Hans Lipinsky-Gottersdorf: Ivo Andrić

Der Nobelpreis für Literatur ist in diesem Jahr einem Manne zuerkannt worden, der bisher in Deutschland kaum dem Namen nach bekannt gewesen ist. Zwar gibt es seit fast zwei Jahrzehnten Übersetzungen der Erzählungen und Romane des jugoslawischen, genauer, des bosnischen Schriftstellers Ivo Andrić in viele große Kultursprachen der Welt; in der Bundesrepublik jedoch ging man nur zögernd an die Veröffentlichung seiner Werke, und ein durchschlagender Erfolg blieb ihnen bis heute versagt. Weder die Novelle „Der verdammte Hof“, die vor drei oder vier, noch der sehr eindrucksvolle Roman „Die Brücke über die Drina“, der vor zwei Jahren hier erschien, haben besondere Beachtung gefunden. Sie blieben im Wesentlichen außerhalb des literarischen Gesprächs. Das ist umso bedauerlicher, als noch vor gar nicht langer Zeit Deutschland für die Literaturen unserer kleinen Nachbarn im Norden, Osten und Südosten die Brücke zur Welt gewesen ist. Hamsun und Reymont, um nur diese Beiden zu nennen, sie begannen hier ihren Weg, an dem schließlich die gleiche hohe und ehrenvolle Auszeichnung stand, die jetzt auch Ivo Andrić erhielt.

Die Ursache für diesen betrüblichen Wandel liegt nicht nur in der politischen Spaltung der Welt, die uns insbesondere von unseren östlichen Nachbarvölkern trennte. Im Falle Ivo Andrić zeigt sich vielmehr deutlich, daß sich unser literarisches Interesse gar zu einseitig auf das gerichtet hat, was heute als die moderne Literatur verstanden wird. Während auch ausgesprochen schwache Werke der berufsmäßigen Experimentatoren und unentwegten Avantgardisten allgemeiner Aufmerksamkeit sicher sein dürfen: ein so starker Erzähler wie Ivo Andrić konnte kaum mehr als ein paar freundlich anerkennende Worte für sich buchen ‒ er schreibt ja, wie es heißt, konventionell.

Nun wird man in der Tat kaum behaupten können, daß Andrić sich zu irgendeiner Zeit bemühte, in seinen Werken weltbürgerliches Bewußtsein, moderne Orts- und Heimatlosigkeit nachzuweisen, wie manche unserer Schriftsteller tun, die, wenn sie schon peinlicherweise nur in Springe am Deister oder Tauberbischoffsheim geboren worden sind, mit Erzählungen aus der Welt der Maumauneger oder brasilianischer Freudenmädchen den Beweis führen, daß sie keineswegs unter die suspekten Provinzialisten zu rechnen sind. Im Gegenteil: es scheint, als sei dem Weltmann und ehemals königlich-jugoslawischen Diplomaten Andrić keine Metropole, kein Kulturzentrum der Welt so wichtig und beschreibenswert wie das düstere, kleine Städtchen Travnik in dem engen Balkantal, als dessen Sohn er zur Welt gekommen ist. Was er schreibt, ist ‒ horribile dictu ‒ Heimatliteratur, freilich in dem Sinne, in dem, auch wenn das bei uns gründlich vergessen worden ist, sehr viele große Werke der Literatur Heimatliteratur gewesen sind.

Am Anfang des Romans „Wesire und Konsuln“ (München: Carl Hanser Verlag 1961) steht einiges über das Städtchen Travnik, das ich vorab wiedergeben möchte.

Niemals“, so schreibt Andrić, „hatte man in Travnik auch nur im Entferntesten daran gedacht, die Stadt sei dazu erbaut worden, daß sich ein simples Leben mit alltäglichen Vorkommnissen in ihr abwickle. Niemand glaubte daran, nicht einmal der letzte Aftertürke am Fuße des Vilenica-Berges. Das elementare Bewußtsein, sie, die Travniker, seien anders als die übrigen Menschen und zu etwas Besserem, Höherem geboren und berufen, hatte sich mit dem kalten Winde vom Vlasic, mit dem scharfen Wasser des Sumec-Baches und mit dem süßen Weizen von den Südhängen rund um Travnik in das Wesen eines jeden Einwohners eingenistet und verließ ihn nie, weder im Schlaf noch im Elend, nicht einmal in der Todesstunde …

Ja, die Stadt selbst schien von ihrer Auserwähltheit zu wissen, denn schon ihre Lage und ihre Gliederung hatten etwas Außergewöhnliches, Ureigenes und Stolzes. Ihre Stadt, das ist in Wirklichkeit nichts anderes als eine tiefe, enge Schlucht, im Laufe der Zeit von Geschlecht zu Geschlecht aufgebaut und umgestaltet, ein befestigter Durchgang, in dem die Menschen unversehens haltmachten, um für immer darin zu wohnen, den sie allmählich ihrem Wesen und dem sie umgekehrt auch ihr Wesen anglichen. Zu beiden Seiten der Stadt stürzen die Berghänge schroff ab und treffen sich im Tal in einem spitzen Winkel, so daß für den schmalen Fluß und die nebenher laufende Straße kaum noch Platz übrig ist. So erinnert die ganze Landschaft an ein halb aufgeschlagenes Bilderbuch: die links und rechts liegenden Gärten, Gassen, Häuser, Äcker, Friedhöfe und Moscheen sind die Bilder auf den beiden Seiten des Buchs.

Kein Mensch nahm sich je die Mühe, auszurechnen, wie viele sonnige Tage die Natur dieser Stadt vorenthalten hat, aber ohne Zweifel geht die Sonne hier später auf und zeitiger unter als in irgendeiner der zahllosen bosnischen Städte und Städtchen. Das bestreiten selbst die Travniker nicht, sie behaupten jedoch, die Sonne strahle, solange sie scheint, nirgends so herrlich wie über ihrer Stadt.

In diesem engen Tal, durch das tief unten die Lasva fließt …, am Wasser, jener geheimnisumwitterten, unsteten, gewaltigen Urkraft, kommen die Travniker zur Welt und sterben, Generation um Generation. Hier wachsen sie auf, schwächlich und blaßgesichtig, aber zäh und allem gewachsen; hier leben sie, den Konak des Wesirs vor Augen, hochmütige, schlanke, geschmeidige, eitle und wählerische Besserwisser; hier gehen sie ihren Geschäften nach und bringen es zu Wohlstand oder hocken müßig herum und verfallen der Armut, alle aber sind sie zurückhaltend in ihrem Auftreten und wachsam, sie kennen kein lautes Lachen, aber sie verstehen es, spöttisch zu lächeln … So lösen sich die Geschlechter ab und vererben einander nicht nur ihre schon im Voraus bestimmten körperlichen und seelischen Eigenheiten, nein, auch ihren Boden und ihren Glauben, nicht nur das angestammte Gefühl für Maß und Grenze, nicht nur das Vertrautsein mit allen Gassen, Pforten und Pfaden ihrer labyrinthartigen Stadt, sondern auch ihre angeborene Fähigkeit sich über Welt und Menschen ein Urteil zu bilden. All das wird den Travnikern schon als Kind in die Wiege gelegt, in erster Linie jedoch ihr Stolz … Ihr Stolz hat nichts Gemeinsames mit der naiven Überheblichkeit reich gewordener Bauern oder kleiner Provinzler, die sich selbstzufrieden in die Brust werfen ‒ im Gegenteil, er ist völlig verinnerlicht; man müßte ihn eher ein sie erdrückendes Erbe nennen, eine quälende Verpflichtung dem eigenen Ich, der Familie und der Stadt oder ‒ genauer gesagt ‒ jener hohen, stolzen und utopischen Auffassung gegenüber, die sie von sich selbst und von ihrer Stadt hegen …“

Diese eigenartige Stadt und das Leben ihrer Bewohner, der lärmende oder lautlose Gang der Geschichte durch die Straßen und die Räume des Palastes, in denen die türkischen Wesire regieren, grausam oder nachlässig oder weise, oft all das zugleich, sind das immerwährende Thema von Andrić´ Werk.

Was auch immer der napoleonische Konsul, der im Jahre 1806 mit seiner Familie in diesen weltentlegenen Ort entsandt wird, und seine wechselnden österreichischen Gegenspieler und Kollegen hier erleben, erleiden und erdulden: es resultiert aus der Erfahrung des ungeheuren Selbstbewußtseins, der urwüchsigen Vitalität, die diesem Gemeinwesen eigen sind. Die Grausamkeiten der jahrhundertelangen türkischen Fremdherrschaft habe es nicht brechen können, vielmehr als Bestätigung dafür gedient, daß es unbesieglich und unsterblich ist; so prallen die Machtdemonstrationen der sieg- und prestigegewohnten westlichen Kaiserreiche hier ab, rufen da ein Kopfschütteln, dort einen gelegentlichen Ausbruch jähen, wilden Zornes hervor, der bald wieder dem überlegenen Lächeln des Spottes weicht. „Die Hunde heulen, aber die Karawane zieht weiter“ ‒ die Türken brachten dieses Sprichwort vor Jahrhunderten mit; es ist längst zur Weisheit dieses Volkes geworden. Die Zeit der Konsuln, sechs, sieben Jahre, sind ihm nichts als eine flüchtige Episode, ein winziger Wirbel im Strom der Zeit, der sich dreht und vergeht wie er kam, ohne eine Spur.

Für die Konsuln freilich sind diese Jahre mehr: ein Teil ihres Lebens, der ihnen ganz und gar verloren, vergeblich erscheint. Die untergründige Ablehnung, die ihnen aus den Augen der Menschen wie aus den Äußerungen einer fremden, unwirtlichen Natur entgegenschlägt, zermürbt und zerfrißt ihre Kraft. „In der Finsternis und Stille dieser Stadt sah es so aus, als ließe sich nichts mehr auf der Welt in Ordnung bringen und schlichten. Dann und wann kam es Daville vor, als kostete das Leben viele Anstrengungen, für die man wiederum unerhört viel Mut aufbringen mußte. Jetzt im Dunkel schien es ihm, als sei das Ende keiner einzigen dieser Mühen abzusehen. Man betrügt sich in einem fort selbst, um nicht stehenzubleiben und zu straucheln, häuft auf unerledigte Aufgaben neue, die man ebenfalls nicht zuende führen wird, und sucht dann in neuen Unternehmungen und Anstrengungen neue Kräfte und neuen Mut. So bestiehlt man sich selbst und wird mit der Zeit ein immer größerer Schuldner seines eigenen Ichs und seiner Umwelt.“ So und ähnlich meditiert der ehrgeizige westliche Diplomat am Fenster seines hoch über der Stadt am Berghang liegenden Hauses und starrt hinunter auf die in herbstlichem Dunkel und ewigem Regen verlorenen Dächer, hinter denen sich Rätsel um Rätsel verbirgt. Und auch die mächtigen Wesire in ihrer Burg sind unverstehbar, unbegreifbar, fremd. Ein junger General, der mit seiner Janitscharengarde träge Kriegsspiele betreibt und auf bessere, einträglichere Posten hofft; der nächste, ein ehemaliger Großwesir aus Stambul, der entmachtet und nach Travnik abgeschoben worden ist, hochgebildet und am Rande des Irrsinns, mit seiner skurrilen Schar schmarotzender Begleiter, die aus Anhänglichkeit oder Gewohnheit mit ihm in die Verbannung gegangen sind; der letzte schließlich, den die Konsuln in Travnik erleben: ein Bluthund, der mit unmenschlichem Terror regiert, bis dieser Terror den Menschen zur Gewohnheit wird ‒ der letzte, der sich fürchtet, ist der Wesir selbst. Einsam und von seiner Leibgarde umgeben sitzt er grau und bebend in der kalten Burg. Diese Wesire sind die Partner der westlichen Konsuln, seltsame Partner, deren Reaktionen nie zu berechnen sind. Noch der Kultivierteste unter ihnen, der ehemalige Großwesir des Reichs, dem französischen Konsul in einer Art von Freundschaft verbunden, läßt eines Tages, mitten in einem Gespräch über Religionen und Philosophien, die Trophäen eines der vielen Kämpfe gegen die aufständischen Serben in den Saal bringen: viele prall gefüllte Säcke, die vor den Augen der entsetzten Konsuln ausgeschüttet werden. Abgeschnittene Ohren und Nasen der Besiegten, schwarz und klebrig, liegen auf den kostbaren Teppichen und ein kalter Geruch von Salz und Blut breitet sich aus, ein Geruch, der den Franzosen nun bis in seine Nächte verfolgt.

Ein schwerer Schlaf mit bedrückenden Träumen, so erscheint das Leben in dieser Stadt den Fremden, ein Schlaf aus dem sie erst in dem Augenblick wieder erwachen, in dem das Land sie endlich entläßt, als Veränderte und Gezeichnete für alle Zeit.

Schon auf den ersten Seiten des Buches ist zu erkennen, daß das unerschütterliche Selbstbewußtsein des Gemeinwesens, aus dem er stammt und von dem er berichtet, auch dem Schriftsteller Ivo Andrić eigen ist. Er erzählt seine skurrilen, unheimlichen und doch seltsam friedlichen Geschichten gleichsam ohne die Stimme zu heben oder zu senken; er erzählt mit einer wahrhaft majestätischen Ruhe, die den Leser zunächst erstaunt und verblüfft, bis sie sich ihm mitteilt und die Lektüre zu einem tief wirkenden Erlebnis werden läßt. In Andrić´ Sprache, im gemächlichen Fluß der Sätze lebt die Stille des schattigen Tales, eine Stille freilich, in der untergründige Spannungen zittern und verborgene Kräfte grollen wie die Ankündigungen künftiger Erdbeben und Gewitter. Andrić nimmt sich Zeit; ob er von menschlichen Schicksalen erzählt, von katastrophalem Scheitern oder den grotesken Episoden der Politk auf der Grenze zwischen Abend- und Morgenland, immer tut er es mit der gleichen Gelassenheit und immer gelingen ihm zwanglose Bilder von erstaunlicher atmospärischer und psychologischer Kraft. Neben den Wesiren und den beiden Konsuln, dem Franzosen Daville, der an den langen, öden Abenden schlechte Verse schreibt, und dem Österreicher von Mitterer, einem sehr pflichtgetreuen, sehr mittelmäßigen Offizier, dessen geistige Tätigkeit sich im Verfassen ebenso nutzloser wie gründlicher militärwissenschaftlicher Studien erschöpft ‒ neben diesen Hauptpersonen des Buches finden sich eine Unzahl von Nebenfiguren, die, nicht weniger eindringlich gezeichnet, das Bild vervollständigen und beleben.

Wer sich zu überzeugen wünscht, was der sogenannte konventionelle Roman auch heute noch zu geben imstande ist, der beschäftige sich mit Andrić´ Werk. Es lohnt.

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Ivo Andrić
Erstveröffentlichung in: deutsche studien (13) Nr. 50, Juni 1975, S. 207-212
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016062
URL: https://scholien.wordpress.com/2016062-2/