Hans Lipinsky-Gottersdorf: Brief an Klaus Boisserée

Lieber Herr und Freund Boisserée!

Ein gar gewaltiges Thema sind wir da in aller Unbefangenheit angegangen. Aber jedenfalls bin ich Ihnen Antwort schuldig. Warum also nicht jetzt gleich schreiben ‒ obendrein am Heiligen Pfingstfest, das ja der Verständigung schon von seinem Sinn her nützlich sein muß. So habe ich mich schon vor einer Weile an meinen Schreibtisch hier gesetzt und versucht, die gehörige Ordnung in meine Gedankengänge zu bringen ‒ und bin jetzt eigentlich ganz guten Mutes, wenn schon keine Einigung (das ist ja auch gar nicht nötig), so doch eine Art von gegenseitigem Einverständnis zustandebringen zu können. Vor allem, weil ich weiß, daß auch Sie dem Wunschtraum von der Einen Welt nicht viel abgewinnen können: das Prokrustesbett der Gleichmacher steht der Knute der Tyrannen nicht weit nach ‒ weil ich aus dem Osten komme, möchte ich sagen: im Gegenteil.

Freilich: daß es auf der geistesgeographischen Landkarte Grenzen gibt, ist zuweilen leichter zu erfahren als zu beweisen. Doch haben Sie selbst es mir in gewissem Sinne nicht gar so schwer gemacht, als Sie neulich vom Blick von den unvernebelten Vogesen nach Frankreich hinein erzählten. Das war eine Schilderung, die ich lange behalten werde ‒ und die mir jetzt hilfreich ist. Denn wer, wie Sie, so offenbaren Sinn für Landschaft hat, der sollte eigentlich auch konzidieren können, daß das Wesen lebendiger Gestalt wie Landschaft es ist, nicht nur optisch die Sinne beeindrucken, sondern über die Folge der Generationen hinweg tief prägend wirken muß. Treibe ich also ein wenig Geopsychie. Daß die Landschaft des Westens grundsätzlich andere Züge trägt als die des Ostens, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Schöne und vielfältige Gliederung hier, die sich nie und nirgendwo im Unbegrenzten verliert ‒ massive und echolose Monotonie dort, die weder Halt noch Grenzen kennt: bevor Preußen anfing, Straßen zu bauen, gab es zwischen Oder und dem Pazific nur Räderspuren, provinzenbreit: man konnte ihnen folgen, wenn man wollte oder neue ausfahren ‒ die Wladimirkas sind mir von Kindheit an Sinnbild vollkommener Freiheit gewesen: hinter der Prosna fingen sie an.

Der Westen teilte denen, die in ihm zu Hause waren, von vornherein seine gegliederte Ordnung mit. Seine vielen, ja unzähligen städtischen Zentren ließen mit ihrer Kultur den Typus des Bürgers entstehen, des Bürgers, der das legitime Kind der Ordnung ist und war ‒ was Wunder, wenn er sich fast von Anfang an gegen die damit verbundene Enge zu wehren begann: Freiheit und Selbstverwirklichung des Individuums auf seine Fahnen schrieb. Man braucht nicht viel Phantasie, um das begreiflich zu finden: Enge der Straßen, Enge der Zünfte … Bescheidenheit, Pflichterfüllung, Bereitschaft zum Dienst: kein Zweifel, daß das vorab Bürgertugenden sind. Indessen ist es ja eigentlich ganz verständlich, daß die, die die Enge haßten und ihr in eine bessere, will sagen weitere Welt hinaus entkommen wollten, die bürgerlichen Revolutionäre also, diese Tugenden irgendwann als niederträchtige Mittel zu ihrer Knebelung zu verdächtigen begannen. Wem Ordnung so selbstverständlich ist wie die Atemluft, der mag schon mal vergessen, daß beides lebensnotwendig ist.

Im Osten ist Ordnung niemals selbstverständlich gewesen: wie der bürgerliche Mensch des Westens sich von vornherein mit der ihn umgebenden Enge auseinanderzusetzen hatte, so der Mensch des Ostens mit der Urgefahr der Weite: der Anarchie. Niemals ist im Osten eine Ordnung organisch aus gegliederter Landschaft gewachsen: immer mußte sie gewaltsam begründet werden: nicht als Bedrohung der Freiheit ‒ die blieb allein durch die Größe des Raums denen erhalten, die sie dort suchen wollten ‒, sondern als Abwehr gegen das Chaos, das Ungestaltete im Land wie in der eigenen Brust. Nicht zufällig hat das Gebet der Ostkirche den Pantokrator zum Adressaten. Wo Ordnung nicht von selber gedeihen wollte, mußte sie als Geschenk Gottes, als etwas Heiliges betrachtet werden: der Herrscher ‒ die Ikone des Allmächtigen auf Erden.

Das ist gewiß nicht nur sehr unbürgerlich gedacht: es hat auch seine eigene schwere Gefahr. Das zu leugnen fällt mir gar nicht ein. Alles, was ich versuchen möchte, ist, Ihnen verständlich zu machen, warum es eben so war und nicht anders sein konnte. Freilich wird oft genug der Vorwurf erhoben: Ihr im Osten habt eben kein Bürgertum entstehen lassen, das zu einer humaneren Betrachtung der Dinge hätte beitragen können. Das heißt aber, uns vorzuwerfen, warum wir am Nordpol keine Datteln pflanzten. Das Land war nicht danach, das ist alles. Die wenigen Kapitalen, die mit den Staatsgründungen entstanden, dienten ausschließlich den Zwecken der Herrscher und ihrer Verwaltungen. Die kleinen Städte aber vermochten kein bürgerliches Selbstbewußtsein zu entwickeln ‒ das Umland war zu übermächtig. Das war viel später noch in Preußen so. Und es kam entscheidend hinzu, daß kein Mensch für Freiheit zu kämpfen oder zu revoltieren brauchte ‒ er brauchte nur fortzugehen: schon hatte er sie da, wo niemand sie ihm streitig machte ‒ in der Weite des unermeßlichen Raums. Die Kosakenstämme sind so entstanden und die Zaren haben ihnen ihre Freiheiten, demokratisch zu nennende Freiheiten, ohne bürgerliche Züge allerdings, belassen und garantiert bis zum Ende ihres Reiches und darüber hinaus.

Es gibt ein paar Jahrhunderte hindurch immerhin einen Staat im Osten, der eindeutig Züge westlichen Geistes trug, aber auch dort und dort erst recht ist nichts dem westlichen Bürgertum und seinem Wesen Entsprechendes entstanden. Ich meine die polnische Adelsrepublik. Freilich hat dieses bemerkenswerte Staatswesen während der ganzen Zeit seines Bestehens nicht einen einzigen seiner Nachbarn von den Vorzügen westlichen Staatsdenkens überzeugen können ‒ genau das Gegenteil war der Fall. Die polnischen Adeligen, und es gab etwa zwanzigtausend Familien davon, waren vom Ende des 14. Jahrhunderts an bis zum Untergang ihres Staates die freiesten Menschen, die es jemals irgendwo gegeben hat: die westliche Gegenwart mit eingeschlossen. Mit ihren Rechten ließen sich ganze Bände füllen ‒ von Pflichten war nur insofern die Rede, als es ausdrücklich jedem einzelnen freigestellt war, was er dafür halten mochte. Das Ende war im Gegensatz zu den Lehren moderner Psychologie ein grauenhaftes Chaos, unvorstellbare Armut und Verelendung aller. Na, nicht gerade aller, denn fünf oder sechs Magnatenfamilien samt Anhang lebten in einem ebenso unvorstellbaren Reichtum, aber selbst ihnen muß die stinkende Wüstenei außerhalb ihrer Parks schließlich unerträglich geworden sein, denn im letzten Augenblick machten sie ein paar halbherzige Versuche, doch noch eine Art von Ordnung einzugführen ‒ aber es war zu spät. Das ist es meist in solchen Fällen. Und Sie werden mir zugeben müssen, verehrter Herr und Freund, daß es nicht ohne einen gewissen gallebitteren Reiz ist, sich diese Geschichtsepisode einmal vom Hier und Heute her aufmerksam anzuschauen. Freilich: vorerst sind wir noch nicht soweit, aber ‒ unter Berücksichtigung der redlichen Bemühungen von Presse, Funk und Pädagogen ‒ was nicht ist, kann ja noch werden.

Entschuldigen Sie, bitte, diesen kleinen Exkurs ‒ ich bin, meine ich, dennoch beim Thema geblieben. Es geht in unserem Gespräch doch darum, mich dafür zu rechtfertigen, daß ich Tugenden der Ordnung als in der Rangordnung des Ostens ‒ und zwar im Unterschied zu der des Westens ‒ ganz obenan stehend bezeichnet habe. Im Westen rangieren meiner Erfahrung nach die emanzipatorischen Tugenden ganz vorn ‒ im allgemeinen wenigstens.

Sie sehen: ich bekenne mich hier noch einmal ausdrücklich zu dem, was ich in meinem Aufsatz über die unsichtbare Grenze geschrieben habe. Hinzufügen muß ich lediglich, daß ich mich mißverständlich ausgedrückt haben muß, wenn bei Ihnen der Eindruck entstehen konnte, daß ich die genannten Tugenden ausschließlich dem Osten und seinen Menschen als selbstverständlichen Besitz vorbehalten möchte. So ist das ganz und gar nicht.

Wohl aber ist es so ‒ und es gibt genügend Beispiele dafür ‒ daß wir, die wir aus dem Osten kommen, beladen mit den Erfahrungen einer besonderen Geschichte in einem besonderen Raum auf jede Bedrohung der Ordnung schärfer und entschlossener reagieren als das westliche Bürgertum, das ‒ aus seiner Erfahrung ‒ die Enge mehr fürchtet als die Anarchie und sich aus prinzipiellen freiheitlichen Erwägungen heraus dazu entschlossen hat, die Festsetzung moralischer Prinzipien und einer Rangordnung der Werte aus den Händen des ‒ und vorerst immer noch seines ‒ Staates (der dazu in der Lage wäre) zu geben und einem erhofften Konsensus einer gedachten Gesellschaft zu überlassen: was beides es, wie die Dinge längst liegen, bei uns weder gibt noch geben kann. Der Staat aber ist durch ein solches Denken seiner vornehmsten Aufgabe entblößt und beraubt in die Rolle eines Eunuchenwächters nicht vorm Frauen-, sondern vor dem Freudenhause hineinmanövriert worden: eine Rolle, die noch kein Staat über längere Zeit hinweg durchgehalten hat, ohne schweren Schaden zu nehmen.

Die innere Heimatlosigkeit vieler Vertriebener ist aber nicht zuletzt durch diese Situation bedingt: der Staat, dem sie wie daheim dienen zu dürfen als Ehre und Auszeichnung empfinden würden, weist diese ihm angetragenen Dienste nicht nur zurück, es werden überdies mit starkem Mißtrauen bedacht, die sich als dergestalt dienstwillig erweisen, so als ob es sich dabei um Leute handele, die mit ihrer Freiheit nichts anzufangen wissen. Als ob Freiheit und Dienst einander widersprechen müßten. Der polnische Adel glaubte das auch ‒ bis er unterging.

Ich meinerseits mißtraue tief und gründlich der Selbstbehauptungskraft eines Staates, der den Versuch, sich mit ihm zu identifizieren statt mit Ehre ‒ mit Argwohn belohnt und den einzelnen auf die amorphe Masse Gesellschaft zurückverweist. Gesellschaft im Zeitsinn ‒ in der Tat, ich weiß nicht einmal mit Sicherheit zu sagen, was das eigentlich ist. Und ich habe auch noch niemanden gefunden, der’s mir anders als mit Phrasen hätte definieren können. So muß ich denn zu meinem Unbehagen das für wahr nehmen, was ich seh: die ziemlich scheußliche Ungestalt einer ungeheuren Ansammlung von Menschen, die fortwährend sich gegenseitig befehdende, wenn nicht ausschließende Egoismen produzieren. Daß so etwas nur über begrenzten Zeitraum weg funktionieren kann, scheint mir gewiß. Nein, was ich hier äußere, ist nicht das tiefwurzelnde Mißtrauen Ostelbiens gegen jede westlich demokratische Lebensform. Ich hege auch nicht die Absicht, für eine Wiederauferstehung Preußens zu plädieren, wie es der von mir sehr geschätzte Herr Schoeps zu meiner tiefen Verwunderung zuweilen tut. Preußen war nur möglich dort, wo es lag: an den Rhein läßt es sich nicht verlegen ‒ man hätte es nie versuchen sollen. Ich, seit mehr als zwei Jahrzehnten zwar nicht gerade wild begeisterter, aber loyaler Bürger der Rheinischen Republik, wünsche mir, daß die für diesen Staat verantwortliche Bürgerschicht ‒ vorerst also immer noch das Rheinische Großbürgertum ‒ sich endlich ernsthaft den Kopf darüber zu zerbrechen beginnt, wie ein Staat am Rhein beschaffen sein muß, um in Freiheit überleben zu können. ( Adenauer hat das versäumt ‒ er hatte, wie er meinte, besseres zu tun.) Und dazu gibts nun wirklich eine allgemeinverbindliche Regel: eine Elite muß herangezogen werden, die bereit ist, die Sache dieses Staates zu ihrer eigenen, also nicht zu der einer gedachten Gesellschaft, werden zu lassen und für den Staat zu leben ‒ warum also nicht auch von ihm und warum nicht gut? Mit Neidhammelei treiben nur Hämmel Politik ‒ und die hält nicht lange. Eliten dagegen können ganz hübsche Püffe aushalten und Regimes und Revolutionen überdauern ‒ schauen Sie mal nach Frankreich hinüber!

Sobald aber die ersten Anzeichen dafür zu sehen sein sollten ‒ das verspreche ich Ihnen fest ‒ werden Sie von mir kein Wort der Distanzierung mehr zu hören bekommen. Solange aber der derzeitige Zustand dauert, werde ich wohl oder übel ein emigrierter Preuße bleiben müssen. Das ist zwar nicht immer bequem, aber man hat immerhin seine paar Jahrhunderte als Rückenstütze. Und das ist auch was wert. ‒ Ich erbitte mir Ihr Verständnis, auch wenn in diesem Brief hier und da etwas stehen sollte, was Ihnen nicht besonders gefallen kann.

Ihr Lipinsky

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Brief an Klaus Boisserée
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016069
URL: https://scholien.wordpress.com/2016069-2/
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