Hans Lipinsky-Gottersdorf: Der Patron von Bolatitz

Kurz vor Ausbruch des „Dritten Reiches“, im Herbst 1932, erschien bei S. Fischer in Berlin ein Roman, der seine Leser, vor allem jene, die an der Volkstumspolitik in den gemischtsprachigen Gebieten des preußischen Südostens interessiert waren, in heftige Erregung versetzte und lautstarke Diskussionen auslöste, bis er wenige Monate später von den nationalsozialistischen Kulturfunktionären verboten und so gründlich „ausgemerzt“ wurde, daß es heute äußerst schwierig ist, ein Exemplar davon zu beschaffen. Ein Wunder war das nicht: auch der Leser des Jahres 1959 dürfte das Erstlingswerk des 1901 geborenen Oberschlesiers August Scholtis, den Roman Ostwind, falls er zufällig in seine Hände geraten sollte, nicht fortlegen, ohne betroffen zu sein von der radikalen Ehrlichkeit dieser literarischen Analyse einer preußischen Grenzprovinz mit ihren zwischenvölkischen und sozialen Problemen, betroffen auch von der urwüchsigen Kraft einer, man darf getrost sagen: genialischen Begabung, die noch hinter mancherlei Schwächen deutlich erkennbar bleibt. Hier ‒ im Ostwind – wurde ebenso energisch gebrochen mit den Traditionen sentimental-verlogener Gutsbesitzer- und Bauernromane und des penetranten „schläsisch“-mystischen Seelengetuppels, das zwar einige literarische Höhepunkte erreichte, meist aber als ein zäher Nebel die Wirklichkeit des Landes verbarg, wie auch abgerechnet wurde mit dem gemeingefährlichen Treiben nationalistischer Propagandisten aller Spielarten und Staaten; ein junger Mann ging mit offenen Augen durch sein Dorf und sein Land und nahm ernst, was er sah, und als er zum erstenmal seine Stimme erhob, da meldete sich mit ihm eindringlich und unüberhörbar zum erstenmal in der Geschichte zu Wort, was eben noch wehr- und hilfloses Objekt machtpolitischer Manipulationen war: die vielverspottete und getretene Bevölkerung jener Grenzlande, in Deutschland wie in Polen gleichermaßen abschätzig „Wasserpollacken“ genannt. Kein Wunder also, wie gesagt, daß man diese unerwünschte Stimme rasch und für Jahre erstickte; der Roman Ostwind ist heute so gut wie verschollen, wenn auch kaum vergessen von denen, die ihn einst mit Zorn oder Zustimmung gelesen haben. Ich selbst fand ihn als Junge 1935 oder 36 in meines Vaters wohlgehütetem Bücherschrank, und in der Beschäftigung mit diesem kleinen Werk lernte ich zum erstenmal ahnen, was jenseits der Phrasen für fürchterliches Unrecht geschah.

Nun, gut oder vielmehr schlecht: der Roman ist heute verschollen, sein Verfasser aber lebt und hat noch manches zu sagen; nachdem Scholtis in den letzten beiden Jahrzehnten manches Gute und auch weniger Gute geschrieben hat, legt er jetzt ein Buch vor, das mir in vieler Hinsicht als die Einlösung seines mit dem Ostwind gegebenen Versprechens erscheint. Stifter und Verleiher des „Ostdeutschen Literaturpreises“ waren gut beraten, als sie nach den offenkundigen Fehl- und Verlegenheitslösungen der letzten Jahre ‒ neben Edzard Schaper, der des Preises wahrlich nicht bedurfte, ist doch seine Leistung längst anerkannt und unumstritten, wurde ausgezeichnet Gerhart Pohl, ein literarischer Leierkastenmann und Heimatbarde ‒ als sie sich jetzt endlich des in Berlin lebenden Scholtis entsannen und ihn für seine bei Paul List, München, erschienenen Lebenserinnerungen mit dem besagten Preis bedachten.

Ein Herr aus Bolatitz ‒ so lautet der Titel ‒ enthält die bemerkenswerten Erfahrungen, An- und Einsichten eines bemerkenswerten Mannes, den ein holperiger, vielfach geschlungener Weg aus dem Kleinbauerndorf im „Hultschiner Ländchen“ durch die feudalherrschaftliche Privatkanzlei des letzten kaiserlichen Botschafters am Londoner Hof und oberschlesischen Magnaten Fürst Lichnowsky, durch mancherlei Amtsstuben schlesischer Kleinstädte und viele Berufe mitten in die deutsche Literatur, in das pulsende Zentrum des Reiches, Berlin, geführt hat. Hart und ohne Umschweife in der eigenwilligen, deutlich vom heimatlichen Idiom beeinflußten Ausdrucksweise, die Scholtis´ Prosa von Anfang an bestimmte, sind die einzelnen Stationen dieses Weges aufgezeichnet, die Begegnungen mit den Menschen und Mächten einer explodierenden Zeit. Das düstere Armutsmilieu des Feudaldorfs mit Alkoholismus, Gewalttat und den in Kuh- und Menschenmägen bedrohlich rumpelnden Gespenstern steht unmittelbar neben und hinter dem glanzvollen Lehen des Fürstenschlosses, in dem die große Welt mit ihren berühmten Namen aus Aristokratie, Finanz und Kultur einkehrte und sich zwanglos bewegte (und es war schon eine „große Welt“, in jeder Hinsicht, man bedenke immerhin, daß die Gattin des Fürsten die kluge und charmante Schriftstellerin Mechthild Lichnowsky gewesen ist). Die Erfahrung solch grundverschiedener Welten, die hier dicht nebeneinander existierten, getrennt freilich von einer ungeheuren Kluft, füllte die Kindheit des Kleinbauern- und Dorfmusikantensohnes und prägte ihn selbst. Er hat später auch die kleinen und großen Städte kennengelernt, das endlose Gespräch literarischer Cafés, den Mief der Provinz, das Bier bürgerlicher Stammtische, jenes schale Gesöff, in dem der Chauvinismus seine mißfarbenen und giftigen Blasen trieb. All das beschreibt er mutig und unkonventionell, und doch führt ihn jeder Gedankengang, jeder Weg dorthin zurück, wo er begann: nach Bolatitz; irgendwann redet er wieder von seinem Land und seinem Volk. Der Leser bedauert das nicht. Anarchismus und starrsinniges Hängen an überkommenen Formen, tiefe, einfache Frömmigkeit, östliche Geduld zum Leiden und untergründige Haßinstinkte, die dann und wann zu wilden Exzessen führen, all jene kaum bewußten Spannungen und Ströme in der Tiefe einer unerweckt träumenden, nie wirklich und vollständig von der Last der Leibeigenschaft erlösten Volksseele werden hier ‒ nicht nur geschildert und analysiert, nein: sie werden bezeugt von einem, der nach Geburt und Wesen dazu gehörte und immer noch dazu gehört, obwohl er längst in jahrzehntelanger Begegnung mit der zuckenden Wachheit des intellektuellen Berlin darüber hinaus gewachsen ist. Mir ist aus dem ostmitteleuropäischen Raum nur noch ein Buch bekannt, das, in unserer Zeit geschrieben, ähnlich überzeugend die Psychologie einer ganzen Volkskaste enthält: des Ungarn Gyula Illyes Pußtavolk; solche Verwandtschaft erklärt sich leicht: nur in Ungarn hatte sich die feudalherrschaftliche Struktur der Gesellschaft bis in die unmittelbare Vergangenheit so rein erhalten wie in der preußischen Grenzprovinz O/S, und wen diese eigentümlich urmenschliche Gesellschaft einmal in sich barg, den läßt sie nie mehr vollständig los. So ist mit dem Herrn aus Bolatitz ein Buch entstanden, das mehr ist als ein privater Lebensbericht: ein unentbehrlicher Beitrag zur Chronik von Volk und Land im Schatten der beiden Adler, des schwarzen preußischen und des polnischen weißen. Den „Patron von Bolatitz“ nennt sich Scholtis gelegentlich mit leichter Ironie, anspielend darauf, daß es ihm einmal gelang, ein paar wegen gewalttätigen Widerstandes gegen staatliche Einmischung in kirchliche Angelegenheiten inhaftierte Bauernweiber aus den Klauen des ergrimmten Adlers (schwarz) zu ziehen; den „Patron aller Wasserpollacken“ möchte ohne jede Ironie ich ihn nennen, der ich selbst auf meine Weise zu diesem Menschenschlag gehöre, den Scholtis sein Leben lang so aggressiv kritisierend wie liebend verteidigt hat, und von welchem zur Zeit wiederum nicht wenige in den Klauen eines Adlers (weiß) festhängen mögen ‒ wegen gewalttätiger Frömmigkeit, kontemplativen Suffs oder (um mit Scholtis zu reden) ererbter Liebe zum ererbten Vogel, der eben von schwarzer Farbe gewesen ist. So ist es nun einmal, dies liebenswerte, hart geplagte Geschlecht von Wasserpollacken preußischer Nation, von Kindesbeinen an genährt mit gekochten wie gebrannten Kartoffeln, gewilderten Hasen und geschmuggeltem Tabak, in Räson gehalten von donnernden Kirchenmännern, schnarrenden Amtsvorstehern und brüllenden Korporälen, lebend auf den Dominialfeldern der Heimat und oft und oft gestorben auf den Schlachtfeldern des Abendlandes, haben diese Menschen zu allen Zeiten in ihrer Sprache, die genau genommen aus drei oder vier verschiedenen besteht, so herzlich zu fluchen wie zu beten verstanden. Gott wird ihnen auch ihre Dummheiten verzeihen, denn Unrecht ist ihnen getan worden und Unrecht tut man ihnen heute noch. Wer genaueres wissen will, dem kann der Herr aus Bolatitz erschöpfend Auskunft geben. Es gibt der düsteren Kapitel genug, in der Geschichte wie in diesem Buch.

Ich sagte schon: Scholtis hat niemals Furcht vor Menschen und Mächten gezeigt. Kuhjungen und Aristokraten, Politiker, Gutsarbeiter ebenso wie höchst namhafte Männer der Literatur werden sich hier porträtiert wiederfinden, stets mehr eigenwillig als respektvoll gezeichnet. Der Bundesminister Lukaschek und der große tschechische Dichter Petr Bezruč, der fürstliche Haushofmeister Schulzki und die Magnaten Tiele-Winkler und Henkel-Donnersmark, Oskar Loerke und Wojciech Korfanty, Wolfgang Koeppen, Arnolt Bronnen, Graf Metternich, Sowjetoberst Kirsanow, Peter Suhrkamp und Kamrad Cholewik ‒ die Liste Scholtisscher Begegnungen ist lang und bunt und seine Meinung sagt er so ungeschminkt wie eh und je; man mag nun von diesen Äußerungen halten, was man will: Neigung zu bequemem Konformismus verraten sie nicht. Nicht allen dürfte darum alles gefallen; manch zorniger Protest wird fällig sein. Wer sich freilich mit Scholtis polemisch auseinandersetzen will, der möge sich ins Gedächtnis rufen, daß schon vor fünfundzwanzig Jahren ein durch soviel Respektlosigkeit vor „heiliger“ Überlieferung tief gekränkter Schriftsteller Kaergel ‒ einer jener literarischen Nebelmacher, an denen, Gott sei’s geklagt, diese Provinz reicher war als irgendeine andere Gegend Europas ‒ zu Scholtis erstem Roman geschrieben hat, man möge achthaben, daß solcher Ostwind nicht die deutschen Dächer abdecke. Diese Dächer sind inzwischen tatsächlich abgedeckt worden, aber ist das die Schuld jener Wenigen gewesen, die sich wie Scholtis frühzeitig und furchtlos um die Wahrheit bemühten? Im Gegenteil, möchte ich sagen, im Gegenteil, lieber, verehrter und verärgerter Zeitgenosse!

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Der Patron von Bolatitz
Untertitel: Besprechung von August Scholtis: Ein Herr aus Bolatitz, München: List 1959
Erstveröffentlichung in: Die Sammlung (14) Nr. 12/1959, S. 636-639
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016070
URL: https://scholien.wordpress.com/2016070-2/