Hans Lipinsky-Gottersdorf: Auf Kosten des Gewissens

Die Revolution“, das ist, in den Augen des typischen Gegenwarts-, also Linksintellektuellen, eine hehre und erhabene Abfolge teils über-, teils rührend-menschlicher (Katharina Blum!) Taten, die zu vollbringen und vollbringen zu müssen, er sich gern und mit großen Buchstaben zugute schreibt. Von diesem Stellvertreter der Humanitas auf Erden darüber hinaus schriftliche Einsichten in die historische und psychologische Wahrheit von Revolution und Revolutionären zu erwarten, wäre allerdings grundverkehrt: Er hat besseres zu tun, als sich mit dergleichen ‒ um mit seinen Worten zu reden ‒ „bürgerlichem Scheiß“ abzugeben: etwa kraftvolle Eselstritte an die ihn fördernden Kapitalisten auszuteilen. Trotzdem braucht, wem das als literarische Leistung und als Auskunft über gewisse unabweislich sich einstellende Fragen nicht ganz ausreichend erscheinen will, sich nicht im Stich gelassen zu fühlen. Wie ja überhaupt die großen Gegenwartsromane offensichtlich von gestrigen und vorgestrigen Verfassern geschrieben worden sind, so auch die zum Thema Revolution. Was also Bölls fortschrittliche Müllmänner, Großmütter und Stubenmädchen bei all ihrer muffigen Raserei diskret verschweigen ‒ vor anderen der kleine Herr Schigalew aus Dostojewskis Dämonen rückt kühl und nüchtern damit heraus.

Daß auch Joseph Conrad (Nałecz Korzeniowski), polnischer Aristokrat und, neben Melville, bedeutendster englisch schreibender Dichter der See, kompetente Auskunft zu geben hatte, beweist sein hier zur Rede stehender Roman, in dem ein friedlicher alter Lehrer der französischen Sprache Mit den Augen des Westens (Frankfurt: S. Fischer 1967) Einblick in den vorrevolutionären Untergrund des zaristischen Rußland nimmt. Ein Student namens Razumow, von durchschnittlicher Intelligenz und durchschnittlicher Moral, wird von flüchtigen Bekannten gegen seinen Willen in die Vorbereitung und Ausführung eines anarcho-revolutionären Attentats einbezogen; ein von ihm nicht zu verantwortender Ablauf der Geschehnisse macht ihn gegen seinen Willen zum Verräter: der Attentäter fällt in die Hände der Ochrana und wird hingerichtet; Razumow selbst wird zum Spitzeldienst für die zaristische Geheimpolizei gezwungen; man schickt ihn gegen seinen Willen ins revolutionäre Hauptquartier in die Schweiz, wo er physisch zugrunde gerichtet wird, nachdem er mit vollem Bewußtsein die eigentlich revolutionäre Wahrheit in sich aufgenommen und zu Ende formuliert hat: „In dieser unserer Welt kann nichts geändert werden ‒ weder Glück noch Elend. Beides kann nur seinen Ort verändern, und zwar auf Kosten der Gewissen, die dabei verdorben, und der Leben, die dabei zerstört werden ‒ ein nutzloses Spiel für anmaßende Philosophen und blutdürstige Müßiggänger.“

Conrad hat dem unglücklichen Razumow hier zweifellos die eigene Überzeugung in den Mund gelegt: schließlich hat er sich oft und eindeutig genug zu der Überzeugung bekannt, daß alle Menschenwelt auf ein paar sehr einfache und nicht relativierbare Festen gegründet sei: Treue, Ehre, Stolz und Pflichtbewußtsein. So liest sich sein Buch denn auch wie ein, freilich meisterlich erzählter, Kriminalroman; es ist ein Kriminalroman, sein Inhalt die Abfolge keineswegs hehrer und erhabener, sondern abscheulicher und amoralischer Taten wider alles Leben und jegliche Menschlichkeit ‒ um eines vorgedachten aseptischen Menschenbildes willen: Zeugnisse also bestenfalls eines ungeheuerlichen Selbstbetrugs. Joseph Conrad hat fast ausschließlich Russen agieren lassen, die er, der Pole, von Herzen nicht ausstehen konnte: ohne daß ihm darum freilich seine Gestalten zu Karikaturen des Hasses geraten wären. Im Gegenteil, sie alle, die erprobte und vertrauenswürdige Sophia Antonowa; der große Rhetoriker und Feminist Peter Iwanowitsch; die fanatische Hasserin aller Ministerien und Finanzämter, still, bläßlich und namenslos; mancher andere noch: Lemuren des Untergrundes aus eigenem Willen, sind sie auf verblüffende Weise lebensecht, und es fiele nicht schwer, ihre Namen auszutauschen: Meinhof, Ensslin, Baader, und vergäßen wir darüber nicht die anderen: die Brückner und die Mitscherlich …

Wobei freilich sofort auch der allgemeine Substanzverlust sichtbar würde: es ergäbe sich dann nicht viel mehr als ein, freilich gemein- und lebensgefährliches Rüpelspiel. Joseph Conrad hatte die Katastrophe des Humanen selbst im Sinn.

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Auf Kosten des Gewissens
Untertitel: Besprechung von Joseph  Conrad: Mit den Augen des Westens, Ffm: Fischer 1967
Erstveröffentlichung in: Criticón (5) Nr. 31, Sept./Okt. 1975, S. 229f
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016073
URL: https://scholien.wordpress.com/2016073-2/
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