Hans Lipinsky-Gottersdorf: Deutsch-polnisches Gelächter

Ein Mann namens Stefaniak hat ein Buch geschrieben, eine Erzählung, die im ehemals preußisch-deutschen Osten spielt. Das ist nicht überraschend. Es sind bei uns in den letzten Jahren sehr viele Bücher geschrieben und gedruckt worden, die in diesem Raume beheimatet sind. Die meisten dieser Bücher sind freilich erfüllt von schwerem und tragischem Ernst, einem Ernst, der nicht verwunderlich ist angesichts der politischen und menschlichen Katastrophe, die inzwischen die deutsche Geschichte dieser Landschaften beendet hat. Und so ist es in der Tat bemerkenswert, daß es sich hier um eine ausgesprochen heitere Geschichte handelt, eine so heitere Geschichte, daß sie von manchem vielleicht als unangemessen empfunden werden mag. Ist es recht, so mag man fragen, zu einer Zeit, in der die furchtbaren Wunden auf beiden Seiten noch bluten, eine Geschichte zu erzählen, in der so wenig von dem Leid der Völker aneinander die Rede ist? Eine Geschichte, die scheinbar allen dringenden und drängenden Problemen den Rücken wendet und statt zu klagen und anzuklagen von trinkfesten Männern und ihren lauten und leisen Späßen berichtet? Diese Fragen liegen nahe ‒ ich möchte sie zum Anlaß nehmen, ein paar Worte zu Stefaniaks Erzählung zu sagen und zu ihrem Stoff.

Ich glaube die Welt, in der Stefaniaks Geschichte spielt, recht gut zu kennen. Es war jene Landschaft, in der bis vor wenigen Jahrzehnten Polen und Deutsche, sowie jene schwierig einzuordnenden Naturen, die nichts von beidem und von beidem etwas waren, wofür sie von ernsten und einschlägigen Forschern übellaunig „schwebenden Volkstums“ bezichtigt wurden, mehr oder weniger einträchtig miteinander hausten. Vieles und Tiefgründiges ist von besagten ernsten und einschlägigen Forschern über die Probleme gesagt worden, die sich in solch engem Nebeneinander verschiedener Nationalitäten ergeben. Ich habe nicht die Absicht, dem etwas hinzuzufügen ‒ es ermangelt mir dazu des einschlägigen Ernstes. Bemerkenswerter erscheint mir in diesem Zusammenhang, was die einzelnen berufenen Münder als Ursache der Spannungen in solchem Völkergemisch anzugeben haben. Da findet man z.B., daß die Einen, die völkisch-idealistisch orientierten, die tiefwurzelnde Abneigung des deutschen Bäckermeisters X in Krotoschin gegen seinen polnischen Konkurrenten Y, ebenda, mittels tiefschürfender Untersuchungen auf mythisch-unbestimmbare Blutsfeindschaften zwischen Deutschen und Slawen zurückführten. Mehr materialistisch eingestellte Ideologen dagegen registrierten das ausgesprochen miserable Verhältnis des großgrundbesitzenden polnischen Grafen N.N. zu seinem deutschen Dreschmaschinisten Friedrich Wilhelm Krause als Erscheinung des Klassenkampfes ‒ welche Erkenntnis freilich, damit sie der antipreußischen Generallinie zugute kommen konnte, dahingehend ausgedeutet werden mußte, daß der Friedrich Wilhelm K. die Rolle des Ausbeuters, der Graf N.N. aber die des Ausgebeuteten übernahm.

Man mag es mir unter diesen Umständen hoffentlich nicht verübeln, wenn ich den beiden erwähnten Deutungsversuchen in aller Bescheidenheit einen Dritten hinzufügen möchte. Ich glaube nämlich, beobachtet zu haben, daß der weitaus größte Teil aller zwischenvölkischen Spannungen jener gutentwickelten menschlichen Fähigkeit entwuchs, die den Homo sapiens deutlich von anderen höheren Säugetieren, wie zum Beispiel dem Affen, dem Esel, dem Kamel oder dem Rindvieh unterscheidet: nämlich der Fähigkeit, sich Vorurteile zu bilden, und mit denselben alt zu werden, ohne sich wesentlich behindert zu fühlen. Da gab es die felsenfeste Überzeugung der Deutschen, einem Volke anzugehören, das das tüchtigste, fleißigste, sauberste und begabteste der Welt sei, unaufhörlich Segen produzierend und so allen anderen Völkern, vor allem aber den Polen weit überlegen und (vom Gott, der Eisen wachsen ließ) zur Herrschaft bestimmt. Da existierte andererseits die mindestens ebenso fest gegründete Meinung der Polen, Glieder zu sein der unschuldigsten, stolzesten, edelsten, tolerantesten und demokratischsten Nation Europas, folglich (von der Heiligen Schwarzen Mutter Gottes zu Tschenstochau) dazu auserwählt, ein Reich zu errichten zum Heil der Nationen zwischen Ostsee und Schwarzem Meer. Beide Ansichten hatten, so sehr sie sich im Grundsätzlichen widersprachen, zwei Dinge gemeinsam: sie waren allen Beteiligten, außer eben jeweils dem, der sie vertrat, tief zuwider, und es gab durchaus gar nichts, mit dem sie sich beweisen ließen. Ein deutscher und ein polnischer Stammtisch oder Kriegerverein, ein polnisches und ein deutsches Kaffeekränzchen: sie ähnelten sich wie ein Ei dem anderen ‒ mit der einen Ausnahme vielleicht, daß die Deutschen, waren sie einmal vergnügt, was der Tüchtigkeit zum Trotz auch gelegentlich vorkam, das hinter gemeinsamen Gesang des Liedes Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin zu verbergen suchten, während die Polen, weniger zurückhaltend, feurigen Trink- und Liebesliedern den Vorzug gaben. Hier gab es also eine offenkundige Lücke zwischen Mythos und Wirklichkeit, und das mußte naturgemäß besonders den gebildeten Vertretern beider Meinungen als gravierender Mangel erscheinen, den zu beseitigen sie sich im Namen der nationalen Sendung auserwählt und berufen fühlten. Wenn der in der Vorstellung geprägte Typ des Polen, jener sklavisch blickende, träge und tückische Untermensch in der Wirklichkeit kaum aufzutreiben war, und, zeigte er sich doch mal irgendwo, möglicher- und peinlicherweise stolz auf einen rein deutschen Stammbaum hinweisen konnte ‒ deutsche Schriftsteller machten sich mit Eifer daran, ihn in ihren Romanen und Erzählungen ins Leben zu rufen; hatten sie irgendwo einen besonders unsympathischen Zeitgenossen zu schildern, so versahen sie ihn flugs mit einem Namen, der auf wicz, ko oder ski endete. (Sie tun das gelegentlich auch noch heute; ich bin gern zu Hinweisen und Auskünften bereit, wenn das jemanden unglaubwürdig erscheinen sollte!) Die erbosten Polen revanchierten sich dafür, indem sie den Teufel mit einem deutschen Paß versahen und im übrigen ihre hochnäsigen Nachbarn mit allen erdenklichen slawischen Flüchen und Schimpfworten bedachten ‒ und wer Farbigkeit und Sprachgewalt slawischer Flüche kennt, ermißt ohne weiteres, was das zu bedeuten hat.

Natürlich ist das alles wenig erfreulich; man sollte freilich die Verhängnisträchtigkeit solcher Ausgeburten menschlicher Torheit auch nicht überschätzen. Sie gehören in jene Gebiete menschlicher Schwächen, die nun einmal da sind und mit denen man sich, soweit als irgend möglich ist, lächelnd abfinden sollte, da nachweislich alle Versuche, den Menschen Vollkommenheit beizubringen, zu weit schrecklicheren Erscheinungen geführt haben, als es seine Schwächen sind. Jedes Lächeln jedoch erstirbt zu nacktem Entsetzen, wo machtgierige, humorlose und lebensfeindliche Spießer in braunen Uniformen sich diese Schwächen dienstbar machten und ins maßlos Unmenschliche pervertierten. Wir kennen die Ergebnisse, wir haben sie erlebt, wir erleben sie noch immer.

Heute ist unser Verhältnis zu der gemeinsamen Vergangenheit von Polen und Deutschen gekennzeichnet von tiefer Unsicherheit. Viele wünschen ganz und gar zu vergessen, was war; wer aber zurückschaut, pflegt das mit Klagen und Anklagen zu begleiten. Das ist gewiß verständlich ‒ sinnvoll ist es nicht. Wer vergißt, überwindet damit noch nicht; wer ausschließlich klagt und ‒ die jeweils anderen anklagt ‒, wird nur neues Unheil säen. Es kommt aber darauf an, sich wieder einzurichten miteinander in dem alten, so sehr veränderten Hause, das Europa heißt. Dazu ist es notwendig, sich darauf zu besinnen, daß wir ja in der Tat vor der Katastrophe annähernd ein Jahrtausend hindurch miteinander lebten, nicht schlechter und nicht besser als es Menschen eben tun. Die Vergangenheit, in der das Unheil wuchs, barg also auch das Heilmittel, mit dem es zukünftig bewältigt werden kann: den gemeinsamen Alltag, das gemeinsame Lachen. Denn wahrhaftig: so voll von Reibungsstoffen das Leben zwischen den Menschen verschiedener Sprachen in jenen Landschaften auch war, so reich und prall von Möglichkeiten war es auch. Man mußte nur die Augen haben, sie zu sehen.

Von solchen Möglichkeiten, vom gemeinsamen Lachen in gemeinsamen Tagen erzählt Stefaniaks Geschichte. Ich habe nicht vor, diese liebenswürdig-leichte Erzählung zu überfrachten: ihr etwa jenen hintergründigen und nur Eingeweihten erkennbaren moralischen Anspruch zu bescheinigen, ohne den, so scheints, ein moderner Schriftsteller nicht denkbar ist, vor allem dann nicht, wenn er, sagen wir, schwüle und peinliche Bettgeschichten zu erzählen hat. Schließlich ist derlei Tiefgründelei hier auch gar nicht erforderlich. Wirkt sie nicht wie eine erstaunliche Entdeckung, die schlichte Wahrheit, daß es Deutsche und Polen gab, die zusammen polnischen Wodka und deutschen Wein genießen konnten, ohne sich düstere Gedanken über die nationale Herkunft dieser Getränke zu machen? Daß da schöne Frauen geliebt und verehrt wurden, ohne zugleich als „hehre Hüterinnen deutscher bzw. polnischer Volkstumswerte“ angeödet zu werden, und daß man zusammen lachen konnte, laut, schallend, unbändig lachen?

Es ist gelegentlich auch von Preußen die Rede in Stefaniaks Geschichte und keineswegs in einem tadelnden Sinn. Das wird manchen arg im Halse kratzen. Nun, Preußen ist heute tot, es ist zugrunde gegangen an der Pest des Nationalismus, aber es hat einmal, bevor es sich selbst verriet und verfiel, Menschen vieler Sprachen und Volkstümer Heimat geboten, den Flüchtlingen wie den fortschrittlichen Meistern dieses Kontinents, es hat sie vereint zu einem Aufbauwerk, dessen Ruinen noch heute den Schimmer der Größe zeigen. Preußen, welche Fehler es sonst auch immer gehabt haben mag, war in seinen besten Zeiten frei von den bösen Mythen völkischer Urfeindschaft; und das macht es zu einer möglichen und tragfähigen Ordnung im Stammesgemisch jenes Raumes. Was Wunder, daß, wer diese Seite Preußens kannte, sich ihrer heute noch erinnert ‒ gern und ohne Zorn!

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Deutsch-polnisches Gelächter
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016067
URL: https://scholien.wordpress.com/2016067-2/
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