte, bleibt auch das Land nicht mehr lange grün.“

Und wir tranken bedächtig und mit viel Würde unser Bier. Ab und zu stand einer auf, ging hinaus und kam wieder zurück. Bier ist ein hervorragendes Getränk, und ich habe nie begriffen, was man gegen den Stammtisch der Provinz und seine vorgeblich dumpfe Bierseligkeit einzuwenden hat. Warum so gestrenge? Produziert nicht auf den Cocktailpartys der Metropolen intellektuelle Eitelkeit blanken Stumpfsinn in reichstem Maß?

Was werden Sie schreiben?“ fragte mich jemand in der kleinen Bar des Hotels.

Ich hatte in den beiden Tagen meines Besuches eine Provinz im Übergang gesehen und erlebt. Ich sagte: „Woher Sie kommen, daß weiß ich ungefähr. Aber wohin gehen Sie?“ Mein Gegenüber wiegte den Kopf. „Es gibt viele Möglichkeiten“, sagte er trübe. Dann begann er zu lächeln. „Am besten wäre es: von uns zu uns!“

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Ich war in der Provinz
Erstveröffentlichung in: Merian (24) Nr. 7/1971 (Emsland), S. 107-110 
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016061
URL: https://scholien.wordpress.com/2016061-2/