Hans Lipinsky-Gottersdorf: Die Stimme des Nachbarn

Auf einer Tagung des Steinbacher Kreises, die in den ersten Wochen des neuen Jahres stattfand, berichtete einer der Teilnehmer, daß eine Gruppe von jungen Menschen unseres Volkes, befragt, welche Geschichte älter sei, die Polens oder die der Vereinigten Staaten, zu mehr als neunzig Prozent falsch geantwortet habe. Und das ist wahrlich kein Wunder, denn bei der älteren Generation sieht es nicht besser aus. Ein Beispiel: Als 1955 der hundertste Todestag Mickiewicz“ hier und da feierlich begangen werden sollte, da stellte sich heraus, daß über den engsten Kreis der Slawisten hinaus kaum sein Name bekannt war, und Adam Mickiewicz ist doch zweifellos einer der größten Dichter nicht nur Polens und der Romantik sondern der Weltliteratur überhaupt gewesen. Aber wir haben es uns eben mit dem Studium der Lebensäußerungen unserer östlichen Nachbarn immer sehr leicht gemacht, und daß Polen geistesgeschichtlich wie historisch dem deutschen Volk seit Jahrhunderten aufs engste verbunden, daß seine Geschichte immer abendländische Geschichte gewesen ist, daß seine Universitäten zu den ältesten Europas zählen und ein Pole die Friesen reformierte ‒ diese Tatsachen gehören keineswegs zum selbstverständlichen Besitz des durchschnittlich gebildeten Deutschen. Ich will nicht behaupten, daß die solchermaßen bezeugte Interesselosigkeit durchweg das Relikt einer Vergangenheit sei, die seit langem von Überwertigkeitskomplexen auf unserer und Haßreaktionen auf der polnischen Seite überschattet wurde, und an deren unrühmlichem Ende dann die Slawen durch Führerbefehl schlichtweg zu Untermenschen ernannt wurden; sie ist heute wahrscheinlich das Ergebnis einer Entwicklung, die unsere Aufmerksamkeit gar zu einseitig an den Westen band und die Beschäftigung mit dem Osten fast ausschließlich der Fachwissenschaft überließ. So ist es denn auf das herzlichste zu begrüßen, daß in den vergangenen Jahren in namhaften deutschen Verlagen eine Reihe von Romanen erschienen, die ihrem dichterischen Rang und ihrer Eigenart nach hervorragend geeignet sind, dem deutschen Leser die unbekannten Räume polnischen Menschentums und polnischen Geistes zu erschließen. Hier soll vor allem von zwei Büchern die Rede sein: von dem gewaltigen Bauernepos des Wladislaw St. Reymont, für dessen Neuauflage dem Eugen- Diederichs-Verlag in Düsseldorf aufrichtig zu danken ist, und von Boleslaw Prus´ politisch-historischem Romanwerk Der Pharao, das nun, nachdem es früher bereits in zwölf Sprachen übersetzt wurde und 1944 in der Schweiz erschien, vom Walter-Verlag, Olten u. Freiburg, zum erstenmal auch dem westdeutschen Leserpublikum bekannt gemacht wird ‒ in Ostdeutschland ist es meines Wissens schon 1946 gedruckt worden.

Aber reden wir zunächst von Reymonts Bauern. Im Jahre 1912, drei Jahre nachdem Reymont dies sein größtes Werk vollendet hatte, brachte Eugen Diederichs es zum erstenmal in deutscher Übersetzung, lange bevor es 1924 mit dem Nobelpreis den verdienten Weltruhm errang. Es war die gleiche vorzügliche Übersetzung, die auch jetzt vorliegt; es ist erst vor wenigen Monaten bekannt geworden, daß der Verleger den deutschen Text d“Ardeschahs seinerzeit von Carl Hauptmann überarbeiten und in eine dem polnischen Original angemessene Form bringen ließ. Freilich, so hoch auch die Bemühungen dieses Verlages um Reymonts Werk zu bewerten sind, ein durchschlagender Erfolg ist ihnen bisher versagt geblieben; nicht einmal die geharnischte Standrede, die Eugen Diederichs an die deutschen Intellektuellen richtete, vermochte dieses Buch bei der Leserschaft wirklich durchzusetzen. Hoffen wir also, daß seinen Erben endlich der verdiente Erfolg beschieden sein wird; denn wahrhaftig, dieser Roman ist ein Wunder. Chlopi lautet sein Titel, Die Bauern, und dieses Wort hat im Polnischen den gleichen Sprachstamm wie das Wort Mensch; so hätte es ebensogut Die Menschen heißen können; es ist weit mehr als ein Bauernroman. Es wäre sinnlos, hier die Fabel wiedergeben zu wollen, man käme dadurch dem Geheimnis des Werkes nicht näher, obgleich auch die Handlung an dramatischer Kraft und menschlicher Größe nicht hinter den großen Tragödien der abendländischen Literatur zurücksteht. Ein Jahr läuft ab und in den vier Teilen des Buches, die die Namen der Jahreszeiten tragen, vollzieht sich das Leben selbst mit Geburt und Tod, mit Hochzeit und Bluttat, schrecklicher Verlassenheit draußen und warmer Geborgenheit im Schoße der Gemeinschaft. Plastisch und unverwechselbar sind die Gestalten, erschütternd ihre Schicksale, die sich binden, lösen und aneinander erfüllen, und dennoch ist der eigentliche Held dieses Romanes das Volk, jenes Volk des Ostens, das den Einzelnen ganz umfängt und ihn doch nicht erdrückt. Es mag uns manchmal fremd sein, aber wir sollten doch aufmerksam hinhören, wenn Reymont von diesem Volke erzählt, wenn er es schildert wie hier:

Winterszeit war es; das Volk hatte seine arbeitsmüden Hände von der Mutter Erde abgehoben, richtete die gebeugten Nacken auf, ließ die sorgenbeladenen Seelen aufatmen. Ein jeder reckte sich, wuchs, und alle wurden sie gleich im Genuß des Freiseins, der Ruhe und im Bewußtsein einer Sorglosigkeit, so daß jeder Mensch für sich deutlich zu sehen war, wie die einzelnen Bäume in einem Wald, die man im Sommer nicht herauskennen kann, denn gleichmäßig steht er in einem grünen Dickicht über die Heimaterde gebeugt, und erst wenn Schnee gefallen ist und die Erde sich zudeckt, sieht man jeden Baum für sich und unterscheidet sogleich, ob es eine junge Eiche, Buche oder eine Espe ist. ‒ Ganz so war es auch mit dem Volk.“

Es ist nun wichtig, eines anzumerken: diese Geschichte vom Volk hat gar nichts zu tun mit einem gewollten Gemeinschaftsmythos, ebensowenig wie sie etwas zu tun hat mit dem törichten Geschwätz von der Minderwertigkeit der Masse. Es ist das uralte und ewige Menschenbild der Bibel, das Reymont hier wieder ‒ und entgegen allen Strömungen seiner Zeit ‒ aufgerichtet hat, voller Gegensätzlichkeiten und Möglichkeiten des Guten wie des Bösen. Das Volk atmet und lebt auf jeder Seite, es feiert seine Feste, verzehrt sich in der Gier nach Erde, nach nährendem Acker, es leidet und tut Unrecht; sein Zorn, wo er sich vernichtend gegen den Einzelnen richtet, sei ‒ so sagt das Buch ‒ eine furchtbare, eine dumme, schlechte und ungerechte Sache. Doch das Volk mag sündigen soviel es will ‒ es ist aufgehoben und geborgen in einem ganz und gar unergründlichen Glauben. Alle Geschehnisse, die zärtlich schönen und die haßvoll schrecklichen, sind wie auf den Goldgrund einer letzten Frömmigkeit gemalt; noch der sündigste dieser Menschen ist geheiligt und gehalten durch die Gewißheit der göttlichen Liebe. So bleibt dies Buch, das es an Düsternis des Geschehens durchaus mit allen Zeugnissen moderner Ausweglosigkeit aufnehmen kann, zuletzt doch ein Zeugnis der menschlichsten aller Menschlichkeiten: der Hoffnung.

Ein erstaunliches Werk in jeder Hinsicht; man sollte sich immer wieder einmal ins Gedächtnis rufen, wie sehr es sich qualitativ und auch sprachlich von den übrigen Werken Reymonts unterscheidet. Wahrscheinlich hatte er, der Jünger Zolas, als er es zu schreiben begann, nichts anderes im Sinne als ein polnisches Gegenstück zu La Terre zu schaffen. Und was ist dann daraus geworden! Ich denke mir, daß dem Schreibenden, dem Sohn polnischer Bauern, die Kindheit lebendig wurde. Rochus, der heilige Wanderer und Bewahrer der polnischen Überlieferung, kam zu ihm, setzte sich neben ihn und erzählte ihm seine Märchen, Sagen und Legenden; der Storch, den Reymont sich als Junge gezähmt hatte, spazierte klappernd über seinen Schreibtisch und steckte den Schnabel ins Tintenfaß. Dann kam Agathe, die uralte Bettlerin mit prallgefülltem Bettelsack und der Sehnsucht nach einem stillen, seligen Tod, und sie legte sich auf seiner Schwelle zum Sterben nieder; es kamen die Hofbauern und Bäuerinnen in ihren Schafspelzen; sie stiegen mit bedächtig-großen Schritten über die tote Agathe hinweg, verneigten sich und grüßten voller Ehrfurcht den berühmten Sohn ihres Dorfes. „Mit Gott, Wladeck“, sagten sie zu ihm, „und wenn du erzählst, denke an die Gerechtigkeit, hörst du!“ Und Reymont versprach es; er redete mit ihnen, streichelte dabei seinen Storch und erblickte vor dem Fenster Hochwürden, der mit seinem Weihrauchbecken und geweihtem Wasser den Bienenschwarm jagte. Reymont lächelte und begann wieder zu schreiben.

Ich bin ganz sicher, daß dieses Buch so entstanden ist; denn bevor ich anfing, mir zu überlegen, was ich dazu sagen könnte, habe ich mir Reymonts Bild angesehen, eine alte, etwas verblichene Photographie, aber sein Kopf ist noch gut zu erkennen, das volle, weiche, bärtige Slawengesicht mit den dunklen, ein wenig kurzsichtigen Augen. Wie auch anders hätte es entstehen können, dieses Werk, das man ein homerisches Epos nannte und zurecht; denn wie dort der Rhythmus des Meeres die Sprache bestimmt, so tut es hier der summende Wind über der masowischen Ebene und wie dort die Menschen ihrer zufälligen Umgebung entwachsen und sinnbildhaft Gültigkeit erlangen für jegliches Leben, so ist es auch hier. Manchmal scheint es, als erzähle das Land, die mütterliche Erde des Ostens selbst von ihren geschlagenen Kindern; eine Stimme hebt an, bebend und dunkel, sie spricht leise vor sich wie für sich selbst und schlägt den Hörenden in ihren Bann. Nehmen Sie dieses Buch und lesen Sie, hören Sie selbst; es ist hart und tröstlich zugleich wie alle Wahrheit, und wie die Wahrheit allein nicht altert, so sind auch Reymonts Bauern jung geblieben im Wechsel der Zeit.

Wenn man also zusammenfassend von den Bauern sagen kann, daß sie repräsentativ Zeugnis ablegen vom östlich-statischen Sein des polnischen Volkes ‒ in Boleslaw Prus´ Roman Der Pharao sind die dynamischen, die geistig-politischen Kräfte der Zeit bestimmend lebendig. Ort der Handlung ist zwar das Ägypten der Jahre um 1100 vor Christi Geburt, und ihr Held ist der letzte junge Pharao der Ramsenidendynastie, Ramses der dreizehnte, der hier gewisse Züge des großen Erneueres Echnaton trägt, und der, um dem leidenden Volk zu helfen, den vergeblichen Versuch einer Revolution von oben unternimmt; aber dieses Ägypten, dessen Bauernstand in äußerster Armut und hartem Frondienst dahinvegetiert, dessen verschuldeter Adel von Fest zu Fest jagt, dessen junger Pharao trotz bestem Willen, trotz echter Herrscher- und Feldherrnbegabung am Staatsbankerott scheitert, während der unermeßliche Reichtum des Landes in den Schatzkammern der Priester liegt ‒ dieses Ägypten ist Polen, das Polen unter der russischen Herrschaft nach den Aufständen von 1830 und 1863. Der Verlag hat dem Buch ein kluges Nachwort von Franz Theodor Czokor beigegeben, das alle diese Bezüge deutlich macht. Der junge Pharao, der schon im Roman die Züge zweier historischer Gestalten aufweist, findet auch im neunzehnten Jahrhundert, in der Zeit Prus´ zwei Entsprechungen, auf die sich damals die Hoffnungen des polnischen Volkes konzentrierten: die Thronfolger Rußlands und Österreichs, Nikolai und Rudolf. Der Oberpriester Herhor schließlich, der eigentliche Widersacher des Ramses, ist ein so getreues Abbild Pobjedonoszews, des reaktionären Generalprokurators des heiligen Synod ‒ einer Institution der russischen Staatskirche, die wiederum durchaus der ägyptischen Hierarchie entsprach ‒, daß es für den zeitgenössischen Leser ein leichtes war, die Betroffenen und das angeprangerte System zu erkennen.

Freilich, alle diese Bezüge sind heute verblaßt und sie würden allein kaum die Neuauflage des Buches rechtfertigen, hätte nicht die starke Begabung Prus´ einen ungemein lebensvollen Roman geschaffen, dessen realistisch gezeichneten Gestalten schon auf den ersten Seiten die volle Aufmerksamkeit des Lesers fesseln und dessen klare, bildhafte Sprache ungehemmt durch Reflexionen in breitem Erzählstrom dahinfließt. Vor allem aber ist es das hintergründige Thema dieses Buches, das es immer noch zu einer faszinierenden Lektüre macht. Prus zeigt den einzelnen im Kampf mit der anonymen Macht des Staates, die immer dem gehorcht, der bereit ist, am meisten Schuld auf sich zu laden. Das mag düster klingen, aber Prus war nichts weniger als ein Pessimist. Zwar unterliegt sein Pharao der Bürokratie und ihrer Diktatoren; doch noch im Untergang erweist er sich als der wahre Sieger. Die Idee, deren Träger er war, lebt und wirkt weiter. So ist denn dieser Roman über seine Gebundenheit an die Zeit hinaus zum Sinnbild des Wunders menschlicher Hoffnung geworden, dieser Hoffnung, die das unaustilgbare Heilszeichen alles Lebendigen ist.

Es ist kein Zufall, daß diese beiden außerordentlich verschiedenen Romane gleichwohl als repräsentativ für die polnische Literatur gelten können. Seit je sind sich dort das Abendland und der Osten begegnet und oft auf das glücklichste miteinander verschmolzen. Weil die Polen beides verbinden, östliche Leidens- und Gemeinschaftsfähigkeit mit der Liebe zu dem, was am Geist des Westens groß und unvergänglich ist, dem Gedanken der Menschenwürde, darum haben sie eine Geschichte überdauern können, die an Unglück und nationalen Katastrophen reicher gewesen ist als die irgendeines anderen europäischen Volkes. Wir sollten aufmerksam auf alles hören, was ihre Dichter uns zu sagen haben. Ihre Bücher sind die Stimme des Nachbarn, der stellvertretend auch für uns ein schweres Schicksal meistert.

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Die Stimme des Nachbarn
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016066
URL: https://scholien.wordpress.com/2016066-2/
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