Hans Lipinsky-Gottersdorf: Wirklich zu werden

Autorenwort vor dem Plenum des Ostdeutschen Kulturrates

Das offene Autorenwort ‒ ich bin sehr dankbar dafür, daß es mir zugestanden worden ist! Literatur und literarisches Leben nehmen bekanntlich unter den Aufgaben des OKR keine ganz unwesentliche Stelle ein, und manches von dem, was ich soeben gerade hierzu habe zitieren müssen, ist mir nicht ohne starken inneren Widerspruch über die Lippen gekommen. Wenn ich mich jetzt vorab einmal damit auseinandersetzen möchte, so darum, weil ich überzeugt bin, daß eine Erörterung dieser Fragen zur Bestimmung unseres Ortes in wie unseres Standpunktes gegenüber dieser Zeit unerläßlich ist.

Bei allem Respekt vor Kurt Heynicke: weder seinen Seufzern über eine angeblich entzauberte Gegenwart, noch seinem reichlich verzagt klingenden schriftstellerischen Resümee habe ich beipflichten können: es schien mit weniger das Ergebnis kritischer Inaugenscheinnahme des Gegebenen als vorweggenommene Kapitulation. Was, etwa, soll mir der Jammer über die „profanierende Macht“ der Wissenschaft? Die Wissenschaft ist heute wie zu allen Zeiten unendlich weit davon entfernt, dem Himmel gefährlich zu werden, ihn leermachen zu können ‒ es wäre ein seltsamer Gott in einem seltsamen Himmel, der sich von Mathematikern, Physikern, Chemikern, meinethalben auch von Psychologen entthronen und vertreiben ließe. Und seelsorgende Dichter sind gewiß die letzten, die dem Menschen in einer solchen Situation zu Hilfe kommen könnten ‒ ebenso übrigens wie dichtende und fabulierende Pastoren auf der Kanzel keinesfalls die geeigneten Rechtswahrer Gottes auf Erden sind: bei solchem Rollentausch pflegen in der Regel Theologie und Dichtkunst gleichermaßen Schaden zu nehmen ‒ der Hörer unter der Kanzel wird ebenso betrogen sein wie der Leser über seinem Buch. Was aber den Mond angeht ‒ „alt ist er wie ein Rab“, sang Claudius, und stimmt das etwa nicht? Mir persönlich fallen also bei seinem Anblick auch heute unweigerlich die schönen alten Lieder eher ein, als die Ergebnisse der Raumschiffahrt, ohne daß mich deswegen mein zeitgenössisch-schriftstellerisches Gewissen schwer träumen und schlecht schlafen ließe. Und daß der rauhbeinige Literaturkosak Scholochow den Mond einmal einen gelben Brotkanten am Himmel genannt hat ‒ ich kann mir nicht helfen: dieses Bild ist mir auch in jenem Augenblick unvergeßlich gegenwärtig gewesen, als Menschen ihn steinesammelnd zum erstenmal betreten haben. Natürlich ‒ beides hat ja nicht das mindeste miteinander zu tun, aber nicht ich bin es, der es miteinander zu verquicken versucht. Denn selbst wenn wir uns dort einmal auf festen Stationen niederlassen sollten ‒ was macht das schon aus? Der kosakische Brotkanten, alt wie ein Rabe, wird für uns Irdische am Himmel hängen und manches Land sehen, so lange es Menschen und Länder gibt. Wie ja auch für die Sprache, unser aller Sprache und also unser aller Seele, die Sonne immer noch auf- und untergeht, obwohl die Wissenschaft schon vor Jahrhunderten nachgewiesen hat, daß die Sache sich in Wirklichkeit anders verhält. In Wirklichkeit! Haben die „Inseln unter dem Wind“ etwas von dem kühlen Zauber ihres alten Namens verloren, seit sich jedermann vom Flugzeug aus davon überzeugen kann, daß sie ‒ in Wirklichkeit ‒ nichts anderes als ein paar kahle Aschen- und Lavahaufen sind? Nein ‒ ein Schriftsteller, der über dem erschreckten Staunen vor so viel scheinbar harten Tatsachen vergißt, daß Tatsachen immer auch Zeichen sind, Zeichen, für die er, der Schriftsteller die rechten Namen zu suchen hat ‒ er trägt selbst dazu bei, dem öffentlichen Bewußtsein das plattzuwalzen und zu veröden, was ‒ in Wahrheit ‒ weder platt noch öde ist.

Es könnte sein, daß Sie mich nach solcher Vorrede für einen besonders hartnäckiges Exemplar von unbelehrbaren Träumer zu halten beginnen, für einen Hinterwäldler, der die Augen vor den Realitäten unserer Zeit fest verschlossen hält. Gibt es da nicht jenen tiefgreifenden geistigen Umbruch, der ‒ wie es mit dem gängigen Worte heißt ‒ die totale Umwertung aller Werte verursacht hat? Gewiß ‒ den Umbruch gibt es: ich, wie ein jeder Schriftsteller, und sei es der stillste im Lande, habe tagtäglich an meinem Schreibtisch mit seinen Auswirkungen zu tun ‒ Auswirkungen, gegen die ich mich und meine Sache zu behaupten habe. Wie sehen die Dinge denn aus? Seit die bürgerliche Gesellschaft des Westens die Angriffe auf ihr Wertsystem und ihre Ordnungsvorstellungen kurzerhand mit fast totaler Selbstaufgabe quittiert hat, stehen wir Schreibenden vor einem sonderbaren Fiasko: allein auf der Werkstatt, fehlen uns jener Stoff und jene Maßstäbe, die uns ja vor allem aus dieser vielbeschimpften bürgerlichen Gesellschaft zugewachsen sind. Wo, seitdem, steckt eigentlich die Deutsche Gegenwartsliteratur? Es gibt sie nicht mehr ‒ nicht in dem Sinne, in dem es früher, sagen wir, eine Literatur der Klassik, des Ersten Vorkriegs und dann noch einmal eine Literatur der Zwanziger Jahre gegeben hat: als Institution, die auch die extremsten Gegensätze in sich zu vereinen und fruchtbar zu machen vermochte. Wir haben heute ‒ wie zu allen Zeiten ‒ unzählige, die schreiben, nicht ganz so viele, die es auch können, und einige, die ihr Handwerk mehr oder weniger meisterlich beherrschen ‒ aber es gibt keine Übereinkunft , keine stillschweigende Verbindlichkeit. Es gibt ein paar Großfeuilletonisten, die sich selbst für Literaturpäpste halten ‒ maßlose Selbstüberschätzung: ihre Funktion ist in Wahrheit etwa die von UvDs: hin und wieder hört man ihr schrilles Pfeifen durch die Blätter hallen: eine neue Literaturparole wird ausgegeben, eine jener kurzlebigen Schreibmoden kreiert, die der zeitgenössische Ersatz für Stil geworden sind. Wer Ordre pariert, ist zwar selber schuld, aber doch auch zu bedauern: denn Literaturmoden, wie sie bei uns im Zweijahresabstand einander jagen, sind nicht bloß Stilersatz ‒ sie sind Todfeindinnen jeglichen Stils.

So ist es, ungefähr, und es ist kein Wunder, daß es so ist. Dabei darf ich mit einiger Genugtuung feststellen, daß wir Ostdeutschen uns im Tohuwabohu dieses ziellosen und hektischen Betriebes gar nicht so schlecht gehalten haben. Offensichtlich ist die Mitgift, die der heimatliche Osten uns mit seinen Inbildern von Landschaft und Menschen auf- und eingeprägt hat, mächtig genug gewesen, uns den äußeren Verlust von Werten und Verbindlichkeiten nicht allzu schmerzlich empfinden zu lassen. Zwar stehen zwischen beziehungslosen Gruppen und Grüppchen auch wir als eigene Gruppen und Grüppchen scheinbar ebenso beziehungslos herum. Doch haben wir die Ehre, verhältnismäßig rasch als Fremdlinge erkannt zu werden. Nicht weil wir uns äußerlich von unseren westlichen Kollegen unterschieden! Von Kutscherpelzen, Krimmermützen und Walinkis kann nur bei einzelnen, unverbesserlichen Exemplaren noch die Rede sein. Auch liegt es nicht an unserem rauhen östlichen Dialekt, nicht nur jedenfalls, sondern weit mehr und in viel höherem Maße daran, daß so unverhältnismäßig viele von uns auf die obligatorische Partyfrage, wie uns denn die Identitätskrise bekomme, mangels einschlägiger Erfahrungen keine Antwort geben können. Und dann pflegt mit Sicherheit der bittere Vorwurf fällig zu werden, warum, zum Teufel, wir uns eigentlich immer noch nicht eingegliedert hätten …

Ja, ja, gewiß und freilich wohl! Eingegliedert ‒ als Staatsbürger, nicht wahr, sind wir schon seit langem. Als Schriftsteller nur mangelhaft ‒ aber bitte, wo hätten wir uns denn als Schriftsteller eingliedern sollen? In der völligen Leere eines Literaturbetriebes, jener Leere, die das hurtige Wort von der Umwertung aller Werte als Feigenblatt verwendet? Es sei eben alles anders geworden, stellt mein geschätzter Kollege Schwarz mit schöner Schlichtheit fest und verlangt: Beweglichkeit! Beweglichkeit! Schön, ich bin auch nicht für Erstarrung, aber ich wünsche doch zu erfahren, in welche Richtung und zu welchem Ende ich mich hier bewegen soll! Mit einem „von mir selber fort“ wäre ich auf keinen Fall einverstanden.

Vor dem, verständlichen, Wunsch nach Anpassung sollte unsere Sorge stehen, von unserem mitgebrachten Erbe das zu erhalten und weiterzugeben, was des Erhaltens und Weitergebens wert ist. Und hier rangiert ‒ für mich ‒ an erster Stelle jene innere Gewißheit des Ostens, daß ‒ wie es Joseph Conrad Korzeniowski Herbu Nalecz, der große polnische Dichter der See, so unübertrefflich formuliert hat ‒ daß die ganze Menschenwelt auf dem Funktionieren von und der Hochachtung vor ein paar sehr einfachen Dingen gegründet ist: Treue und Redlichkeit, der Stolz des Dienens, Ehre und Pflicht. Diese Dinge sollen uns nicht und niemals relativierbar sein: wo sie in der Umwertung der Werte unterzugehen drohen, da sollte man unseres Widerspruchs und Widerstandes sicher sein müssen.

Der Ostdeutsche Kulturrat hat, wie ich meine, ein hervorragendes Instrument zur Verfügung, diesem, unserem wichtigsten und gewichtigsten Anliegen in breiten Kreisen der Literatur Gehör zu verschaffen: den literarischen Wettbewerb. Gehen wir ab von den Schicksalsthemen: Flucht, Eingliederung, allem, was damit zusammenhängt, ab auch von der melancholischen oder heiteren Erinnerung als Aufgabe gestellt ‒ all das ist abgegrast und führt nur zu immer erneuter, fruchtloser Nabelbeschau. Setzen wir uns Themen aus jenem Umkreis, den ich soeben zu bezeichnen versuchte. Schlagen wir den deutschen Schriftstellern ‒ etwa ‒ einmal vor, sich am Generalthema Pflicht zu versuchen: es wird sicherlich sehr lohnend sein, zu prüfen, was ihnen dazu eingefallen ist. Auch auf dem Gebiet des Menschlich-Psychologischen sollte sich Allgemeingültigeres finden lassen, als es uns bisher eingefallen ist. Gibt es etwa keine menschlichen Originale mehr? So heißt es zwar oft, aber ein Blick in die eigene Umwelt sollte hinreichend sein, uns vom Gegenteil zu überzeugen.

In dieser Richtung sehe ich Möglichkeiten und Notwendigkeiten, uns zu bewegen: Konzentration also nach innen hin, auf das, was uns als besonderer Auftrag an uns selber mitgegeben worden ist. Alles andere sollte uns dann wenig Sorgen bereiten ‒ es findet sich von selbst, wenn es uns nur gelingt: wirklich zu werden.

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Wirklich zu werden
Untertitel: Autorenwort vor dem Plenum des Ostdeutschen Kulturrates
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016063
URL: https://scholien.wordpress.com/2016063-2/