Hans Lipinksy-Gottersdorf: Grenzen

Über die Fremdheit und ihre Würde

Ich bin in einem Grenzland geboren, in einem anderen Grenzland aufgewachsen; die entscheidenden Jahre meiner Jungenzeit habe ich unweit eines kleinen oberschlesischen Flusses verbracht, an dessen nordöstlichem Ufer mit einem flachen, kahlen Abhang die Reiche der slawischen Völker begannen. Niemals und nirgendwo aber habe ich etwas gesehen, was so sehr dem Wesen jeglicher Grenze zwischen Menschen und Völkern entsprach, wie die schlichte Fotographie, die ich vor Jahrzehnten in einem grünen Leinenbändchen fand: zwei Burgen, vor Jahrhunderten weit oben im Nordosten an den Ufern der Narwa errichtet: hochgebaut, mit schwingenden Bögen die deutsche Hermannsfeste; breit, finster und gewaltig hingelagert der russische Iwangorod. Alles Kriegerische, gleichsam als wäre es niemals wichtig gewesen, ist längst von ihnen abgefallen ‒ so schauen sie sich über das schwarze Wasser des Flusses hinweg in ernstem Schweigen an: dazu geschaffen, einander für die irdische Ewigkeit zugleich brüderlich und Fremde zu sein.

Ich werde nicht aufhören, dafür dankbar zu sein, daß ich schon in meiner Kindheit die Wahrheit der Grenzen erfahren habe.

Inzwischen ist es modern geworden, Grenzen insgesamt und schlechthin für überflüssige, ja, unsinnige, darum abschaffungswürdige Einrichtungen finsterer Vergangenheit zu halten: der Zug ins Allumfassende ist der Zug der Zeit.

Ich weiß das spätestens seit Egon H. Rakette mir vor drei oder vier Jahren mitteilte, daß er mit der Herausgabe eines Bandes Grenzüberschreitungen beschäftigt sei. Rakette ist ein Schriftsteller von schlesischer Herkunft, stupendem Fleiß und oft bewährter, rapider Anpassungsfähigkeit: wo er steht, da weht der Wind der Zeit; wo er geht, da hat er ihn im Rücken. Er forderte mich damals auf, einen geeigneten Beitrag zum Thema zu liefern; ich habe aus einer Reihe von Gründen abgesagt und auf eine ausführliche Erläuterung meines Standpunkts verzichtet: der Wind, immerhin, hätte um ein Geringes drehen können und Rakettes geplantes Buch schon eine andere Zielrichtung bekommen haben, bevor mir noch die Tinte auf dem Papier getrocknet war.

Der Wind, man weiß es, hat sich nicht gedreht. Im Gegenteil: soeben habe ich mit Interesse gelesen, daß nun auch Georg Hermanowski an den angeblich allem Menschenwesen feindlichen Grenzen zu rütteln beginnt.

Hermanowski ist Ostpreuße und hat auch sonst, vom Fleiß mal abgesehen, wenig mit Rakette gemein. Sein Prätorianerkopf sieht nicht bloß so aus; es würde mich nicht überraschen, zu erfahren, daß er schon als Dreijähriger seine Mutter mit festgegründeten, in wuchtigen Satzgebilden vorgetragenen Meinungen zu Kopernikus, Allenstein und der irenischen Satire verblüffte. Mit derselben Entschiedenheit hat er jetzt in einem Gedenkartikel zu dessen 10. Todestag Johannes Bobrowski zum dichtenden Zeugen für ein deutsch-polnisch-litauisches Einheits-Menschentum stilisiert. Die Quintessenz Bobrowskischen Denkens ‒ frei nach Hermanowski dahergesprochen, hört sie sich ungefähr folgendermaßen an: Zum Teufel mit allen Grenzen! Ein großes DU, ihr Menschenbrüder, und her mit eurer Hand!

Vermutlich hält mein Freund Hermanowski, den ich trotz seines kriegerischen Hauptes für einen friedfertigen Menschen halte, seine Interpretation Bobrowskis für einen Beitrag zur Verständigungspolitik. Was die Polen und Litauer dazu sagen werden, hängt davon ab, wie sie gerade gelaunt sind: in Punkte Eigenständigkeit sind sie bekanntlich etwas eigen. Ob Bobrowski selbst seinem posthumen Laudator beipflichten würde, muß eine offene Frage bleiben. Er war immerhin slawischer Abkunft.

Aber generationenlanges Dasein unter preußischer Ordnung hatte die Seinen geprägt und umgeprägt (wie vordem die Ordnungen der Adelsrepublik unzählige deutsche Familien umgeprägt haben); hatte sie zu Teilhabern preußischer Geschichte, also zu Preußen gemacht (wie vordem jene Deutschen zu Teilhabern polnischer Geschichte, also zu Polen geworden sind). Und der Nachfahr autochthoner Slawengeschlechter, der sich als Lyriker und Erzähler so meisterlich der deutschen Sprache zu bedienen wußte, war damit ganz und gar zum Deutschen geworden ‒ wie Joseph Conrad zum Engländer wurde, als er englisch zu schreiben begann. Bobrowskis vorzügliche Romane sind also nicht litauisch-deutsch-polnische ‒ was immer Hermanowski sich Eigentümliches darunter vorstellen mag ‒, sie sind durch und durch deutsche Romane, in denen Polen, Litauer, Deutsche, mit ihnen dreier Völker Mythen erdichtetes Leben gewinnen.

Darum: selbst wenn Bobrowski die ihm von seinem Landsmann unterlegten Absichten gehabt haben sollte ‒ sie müßten ihm gründlich mißlungen sein, denn seine Bücher enthalten nichts davon. Dafür aber enthalten sie etwas Anderes: der Dichter Bobrowski hat den Grenzen seine Reverenz erwiesen, er hat den Fremden die Würde ihrer Fremdheit belassen, ja ausdrücklich zuerkannt. Und dies ist der einzig mögliche Beginn ehrlich gemeinter Verständigung, die damit, soll die Ehrlichkeit erhalten bleiben, nicht selten auch schon die Grenze ihrer Möglichkeiten erreicht haben wird.

Dies auch zu begreifen ‒ dem Zeitgeist ideologischer oder schwärmerischer Gleichmacherei fällt es freilich schwer. Er wird es begreifen müssen, wenn anders er nicht jeglichen Anspruch darauf verlieren will, Repräsentant von Menschlichkeit zu sein.

Das große DU über Grenzen hinweg ist ohnehin nur selten angebracht: insbesondere sollte darauf verzichten, wer sich um deutsch-polnische Verständigung bemüht. Es mag noch ein oder zwei Menschenleben dauern, bis wieder Unbefangenheit im alltäglichen Umgang zwischen Angehörigen dieser beiden Völker möglich geworden ist. Am besten wissen das, die dort geblieben sind.

Sie leben in der alten Heimat als versprengte Einzelne, kleine Gruppen oder ‒ in Teilen Oberschlesiens ‒ als immer noch leidlich geschlossene Bevölkerungsschicht. Schätzungen nach sollen es gegen zweihundertfünfzig-, vielleicht sogar dreihunderttausend von ihnen sein, die sich wünschen, in die Bundesrepublik Deutschland umsiedeln zu dürfen: Techniker, Ärzte, Arbeiter, Bauern, ja, auch Bauern, sogar Bauern ‒ sie alle, Ältere und Nachgeborene, wollen fort und sie wollen es mit Entschiedenheit.

Weil sie materielle Not leiden müßten? Das trifft, im Verhältnis zu ihrer Umgebung, nur für wenige zu, nicht für die Arbeitsfähigen, Arbeitsamen, ganz gewiß nicht für die Bauern, die auf eigenen Höfen sitzen und es eben unter den gegebenen Bedingungen zu oft sehr beachtlichem Wohlstand gebracht haben. Und sicherlich wissen die meisten von ihnen, was im Westen auf sie wartet: eine krisengeschüttelte fremde Welt, in die sich einzuleben für sie, erst recht aber für ihre Kinder, keineswegs einfach sein wird. Und doch stellen sie ihre Ausreiseanträge und fahren fort, sie zu stellen, wohl wissend, daß die Reaktion der polnischen Behörden im Regelfall höchst unfreundlich ist; daß die bloße Abgabe des Antrags den sofortigen Verlust des Arbeitsplatzes zur Folge haben kann, ohne daß damit die Erlaubnis zum Verlassen der Volksrepublik verbunden sein müßte. So aber handeln Menschen nur aus zwingender Notwendigkeit.

In der Tat: ob sie nun wollen oder nicht (und manche von ihnen, zweisprachige Oberschlesier vor allem, die von der nationalsozialistischen Volkstumspolitik selbst jahrelang erniedrigt und beleidigt worden sind, wollten es ursprünglich wohl nicht), sie alle leben unter den neuen Nachbarn als haftende Erben verlorener deutscher Ostgeschichte, einer Geschichte, deren vielhundertjähriger wechselvoller Verlauf sich für die Polen gegenwärtig so gut wie ausschließlich in der zum „Museum“ erhobenen Schädelstätte von Auschwitz symbolisiert. Und wenn es sicherlich nicht besonders anstrengend ist, eine halbe Minute auf den Knien zu liegen, vor allem dann nicht, wenn man weiß, daß dies der eigenen Erhöhung dienen wird: es ist unmöglich ein ganzes Leben auf den Knien zu verbringen, ohne Schaden an Leib und Seele zu nehmen ‒ unmöglich vor allem dann, wenn dies als selbstverständliche Proskynese abverlangt wird.

Vollständige Selbstaufgabe: die Grenze, die sie zu überschreiten wünschen, rettet sie davor.

Grenzen, solche des ideologischen Zwanges ausgenommen, machen die Welt nicht eng und muffig: sie machen sie weit und bunt.

Ich erinnere mich des Prosnaflusses, der schwarz und sumpfig riechend durch seine Wiesen floß. Ich erinnere mich der weißen Holzbrücke, die hinüberführte in ein anderes Land. Einmal stand ich dort und sah den kahlen, sandigen Abhang an, den Anfang der Unendlichkeit. Es war Sommer, ein heißer Wind wehte vom Osten, stürzte sich über die Höhe, auf der ein paar wilde Birnbäume wuchsen, und wühlte in meinem Haar; er brachte das Rauschen des Stillen Ozeans mit, der, selbst unendlich, jenseits der Unendlichkeit begann.

Damals habe ich zum erstenmal die Größe der Erde gesehen.

Nein, ich haben nichts gegen Grenzüberschreitungen einzuwenden, vorausgesetzt, der sich dazu aufmacht, hat zuvor die Grenze als das ernst genommen, was sie in Wahrheit ist: Zeichen dafür, daß wir alle, die Einzelnen und die Völker, dazu geschaffen sind, einander zugleich brüderlich und Fremde zu sein.

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Grenzen
Untertitel: Über die Fremdheit und ihre Würde
Erstveröffentlichung in: Criticón (5) Nr. 31, Sept./Okt. 1975, S. 231f
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016074
URL: https://scholien.wordpress.com/2016074-2/