Hans Lipinsky-Gottersdorf: Utopie und Wahrheit

Die verantwortlichen Führer der Sowjetunion, denen es normalerweise an Entschlossenheit und Fähigkeit zum raschen Handeln nicht mangelt, haben im Falle Solschenizyn lange, sehr lange auf ihre Entscheidung warten lassen. Seitdem diese Entscheidung da ist, beweist sie ungebrochene ideologische Härte, gepaart mit besonnenem politischen Kalkül. Alexander Issajewitsch Solschenizyn, unbeugsamer Rebell um der Wahrheit willen, ist seines Vaterlandes verwiesen worden. Er wurde in den Westen abgeschoben, in der durch einschlägige Erfahrungen gestützten Hoffnung, daß dort der Nachrichtenwert seiner Aussprüche und Kundgaben, der Marktwert seiner Bücher und damit ihre Wirksamkeit nach einer kurzen Zeit des Übergangs rapide absinken werde. Zugleich wurde ihm die Staatsbürgerschaft der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken schimpflich aberkannt. Seine systematische Aktivität, so hieß es in der offiziellen Verlautbarung von TASS, habe dem Lande Schaden zugefügt.

Hierzulande neigt man dazu, diese Behauptung mit mehr oder weniger großer Entschiedenheit in Frage zu stellen. Von Rechts bis zur Mitte hin hat man das Urteil eine Schmach und Schande genannt, während man von Halb- bis Ganzlinks offenbar für richtig hält, den Sowjets einen taktisch-politischen Fehler zu unterstellen. Auf der einen Seite heißt es, Alexander Solschenizyn sei ein fürchterliches Unrecht zugefügt worden, auf der anderen äußert man mehr oder weniger offen, seine Ankläger und Richter hätten den Mann und sein Werk weit überschätzt. Man hätte ihn in Ruhe lassen, seine Anklagen und Thesen öffentlich zur Diskussion stellen sollen ‒ dann hätten sie sich wahrscheinlich von selbst erledigt. Ich meine, daß weder die gröbliche Urteilsschelte noch die sanfte Kritik jenen Vorgängen gerecht werden, die ein unerhört tapferer Einzelner in vollem Bewußtsein dessen, was er tat und was er dabei aufs Spiel setzte, heraufbeschworen hat. „Systematische Aktivität zum Schaden des Landes“ ‒ das ist eine der schwerstwiegenden Anklagen, die allerschwerste vermutlich, die das Gesetz der Sowjetunion kennt. Auf sie steht normalerweise die Todesstrafe. Wurde die Anklage also zurecht erhoben?

Wenn man unter dem „geschädigten Lande“ nicht jenes Rußland, zu dem Solschenizyn sich bekennt, verstehen will, sondern den Staat der marxistisch-leninistischen Partei der Bolschewiki, die ‒ nach eigener und vieler anderer Auffassung im Namen eines humanen Fortschritts einer besseren, einer guten Welt ‒ die Revolution gemacht, bis zum Ende geführt und durch mehr als fünfzig Jahre fortentwickelt hat; wenn man das anerkennt, dann gibt es kaum noch eine Ursache, es besser wissen zu wollen als jene sachwaltenden Führungskader im Kreml, die die Anklage formuliert und das Urteil gesprochen haben. Sie handelten dabei getreu dem Gesetz, das zu verteidigen ihres Amtes ist, und dies Gesetz ist weder, noch will es das sein: liberal. Es ist darum bares Pharisäertum, sie dafür mit Schmach und Schande bedecken zu wollen. Und es scheint mir auch sehr begreiflich, daß sie die ihnen von ebenso ungebetenen wie ahnungslosen Ratgebern aus anarcho-liberaler westlicher Prominenz, denen an einem Zeichen beginnender Konvergenz gelegen sein mußte, übermittelten Vorschläge „friedlicher“ Lösung des Problems nicht einmal einer Antwort würdigten. Sie hatten alle Ursache zu der Befürchtung, daß die ihnen empfohlene öffentliche Diskussion des Falles Solschenizyn und seiner geschichtlichen und zeitgeschichtlichen Hintergründe sich als systemgefährdend erweisen könne.

Nein, es kann keinen Zweifel daran geben, daß Solschenizyn das macht- und sendungsbewußte politische Gebilde der Welt herausforderte, indem er die Axt seiner Wahrheit an die Wurzel utopischer Fortschrittsgläubigkeit gelegt hat. Wir wissen zum mindesten mit Gewißheit, daß er sein Urteil, offensichtlich mit Gelassenheit, erwartet hat. Und es sieht darum so aus, als wären seine sowjetischen Gegner mit ihrem Verhalten dem Alexander Solschenizyn, seinem strengen Ernst und Willen gerecht geworden, als hätten sie ihm mehr Ehre gegeben als jene unter uns im Westen, die ihn aus politischem Opportunismus oder um der Unangefochtenheit der eigenen Weltanschauung willen zu verharmlosen und ‒ aufs eigene Duodezformat hin ‒ zu verkleinern suchen.

Ich glaube freilich nicht, daß Solschenizyn diese seine große Herausforderung schon im Sinne hatte, als er in der menschlichen Wüstenei des Archipel GULag mit seiner unerbittlichen Wahrheitssuche begann. Er wollte wohl wirklich „nur“ die Wahrheit erfahren und sagen um der Toten und um der Leidenden willen, er trug Steinchen zu Steinchen, setzte zusammen, und was er schließlich in der Hand hielt, war so einfach wie folgenschwer und gefahrenträchtig ‒ für ihn selbst und für das Selbstbewußtsein der großmächtigen Sowjetunion, deren imponierender Bau auf den Pfeilern eines utopischen Glaubens gegründet ist. Es war nicht allein seine gewonnene Gewißheit, daß die Vergangenheit nicht so schwarz in schwarz, die Gegenwart nicht die in rosiges Hoffnungslicht getauchte Arbeitsstätte und die Zukunft nicht jenes Paradies lauter endlich zum Guten gezwungenen Menschen sein könne, als die jener Glaube sie haben will. Es war vielmehr die Einsicht in die Tatsache, daß sich mit dem revolutionären Rußland von allem Anfang an die uralte und ungeheuerliche Menschheitstragödie begeben hat, die sich aus dem Zusammenspiel der Menschlichkeiten von Mut, Verrat, Glauben, Treulosigkeit, Schwäche, Brutalität und Zartheit zusammenzusetzen pflegt. Diese Einsicht, die ihm gekommen sein mag, als er seinen Blick vom finsteren Stalin fort und der leuchtenden Gestalt des Propheten Lenin zuwandte und auf den Leichenhaufen um ihn herum die dunkle Wahrheit erblickte, die Schuld und Tragik heißt und von der keine Theorie der Welt den Einzelnen zu erlösen imstande ist. Die Utopie aber erträgt die Gegenwart von Schuld und Tragik nicht, sie muß sie leugnen und ihre Verkünder verfolgen, um des eigenen Überlebens willen.

Das alles hat Solschenizyn den Mächtigen seines Landes ins Gesicht gesagt, er hat es aufgeschrieben, damit jeder seiner Leser es nachprüfen und begreifen könne.

Hat er es wirklich aufgeschrieben? Man gibt sich jedenfalls die größte Mühe, es ihm zu bestreiten, und zwar hierzulande. Man meinte wegwerfend, er habe nichts zu sagen gehabt, was man nicht schon längst gewußt habe. Man nannte ihn einen unpolitischen Naivling und gelegentlich ‒ seltsamerweise im selben Atemzug ‒ einen „Mystiker“, einen östlichen Mystiker selbstverständlich, von jener Art, wie sie den Sachverständigen Turgenjew und Mereschkowski zufolge dem Denken des Westens ein für allemal unverständlich bleiben müsse: eine sehr bequeme Weise, sich dem entnervenden Anspruch dieses Mannes zu entziehen.

Ich selbst habe bei der Lektüre von Solschenizyns Büchern einschließlich seines vorerst letzten weder unangebrachte Naivität noch dunkle Mystik entdecken können. Russische Seele? Warum nicht ‒ doch gebe ich zu bedenken, daß die Maßlosigkeit dieser Seele ‒ anders als, etwa, die der Deutschen ‒ in Gefühl und Temperament zu Hause ist. Gedacht wurde und wird in ihrem Bereich gemeinhin mit bewunderungswürdiger Schärfe und Klarheit; und das gilt ausdrücklich auch für Solschenizyn und sein Werk. So bleibt als kaum verstehbar bei ihm lediglich seine Tapferkeit, kaum verstehbar insbesondere dann, wenn man die Maßstäbe jener westlichen Intellektuellen an sein Handeln legt, die sich gegenseitig gern unerhörte Kühnheit zu bescheinigen pflegen, wenn sie wieder einmal ein paar Klosett- und Schlafzimmertüren in den Wohnungen eines tief verängstigten Bürgertums eingeschlagen haben; wo sich ein Henry Nannen, aus Anlaß seines 60. Geburtstags, von seinem offenbar an schwerer Senilität leidenden Verleger als Held des Säkulums feiern läßt, weil es seinem jahrelangen Bemühen gelang, ein paar Vulgärausdrücke aus dem Sexualleben und Analbereich, die man früher aus Gründen freundlichen Taktes und gegenseitiger Rücksichtnahme an der Garderobe abzugeben pflegte, nun endlich Gesellschaftsfähigkeit zu verschaffen und damit vermutlich einem dringenden Bedürfnis besagten Verlegers abzuhelfen.

Ein anderer dieser angeblichen Sprecher bundesrepublikanischer Provenienz, Rudolf Augstein, Autodidakt in Sachen der preußischen Geschichte, der Theologie und wie er jetzt zu erkennen gibt ‒ auch des Marxismus, hält Alexander Solschenizyn mit erhobenem Zeigefinger Oberflächlichkeiten vor; er habe sich nicht genügend mit der Theorie des Leninismus auseinandergesetzt und sei statt dessen „mit pietistischen Tönen“ dahergekommen. Zorn und Entsetzen, Scham, Mitleid, Trauer um die Toten ‒ das sollen pietistische Töne sein? Nun, mag er’s damit halten, wie er will, als Über- und Renaissancemensch, dessen Denken gelassen über Leichenhaufen und Lagerzäune schreitet; als ihn Strauss damals für ein paar Tage verhaften ließ, hat man ihn eher bläßlich, verschüchtert und betreten in Erinnerung.

Hier ist lediglich zu bemerken, daß die Kenntnisse gewisser innermarxistischer Schwierigkeiten, die Augstein in seinem Aufsatz vorzuzeigen hat, zwar, wie auch die auf den übrigen Feldern seiner geisteswissenschaftlichen Tätigkeit, wenn schon nicht ausreichend, so doch immerhin lobenswert genannt werden können. Indessen hat der Spiegel-Herausgeber in verständlicher Begeisterung über das fleißig Gelernte etwas vergessen. Es ist ausgeschlossen ‒ und das hat, wie man sieht, auch etwas Gutes ‒, daß in der riesigen Sowjetunion irgendein denkendes Wesen existiert, das nicht täglich und stündlich mit jedweder Theorie des in diesem Staat praktizierten Marxismus und vor allem des Leninismus sich auseinanderzusetzen striktens gehalten und genötigt sieht: von der, um ihr vergleichsweise behagliches Dasein bangende, Privatkuh der Kolchosebäuerin Akulka Afanassjewna Malochowa bis zum hochdekorierten Astronauten-Polkownik, der in seiner Kapsel sehr darauf zu achten hat, daß er nicht Gott noch irgendwelche Engel, sondern nur Materie, Materie und nochmals Materie ins Blickfeld bekommt.

Der Verfasser des Archipels bedarf mithin der Belehrung durch Rudolf Augstein ebensowenig wie jene Leser Solschenizyns, für die er vor allem geschrieben hat, die Leser in der Sowjetunion. Ihnen brauchte er nicht erst kapitellange Theoriekritik zu servieren, damit sie das begreifen können, was er ihnen sagen will: selbsterfahrene und erlittene Wahrheit hinter aller Theorie. Fraglos: sie würden begreifen, gäbe man ihnen nur Gelegenheit dazu, wie auch ein anderer, in Fragen des Marxismus-Leninismus sehr viel kompetenterer Geist als Augstein es ist, begriffen hat: Manés Sperber.

Wer Entspannung wirklich will, der wird seinen Partner als das nehmen müssen, was er in Wahrheit ist, und unser riesenhafter Nachbar im Osten wird voraussichtlich noch viele Generationen hindurch zugleich gewappnet und gefangen sein mit und in seinem titanenhaften Traum vom Glück und der Gleichheit für alle, einem Traum, für den schon Hekatomben geopfert worden sind und der auch weiterhin Opfer fordern kann.

Der Fall Solschenizyn lehrt es jeden, der es lernen will.

Autor: Hans Lipinsky-Gottersdorf
Titel: Utopie und Wahrheit
Untertitel: Alexander Solschenizyn
Erstveröffentlichung in: Mitteilungsblatt der evangelischen Gemeinde deutscher Sprache in Schottland (23) Nr. 231, April/Mai 1974, S. 2-5
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016074
URL: https://scholien.wordpress.com/2016074-2/