Vorwort des Herausgebers

Der Schweizer Literaturwissenschaftler und -kritiker Emil Staiger hat ihm einst bescheinigt, den „prachtvollen Gegenbeweis gegen den immer wieder proklamierten Tod des Romans´“ geliefert zu haben, August Scholtis sprach von dem „bedeutendsten Schlesier einer jüngeren Generation“, der den „wichtigsten Roman aus Schlesien seit dem Ende des Ersten Weltkrieges“ geschrieben habe, fast von Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn an fielen ihm Literaturpreise und Ehrengabe in Reihe zu, und dennoch: Hans Lipinsky-Gottersdorfs für die deutsche Literatur der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhundert so schmerzvollen Tod am 3. Oktober 1991 nahm weder die offizielle bundesdeutsche Presse-, noch die Kulturlandschaft zur Kenntnis. Man kann der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur und ihren Protagonisten einiges nachsagen, nicht jedoch, ihre Gesinnungs- und Gewissensherrschaft jemals leichtfertig gefährdet zu haben. Bei dem Standort, den Hans Lipinsky-Gottersdorf mit absoluter Konsequenz zeitlebens lautstark eingenommen hat, ist darum die völlige Ignoranz auf der Ebene der veröffentlichten Öffentlichkeit ihm gegenüber nicht verwunderlich.

Kurz vor seinem Tode plante er die Veröffentlichung eines Sammelbandes mit den Texten, die am anschaulichsten und eindringlichsten seine Positionen und Motive verdeutlichten. Ihm war leider zur Verwirklichung dieses Vorhabens die nötige Zeit nicht mehr gegönnt. Auch der Herausgeber hat seinerzeit nach Hans Lipinsky-Gottersdorfs Tod das Projekt leider ad acta gelegt. Gleichwohl – wenn auch erst 22 Jahre später: Um sein Andenken zu erhalten und sein Anliegen zu erfüllen, wird an dieser Stelle versucht, die von Hans Lipinsky-Gottersdorf dafür bereits vorgesehenen und nach Wissen des Herausgebers aufgrund der seinerzeitigen Diskussionen mutmaßlich noch hinzugezogenen Texte zum vorliegenden Band zusammenzustellen, dessen Titel noch vom Autor selber bestimmt wurde. Kriterium für die Auswahl der hier gesammelten und bisher nur schwer zugänglichen Texte war das Bestreben, dem Leser anhand der Texte die Möglichkeit zu geben, Hans Lipinsky-Gottersdorf kennen und verstehen zu lernen. Darum sind neben offensichtlich selbstcharakterisierenden Beiträgen auch Briefe und Literaturbesprechungen zu finden, die zusammen erst ‒ und nur dann ‒ ein weitgehend vollständiges Bild des Autors geben können. Dazu gehören unbedingt auch Texte, die auf den ersten Blick als überholt scheinen mögen; bei der Lektüre wird sich dieser Eindruck rasch relativieren.

Um dies Bild abzurunden, sei ein kurzes Autorenporträt voran-, ein Werksverzeichnis und ein erläuternder Essay zu Hans Lipinsky-Gottersdorfs preußicher Identität hintenangestellt. So mag der Leser selbst auf weiter Entdeckungsreisen im Œuvre des Autors gehen.

Der Dank des Herausgebers gilt vor allem Minne Lipinsky † und Andreas Raithel, ohne deren seinerzeitige Hilfe dieser Band nie so hätte entstehen können (und ohne Letzteren Vermittlung des Herausgebers Bekannt- und Freundschaft mit HLGs wahrscheinlich nie zustande gekommen wäre). Er sei als Dank für so vieles Minne Lipinsky gewidmet und unter Berufung auf Hans Lipinsky-Gottersdorfs Selbstverortung unter folgendes Motto gestellt:  „Preuße nach Herkunft, Erziehung und Überzeugung, der ich bin …

Autor: Markus Klein
Titel: Vorwort des Herausgebers
zu: Hans Lipinsky-Gottersdorf: Die unsichtbare Grenze
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016051
URL: https://scholien.wordpress.com/lizentiatur/praeceptum3/die-unsichtbare-grenze/vorwort-des-herausgebers/