Hans Lipinsky-Gottersdorf: Die Deutsche Troika

Böll ‒ Grass ‒ Lenz

Joseph Roth, kluger, trauriger Jude aus dem äußersten Osten der alten Donaumonarchie ‒ über den Genius dieses Jahrhunderts hat er nichts besonders Freundliches zu sagen gehabt.

Irgendwo in seinem 1931 erschienenen Roman Radetzkymarsch sitzen zwei Herren im Honoratioren-Café einer weltverlorenen mährischen Provinzhauptstadt. Es ist wenige Jahre vor Sarajewo, vor dem Großen Kriege. Der Bezirkshauptmann von Trotta und der Arzt Skowronnek sitzen da, nippen an ihren Cognakgläsern, rücken Bauern, Läufer, Türme über das Brett und wechseln ab und zu ein Wort über die Zeit und ihren unaufhaltsamen Vorwärtsgang.

Er, so bemerkt der Doktor, sehe sich oft seine Kinder an, wenn sie schlafen.

Ihre Gesichter“, fährt der Arzt nachdenklich fort, „scheinen mir dann fremd zu sein, kaum zu erkennen, und ich sehe, daß sie fremde Menschen sind, aus einer Zeit, die erst kommen wird. Sie sind noch ganz jung, meine Kinder, und sie haben rosige, runde Gesichter im Schlaf. Dennoch ist viel Grausames in diesen Gesichtern, wenn sie schlafen. Manchmal scheint mir, daß es schon das Grausame ihrer Zeit ist, der Zukunft, die im Schlaf über sie kommt. Ich möchte nicht diese Zeit erleben.“

Roth hat sie erlebt und es mag sein, daß er mit seinem Bild rosig-pausbäckiger Grausamkeit im Kinderbettchen nur das kennzeichnen wollte, was ihn umgab, als er an diesem Roman schrieb. Ich glaube das nicht. Der Radetzkymarsch war nicht nur unpathetisches Requiem auf eine zerbrochene Krone; er war des Linken Roth melancholische Absage an die Träume der Utopie. Und nimmt man sein Bild im vollen Sinn, so erfüllte es sich eigentlich erst später: es wirkt visionär hinein in die unmittelbare Gegenwart.

Der Nationale Sozialismus Hitlers, seine menschenfresserischen Träume ‒ das pausbäckig und rosenschnäuzig Naive fehlte da durchaus. Erst recht und ganz und gar dem finsteren Stalin ging es ab und seinem Werk: Marxist in Nikolaitischen Knobelbechern und mit Peters Fäusten, hat der Vater der Völker der Revolution das Strammstehen beigebracht, ihr Form und Hierarchie anzuexerzieren gewußt. Mittels fürchterlicher Erziehung der Sowjetmenschen zum Staat vollzog sich im Osten die Vermählung der Utopie mit der Geschichte. Das Ergebnis ist ein neues, auf uralten Prinzipien gegründetes Imperium. Der Beitrag der hehren Menschheitserlösungslehre des Karl Marx aus Trier zu diesem Imperium beschränkt sich auf die schmutzgraue Einfärbung des sowjetischen Alltags und auf die Verbreitung einer unsäglich penetranten Langeweilerei. Außerdem ist ihr Erbe noch in der Neigung der sowjetischen Machthaber wirksam, Gegner nicht für Gegner, sondern für klinische Fälle zu halten und sie als Ratten, Wanzen, Läuse und Kakerlaken zu bezeichnen.

Nur im Westen, als sei das alles nie geschehen, gibt es den Utopismus noch in seiner reinen Form, rund und rosig, wie jener Provinzarzt Roths ihn in der Wiege liegen sah. Seine liberalen oder „menschlich-sozialistischen“ Propheten sitzen in allen Parlamenten, in jeder Partei, jeder Kirche, jeder Universität. Nicht zuletzt wirken sie als Verleger, Kritiker und Autoren am Kleide der westdeutschen Gegenwartsliteratur. An ihrer Spitze bewegt sich, mal im Trabe, mal im Schneckenschritt die Troika der Tüchtigen Drei und zieht ihre Leserschaft voran ins Reich der Reinen und der Einen Welt, in der alle Menschen gleich sind und gleich fröhlich und glücklich miteinander wohnen.

Vor ein paar Tagen rief Caspar Schrenck-Notzing mich an und sagte: „Schreiben sie für CRITICÓN etwas über Gegenwartsschriftsteller und ihr reziprokes Verhältnis zum Geist der Zeit. Schreiben Sie mir etwas über Böll und Grass und Lenz.“

Ich sagte: „Das sind drei gräßliche Utopisten. Sie sind kein Thema für mich. Ich interessiere mich nicht für sie. Denken Sie daran, daß ich aus der Landwirtschaft komme. Dort wächst alles Mögliche, nur keine Utopien.“

Lenz“, sagte Herr von Schrenck, „ist kein Utopist.“

Das stimmt“, sagte ich. „Aber einer wäre mir schon zuviel. Immer wenn ich das Wort Utopie höre, fällt mir eines unserer östlichen Bauernsprichworte ein. Es handelt sich um den lakonischen Ausdruck der Erfahrungstatsache, daß ein Schwein kein Singvogel ist. Damit wir uns recht verstehen: ich denke dabei nicht an irgendeinen meiner Kollegen.“

Aha“, sagte Schrenck.

Nein“, sagte ich. „Ich denke an die östlichen Bauern. Wenn so ein Bauer, sagen wir mal beim Anblick seiner Schwiegermutter, Anlaß hatte, sich dieses Sprichworts zu erinnern, so pflegte er dabei derart entsetzlich zu fluchen, daß seine Pferde angeekelt ihre Schnauzen wegdrehten. Da schämte sich der Bauer und schwieg still.“

Ich verstehe“, sagte Schrenck. „Dieser Bauer war kein Utopist.“

Das ist vollkommen richtig“, sagte ich. „Ein Utopist wäre jener Fortschrittsmann, der bei Bloch studiert hätte, zu diesem Bauern ginge und ihm sagte: „Fluche ruhig weiter, Freund, denn hierbei bildet sich dein Bewußtsein. Was aber dein Schwein betrifft: hoffe! Bringe ihm die Kunst des Gesanges bei, lehre es seinen Rüssel hoch zu tragen, rücke es dabei ‒ das ist wichtig! immer ein wenig hin, ein wenig her und ‒ gib Acht! Es werden Federn aus seinem Schinken sprießen und Flügel zwischen seinem Halsbraten und seinen Koteletts. Und da hast du dann deinen Vogel. Denn Alles ist veränderbar und Alles muß verändert werden.“

Aha“, sagte Schrenck.

Prinzipiell“, sagte ich, „bin ich ganz ihrer Meinung. Aber Günter Grass hat inzwischen nachgewiesen, daß er, wenn schon nicht ein Schwein in einen Vogel, so doch jedes beliebige Lebewesen in ein Schwein verwandeln kann. Er hat den Stein aller utopischen Weisheit gefunden.“

Ablieferungstermin ist der 9. September“, sagte Schrenck.

Ablieferungstermine einhalten ist nicht wie das Streicheln einer hübschen Frauenwange ‒ aber ich schreibe: über Heinrich Böll und Günter Grass und Siegfried Lenz.

Wenn ich die drei eine Troika nenne, so heißt das nicht, daß ich sie über einen Leisten schlagen will. Ein jeder von ihnen ist ein Sonderfall, nach Werk und Wirkung typisch für etwas, das ist ‒ oder noch werden kann.

Ich habe mit Troika auch nicht jenes gleichnamige Bild im Sinn, auf dem drei schnaubende Pferde in gestrecktem Galopp einen Schlitten samt bepelzten Insassen durch sehr viel stäubenden Schnee ziehen und dabei noch Zeit genug finden, mit ihren Hufen mutig nach den sie umspringenden Wölfen zu schlagen. Keiner von den Dreien ist in diesem Lande jemals von Wölfen behelligt worden, aber von Zeit zu Zeit verfällt einer von ihnen darauf, sich irgendwelche Raubtiere auf seiner und aller Schriftsteller guten Sinnes Fährte auszudenken.

Dann gibt Heinrich Böll von Irland her in einem gallebitteren Artikel bekannt, daß er die Absicht habe, auszuwandern, Grass fährt ins Tessin und Lenz nach Dänemark.

Nein, ich denken nicht an Pferde, wenn ich an sie denke.

Das Pferd, so schrieb vor fast dreihundert Jahren der schlesische Historiograph Johan Sinapius im Schlosse zu Öls, das Pferd sei „ein wahres Helden-Thier, davon die Ritter das Titul Cavalieres führen“.

Heinrich Böll habe ich um die Mitte der fünfziger Jahre kennengelernt. Unsere Begegnungen, vier oder fünf, verteilten sich auf ungefähr ein Jahr. Böll war ein großer, schwerer Mann, der meist in einer grauen offenen Wildlederjacke daherkam und sich offen und freundlich gab. Nur in irgendwelchen Falten und Fältchen seines großflächigen Gesichts nistete etwas, das nicht zur Freundlichkeit passen wollte.

Böll war immer furchtbar wütend auf den Lauf der Welt. Er liebt es ganz und gar nicht, mit Terroristen in einem Atem genannt zu werden, und ich habe volles Verständnis dafür. Es ist aber so, daß in seinen Büchern, den guten, den schwächeren und den ganz schlechten, das Wesen des Terrorismus beispielhaft enthalten ist: abstrakter Fanatismus, dumpfe Wut, immer wieder durchbrechende Lust, dreinzuschlagen und loszuschießen.

Zweifellos wird der Böll so verhaßte Weltlauf nicht unwesentlich davon bestimmt, daß das Herz der Menschen böse von Jugend auf ist. Das steht schon in der Bibel. Böll, ein frommer Mann, muß es dort überlesen haben, denn er ist ständig auf der Suche nach Leuten, die er dafür verantwortlich machen kann. Er hat sie gefunden: Bauunternehmer, Staatsanwälte, Zeitungsverleger und ähnliche Vertreter guten Bürgertums. Böll ist unerbittlich mit ihnen: er wünscht ihren Weibern Christbaumnadeln in den Busenausschnitt, ihnen selbst Karpfengräten in den Hals. Mildernde Umstände will Böll nicht gelten lassen. Nicht bei den Vertretern von „Restauration und Reaktion“. Tragik etwa könnte als mildernder Umstand gelten ‒ in Bölls mißtrauischen Augen jedenfalls.

Einmal erzählte ich ihm von jenen Kaminen, die ich im Spätherbst 1939 von den Fenstern meines Elternhauses her drüben im Polnischen absterben sah. An jedem neuen Morgen rauchten die Kamine eines weiteren Dorfes nicht mehr. Man hatte die Einwohner ins Generalgouvernement deportiert. Es ist früher und später Schlimmeres geschehen, das weiß ich auch, aber diese Kamine hatte ich eben gerade im Sinn. Ich wollte davon schreiben.

Ich bitte Sie“, sagte Böll. „Nennen Sie Schuldige! Nennen Sie die Ursachen. Die Schornsteine ‒ das ist doch pure Sentimentalität!“

Daß im Bild von ein paar erloschenen Kaminen über leerem winterlichen Land alle Tragik der Menschengeschichte beschlossen liegen kann ‒ der Dichter Heinrich Böll will von Tragik in jedem Wortsinn nichts wissen. Sie könnte ja als Ausflucht dienen. Zwar steht in seinem Irlandbuch hie und da zu lesen, daß ihm tragische Wirklichkeiten mindestens nicht vollständig entgangen sind. Aber Iren sind Iren, und außerdem nannte Böll dieses Buch einmal seinen „Sündenfall“. Er will seine Schuldigen moralisch, mindestens moralisch vernichtet im Staube liegen sehen. Als „Veränderte“ dürfen sie dann, wenn sie können, wieder auferstehen.

Heinrich Böll ist ein Utopist.

Als ich ihn kennenlernte, hatte ich zweierlei von ihm gelesen: die Satire Nicht nur zur Weihnachtszeit und den Roman Und sagte kein einziges Wort. Die Satire ist keine. Sie ist ein über viele Seiten ausgedehnter Wutausbruch darüber, daß Leute, die Böll schuldig gesprochen hat, es wagen, gern und ausgiebig Weihnachten zu feiern. Der Roman hatte mich ein paarmal an Joseph Roth erinnert, an dessen Traurigkeit- wenn auch nur sehr von ferne. Anderes hatte mich stutzig werden lassen.

Die Motive der Verstörung von Bölls stadtstreichendem Helden sind bekanntlich: Erinnerung an den Krieg und Armut. Armut? Böll hatte seinem Fred einen Verdienst von dreihundert Mark monatlich zugebilligt. Die Geschichte spielte kurz nach der Währungsreform, und ich wußte, daß man zu jener Zeit mit entschieden weniger als Dreihundert auskommen konnte, ohne darüber ausführlich verzweifeln zu müssen. Das Buch war auch sozialkritisch gemeint: die entsprechenden Motivationen sollten also stimmen. Ich sagte Böll das. Er schüttelte unwillig seinen großen Schädel: Darauf komme es doch nicht an.

Später ging mir auf, daß Böll schon mit diesem Roman seinen höchst persönlichen Klassenkampf begonnen hatte. Und dabei kommt es ja wirklich nur auf den Kampf an und auf sonst gar nichts.

Bölls persönliche Note im Klassenkampf war von Anfang an höchst originell. Bei ihm findet dieses epochale Unternehmen, mystisch mit vorwiegend traurig getöntem Geschlechtsverkehr vereint, stets in dichtem Weihrauchnebel statt. Dies hat dem Verfasser manch Hohn und Spott von rechtgläubig linker Seite eingetragen, ist aber recht erfolgreich gewesen. Böll avancierte damit zum Mittelpunkt einer verehrungsvollen gutbürgerlichen Lesergemeinde. Klassenkampf, fromm serviert, kann nicht besonders gefährlich sein, und Weihrauch im Schlafzimmer ist doch mal was anderes.

Das Amt eines Seelsorgers ebenfalls gutbürgerlichen Nachwuchses handelte Böll sich später ein: als sein erster Schuß fiel ‒ natürlich nur auf dem Papier und in dem Roman Billard um halbzehn. Damals noch nicht aus der MP eines jungen Terroristen, sondern aus der Pistole in der Hand einer wutschnaubenden Großmutter. Auch war das Ziel ein alter Nazi und kein „Bulle“. Immerhin, es wurde geschossen, unbekümmert um Recht und Gesetz, und auch der Sympathisant war sofort zur Stelle.

Böll ist nicht der Bedeutendste in der Troika. Er war das nicht, als seine Sprache noch bewunderungswürdig monolithisch dahergeschritten kam; er ist es heute erst recht nicht mehr. Die Einführung des westdeutschen Sympathisantentypus in die Literatur, seine Rechtfertigung, seine Popularisierung bleiben indessen Bölls höchsteigenes Verdienst.

Wer von den jungen Leuten, die Bölls Bücher lasen, seine Reden hörten und an ihn glaubten, wer will schon nicht so sein: hilfsbereit, großherzig, offen dem vom „brutalen System Bundesrepublik“ ins Außenseitertum gehetzten, verzweifelten Theoretiker gegenüber. Seit dem Gruppenbild und der Katharina Blum stehen Bölls veröffentlichte Maßstäbe für ein gutes humanes Gewissen unverrückbar fest. (Daß der Proletkult, die Fäkalienmystik im Gruppenbild eher lächerlich als überzeugend sind, die süßtraurige Lovestory der sanften Katharina nur noch lächerlich ist, traurig daran einzig der offenbare Sprachverfall, spielt dabei keine Rolle: wichtig ist Bölls eindringliche Botschaft vom Grausamen System!)

In dieser Lovestory fiel ‒ aus der Hand der Sanften ‒ denn auch Bölls zweiter Schuß. Nur auf dem Papier, selbstredend nur auf dem Papier. Ich schreibe dennoch nicht gern davon.

Drüben, auf der Straße in Junkersdorf, sind, während ich schreibe, die blutigen Spuren des vorerst letzten Terroristenmordes langsam eingetrocknet und dann abgewaschen worden. Ich denke an die toten Polizisten, den toten Fahrer, und ich denke an den entführten Hanns-Martin Schleyer, der ‒ ich habe das soeben in der Zeitung gelesen ‒ nicht, wie Lorenz vordem, um Hilfe um jeden Preis gebettelt hat.

Heinrich Böll hat niemals jemandem geraten, zu schießen. Er ist nur furchtbar wütend auf den Lauf der Welt und auf die, die er dafür verantwortlich macht.

In der Troika steht Böll am weitesten links ‒ im anarcho-utopischen Sinn.

Günter Grass, in seinem eigentlichen Werk, ist der wortmächtigste Erzähler der deutschen Gegenwart; es wäre schon ein wahres Wunder, wenn sich hier und in dieser Zeit, an Sprachgewalt noch einmal Seinesgleichen fände.

Grass stammt aus der Danziger Vorstadt und aus der „Kaschubei“. Ich weiß nicht, ob wirklich von dort her, wo der slawische Kleinstamm der Kaschuben seit alters in frommer Geduld, zäh, tapfer und gehorsam der Obrigkeit, auf seinen armseligen, mit jeglichem Wind in Staubwolken dahinwandernden Adelsgütern ausharrt ‒ oder aus einem jener weltverlorenen Pommerellischen Landstriche, denen die Vorstadt ihre Verachtung bezeugte, indem sie sie nach den Kaschuben nannte. Vom Kaschuben hat Grass nichts, vom Danziger sehr wenig, von der Vorstadt alles.

Als ich vor Jahren die Blechtrommel las, Grass´ ersten großen Roman, habe ich mich sehr darüber wundern müssen, daß dem Erfinder dieser bemerkenswerten Geschichte in jedem zweiten Zeitungsfeuilleton löblich-zeitkritische Absichten unterschoben wurden. Es war die Zeit selbst, die aus dem Erzähler sprach, und er redete in sie hinein. Außerdem war zu merken, daß Grass bei Charles de Coster „in die Lehre“ gegangen war.

Charles de Coster, ich möchte daran erinnern dürfen, hat eine der schönsten Geschichten erzählt, die die Menschheit jemals zu hören und zu lesen bekam: seinen Ulenspiegel.

Ulenspiegel wurde geboren „zu Damme in Flandern, da des Maimonds Blüten sprangen“; er trug die helle Glückshaube Gottes, sichtbar wie wenige sie tragen, und trug das schwarze Mal vom Teufelsfinger wie jeglicher Mensch; er lebte und sang, tötete, haßte, war traurig, liebte, freute sich der Erde, die Würste und Bier, Eierkuchen, Brot und Wein gab, sich daran zu sättigen und zu laben, dazu Frauen, mit ihnen zu kosen und bei ihnen zu schlafen, und das Ende des Ulenspiegel war kein Ende: mit seiner Herzliebsten Nele verschwand er singend in unruhiger Unsterblichkeit.

Der Blechtrommler des Günter Grass ist des Ulenspiegeles verkrüppeltes Vetterlein, aus dem schwarzen Schlamm der Gossen, dem beißenden Staub der Vorstadtstraßen, dem unfruchtbaren Sand der Tucheler Heide gemacht; er sang auf Fabrikhöfen, in den Horden pubertierender Altersgenossen und konnte nicht nur Fensterglas zersingen; er trieb ordinäre Spiele oder niederträchtige, die Welt langweilte ihn und sein Ziel war das Irrenhaus ‒ der winzige Trommler hatte die Lebenskraft des Ulenspiegel und seine Vagantennatur: ‒ Fliegen, sich vom Urschlamm lösen, konnte und wollte er nicht. Unsterblichkeit langweilt ihn, wie alles ihn gelangweilt hat.

Charles de Coster, der seines Ulenspiegel Geschick im blutigen Freiheitskampf Flanderns gelassen erzählt, war in der Menschengeschichte, dem Ort der Tugenden und der Laster und beider ewigen Widerstreits, in Gelassenheit zu Hause. Günter Grass, der die Menschengeschichte besser kennt (und begreift) als die meisten seiner schreibenden Zeitgenossen sie kennen, will weder Tugenden, noch Laster, noch Streit. Seine Romane gleichen breiten, langsam strömenden Tieflandflüssen; ihre Fluten sind trübe, beladen mit Obszönitäten, den Trümmern jeglicher Tabus; sie münden dort, wo jenseits aller Geschichte die Sümpfe der Zeitlosigkeit beginnen. In diesen Romanen vollzieht sich die Befreiung des Menschen von sich selbst.

Es ist kein Zufall, daß Günter Grass und der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt befreundet sind ‒ seit langem. Sie haben dasselbe Ziel. Das dichterische Werk Grass´ ist kaum etwas anderes, als die Übertragung Brandtschen Wollens und Wirkens in Literatur. Was Wunder, wenn die Übertragung lapidarer erscheint, als das „Original“.

Willy Brandt ist sentimental und „badet gerne lau“. Grass ist nüchtern und, was er schreibt, ist gänzlich ungewaschen. Brandt, wenn er ungenauen Träumereien ungenauen Ausdruck gibt, schwafelt immer ‒ und oft schauerlich. Grass, wenn er bei seinem eigentlichen Thema ist, träumt nicht, drückt sich selber aus und schwafelt nie. Brandt schwärmt rosenschnäuzig von rosenumbuschten Paradiesen und nennt das „politische Zukunftssicherung“. Grass hat mit Zukunft so wenig im Sinn wie mit jeder anderen geschichtlichen Kategorie: er holt die Utopien sozialistischen und liberalen Sektierertums kraftvoll auf die Erde herunter und gibt ihnen hier und heute die einzig mögliche, weil einzig „machbare“ Gestalt.

Nein, auch Günter Grass ist kein Mann der Politik, die ja immer auch etwas mit Geschichte zu tun hat. Seine Uneignung dafür erweist sich überall, wo er Wahlreden gehalten, Aufrufe und Gedichte politischen Inhalts geschrieben hat: er schwafelt dann ebenso steinerweichend wie sein Freund Brandt. Die Demokratie, die beide besingen, ist nicht von dieser Welt. Und auch jene „Romane“, mit denen Günter Grass tagespolitische oder -gesellschaftliche Problematik zu fassen versuchte ‒ das Schneckentagebuch und die Zahnarztgeschichte ‒ sind geradezu jämmerlich schwach, gemessen an dem, was er zu leisten imstande ist, wendet er sich seinem eigentlichen Thema zu. Und dieses Thema heißt nicht „Danzig“ und nicht „Kaschubei“, was immer, die das behaupten, sich dabei denken mögen. Grass´ Ziel und Thema ist die Vertreibung der Geschichte aus der geschaffenen Welt.

Schon in den beiden ersten Romanwerken, Blechtrommel und Hundejahre ist das deutlich zu erkennen: steht doch dort schon, was die Menschheit Jahrtausende lang für Werte erachtete, als Scheuchen im unterirdischen Bergwerksstollen herum. Jetzt im Butt ist Grass gleichsam angekommen. Der Strom der Zeit hat aufgehört zu fließen; Stille liegt über dem sich endlos breitenden Sumpf, der einmal Weltgeschichte hieß ‒ Stille, die in den Geräuschen ewigen Fressens, ewigen Verdauens wohnt: Schmatzen, Rülpsen, Fauchen, Blasen, leises Glucksen in den Därmen, wo der Rest schwerer Mahlzeiten langsam und behaglich dem Ausgang entgegendrängt.

Mag Brandt noch von irgendwelchem geistigen Überbau träumen ‒ Alberich Grass hat längst Gleichheit geschaffen, hat die Götter entthront, die Weltesche umgehauen und ihren Stamm als Sitzgelegenheit quer über eine riesige Latrinengrube gewuchtet. Die Menschheit ist eingeladen, darauf Platz zu nehmen. Auf Latrinen gibt es keinen Streit. Und in kalten Wintern? Auch Fäkalien wärmen ‒ spricht der Magier Grass.

Es lohnt nicht, den Schmutz zu erwähnen, der in Grass´ epischen Flüssen mehr kreiselt als treibt. Es lohnt dagegen, zu betrachten, was darin hin und wieder auftaucht und wie Trauer aussieht, wie Einsicht in die Vergeblichkeit allen, auch des großen Magiers eigenen Tuns. Das dürfte kaum nur optische Täuschung sein. Linke Kritiker haben es ebenfalls bemerkt; sie schreiben ärgerlich von einem nachlassen Grass´scher Gestaltungskraft. Grass denunziere insbesondere das Emanzipationsbedürfnis der Frau, hier und da und dort, vor allem in jenem ‒ hervorragend geschriebenen! ‒ Kapitel über einen lesbischen Vatertag. Hier gibt, ein einzigesmal, Grass Sinn für Tragik zu erkennen; es ist nur natürlich, daß dies seine eigenen Mitstreiter in den Harnisch bringt.

Grass, so scheint es, wird von der düsteren Ahnung geplagt, es möchte sich die Menschheit eines Tages von der ihr mit soviel Kraft gezimmerten Latrinenstange wieder erheben wollen. Und es möchte damit alles wieder in Bewegung kommen.

Diese Sorge dürfte berechtigt sein.

In seinen Büchern findet sich weder Bölls klassenkämpferische Aggressivität noch des Günter Grass gleichmütige Verachtung für jede Form. Siegfried Lenz stammt aus Lyck/Ostpreußen, wo früher das Dragonerregiment von Wedel (pommersches) Nr. 11 gestanden hat; ich weiß nicht, ob einer oder mehrere der Vorfahren Lenz“ zum Unteroffizierskorps dieses Regiments gehört haben, aber in seinen Büchern sieht es so aus, wie in der Wohnstube eines etatsmäßigen Dragonerwachtmeisters, wenn die Frau Wachtmeister soeben aufgeräumt hat: Die Sofakissen sitzen stramm mit starren Halsohren, die Blätter des Gummibaums glänzen wie polierte Pferdehintern und selbst die Stubenfliegen am Fenster marschieren im Gleichschritt nebeneinander her.

Zweifellos hat der Schriftsteller Siegfried Lenz etwas unübersehbar Militärisches; er zeigt Sinn für Zucht, Ordnung, Dienstplan, Disziplin und Pflichtgefühl und beweist das auch und ganz besonders dann, wenn er, gehorsam den Befehlen des Zeitgeistes, Zucht, Ordnung, Dienstplan, Disziplin und Pflichtgefühl als schädlich zu verwerfen hat. Auf diese Weise hat Lenz eine vollkommen ordnungsgemäße Karriere hinter sich gebracht: er ist des linken Zeitgeistes gehorsamster Soldat.

Früher, als das noch üblich und angebracht war, hat Lenz jahrelang „wie Hemingway“ geschrieben, und, als es Zeit dazu wurde, hat er in einem langen Artikel allem Volke bekannt gemacht, daß und warum er nun nicht mehr wie Hemingway schreiben wolle. Der Artikel stand in Bischof Liljes Sonntagsblatt. Ich habe ihn dort gelesen, im Jahre 1961, glaube ich, habe aber leider die Gründe vergessen, die er damals für seinen Stil-, nein, Schriftwechsel, angegeben hat. Jedenfalls schreibt er seither wie Siegfried Lenz, und das ist seinen Büchern keineswegs schlecht bekommen, denn es zeigte sich, daß er nicht nur diszipliniert sondern auch schön schreiben kann. Ja, in seinem besten Buch, der Deutschstunde schreibt er über weite Strecken weg so schön, wie Turgenjew im vergangenen Jahrhundert schön geschrieben hat.

Mit Turgenjew hat Lenz übrigens noch etwas gemein ‒ überraschenderweise vielleicht, denn Turgenjew seinerseits war alles andere als ein Soldat, dafür aber war er so etwas wie ein literarischer Skarabäus seiner Zeit.

Der Skarabäus ist ein majestätisch aussehender Käfer, der seine Vormittage damit verbringt, emsig umherzulaufen, und nach Kuhfladen zu suchen. Hat er einen gefunden, so ist er für den Rest des Tages damit beschäftigt, das unansehnliche, pfannkuchenähnliche Etwas in wohlgeformte Kügelchen umzuarbeiten. Die alten Ägypter haben den Skarabäus heilig gesprochen; sollte dies als Lohn für Findigkeit und künstlerischen Eifer geschehen sein, so hätten Turgenjew und Lenz in Ägypten die besten Aussichten gehabt, in den Götterhimmel erhoben zu werden und heute im Britischen Museum zu stehen: Kaum ließ (kaum läßt) die große Himmelskuh, grasend und wiederkäuend auf der grünen Wiese der Zeit, hinterwärts etwas fallen, und es lag (liegt) dort, grünbraun, platt und Zeitproblem geheißen, schon war (schon ist) Turgenjew (Lenz) zur Stelle, das neue Problem in einen wunderschönen, gleichsam kugelrunden Roman zu verwandeln.

Belinsky, Dostojewski und noch einige andere Zeitgenossen Turgenjews hätten vermutlich nichts dagegen einzuwenden gehabt, ihn als getrockneten Nilschlamm im Britischen Museum zu wissen. Was Siegfried Lenz betrifft, so täte mir persönlich das doch leid, denn einiges von ihm habe ich mit Bewunderung (den eigentlichen Romankern der Deutschstunde), anderes mit Vergnügen gelesen: die ostpreußischen Geschichten in So zärtlich war Suleyken. Doch muß man auch bei diesen Geschichten bedenken, daß und wie sie pünktlich kamen: unmittelbar nachdem zu Anfang der fünfziger Jahre von Bonn die Botschaft ausgegangen war, die Vertriebenen sollten von nun an ihrer Heimat in Freude und Frohsinn gedenken, weil Trauer erstens politisch falsch ausgelegt werden könne und zweitens einer fröhlichen Eingliederung hinderlich sei.

Vor allem aber der Linke Zeitgeist müßte es ganz außerordentlich bedauern, Lenz nicht zur Verfügung zu haben. Besonders dort, wo es sich um ein Publikum handelt, das sich von Bölls wütendem Weihrauchschnauben irritiert und von den Schlammfluten Grass´scher Epik schlichtweg angewidert fühlt ‒ vor solchem Publikum ist Siegfried Lenz gedachten Geistes schlechthin unentbehrlicher Prophet. Er ist nicht nur ein bürgerlicher Schriftsteller wie Heinrich Böll; anders als Böll, der sich gern einen Plebejer nennt und am liebsten für Plebejer schriebe, würden die nur seine Bücher kaufen, schreibt Lenz gern für ein bürgerliches Publikum und seine Mitwirkung am linken Werke findet im Rahmen bürgerlicher Wohlanständigkeit statt. Schon die Kraftausdrücke des Analbereichs, inzwischen Zierde jeden Feuilletons, kommen in Lenz“ Erzählungen und Romanen nur höchst selten, Ordinär-Sexuelles kommt so gut wie überhaupt nicht vor. Ja, der Prosa dieses Schriftstellers ist ein starker innerer Konservatismus anzumerken ‒ anzuhören: Konservatismus bestimmt die Sprache, nicht etwa nur die Erzählformen und die Konstruktionen, derer Lenz sich bedient. Doch kann dies eben nur in den Augen seiner Leser ein Vorzug sein. Für den Gegenwartsschriftsteller Siegfried Lenz, der, wenn er die Leser überhaupt erreichen will, zunächst mal die Reaktionen junger Linker in den großen Feuilletons zu bedenken hat, bedeutet das, ein schweres Manko ausgleichen zu müssen. Und darum ist er denn ja auch schweißtreibend bemüht ‒ Grund dafür, daß seine schöngeschriebenen Romane und Erzählungen, gleich ob sie von Feuerschiffen, Deutschstunden oder Vorbildern handeln, die vollkommene Kugelform der Werke Turgenjews eben doch nicht erreichen; ja, zuweilen noch etwas von der natürlichen Plattheit ihrer Urmaterie an sich zu haben. Lenz zeigt sich in seinen Büchern nicht nur auf der Höhe seiner Zeit ‒ er steht immer noch ein bißchen höher, gibt sich überall noch etwas radikaler als halt schon unbedingt erforderlich.

So hat er für das 1972 erschienene Vorbild, jenen Roman, in den er zeitgerecht das „Neue-Lesebücher-Problem“ eingearbeitet hatte, seinen Zettelkasten derart gründlich ausgeplündert, daß man das Buch ohne weiteres als Nachschlagewerk für Themen und Vokabular des damals rotierenden groben Unfugs verwenden kann: keine Frage wird da offen bleiben. Und darunter leidet die Qualität des Erzählens dermaßen, daß Lenz überm Feuereifer, ja zeitgemäß zu erscheinen, nicht einmal die Atmosphäre eines Hamburger Spätherbsttages zuwege bringt. Von lebendigen, die Handlung tragenden Menschen ganz abgesehen: es gibt ein paar auf zwei Beinen herumlaufende Sprachrohre für Lenzsche Thesen, an denen dies oder jenes exemplifiziert wird ‒ Menschen gibt es nicht.

Menschen gabs dagegen in der Deutschstunde und was für welche! In diesem Buch hat Siegfried Lenz eine großartige Geschichte erzählt und dabei Figuren erfunden, die alle so handelten, wie Menschen in Zeiten der Not und der Gewalt zu handeln pflegen ‒ unter Schmerzen oft und sehr oft gegen den eigenen Willen. Freilich muß ich zugeben: ich hätte beim Lesen dieser Geschichte gewißlich nicht bemerkt, daß Lenz den Maler, den Gendarmen und des Gendarmen Sohn, nur erfunden hatte, um den Begriff der Pflicht zu diffamieren und ihn für immer über Bord zu werfen.

Lenz selbst muß irgendwann gemerkt haben, daß der Leser das nicht bemerken konnte, und darum hat er dem rundherum fertigen Roman eine unsäglich läppische Rahmenerzählung hinzuerfunden. Sie war nötig ‒ den Schriftsteller vor den linken Feuilletons zu rechtfertigen.

Siegfried Lenz ist ein begabter Schriftsteller und ein vorsichtiger Mann. Er bellt niemals unter Bäumen, auf denen Leoparden sitzen ‒ könnten.

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Die deutsche Troika
Untertitel: Böll ‒ Grass ‒  Lenz
Erstveröffentlichung in: Criticón (7) Nr. 43, Sept./Okt. 1977, S. 221-225
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016072
URL: https://scholien.wordpress.com/2016072-2/
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