Hans Lipinsky-Gottersdorf: Obszön

Es kann für den schüchternen Beobachter eigentlich kaum noch einen Zweifel daran geben, daß unbedingte Wahrheitsliebe, persönlicher Mut und eine harte, fast heroisch zu nennende Entschlossenheit zur Vernichtung auch der letzten Bastionen überkommener, freiheitsbedrohender Tabus zu typischen Tugenden mindestens eines beträchtlichen Teils der federführenden Elite unserer Zeit geworden sind. Zuende ist es mit der Verlogenheit jener fluchwürdigen Epochen, in welchen die Menschen sich noch weigern durften, ja mußten, bestimmte Gebiete ihres Lebens einer neugierigen Öffentlichkeit preiszugeben. Kaum eine Morgenzeitung, die ihren Lesern nicht furchtlos ein heißes Eisen zum Frühstückstee serviert ‒ etwa die detaillierte Schilderung der fünften Ehe des Playboys NN; kein Tagungsprogramm keiner Akademie, das nicht gleich mehrere solcher Attraktionen anzubieten hätte ‒ das reicht von der Diskussion über den Kinseyreport, zu welcher die Leitung einer Stätte der Begegnung die deutsche Hausfrauenschaft in ihre gepflegten Räume bittet, bis zum Industrie-Werbe-Seminar, das seinen Teilnehmern an Hand statistischer Unterlagen die Relation zwischen der Größe entblößter Hinterteile auf den Plakaten und der Menge verkauften Campingzubehörs erklärt. Selbstverständlich steht auch die Literatur in diesem Vernichtungskampf gegen die letzten Tabus in vorderster Linie. Wieviel Erstlingswerke ‒ und Spätlinge ‒ erscheinen eigentlich noch, von denen Waschzettel und Kritik nicht übereinstimmend behaupten könnten, hier sei wieder einmal ein neues zorniges Talent, beziehungsweise Genie mit noch nicht dagewesener Rücksichtslosigkeit tabuzertrümmernd tätig geworden. Da hört man begabte junge Mädchen, kaum schulentwachsen, mit melancholisch herabhängenden Mundwinkeln und dem rauhen Timbre altgedienter Melancholiker in der Stimme Bettgeschichten erzählen, in denen Raffinement und stumpfe Brutalität zu einer höchst erstaunlichen Mischung verschmelzen; alte Männer geben lüstern die Peinlichkeiten beginnenden Versagens preis, und jüngere lieben es, sich ohne falsche Scham ausführlich ihrer kleinen und großen Knabensünden zu erinnern; je abseitiger, umso interessanter, das gilt für jede Kategorie.

Nun ist es an sich ganz verständlich, daß die Bemühungen unserer Tabuzerstörer sich vor allem auf das Gebiet der Erotik richten; es hat das größte öffentliche Interesse für sich und auch ein ärgerliches Genie legt Wert darauf, gebührend beachtet zu werden ‒ von seinem Verleger nicht erst zu reden. Auch die Form will nicht weiter wunder nehmen; es ist eine alte Erfahrung, daß auch der am sorgfältigsten gekleidete Mann auf dem Kurfürstendamm oder dem Jungfernstieg nicht halb soviel Aufsehen erregen wird wie jener, der sich dort seiner Hosen entledigt. Für Damen dürfte das Gleiche gelten ‒ wenn ich mir auch sehr darüber im Zweifel bin, ob man in solchem Falle noch die Bezeichnung Dame zu wählen haben wird. Hier, das muß ich zugeben, scheiden sich freilich die Geister ‒ die Tabubrecher werden das für eine sehr unzeitgemäße Überlegung halten, denn so heftig sie auch die Gesellschaft und ihre Konventionen angreifen, so wenig wünschen es diese sonderbaren Revolutionäre, sich von der Gesellschaft deklassiert zu sehen. Immerhin, und damit komme ich zu einem nicht unwesentlichen Teil der Sachlage, derlei altmodische Überlegungen sind auch heute noch nicht ganz selten und keineswegs nur in den Vorständen von Volksbünden und Vereinigungen zum Schutz der Moral und Sittlichkeit anzutreffen. Ich meine sogar, nicht fehlzugehen, wenn ich behaupte, daß trotz allen gegenteiligen Bemühungen in den Ländern unseres Kulturkreises, seis westlich, seis östlich des eisernen Vorhanges, der weitaus größere Teil der Menschen es immer noch vorzieht, das Schlafzimmer der Liebe nicht in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken, und das nicht etwa aus Gründen lust- und lebensfeindlicher Prüderie. Es sind die schlichten Gefühle des Taktes und der Scham, der Selbstachtung und der Achtung vor dem Intimsten des Anderen, der sie wünschen läßt, mit sich allein zu sein ‒ und andere allein zu lassen. Wer anders handelt, der hatte ‒ und hat noch immer ‒ das Risiko der Verfehmung zu tragen. Voyeurtum, geiles Erzählen dreckiger Witze, hemmungslose Promiskuität gelten der Gesellschaft als Makel ‒ weder die Wirtin an der Lahn noch Bonifatius Kiesewetter haben es bisher zu öffentlichen Ehren gebracht.

Es hat den Anschein, als habe Ludwig Marcuse sich vorgenommen, diesem öffentlichen Mißstand gründlich abzuhelfen. Mit seinem Buche Obszön ‒ Untertitel: Geschichte einer Entrüstung ‒ (München: Paul List Verlag 1962) wünsche er, so schreibt er in einem, im Feuilleton der ZEIT veröffentlichten Briefe, „die Pornographie zu Ehren zu bringen.“ Man darf ihm das ohne weiteres glauben; er gibt sich redlich Mühe, dieses Ziel zu erreichen, und wenn schon nicht übermäßig korrekt, so verfährt er doch recht geschickt dabei. Pornographie ‒ das ist nach seiner Definition zunächst einmal alles, was irgendwann in irgendeiner Weise vom Geschlechtsleben des Menschen gesagt, gesungen, gemalt und geschrieben worden ist. Er ist da streng und läßt keinen grundsätzlichen Unterschied gelten; der Vogelweider und der Morungaere, Shakespeare, Grimmelshausen, Flaubert, zwischen ihnen und den betreffenden Stellen ihrer Lieder, Dramen und Geschichten einerseits und andererseits den unbekannten Sängern der Wirtinnenverse oder den nicht ganz unbekannten Verfassern schmieriger, anonym erschienener Lebenserinnerungen liegt, laut Marcuse, nur die Spanne unterschiedlichen Vermögens, dem stets gleichen Zweck gerecht zu werden: nämlich im Angesprochenen die Sekretion gewisser Drüsen anzuregen. Nun, es lohnt nicht, sich mit dieser These ernsthaft auseinanderzusetzen; wer den Unterschied nicht erspürt, der wird ihn auch nicht begreifen; erwähnt werden muß sie, weil erst sie es ihrem Erfinder ermöglicht, den finsteren Wuwatz und Pappkameraden aufzubauen, den er dann über vierhundert Seiten weg fleißig beschießt. Es macht sich doch so hübsch, nicht wahr: wenn jede menschliche Äußerung in Eroticis von vornherein als Aphrodisiacum gedacht ist, dann kann nur einer recht haben: der wie Marcuse alles bejaht ‒ oder der Andere, der Finsterling und Sittenschnüffler Comstock beispielsweise, der am liebsten noch die Straßenköter mit Badehosen bekleidet hätte, und wer wollte schon auf dessen Seite treten? Wenn aber mit Comstock jeder, der nicht auf Marcuses Seite ist, unrecht hat: welche Instanz, welche Gesellschaft dürfte dann noch einen, sagen wir, Exhibitionisten, der auf der Straße sein, vorerst noch nicht recht gewürdigtes Wesen treibt, ächten und bestrafen?; tut er doch nichts anderes ‒ auf seine Weise ‒ als es Rembrandt auf die seine tat, wenn er eine liebende Vereinigung malte. ‒ Doch es geht mir hier gar nicht um solch immerhin konsequente Folgen Marcusescher Fortschrittsideen; wenn mir sein Buch ganz ungewöhnlich mißfallen hat, so nicht etwa aus Furcht vor der Sprengkraft seiner Thesen, die der Verfasser nicht ohne Selbstgefälligkeit wiederholt ausdrücklich vermerkt ‒ diese Sprengkraft scheint er mir, und das hat er mit seinen intimen Feinden in den Sittlichkeitsvereinen gemein, entschieden zu überschätzen; die Menschheit hat unbeschadet schon mehr und Ärgeres überstanden, als die Aufforderung eines senilen Erotomanen, an ihrem Liebesleben gefälligst auch Andere teilhaben zu lassen. Nein, ärgerlicher und peinlicher ist die penetrante Verletzung des guten Geschmacks, die sich daraus ergibt. Nun weiß ich zwar genau, daß das auch schon wieder so eine vorsintflutliche Vokabel ist, und Marcuse insbesondere wird nicht viel mit ihr anfangen können, spricht er doch beispielsweise in seinem Buche fast stets auch nur vom „sogenannten Schamgefühl“ ‒ immerhin, die Pornographie ist nicht viel jünger, und der gute Geschmack dürfte nicht erst seit gestern und heute mit ihr in Fehde liegen. Freilich, Marcuse selbst hält sich für einen Schalk und für einen geistreichen dazu, wenn er fortwährend aufdringlich an fremden Heimlichkeiten herumzupft und genußvoll seine große Freude an kleinen Cochonnerien bezeugt ‒ mag auch sein, daß er hier und da ein dankbares Publikum findet. Welcher Zotenreißer fände das nicht? Und man muß ja auch tolerant sein und anerkennen, daß ihm wirklich sehr am Herzen liegt, was er von sich gibt. So zitiert er beispielsweise Henry Miller, den er sehr bewundert, mit der wahrhaft erhabenen Erkenntnis: „Eine volle Blase erleichtern, ist eine der großen menschlichen Freuden“, und fügt mit ehrlicher Begeisterung hinzu: gesegnet der Mann, der (diese Freude) ins Bewußtsein gehoben hat. Na ja, gewiß, gewiß, das mag er ja so empfinden; aber muß man wirklich alles, alles weitersagen?

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Obszön
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016065
URL: https://scholien.wordpress.com/2016065-2/
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