Hans Lipinsky-Gottersdorf: Lob des Lebens

Im Sommer 1956 beendete der russische Lyriker und Übersetzer großer abendländischer Dichtung Boris Pasternak die Niederschrift seines ersten Romanes Doktor Schiwago und reichte ihn dem russischen Schriftstellerverband zur Prüfung ein. Dieser Verband ‒ nicht etwa Pasternak selbst ‒ gab ein Exemplar des Manuskriptes an den italienischen Verleger Feltrinelli weiter, nachdem die Herausgabe des Buches in der Sowjetunion selbst schon als bedeutendes literarisches Ereignis angekündigt worden war. Was von diesem Zeitpunkt an bis heute geschah, ist ebenso erstaunlich wie beschämend für alle Beteiligten in West und Ost. Erstaunlich: ein keineswegs leicht zugängliches Buch bringt seinem Verfasser eine Popularität, die so groß ist, daß sie für geraume Zeit sogar den Ruhm der Schlager- und Fußballstars überstrahlt. Das ist, man mag es ansehen wie man will, noch nicht dagewesen. Beschämend: im Osten ist das Erscheinen des Buches bis jetzt verhindert worden; im Westen aber wurde es mißbraucht. Im offenkundigen Gegensatz zu den klar geäußerten Absichten des Verfassers haben wir sein Buch zu einer Waffe im propagandistischen Kampf gegen sein Vaterland, die Sowjetunion, gemacht; wir haben es ausgeschlachtet und ohne Rücksicht auf den Sinn des Ganzen mit einzelnen Sätzen jongliert, und wir, genauer: der Informationsdienst des Vatikans hat ein weder von Feltrinelli noch von Pasternak autorisiertes, möglicherweise entstelltes Manuskript dunkler Herkunft drucken und auf der Weltausstellung in Brüssel an Bürger der Oststaaten verteilen lassen. Daß Pasternak unter diesen Umständen noch ein freier Mann ist, ist gewiß nicht unser Verdienst, ja, es ist vermutlich nicht einmal eine besondere Freude für die, welche ihn in Gefahr brachten und nur gar zu gern bereit gewesen wären, auch einen tragischen Ausgang für ihre zwecke zu benutzen. Das ist keine leere Vermutung: ein tragischer Ausgang mußte ja logischerweise jenen als sicher erscheinen, die nicht müde wurden, zu behaupten, die Rückkehr zu stalinistischen Praktiken sei in Rußland bereits vollzogen oder stehe doch unmittelbar bevor.

Alle diese Vorgänge um Pasternaks Roman sind bekannt; ich brauche sie kaum zu erwähnen, wären sie nicht noch insofern wichtig, als sie es nicht gerade erleichtern, ein unbefangenes Verhältnis zu dem Werk zu finden; die Nebel der Propaganda haben seinen Kern verhüllt. Überschwengliches Lob hier, wütende Beschimpfungen dort, beide waren selten von literarischen Erwägungen bestimmt. Wenn man genauer hinschaut, so entdeckt man freilich, daß gerade das lauteste Lob nicht selten von Leuten kam, denen normalerweise Muschler und Agatha Christie näherliegen, als die anspruchsvollen Romanciers unserer Zeit; es sind die gleichen Literaturkenner, die vor kurzem dem miserablen Roman Dudinzews eine gänzlich unverdiente Publicity verschafften, nur weil er wenigstens zum Teil zu ihren Vorstellungen paßte. Drüben aber schimpfen am giftigsten beflissene Funktionäre, während unter anderen Scholochow und Ehrenburg die Verurteilung Pasternaks nicht mitmachten. (Daß gerade Ehrenburg, dem man alles mögliche nachsagen kann, nur keine schlechte Nase für in der Luft liegende Gefahren, sich solcher Verdammung enthielt, scheint mir übrigens mit ziemlicher Sicherheit zu beweisen, daß eine ernstliche Bedrohung für Pasternak niemals bestand.) So möchte ich denn behaupten, daß im ganzen unsere Lobhudeleien dem Roman schädlicher gewesen sind, als die wüsten Angriffe der besagten Funktionäre; indem man nämlich das Buch mit den Werken Tolstois und Dostojewskis verglich, nicht zuletzt zu dem Zweck, es als um so schlagkräftigere Waffe verwenden zu können, stellte man es vor Ansprüche, denen es nicht gewachsen ist. Es muß darum den Leser enttäuschen, wenigstens solange, bis sich in dem zunächst diffusen Strom seines Geschehens festere Konturen abzuzeichnen und Pasternaks eigene Qualitäten ans Licht zu treten beginnen. Denn solche Qualitäten sind durchaus vorhanden. Sehen wir zu!

Der Roman stellt sich dar als die Lebensgeschichte des Doktor Schiwago, beginnend in seiner Kindheit mit der Beerdigung der Mutter im Jahre 1903, endend im Moskau der dreißiger Jahre, als der Doktor vereinsamt in einer Straßenbahn zusammenbricht und stirbt. Ein Epilog führt in das Rußland des Krieges und der Gegenwart. Was dazwischen liegt, sind die Jahre der Revolutionen von 1905 und 1917, des Bürgerkrieges danach und eines von unterirdischem Grollen durchbebten Friedens zuvor, ist die ganze Fülle der Geschichte und fast unzählbar vieler menschlicher Schicksale. Der Knabe Jura Schiwago, Sohn eines sibirischen Millionärs, der im Säuferwahn Selbstmord beging, wächst in Moskau auf, in seiner geistigen Entwicklung stark beeinflußt von einem Onkel, der, ehemals Priester und auf eigenen Wunsch in den Laienstand zurückversetzt, nun als Schriftsteller bald in Moskau bald im Ausland lebt und den Sozialrevolutionären, den Menschewiki, nahesteht. Dieser Wendenjapin mag typisch sein für einen Teil der russischen Intelligenz jener Jahre. „Wer die Wahrheit sucht“, sagt er einmal, „muß allein bleiben und mit all denen brechen, die sie nicht genug lieben. Wieviele Dinge in der Welt verdienen wirklich unsere Treue? Man sollte der Unsterblichkeit die Treue halten, denn sie ist nur ein anderes Wort für das, was wir sonst Leben nennen.“ Schiwago studiert Medizin, obwohl ‒ er schreibt schon damals Gedichte ‒ er sich mehr für Kunst und Geschichte interessiert, aber „er war der Meinung, die Kunst eigne sich nicht für einen Beruf … und man müsse sich im Leben mit etwas Praktischem und Nützlichem befassen.“ Um diese Zeit ist er schon zum erstenmal der Lara begegnet, jener eigenartigen, reich angelegten Frauengestalt, deren Weg später den seinen immer wieder kreuzen und deren Liebe sein Leben nachhaltig bestimmen wird. Wenn aus diesem Teil des Buches sich eine Stelle dem Gedächtnis einprägt, so ist es gewiß jene wortlose Begegnung zwischen Lara und Schiwago: ein Kabinettstück verhaltener Erzählkunst liegt hier vor. Vorerst bleibt es allerdings bei diesem flüchtigen Treffen; erst viel später werden die beiden sich wiedersehen und zueinander finden. Beide heiraten ihre Jugendlieben; Lara wird Lehrerin und zieht mit ihrem Mann in eine westsibirische Provinzstadt ‒ Schiwago geht als Arzt in den Krieg, wo er kurz vor Ausbruch der Revolution Lara als Krankenschwester trifft. Wieder aber verlieren sie sich bald. Schiwago muß nach Moskau zurück zu seiner Familie, wo er den schrecklichen Winter der Revolution erlebt. Aber er fühlt sich in Moskau nicht mehr glücklich. die alten Freunde sind ihm fremd geworden. „Offenbar hatte er sie früher überschätzt. Solange es die Ordnung der Dinge den Privilegierten gestattete, sich auf Kosten der Nichtprivilegierten ein extravagantes Leben zu leisten, war es leicht gewesen, diese falsche Originalität … für einen echten Ausdruck der Persönlichkeit zu halten.“ Jetzt, im Unglück, zeigen sich die Hohlheit, die menschliche Öde toter Konventionen. Und auch das Leben in der Stadt ist der Künstlernatur Schiwagos fremd: „In diesen Tagen des triumphierenden Materialismus hatte sich die Materie selbst in einen abstrakten Begriff verwandelt. Anstatt von Lebensmitteln und Brennholz sprach man von der „Versorgungsfrage“ und vom „Heizungsproblem“.“ Doch ist der Doktor bei alledem durchaus kein Feind der Revolution; er bejaht ihre Notwendigkeit. „Er begriff, daß er nichts galt vor der ungeheuren Maschinerie des Zukünftigen; er fürchtete und liebte diese Zukunft und insgeheim war er stolz auf sie … Er hatte das eine Ufer verlassen und war am anderen noch nicht gelandet …“ Er wird niemals ankommen.

Nach einer Typhuserkrankung bricht Schiwago mit den Seinen auf, um die Zeit der Entbehrungen auf einem ererbten Besitz in Westsibirien zu überstehen. Schier endlos ‒ und ein Höhepunkt des Romans ‒ ist die Eisenbahnfahrt durch das aufgewühlte Land; sie zieht sich über Monate hin. Als sie ankommen, finden sie sich ganz in der Nähe der Stadt, in der auch Lara wohnt, und jetzt beginnt die Liebesgeschichte der beiden ‒ eine Geschichte, die sich nun in der Tat zu den Höhen russischer Dichtung erhebt: ohne lüsterne Schlüpfrigkeit, zart, innig und leidenschaftlich zugleich; es ist als sei die Liebe selbst Person geworden in diesen beiden Menschen. Aber wieder greift die wilde Zeit ein und verändert alles; eines Tages wird der Doktor von roten Partisanen entführt und muß nun jahrelang als Arzt mit der Bürgerkriegsarmee durch Sibirien ziehen. Endlich zurückgekehrt trifft er nur noch Lara an ‒ seine Familie ist fort, ausgewiesen, als Klassenfeind ins Ausland verbannt. Und auch Lara entgleitet ihm bald; um ihres Kindes und ihres verlorenen Mannes willen geht sie fort. Der Rest für Schiwago ist dann Moskau, Verlust der Schaffenskraft, Lethargie, wachsende Vereinsamung und der bittere Tod in der überfüllten Straßenbahn. Erst an seiner Bahre begegnet Lara ihm wieder: „Denk nur, wir haben wieder etwas Großes, Unabänderliches. Das Rätsel des Lebens, das Rätsel des Todes .., das alles haben wir verstanden. Was aber die kleinlichen Geschäfte der Welt, die Umgestaltung des Erdballs etwa, angeht, so müssen wir bedauern, daß sie unsere Sache nicht sind.“

Das, in sehr groben Zügen, ist das Schicksal des Arztes und Dichters Schiwago, der das eine Ufer verließ und das andere niemals erreichte. Sicherlich ist in ihm das Schicksal eines großen Teiles der russischen, bürgerlichen Intelligenz verkörpert, die nicht die Kraft fand, die Verwirklichung dessen zu bejahen, das sie gewollt und vorbereitet hatte, ja, dessen unbedingte Notwendigkeit sie auch später nicht verneinen konnte noch wollte. Hüten wir uns davor, den Dichter Pasternak allzu vorbehaltslos mit seinen Figuren und deren Ansichten zu identifizieren; Schiwago ist tot, aber Pasternak lebt und singt das Lob des Lebens; das ist der eigentliche Gehalt des Buches, der politische bleibt auch bei genauester Betrachtung undeutlich und wirr. So bleibt im Grunde ganz unerfindlich, wieso ‒ wenn man vom Nichterscheinen des Doktor Schiwago in der Sowjetunion absieht, und, wir wissen es alle: dort sind von Dostojewsky bis Blok und Jessenin schon manche Autoren zeitweilig unerwünscht und dann wieder möglich gewesen ‒ wieso also dieser Roman zur politischen Sensation hochgetrimmt werden konnte. Er ist nicht antikommunistisch; neben Aussprüchen, die darauf hindeuten könnten, wird man ebensoviele und noch mehr finden, die die Revolution, ja, den ganzen Kommunismus nachdrücklich bejahen. Und die Kritik am Stalinismus, an seiner blutleeren Theorie, die Frage nach der Schuld vor allem, die hier übrigens kaum berührt wird, ist ja längst nicht mehr allein die Sache Pasternaks. In allerlei Theaterstücken und Romanen der letzten Jahre ist sie konkreter und schärfer erhoben worden. Natürlich ist Pasternak kein Marxist; er hat das in Interviews laut und deutlich genug vernehmen lassen. Allein, und das sollten wir nun wirklich aufmerksam zur Kenntnis nehmen, wenn er sich ‒ auch in dem vorliegenden Buch ‒ dennoch zu seinem Lande, zu der Lebensform, die es sich gewählt hat, bekennt, so scheint sich hier ganz absichtslos jene Synthese von Mensch und Theorie anzukündigen, die kommen muß und kommen wird. Neben dem Doktor steht in dem Roman sein Halbbruder Jewgraf Schiwago, der, später Generalmajor der roten Armee, in den dunklen dreißiger Jahren das Wort sagt: „Niemals und unter keinen Bedingungen dürfen wir verzweifeln. Zu hoffen und zu handeln ‒ das ist unser Pflicht im Unglück. Tatenlose Verzweiflung bedeutet soviel wie die Pflicht vergessen und sich ihr entziehen.“ ‒ Antikommunistische Resistance? ‒ man schaue nur genau hin! ‒ Vielleicht wird man hier und da den Vorwurf machen, ich sei nicht genügend auf einzelnen kritischen Äußerungen in dem Roman eingegangen, ich hätte sie nicht genug gewürdigt. Nun, ich meine, man wird bei der Besprechung eines Buches füglich jene Züge am stärksten hervorheben müssen, die für den Verfasser und seine Absichten am charakteristischsten sind; und ein solcher Zug ist hier das unbedingte Ja zum Leben in allen seinen Erscheinungsformen, zu der Welt des Schmerzes, in der zu sein wir alle begnadigt sind. Pasternak sagt immer wieder Ja; in allen möglichen Variationen kommt es aus dem Munde seiner Figuren. Es gibt kein besseres Zeugnis für die Nichtigkeit jener These vom „nivellierenden Menschenbrei“ im Osten, als dieses Preislied auf das schreckliche und überaus herrliche Leben und seiner „vernunftlosen, demütigen, unglückseligen, wundervollen Schönheit“, über die zu staunen Pasternak nicht müde wird. „Dieses unvergleichliche, mütterliche Rußland, dessen Wellenschlag auch jenseits der Meere von sich reden macht, die ruhmreich Gebärende, Rußj, Märtyrerin, diese eigenwillige, besessene, querköpfige, vergötterte, mit ihren ewig majestätischen und zum Untergang führenden Ausbrüchen, die sich niemals voraussehen ließen! Oh wie süß es ist, zu existieren. Wie süß es ist, in der Welt zu leben und das Leben zu lieben, wie es einen immer danach verlangt, dem Sein selber zu danken …“ Bei alledem verleugnet oder beschönigt Pasternak nichts. Nichtliebe ist ihm „fast dasselbe wie Mord“, und er findet erschütternde Klagen für das Unglück der Menschen in den blutigen Jahren der Revolution. Es gibt Stellen in dem Roman, in denen der nackte Schrecken regiert: die Erschießung meuternder Partisanen, darunter eines noch nicht schulentwachsenen Jungen gehört dazu, aber auch das grausige Schicksal jenes einfachen Rotarmisten, der schwere Blutschuld auf sich lud und von den Dämonen des Gewissens gehetzt zu Grunde geht.

Wenn ich recht unterrichtet bin, ist den Sowjets vor allem die Darstellung der Revolution und ihrer Schrecken in Pasternaks Roman untragbar erschienen, Es steht uns, die wir jahrhundertelang Kreuzzüge und Kolonisationskriege als Großtaten christlichen Glaubens gefeiert haben, schlecht zu Gesicht, solche Haltung pharisäerhaft zu verurteilen. Mir scheint aber, daß die Mächtigen des Ostens gut beraten wären, wenn sie Pasternaks Worten Gehör gäben. Die schöne und heroische Legende ist kein tragfähiger Grund; dauerhaft läßt sich nur auf der Wahrheit bauen und nur in einem solchen Hause läßt sich glücklich wohnen; der Dichter Pasternak aber hat diese Wahrheit aufgenommen in sein Ja zum Neuen und das versöhnende Wort gesprochen. „Die Geschichte des Eigentums ist für Rußland vorbei“; die Menschen aber sind geblieben, die russischen Menschen, von denen hier einmal gesagt wird: „Sie arbeiten und mühen sich ab, vorangetrieben vom Mechanismus ihrer individuellen Sorgen. Aber diese Mechanismen könnten niemals funktionieren ohne den Regulator einer ihnen übergeordneten fundamentalen Sorglosigkeit. Diese Unbekümmertheit gründet sich auf das Bewußtsein der Gemeinsamkeit aller menschlichen Existenzen.“

Den gewaltigen Stoff, der sich ihm anbot, umzuprägen in die reine Goldmünze großer Literatur gelingt Pasternak nicht durchweg. Gewiß, es gibt Stellen, in denen er sich mit Sprache und Darstellung zu respektgebietenden Höhen erhebt; ich habe einige genannt: vor anderen gehört die Liebesgeschichte dazu. Aber ich habe doch die ersten zweihundert Seiten des Buches zweimal lesen müssen, bis mir die Zusammenhänge einigermaßen deutlich wurden, so blaß sind am Anfang die Gestalten, kaum mehr als Namen, huschende Schatten auf einer bewegten Wand. Manche treten im weiteren Verlauf der Erzählung stärker hervor, andere bleiben schemenhaft bis zum Schluß; ich habe manchmal das Gefühl gehabt, als sei es Pasternak mehr darauf angekommen, Symbole zu geben als Menschen von Fleisch und Blut. Darauf läßt auch die Handlungsführung schließen, die sich recht unbekümmert einer Menge der unwahrscheinlichsten Zufälle und Begegnungen bedient. Freilich werden manche Schwächen auch auf die Übersetzung zurückzuführen sein; sie scheint gelegentlich flüchtig, wenn nicht gar unzuverlässig. Angesichts der Schwierigkeiten, den russischen Text zu bekommen, lassen sich solche Vermutungen leider nicht überprüfen; die Geheimniskrämerei, die Feltrinelli mit dem Originalmanuskript betreibt, ist jedenfalls nicht geeignet, den auftauchenden Verdacht zu entkräften, daß einzelne Stellen ‒ sagen wir es ganz dezent ‒ eigenwillig behandelt worden sind.

Immerhin: auch in der vorliegenden Ausgabe findet sich gelegentlich die starke Atmosphäre des riesigen, östlichen Reiches mit seinen Städten und Steppen und verschlafenen Gutshöfen. Im Gesang am Grabe von Schiwagos Mutter, in den Schneestürmen von Moskaus Straßen und in den endlosen Gesprächen, die hier mit geschliffenen Formulierungen blitzen und funkeln, dort träge versickern wie ein Bach im Sumpf, in solchen Partien ist Rußland, eindringlich und unverwechselbar. Ein Zug rollt über die Ebene und hält irgendwo im leeren Land, ein Frühling wird geschildert, eine Nacht, ein Ebereschenbaum, nirgendwo anders wird das so sein wie eben dort.

Der Roman Doktor Schiwago ist heute in Rußland nicht erwünscht. Wird er morgen erscheinen können? Wir möchten es mit Pasternak hoffen. Den beiden altgewordenen Freunden des Doktor Schiwago, die am Fenster eines Moskauer Hauses sitzen, seine Gedichte in der Hand, wollte es jedenfalls „scheinen, als sei die innere Freiheit schon errungen, als habe sich die Zukunft gerade an diesem Abend spürbar über Moskau niedergesenkt, und als seien sie selbst in diese Zukunft eingetreten. Ihre Liebe zu dieser heiligen Stadt und zur ganzen Welt .. erfüllte sie mit einem Gefühl der Geborgenheit und des Glücks, das sich wie leise Musik um sie ausbreitete. Das Buch, das sie in den Händen hielten, wußte das alles und gab ihren Empfindungen Bestätigung und Sicherheit“.

Wenn wir alles unterlassen, was die Entwicklung im Osten stören könnte, haben wir Grund zur Hoffnung.

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Lob des Lebens
Untertitel: Zu  Pasternaks „Doktor Schiwago“
Erstveröffentlichung in: Die Sammlung (14) Nr. 4/1959, S. 218-223
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016071
URL: https://scholien.wordpress.com/2016071-2/
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