Hans Lipinsky-Gottersdorf: Die Disteln des Baragan

Es war einmal …“, so, oder angemessener noch in der Weise orientalischer Märchenerzähler: „Es war, und es war nicht …“ sollte man beginnen, wenn man von Panaït Istrati reden will.

Es war, es war nicht, es war einmal ein junger Vagabund, der das Leben satt hatte, sich die Kehle durchschnitt, gerettet wurde und vom Krankenbett aus einen Brief an Romain Rolland schrieb: Was tun? Der Brief war so eigenartig mit Schilderungen bunter und merkwürdiger Begebenheiten durchsetzt, daß Rolland postwendend antwortete: Schreiben Sie! So kam es, daß um die Mitte der zwanziger Jahre ein neuer Stern am literarischen Himmel von Paris erschien ‒ ein absonderlicher Komet, der gewaltiges Aufsehen erregte. Istrati, ein begnadeter Geschichtenerzähler, veröffentlichte in rascher Folge ein paar Bücher, die nicht nur in Frankreich viel gekauft und gelesen wurden. Ihre Handlungen siedelten im Balkan, dort, wo das Abendland zuende ist und der Orient beginnt. Sie waren aus Elementen des Märchens, poetischen Schilderungen, abenteuerlichen Berichten kunstvoll zusammengebaut. Auch flammender Zorn und bittere Anklage gegen die Ungerechtigkeiten und Unmenschlichkeiten der rumänischen Feudalgesellschaft fanden sich darin. Romain Rolland, der die rote Revolution schwärmerisch bewunderte und von ihren eisigen Notwendigkeiten wenig oder gar nichts wußte, nannte Istrati daraufhin den Gorki des Balkan ‒ und Istrati, der diesen Beinamen nicht übel fand, begann sich prompt für einen waschechten Kommunisten zu halten. Der skeptische Revolutionär Ilja Ehrenburg freilich, der von den unerbittlichen Zwängen seines Gewerbes ‒ denen sich auch ein Gorki zu beugen hatte ‒ sehr viel, ja alles wußte, sprach von dem ehemaligen Landstreicher als von einer Scheherazade in Hosen ‒ mit einem Lächeln, in dem Bewunderung und Ironie zu gleichen Teilen enthalten waren. Ehrenburg behielt in jeder Beziehung recht; Istratis Stern strahlte nicht viel länger als tausend Nächte, dann verschwand er wieder, verschwiegen von denen, die ihn soeben noch als Hoffnung, ja, Erfüllung einer neuen proletarischen Literatur gepriesen hatten, vergessen von einem stets auf das Allerneueste versessenen Publikum.

Es war, und es war nicht … Es gehört zum Wesen Istratis, daß bis heute niemand mit Sicherheit zu sagen weiß, wer er eigentlich war. Wir sind auf seine eigenen Angaben angewiesen, und Ehrenburg, der Istrati so gut kannte, wie man einen Menschen solcher Art eben kennen kann, sagt von ihm, daß er zu jenen geborenen Erzählern gehörte, die, hingerissen vom Flug der Phantasie, zwischen Wahrem und Erfundenem nicht mehr zu unterscheiden wissen, weil es ihnen nur darauf ankommen muß, daß eine Geschichte zur Einheit gerät. So ist Istrati selbst nicht mehr und nicht weniger als eine Gestalt aus seinem Werk: seine Züge und sein Schicksal treten in immer neuen Beleuchtungen daraus hervor ‒ und dahinter zurück.

Istrati erzählte von Zeiten als Schlosser in Ägypten, Weinschenk in Rom, Bäcker in Budapest, Bauarbeiter in Wien, Wanderfotograf an der Riviera; jedenfalls kannte er halb Europa und den ganzen vorderen Orient. „Er sprach viele Sprachen und beherrschte keine einzige“, schreibt Ehrenburg in seinen Erinnerungen. Mit hinreichender Sicherheit scheint festzustehen, daß Istrati aus Rumänien stammte, wo er, vermutlich im Jahre 1886, möglicherweise in der Stadt Braila geboren wurde. Seine Mutter, so behauptete er gelegentlich, sei eine wallachische Bäuerin, sein Vater ein griechischer Schmuggler gewesen. In dem Roman Die Disteln des Baragan (Styria Verlag, Graz/Wien 1969) trägt der Vater des Erzählers indessen ganz andere Züge: die eines leichtsinnigen, schwermütigen Wandermusikanten, eines willenschwachen, sympathischen Mannes, von eindringlicher Glaubwürdigkeit. Was davon auch zutreffen mag, was nicht, gewiß ist eines: Istratis eigentliche Heimat war die wallachische Steppe, der distelbewachsene Baragan; in diesem rauhen, vom eisigen Muscal, dem Rußlandwind, überwehten, von den Geistern der nach Gerechtigkeit und Freiheit dürstenden haiduckischen Räuberscharen bevölkerten Landstrich blieb er immer zu Hause. „Der Baragan liebte die Menschen nicht; er verwehrte ihnen alles, was sie zum Wohlergehen brauchen ‒ außer vielleicht dem Vergnügen, durch die Gegend zu streifen und lauthals zu brüllen. Auf seinem breiten Rücken wächst kein Baum, und bis du von einem Brunnen zum nächsten kommst, gibt er dir reichlich Zeit zum Verdursten. Auch ist es nicht seine Sache, dich vor dem Verhungern zu beschützen. Angenommen aber, du bist gegen solche Gefahren gewappnet und willst allein sein, dann geh hinaus auf den Baragan; ihn hat der Schöpfer gemacht, damit der Rumäne hier ungestört seine Träume austräumen kann. Sehen wir einen Vogel zwischen zwei Felswänden, bedauern wir ihn. Aber über dem Baragan trägt dieser Vogel mit seinem Flug die Erde und den Horizont empor. Du spürst, rücklings auf den Boden gestreckt, wie sich diese riesige flache Schale dem Zenit entgegenhebt. Und das ist der schönste Aufstieg, der einem armen Schlucker vergönnt sein kann. Hier und dort, ganz in der Ferne, steht dann ein Schäfer mit dem Rücken nach Norden und weidet seine Herde. Auf seinen Stab gestützt, rührt er sich nicht von der Stelle, als wäre er aus Holz. Nur der Wind rüttelt dann und wann an ihm. Ringsum, so weit das Auge reicht, nichts als Disteln, ein stachelstrotzendes, unüberschaubares Geflecht. Und wenn der Schäfer hin und her schwankt, so schwanken auch sie …“

Das Zitat stammt aus dem Roman Die Disteln des Baragan, und es bedarf keiner Erläuterung, daß hier ein Erzähler die Landschaft beschwört, in der er ganz fraglos zu Hause ist. Dieser verhältnismäßig schmale Roman ist ‒ für mein Empfinden ‒ das stärkste oder doch eines der stärksten Bücher, die Istrati geschrieben hat. In aller Schlichtheit werden die Disteln ihm zum großartigen Symbol einer überaus herrlichen, überaus jammervollen Welt. Wenn der Herbststurm ihre Köpfe von den Stengeln bricht und sie, zu Kugeln geballt, über die Weiten der Steppe springen und rollen läßt, dann packt die Jungen in den armseligen Dörfern das Fernweh. Sie rennen hinter den Disteln her bis zum Horizont ‒ manche kehren nie mehr zurück.

Und so beginnt die Geschichte: Eine kleine Familie kommt von irgendwoher an die Borcea und bleibt dort, um vom Fischen zu leben. Ein schwacher Vater, der nicht zur Arbeit taugt und Flöte spielt, Lieder, die ihn schützen gegen die Ansprüche, die das „verfluchte, schöne, traurige Leben“ stellt. Die Mutter, eine tapfere, fleißige Frau, die klaglos die schwere Arbeit tut. Sie kauft von mühsam ersparten Groschen einen klapprigen Karren und ein uraltes Pferd, damit Vater und Sohn die Salzfische in reichere Dörfer hinter dem Baragan verkaufen können. Aber der Karren zerbricht auf holperigen Pfaden, das Pferd verreckt, die Fische verfaulen, und die Mutter stirbt daheim an einer giftigen Fischflosse, die ihr die Hand verletzte. Der Vater kriecht irgendwo unter, der Sohn läuft im Herbst den rollenden Disteln nach, sein Glück zu finden. Das Glück besteht aus noch ärmeren Dörfern, in denen die Bauern im Winter 1906 verhungern und die Überlebenden im März einen Aufstand gegen die allen fruchtbaren Boden besitzenden Bojaren beginnen. Sie werden zusammenkartätscht, und der Junge läuft wiederum fort ‒ aber die Disteln sind hinter ihm her. So endet die Geschichte.

Istrati hat sie den Toten jenes Hungeraufstandes gewidmet: elftausend Bauern, die den Kanonen zum Opfer fielen. Dennoch ist dieser Roman nicht das Buch eines Revolutionärs. Er ist ein leichtsinniges, schwermütiges Lied der Sehnsucht nach Gerechtigkeit und haiduckischer Freiheit in einer „verfluchten, schönen, traurigen Welt“. Welch echtem Revolutionär aber fiele es bei, ein verfluchtes und trauriges Leben auch noch schön zu nennen? Und welcher wüßte nicht, daß revolutionäre Gerechtigkeit und Freiheit einander unerbittlich ausschließen? Istrati wußte es nicht, und Ehrenburg wußte, daß er es nicht wußte.

Ein berühmter Mann, fuhr Istrati nach Rußland und kam tief enttäuscht von dort zurück: seine Träume waren zu verdorrten Disteln geworden. Er wandte sich nach Haiduckenart erbittert gegen die, die seiner Meinung nach daran schuld waren. Die linken Großmandarine von Paris, kaum realistischere Revolutionäre als Istrati selbst, aber dem Leben und der Erde ferner und nicht gewillt, sich in ihrem reinen Denken stören zu lassen, sprachen den Bannfluch gegen ihn aus. Er wurde rasch vergessen, ging als kranker Mann nach Rumänien zurück, wo er im Jahre 1934 in einem Kloster starb.

Was von ihm bleibt, sind ein paar Bücher, die man nicht vergessen kann. Werke, mit denen Istrati die zu seiner Zeit ganz verwestlichte Literatur Rumäniens um einen neuen Ton bereichert hat, und die auch heute noch lesenswert sind, ja, heute erst recht.

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Die Disteln des Baragan
Untertitel: Besprechung des gleichnamigen Buches von Panaït Istrati, Graz/Wien: Styria 1968
Erstveröffentlichung in: deutsche studien (9) Nr. 33, 1971, S. 106-109
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016070
URL: https://scholien.wordpress.com/2016070-2/
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