Hans Lipinsky-Gottersdorf: Das Epos der Revolution

In der weltweiten Diskussion um den Nobelpreis für Literatur 1958 wurde, das dürfte noch erinnerlich sein, neben dem Namen Boris Pasternaks stets noch der eines anderen russischen Schriftstellers genannt, und es ist kein Geheimnis, daß es nicht die ungewichtigsten Stimmen gewesen sind, die diesen anderen, nämlich Michail Scholochow, für den der hohen Auszeichnung Würdigsten erklärten. Es hat wenig Sinn, hier einen weiteren Beitrag zu der immer wieder erhobenen Frage zu leisten, ob die schließliche Entscheidung des Preisgerichts wirklich nur von literarischen Erwägungen bestimmt worden ist; das alles ist oft und ausgiebig genug erörtert worden. Wichtig ist vielmehr, darauf hinzuweisen, daß jetzt jeder Interessierte die Möglichkeit hat, sich selbst ein Urteil zu bilden.

In zwei schönen Bänden von zusammen fast siebzehnhundert Seiten sind im Paul List Verlag, München, für Westdeutschland zum erstenmal ungekürzt die vier Bücher des gewaltigen Kosaken-Epos Der stille Don, Scholochows Hauptwerk, erschienen. Romane solchen Umfangs können naturgemäß nicht billig sein. Das Wagnis, sie herauszubringen, ist also nicht gering, darum selten. Noch seltener ist freilich der Fall, daß literarische und historische Bedeutsamkeit eines Werkes das Wagnis so glänzend rechtfertigen wie hier. Um so herzlicher sei der Dank an den Verlag, der uns überdies in der letzten Zeit auch eine von Werner Bergengruen besorgte, vorzügliche Neuübersetzung von Tolstojs Krieg und Frieden bescherte. Dies Zusammentreffen ist auch insofern zu begrüßen, als diese beiden Epen einige Gemeinsamkeiten aufweisen; auch für Scholochows Werk gilt im wesentlichen, was der Literaturhistoriker Stender-Petersen von Tolstojs Romanen sagte: Sie „waren langsam strömende Flüsse schwerer Wortmassen. Dieser syntaktisch-stilistischen Eigentümlichkeit entspricht eine aus ihr folgende: sie waren langsam strömende Flüsse reicher Schilderungsmassen“. Solche Verwandtschaft mit dem genialen Dichter des vergangenen Jahrhunderts macht Scholochow alle Ehre; er ist dennoch ganz und gar er selbst. Wenn ihm hier und da Epigonentum vorgeworfen wird, so ist das etwa ebenso gerechtfertigt, wie wenn man es dem Don ankreiden wollte, daß auch die Wolga ein Strom ist.

Michail Alexejewitsch Scholochow wurde 1905 im Vorwerk Krushilino der Kosakensiedlung Weschensk am Don geboren; er lebt noch heute dort. Im Vorwort zu seinem Buch Lazurfarbene Steppe, das 1926 in der Sowjetunion erschien, erzählt er kurz von seiner Kindheit. „Meine Mutter ist halb Kosakin, halb Bäuerin. Schreiben hat sie gelernt, als der Vater mich aufs Gymnasium brachte; sie wollte mir ohne seine Hilfe Briefe schreiben können. Vor 1912 hatten wir beide, sie und ich, Landbesitz, sie als Kosakenwitwe, ich als Kosakensohn, aber 1912 adoptierte mich mein Vater Scholochow ‒ vorher war er mit der Mutter nicht getraut ‒ und ich war von nun an Sohn eines „Kleinbürgers“. Bis 1917 besuchte ich verschiedene Schulen. Während des Bürgerkrieges war ich am Don. Von 1920 an diente ich in der Armee und trieb mich im Dongebiet umher. Wir jagten die Banden, die damals am Don herrschten, und die Banden jagten uns. Ich geriet verschiedentlich in die Klemme dabei ‒ aber heute ist alles vergessen.“

Was in dieser Autobiographie von lapidarer Kürze für ein simplizianisches Erleben enthalten ist, wird klar, sobald man sich vergegenwärtigt, daß der junge Michail bei Ausbruch der Revolution zwölf, bei seinem Eintritt in die Armee fünfzehn Jahre alt gewesen ist. In den drei Jahren der Zwischenzeit ‒ ich war am Don, sagt er lakonisch ‒ aber vollzog sich dort bekanntlich jenes ungeheuerliche Geschehen. Aufstand, Bruderkrieg und Untergang der Kosaken, das den größten Teil seines Werkes füllt. Die bärenhafte Vitalität kosakischer Vorfahren, die dem Jungen geholfen haben mag; jene Jahre ungebrochen zu überstehen, durchweht wie ein Steppensturm auch die Seiten dieses Buches.

Die Handlung setzt ein in der Zarenzeit, einige Jahre nach der Revolution von 1905, mit der Chronik der Kosakensippe Melechow. In kraftvollen, farbensatten Bildern, ein neuer Gogol, beschwört Scholochow noch einmal diese versunkene Welt. Breit wie der Don, den die vorangestellten, wundervoll poetischen Volkslieder besingen, strömt das Leben der Kosaken in der überkommenen, patriarchalischen Ordnung dahin, und aller düstere Glanz, der das gefürchtete Reitervolk vom Don umgibt, alle unbändige Wildheit seiner Sagen und Balladen bricht aus der Leidenschaft jener ehebrecherischen Liebe zwischen Grigori Melechow und der jungen Kosakenfrau Axinja hervor, einer Liebe, die hier in den ersten Kapiteln beginnt und als roter Faden durch das menschheitserschütternde Geschehen des Romans bis zu ihrem bitteren Ende führt. Fern der romantischen Blut- und Boden-Idylle strahlen die urmenschlichen Tätigkeiten: Fischen und Pflügen, Lieben und geliebt werden, Sterben und Gebären in Scholochows Darstellung ihren seltsamen, schöpfungsnahen Zauber aus; und doch tickt in jeder Stunde der Totenwurm für die alte Welt, grollt aus den unüberbrückbar tiefen Abgründen zwischen Herr und Knecht drohend der Donner der nahenden Revolution. In ein paar unaufdringlichen, darum um so überzeugenderen Szenen hat Scholochow diesen Abgrund geschildert: die eisige Nichtachtung, welche die Herrenschicht jenes Rußlands, das man bei uns gern „das Heilige“ nennt, für ihre getretenen Untertanen übrig hatte, strahlt, alles Menschliche ertötend, aus den Vorgängen bei der Musterung und auf dem Listnitzkischen Gut.

Dann weitet sich das Panorama jäh zu den Fronten des Krieges: die Kosakenregimenter der Donarmee ziehen ins Feld, und im Blutsumpf der Schlachten vollzieht sich Rußlands Geschick. Grigori Melechow, ein begabter Einzelgänger, schwankend in einer schwankenden Zeit, dient, von Zweifeln geschüttelt, dem Zaren und bringt es zum Offizier. Im Kornilow-Putsch, 1917, verweigern die Kosaken zum erstenmal den Gehorsam; sie sind des Krieges müde und drängen in die Heimat, auf ihre Höfe zurück. Dort aber erwartet sie der Bürgerkrieg, und unter ihnen, die eine eigentümliche Tradition und Verfassung besonders eng mit dem Zarenregime verband, wütet er mit verheerender Macht, bis er langsam und qualvoll im Blute erstickt. Lenin siegte, er mußte siegen, weil es keine Alternative zu ihm gab und weil das Recht der Gepeinigten auf seiner Seite war.

Grigori kämpft zunächst auf der Seite der Roten, dann, nach einer Massenvernichtung konterrevolutionärer Offiziere, wendet er sich erschüttert von ihnen ab. Aber auch bei den Weißen erlebt er Grauen und Mord, dazu die schäbige Feigheit, den Egoismus vieler Offiziere und die perverse Tatenlosigkeit endlos das Schicksal Rußlands diskutierender Teile der Intelligenz. Vor den Bolschewiki ‒ sagt Scholochow ‒ waren sie davon gelaufen; den kämpfend untergehenden Weißen schlossen sie sich nicht an; sie schwatzten und schwatzten, verdienten zähneklappernd ein wenig Geld, um sich am nächsten Tag Milch kaufen zu können, und warteten darauf, daß alles endlich ein Ende nähme. Wer Rußland dann regieren würde, die Deutschen, die Entente oder Lenin, das war ihnen im Grunde gleich.

Während des letzten Aufstandes der Kosaken, die in verzweifelter Ratlosigkeit eine Position zwischen Weiß und Rot zu halten suchen, einen „Kommunismus ohne Kommunisten“, wird Grigori zum Ataman gewählt und befehligt zuletzt, ein moderner Stenka Rasin, eine ihm ergebene Division. Doch die Kosaken werden zwischen den Mühlsteinen zerrieben; zuletzt steht Grigori, ein einsamer Mann, getrennt von seinem Volk, auf der Schwelle seines zerstörten Hauses. Familie und Geliebte sind tot, nur ein kleiner Sohn ist ihm geblieben. Und, so endet das ganze Buch, „das war alles, was ihn einstweilen noch mit dieser Erde, mit dieser ganzen gewaltigen, in den kalten Strahlen der Sonne gleißenden Welt verband“.

So endet das Buch, ein gewaltiges Denkmal von der Menschen Größe und Not, aber so endet nicht alles. Das Wort Ausweglosigkeit hat es im russischen Wörterbuch zu keiner Zeit gegeben. Irgendwo auf den Seiten des Romans findet sich diese Stelle: „Gras überwuchert die Gräser, die Zeit überwuchert den Schmerz. Der Wind verweht die Spuren der Hingeschiedenen ‒ die Jahre werden das bittere Leid und die Erinnerung jener verwehen, die ihre Angehörigen nicht wiedersahen. Kurz ist das Menschenleben und nicht bestimmt ist es uns, viel Gras auf der Erde niederzutreten …“

Grigori und Axinja, dazu die Melechows und ihre Nachbarn, begüterte und arme Kosaken, einige Mühlenarbeiter, das sind die zentralen Figuren des Romans; um sie gruppiert sich eine unübersehbare Zahl anderer: Rotarmisten und Kommissare, Gutsbesitzer und Generale, das ganze riesige Rußland brodelt und dampft, flucht, lacht, leidet und hofft im Hexenkessel der tobenden Zeit. Dazu geht Scholochows Darstellung, bei der Schilderung des Krieges vor allem, chronikartig in die Breite; es ist wie so oft in den großen Epen, die aus dem Osten zu uns kamen, wie in Krieg und Frieden und in Reymonts Bauern: das ganze Volk wird zum Handelnden des Buches, und erst diese schier unerschöpfliche Fülle gibt auch dem Stillen Don jene geniale Dimension, die ihn zum literarisch wertvollsten und zugleich ehrlichsten Zeugnis einer uns alle angehenden Epoche der Menschheitsgeschichte macht.

Freilich, solche Fülle hätte jedem schwächeren Autor zum Verhängnis werden müssen; Scholochow hat sich an ihr bewährt. Die scheinbar so unbekümmerte Hand, die mit wenigen, kraftvollen Strichen ein Menschenbild, eine Situation umreißt, sie gehört einem großen und begnadeten Dichter, der sich auf zarteste Nuancen versteht. So kommt es, daß jemand auftauchen kann, eine Frau, ein Mädchen, ein Mann; er kommt und verschwindet für Hunderte von Seiten vielleicht ‒ plötzlich, in einem knappen Satz, in einer Wendung ist er wieder da, und man erkennt ihn sofort. Schließlich Scholochows Metaphern, seine Sprache, noch in der Übersetzung spürt man die Meisterschaft: nach schwarzer Erde riechend, von Eidechsengeschmeidigkeit ‒ so wie er die Ausdrucksweise einer seiner Gestalten charakterisiert ‒ verfügt sie über das unverbrauchte Reservoir kosakischer Mundart ebenso souverän wie über den Wortschatz der klassischen russischen Literatur, deren berufenster Erbe und Fortsetzer dieser Kosakensproß ist ‒ trotz den beiden Nobelpreisträgern Bunin und Pasternak. Zwei Beispiele nur: wer in der Zeitgenossenschaft vermöchte die Schönheit eines Menschenantlitzes so zu schildern, wie es Scholochow hier fast beiläufig tut: „Buntschuk lächelte ein klares, einfaches, kindliches Lächeln. Seltsam sah dieses Lächeln auf seinem großen, ernsten Gesicht aus, so als jage ein hellgrauer kleiner Hase spielend und sich überschlagend über ein herbstliches, vom Regen überströmtes Feld.“ ‒ Das ist, scheint mir, von einer berückenden, schlichten Zärtlichkeit. Und nun ein anderes, ein schreckliches Bild. Es findet sich in der atemberaubenden Schilderung eines Reitergefechts. Im Nahkampf werden die Säbel gebraucht. „Hackt man mit einem kräftigen Hieb eine Weinrebe ab, so fällt die schräg durchschnittene Rute ohne zu zittern, ohne sich zu überschlagen herab. Weich bohrt sie sich neben dem Stamm, von dem sie der Kosakensäbel trennte, mit dem schräggeschnittenen Ende in den Sand. So fiel auch der schöne Semiglasow unter das sich bäumende Pferd; still sank er vom Sattel herab und preßte mit den Händen die quer durchhauene Brust.“ Das könnte aus einer Sage stammen, aus einem düsteren alten Lied; es ist von Scholochow und es ist nicht epigonal.

Man mißverstehe das nicht, so als sei hier ein Mann am Werk, der in bekannter Manier im Krieg eine Einrichtung zur Erzeugung männlicher Tugenden erblickt. Scholochow kennt des Krieges entmenschlichende Macht. Er spart wahrlich nicht mit seinem Grauen, im Paroxismus des Hasses vertieren Männer, Frauen und Kinder, ob Rot oder Weiß. Eines allerdings wird man bei ihm vergeblich suchen, obwohl ‒ nein, weil er ein großer Gestalter der Liebe und ihrer Leidenschaften ist: Jene groteske Prozession einer bestimmten Gattung unserer „harten“ Literatur, die mit pathetischem Gedröhn und gedämpftem Trommelklang um das makabre Feldzeichen des Phallus herummarschiert, sexuelle und seelische Wehwehchen hätschelnd wie eine alte Jungfer des vergangenen Jahrhunderts ihren Mops, nackt, tot und verdammt in alle Ewigkeit ‒ sie findet man bei Scholochow nicht. Ich habe es nicht vermißt. Es gibt eine sehr intensive Wechselbeziehung zwischen Literatur und Leben, und ein Volk ist nicht zuletzt, was seine Dichter aus ihm machen. Wie sich die Schriftsteller jahrelang bemühen, den Menschen als eine Art von unwesentlichem Anhängsel seiner Genitalien zu zeichnen, wird das notwendig auch seine Folgen haben; es ist nicht sonderlich schwer, sie zu entdecken.

Etwas anderes unterscheidet Scholochows Roman wesentlich und diesmal von aller Literatur, die wir gewöhnt sind, als „modern“ zu bezeichnen. Der stille Don ist ein Roman ohne das Experiment. Und dennoch: wer ihn nicht kennt, weiß nicht nur nicht alles über die literarischen Ausdrucksmöglichkeiten in dieser Zeit ‒ ihm fehlt ein wichtiges Stück der Weltliteratur überhaupt. Denn gerade indem Scholochow, der Kommunist, die Ausdrucksformen der radikalen Individualisierung, der äußersten Vereinsamung des Menschen meidet, vollzieht er das Erbe der klassischen russischen Literatur, die alle Realität und sich selbst ‒ darin sind sich gerade ihre bedeutendsten Vertreter bei aller sonstigen Verschiedenheit stets einig gewesen, von Puschkin bis Majakowski, von Lermontow bis zu Dostojewski, Gorki und Blok ‒ als zwischenmenschliche, soziale, ja, wenn man so will, politische Kategorie verstand.

Im Zentrum von Scholochows Epos, am Ende des zweiten Buches, steht ein Satz, der wie die Ampel vor einer alten Ikone die düstere Szenerie der Zeit tröstlich erhellt. Zum Grabe eines Erschossenen kommt ein Namenloser und baut eine kleine Kapelle. „Unter ihrem Dach“, so erzählt Scholochow, „schimmerte im Dunkel das traurige Gesicht der Mutter Gottes, darunter standen in zottigen altslawischen Buchstaben die Worte: In den Jahren der Unruhe und der Sünde beschuldige niemand seinen Nächsten“.

Ich spreche als gläubiger Christ, wenn ich sage, daß dies Zeugnis schlichter Menschlichkeit im Munde eines großen Dichters manche Bibliothek Theologie aufwiegt, die in der Sowjetunion in den schweren Jahren, da dieser Roman entstand, nicht erschienen ist.

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Das Epos der Revolution
Untertitel: Besprechung von Michail Scholochow: Der stille Don, München 1959
Erstveröffentlichung in: Blätter für deutsche und internationale Politik (4) Nr. 10, Okt. 1959, S. 888-891
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016068
URL: https://scholien.wordpress.com/2016068-2/
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