Hans Lipinsky-Gottersdorf: Das Gestern und das Heute

Immer, wenn ich gefragt werde, wie ich Schriftsteller geworden sei, befällt mich eine leichte Verlegenheit, weiß ich doch nicht so ohne weiteres darauf zu antworten. Als ich 1950 meine ersten schriftstellerischen Versuche machte, war ich immerhin schon dreißig Jahre alt, hatte ‒ daheim noch ‒ einen aus Neigung erwählten Beruf, die Landwirtschaft erlernt und nach dem Kriege in drei oder vier anderen vorübergehend gearbeitet. So ist also mein Werdegang scheinbar ganz vom Zufall und durch äußere Ereignisse bestimmt worden. Dazu kommt noch, daß, wenn ich auch noch so eingehend in meinen Erinnerungen suche, mir nichts übrig bleibt, als zu gestehen: jener unbezwingliche Drang, den Rilke in seinen Briefen an einen jungen Dichter zur unabdingbaren Voraussetzung für jegliche literarische Betätigung macht, hat sich bei mir, sollte er überhaupt vorhanden gewesen sein, jedenfalls sehr gut verborgen gehalten. Ich muß also sehr genau zurückschauen in die Welt, aus der ich komme, wenn ich die verborgenen Anzeichen entdecken will, die, indes ich noch barfüßig über die Felder lief und danach trachtete, möglichst rasch ein ausgewachsener Bauer zu werden, bereits auf mein späteres Werkzeug, die Schreibmaschine hindeuteten. Da ist hauptsächlich eins: ich liebte nichts so sehr wie meine Geschichten.

Ich muß erwähnen, daß wir zunächst noch nicht ständig in Oberschlesien lebten. Die Erbscholtisei, auf der die Familie meines Vaters seit über zweihundert Jahren seßhaft war, gehörte einem unverheirateten Onkel; erst nach dessen Tode übernahm mein Vater den Hof. Damals war er noch Dolmetscher für slawische Sprachen am Landgericht in Stolp, doch fuhren vor allem wir Kinder in jedem Jahr für viele Wochen zu Besuch „nach Hause“. Zuhause ‒ das ist Gottersdorf schon in diesen frühen Jahren für mich so ausschließlich gewesen, daß die Stolper Zeit in meinem Gedächtnis kaum Spuren hinterließ, während mir das, was ich damals in Gottersdorf erlebte, zumindest in seiner Atmosphäre noch deutlich und gegenwärtig ist. Ich erinnere mich glühender Sommertage; die Großmutter ließ uns nicht aus der Kühle des Hauses und die heißen Nachmittage bestanden aus lauter Schlaf, in den hinein Fliegen summten und Hühner leise gackelten, aus Träumen, durch die der Geruch frischer Brötchen zog, der Duft von Honig und trockenen Gräsern. Aus Schlaf bestanden sie und aus dem Glanz der Geschichten. Großmutter erzählte; nach der Vesper saßen wir mit ihr in der Dämmerung des grünen Zimmers, lauschten und sahen den Staub auf goldenen Lichtfäden tanzen, die sich durch die Ritzen der geschlossenen Fenster spannten. Manchmal schlief die Großmutter ein, dann saßen wir atemlos und hörten auf dem totenstillen Hof das Patschen der breiten Füße des Wassermannes, der sich vom Brunnen herüberschlich, um uns zu holen. „Erzähle, Großmutter“, baten wir voller Angst und die alte Frau schlug die Augen auf. „Ja“, sagte sie und seufzte, „das schöne Fräulein sah die Kinder niemals wieder, nur im Traum hörte sie sie oft vor dem Fenster weinen. Ihr dürft niemals fortlaufen, hört ihr, die Welt ist sehr schlimm.“

Mir schien die Welt so schlimm nicht und ich bin häufig fortgelaufen zu den Männern, die mit ihren Gespannen auf dem Felde arbeiteten. Diese Männer sprachen ein rauhes, holpriges Deutsch, aber auch sie wußten Geschichten und erzählten sie einander. Es waren andere Begebenheiten, als die gute alte Frau sie uns erzählte; Wassermänner spielten darin kaum eine Rolle, aber was hitzige, verliebte Frauen, was betrügerische Händler taten und trieben, wie geriebene Pferdeschmuggler die Grenzer einseiften oder die Dragonka, des herzoglichen Jagdhüters Dragon Frau, den sechsundsechziger Krieg herbeigehext hatte, all diese Dinge interessierten mich nicht minder und dünkten mich großartig und herrlich. Wenn ich damals auch bei weitem nicht alles verstand, beim Zuhören erfuhr ich doch zum erstenmal, wie reich die Welt ist, wie viel Erzählenswertes auf ihr geschieht. Vielleicht darum habe ich nie jene Behinderung verspürt, die von der ungeheuren Menge des schon Geschriebenen ausgeht und manchen jungen Schriftsteller mutlos macht. Da doch immer wieder das gleiche geschieht, warum sollte man nicht immer wieder das gleiche erzählen dürfen ‒ jedesmal ist es neu.

Zwar dachte ich damals an alles andere, nur nicht ans Schreiben, aber eine gewisse Begabung fürs Fabulieren machte sich doch schon bemerkbar, von der ich denn auch fleißig Gebrauch machte, ohne damit allerdings bei meinem Publikum ‒ den Erwachsenen ‒ Anerkennung zu finden. Als ich einmal nach einem langen Nachmittag heimkam, erzählte ich auf ernsthaftes Befragen hin von Eliasch und Pistulka, die mir draußen wahr und wahrhaftig begegnet seien und mich gezwungen hätten, die abgeschnittenen Köpfe von sechs Gendarmen zu vergraben. Eliasch und Pistulka waren bei uns zwar sehr populär und genossen als große Räuber und Mordbrenner allgemeine Achtung vor allem bei Kindern und alten Leuten. Meine Mutter hatte wohl weniger für die beiden übrig, sie schrie zum Himmel und beklagte sich, weil ihr Kind eine so schmutzige Phantasie hätte; dann sagte sie, daß das ganz gewiß nicht von ihrer Familie herkäme und zuletzt erhielt ich die Aufgabe, das Gedicht „…Vor allem eins, mein Kind, sei treu und wahr …“ unverzüglich auswendig zu lernen. Sie übergab mir das Buch und weil ich sonst niemanden fand, der Zeit hatte, mußte ich zur alten Beate, die mit ihrem Strickstrumpf brummend im Schweinestall hockte und dort auf das Ferkeln einer Sau wartete. Die alte Beate war mir zwar sehr gewogen und tat mir manches zu Gefallen; das Lesen und Sprechen der deutschen Sprache aber war ihre schwache Seite und nun mußte sie mir jeden Vers solange hersagen, bis ich ihn konnte. Das Gedicht hat, wenn ich mich recht erinnere, drei lange Strophen, und wenn ich damals schon etwas von der Psychoanalyse gewußt hätte, so hätte ich an jenem ungemütlichen Abend gewiß einen Schock erlitten und vom Geschichtenerzählen nichts mehr wissen wollen. Wir waren aber im Osten noch recht „rückständig“, das ist ja bekannt; so überstand ich alles ohne nachteilige Folgen; nur für Eliasch und Pistulka hatte ich seitdem nichts mehr übrig und das Gedicht war mir auch verleidet.

Dieser und andere kleine Unfälle bekümmerten mich im Grunde nur wenig; die patriarchalisch-bäuerliche Ordnung, in der wir lebten, umschloß uns fest und gab das Gefühl warmer Geborgenheit. Alles schien voller Frieden, aber der Schein trog. Winterliche Schlittenfahrten in die kleine Stadt und in die Schrotholzkirchen einsamer Dörfer, darin die Bauern mit brummender Stimme feierliche Choräle sangen, die Fröhlichkeit der Feste und Jagden ‒ all dies breitete trügerischen Glanz über eine Oberfläche, die schon von Rissen und Sprüngen durchzogen war. Freilich, das sah kaum jemand ‒ das wollte wohl niemand sehen. Und doch teilte sich dieser Zerfall einer wohlgefügten Welt bald jedem einzelnen mit. Als ich zum erstenmal etwas davon spürte, war ich dreizehn oder vierzehn Jahre alt und wenig geneigt, mir über so unerfreuliche Dinge Gedanken zu machen. Das dritte Reich war damals schon angebrochen und ich hörte täglich in der Schule, wie es unsere vornehmste Pflicht sei, ein guter und des Führers würdiger Hitlerjunge zu werden, um dann später auch ein guter Deutscher zu sein. Zu solchem Vorhaben, so wurde uns beigebracht, gehörte auch, alle anderen, vornehmlich aber diejenigen, welche sich boshafterweise der wasserpolnischen Sprache bedienten, nach Kräften zu verachten. Wenn ich damals auch nicht sogleich mit meinen dörflichen Spielgefährten brach ‒ mein gutes Verhältnis zu ihnen und zu meinen großen Freunden, den Kutschern, bereitete mir doch gelegentlich Gewissensbisse. Ich fing sogar an, an meinem Vater zu zweifeln, weil er über solche Narreteien, wie er diese Besorgnisse nannte, in schrecklichen Zorn geriet. Am tiefsten verwirrte mich, der ich meine Leidenschaft für Geschichten seit einiger Zeit auf die Bücher des wohlgefüllten väterlichen Schrankes ausgedehnt hatte, ein unscheinbarer, grauer Band, der mir eines Tages in die Hände kam. Dieses Buch, so stand in der Widmung, eignete der Verfasser allen zu, den sogenannten guten und den sogenannten schlechten Deutschen. Dieser Mann, so dachte ich mir, mußte also unbedingt ein schlechter Deutscher sein; denn diese Widmung schien mir verdächtig nach Spott zu klingen, nach Spott an etwas, das noch eine heilige, großartige und von der Vorsehung gewollte Sache war. Aber dann blätterte ich weiter und begann zu lesen, las dieses Buch „Ostwind“ des August Scholtis aus Bolatitz und erkannte darin das Gesicht meiner Heimat und ihrer Menschen. Alles, was mir wohl vertraut war, fand ich darin wieder, aber ich sah es klarer, schärfer, nicht mehr im kindlichen Traum. Ich sah eine Welt, die gütig und grausam zugleich war, ein Antlitz, klar und verzerrt, gezeichnet von Vertrauen und Argwohn, von Liebe und Haß, und all dies wollte durchaus nicht zu den Schablonen passen, in die man damals anfing die Menschen zu pressen ‒ hier gute, hier schlechte, hier Deutsche, hier Polen. Der Flugsand der folgenden Jahre verwehte diese Eindrücke wieder, aber ganz habe ich dies Buch niemals vergessen können und ich bin glücklich darüber, hier seinem Verfasser meinen Dank sagen zu können.

Ich verließ bald darauf die Schule und ging in die Lehre, um möglichst bald den ersehnten Beruf ergreifen zu können. In meinem ersten Lehrherrn fand ich einen Mann, der mich nicht nur mit der Landwirtschaft, sondern mit dem Geheimnis alles Lebendigen vertraut machte. Er war ein alter Bauer und ein weiser Mann; nächst meinen Eltern hat er mir am meisten mitgegeben. Drei Jahre lernte ich; dann kam der Krieg und die Katastrophe, geboren aus Unverstand, Überheblichkeit und Haß. Als ich mich lange Jahre danach wiederfand, Arbeiter in einer Kölner Fabrik, war die alte Welt zerstört, so zerstört, daß sie nie wiederkommen wird.

Später begann ich dann zu schreiben und meine ersten Geschichten sind wohl nichts anderes gewesen als Versuche, fertig zu werden mit den Ereignissen, die hinter uns lagen. Freilich, viele haben es so versucht und es wieder gelassen. Ich bin dabei geblieben, habe weiter geschrieben. Warum? Nun, weil es mir Freude macht, zu erzählen und wenn meine Themen immer wieder um die Vergangenheit kreisen, so darum, weil ich glaube, daß es notwendig ist, sich des Gestern zu erinnern, um die Gegenwart besser zu verstehen.

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Das Gestern und das Heute
Erstveröffentlichung in: Schlesien (2) Nr. 1/1957, S. 47-49
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016062
URL: https://scholien.wordpress.com/2016062-2/
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