Hans-Joachim Arndt: Über die Belastbarkeit der Deutschen im Falle ihres Rückrufs in die Geschichte

Viele Ereignisse im vergangenen Jahrzehnt gaben mir Anlaß, mich an meinen Stiefvater zu erinnern, einen thüringischen Fabrikantensohn des Geburtsjahrganges 1895.

Anlaß für diese Erinnerung gaben unübersehbare Merkzeichen, an denen eine untergründige Veränderung des politischen Umwelt-Rahmens abzulesen war; aber der Hauptgrund dafür, daß sich das Leben des 1956 Verstorbenen mir immer wieder, fast zwanghaft, zum Vergleich aufdrängte, lag wohl darin, daß in der Bundesrepublik in den letzten Jahren immer häufiger in Generationen gedacht und von Generationen geredet wird. Es sind hierbei weniger die sich in einem „natürlichen“ Rhythmus ablösenden biologischen Generationen gemeint als vielmehr die historischen Generationen, die Jahrgänge, Jahrgangsgruppen – die Soziologie spricht von „Kohorten“ –, deren Gemeinsamkeit in der Teilnahme an geschichtlichen Großlagen und Groß-Ereignissen besteht, mit einem Fachwort: in der gleichartigen „Sozialisation“ in den entscheidenden, prägenden Lebensaltern.1

So spricht man in der Bundesrepublik vom Generationenkonflikt und faßt damit weniger die ewige Auseinandersetzung zwischen Jung und Alt als vielmehr die politische Devise in besonderer Lage: „Trau keinem über Dreißig“; man beschwört den Generationenvertrag als Begründung der wirtschaftlichen Alterssicherung, der zum Problem wird, weniger aus biologischen Ursachen als aus sozial-historisch bedingten Verhaltensänderungen. Und man weist, letztlich, auf das bevorstehende Abtreten der „Kriegsgeneration“ hin – nämlich der des Zweiten Weltkrieges; der Erste Weltkrieg ist für die nachfolgenden Jahrgänge so weit weg wie es für die Erste-Weltkriegs-Generation der Deutsch-Französische Krieg und die Reichsgründung 1871 waren – und meint damit weniger, daß etwa aus der Bundeswehr die letzten Offiziere mit Kampferfahrung verschwinden als vielmehr, daß aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Militär die letzten Jahrgänge ausscheiden, welche einst noch ihre Sozialisation im Dritten Reich und dessen Wehrmacht und Hitlerjugend erfuhren, also krasse Kontinuitätsbrüche in ihrem Leben zu verkraften hatten.2

Für diese Generation des Zweiten Weltkrieges – und aus ihren Reihen – hören wir neuerdings Klagen, wie wenig sie von ihren zeittypischen Erfahrungen an die nachfolgenden Jahrgänge habe weitergeben können;3 der einstige Führer der Unions-Opposition, Rainer Barzel, äußerte sich so in einem Aufsatz, und der jetzige Regierungschef der Bundesregierung, Helmut Schmidt, griff es – unter ausdrücklicher Berufung auf Barzel – auf, wenn er in seinem Bericht zur Lage der Nation am 17.5.1979 vor dem Bundestag ausführte: „Im kommenden Jahrzehnt der 80er Jahre wird nun überall in der Welt auch die Kriegsgeneration von der politischen Bühne abtreten. Wir sollten fragen, was wir tun können, damit gleichwohl die Lehren aus dem bitteren Krieg nicht verloren gehen.“4

Zum Vergleich: Jahrgang 1895

Mein Stiefvater rückte 1914 als Neunzehnjähriger ins Feld und repräsentiert mithin die Kriegsgeneration des Ersten Weltkrieges. Zu fragen, welche „Lehren“ er und seine Generation denn gezogen haben – nicht nur aus dem „bitteren Krieg“ allein, sondern aus ihrem ganzen Leben und dessen politischen Belastungen –, und zu versuchen, diese Lehren mit denen der Generation des Zweiten Weltkrieges in Vergleich zu setzen, wirft das Problem der Zulässigkeit historischer Vergleiche überhaupt auf. Natürlich hinken historische Analogien immer, und besonders sogar dann, wenn sie zwischen dicht aufeinanderfolgenden Zeitläuften angestellt werden, in denen Änderungen und Umbrüche größten Stils stattfanden. Vergleiche sind dennoch statthaft und sogar nützlich, nämlich indem sie am Kontrast des Andersartigen die eigene Lage um so plastischer hervortreten lassen. Zeichnen wir z.B. den fiktiven Lebenslauf eines Angehörigen der Generation des Zweiten Weltkrieges, fortgeschrieben nach der Schablone seines Vaters oder Stiefvaters:

1895 Geburtsjahr – analog für den Repräsentanten der Zweiten Weltkriegsgeneration 1920
ab 1914 Kriegsteilnahme ab 1939
1918 Kriegsende, erlebt als 23jähriger Leutnant der Reserve in britischer Gefangenschaft in Ägypten als Mitglied des Asien(Palästina-)Korps 1945
1920 als 25jähriger Rückkehr in die Heimat, einer der letzten „Spätheimkehrer“ des Ersten Weltkrieges 1947
ab 1923 nach der Währungsreform Trennung vom Familienunternehmen und Aufbau einer bescheidenen wirtschaftlichen Existenz als Selbständiger im „Wirtschaftswunder der Weimarer Zeit“ ab 1950

(Bis zu diesem Zeitpunkt sind die beiden historischen Biographien, bis in die Daten-Abfolge hinein, noch einigermaßen vergleichbar, wenn auch die Währungsreform nach dem Zweiten Weltkrieg bereits 1948 stattfand und drastische Unterschiede in der Lage der Besiegten bestanden, etwa repräsentiert in „Versailles“ und „Potsdam“ samt deutscher Spaltung. – Nun setzt der eigentliche Kontrast-Vergleich ein:)

1929 Ende des Wirtschaftswunders, Beginn der Wirtschaftskrise mit massiv ansteigender Arbeitslosigkeit 1956
1933 Nationale Revolution“; drastischer Legitimitäts- und Kontinuitäts-Bruch; Beginn der Revision von Versailles unter hohen Risiken und Legalitätsverletzungen samt entsprechenden Herausforderungen an die Haltung aller einzelnen Staatsbürger 1960
1936 Verlust der wirtschaftlichen Existenz wegen Abbaus des „Zwischenhandels“ unter der Wirtschaftspolitik des Dritten Reiches; erwerbslos als 41-Jähriger (sinnigerweise zum Zeitpunkt seiner Eheschließung) 1936
1937 nach zahllosen ergebnislosen Bewerbungen in der Privatwirtschaft Gesuch um Einstellung in die (sich kräftig ausweitende) Wehrmacht; Übernahme in die Luftwaffe mit dem als Makel empfundenen angehängten E (= „Ergänzungsoffizier“) an den Dienstgrad 1964
ab 1939 als 44-Jähriger erneut in einen Weltkrieg verwickelt; trotz vorgeschrittenen Alters, mittleren Dienstgrades (1939 Major) und unvollendeter Ausbildung und Eingewöhnung in einen unvertrauten Truppenteil Kommandierungen mit erheblichen physischen und nervlichen Herausforderungen: Westfeldzug; Luftwaffenfelddivision vor Leningrad; Quartiermeister-Position beim Afrika-Korps; Aufbau und Bereitstellung der neuen Düsenjäger und zuletzt der neuen Raketenwaffen ab 1966
1945 Bei der bedingungslosen Kapitulation als 50jähriger Oberstleutnant von amerikanischen Truppen in Bayern kriegsgefangen; noch im Sommer desselben Jahres entlassen, Heimkehr in das damals noch von Amerikanern besetzte Thüringen. – September 1945, nach der Übernahme der thüringischen Gebiete durch die Sowjetarmee, erneute „Kriegsgefangensetzung“ (unter dem Zwang, die Uniform wieder anzuziehen) und Verschleppung in die Sowjetunion 1970
1950 als nunmehr 55jähriger „Spätheimkehrer“ aus sowjetischem Gewahrsam entlassen, geht – vorsichtshalber – in die inzwischen entstandene Bundesrepublik, wodurch eine (bis zum Tode unbehebbare) Trennung von seiner in der ehemaligen „Sowjet-Zone“ (DDR) verbliebenen Ehefrau eintritt; lebt krank, gebrochen und verbittert in einer Notunterkunft in einer norddeutschen Kleinstadt; da die Amtsärzte seine Krankheit nicht als Kriegsschaden attestieren und jeglicher Versuch, als bald 60jähriger wieder Arbeit zu finden, scheitert, existiert er von Fürsorgeunterstützung (und Paketen der Ehefrau aus der DDR; der Stiefsohn ist noch in der Ausbildung) 1975
1956 Tod durch Herzinfarkt an seinem 61. Geburtstag, immer noch gewaltsam getrennt von seiner Familie; wenige Jahre bevor – in Korrespondenz mit dem Aufbau der Bundeswehr – ehemaligen Offizieren seiner Kategorie durch Gesetz eine Pension zugesprochen wurde 1981

Die beiden Weltkriegsgenerationen

Unterstellen wir, daß der Leser dieser methodisch eigentlich unerlaubten, zu Kontrastzwecken aber doch aussagekräftigen Biographiekonstruktion gegenüber etwas mehr Zuwendung aufbringt als einer bloßen Spielerei mit Daten. Dann wird die erste Reaktion der meisten, die aus dem Gesichtswinkel der Gegenwart urteilen, dahin gehen, daß die Zweite-Weltkriegs-Generation es eben erheblich besser gehabt habe als die Erste-Weltkriegs-Generation, weil ihr die Erfahrungen eines zweiten und dritten Wirtschaftszusammenbruches (analog zu 1929 und 1945), zweier weiterer revolutionärer Umbrüche und Diskontinuitäten und, damit zusammenhängend, eines weiteren Weltkrieges erspart blieb. Die Zeit ab der Konsolidierung nach dem Zweiten Weltkrieg, also ab 1948/49, erscheint unter diesem Blickwinkel geradezu als die kurzen „Goldenen Jahre“ von Weimar 1924 bis 29, diesmal auf Dauer gestellt. So spricht man heute von einem „nunmehr schon 35 Jahre anhaltenden Frieden“, einem Sonder- und Glücksumstand, verglichen mit den davorliegenden turbulenten Zeiten, die wir zum Vergleich heranzogen.

Dies wird – nur geringfügig relativiert – sogar noch geltend gemacht nach Einbeziehung jener harten Individual-Schicksale, die das Bild zu trüben geeignet sind: die Opfer der revolutionären Umbrüche, die Betroffenen der umfangreicheren Gebietsverluste, der einzigartigen Flüchtlingsbewegungen, der weit höheren Verluste an Personen und Sachen durch den Zweiten Weltkrieg; schließlich die Opfer der „Spaltung“ Deutschlands. Gerade bei diesem letzten Punkt zeigt sich aber nun, daß jener Blickwinkel, unter welchem die Zweite-Weltkriegs-Generation in ihrer Belastung besser abschneidet als die Erste, wohl mehr ein bundesrepublikanischer als ein deutscher ist:

Mag man bei den Millionen der „Vertriebenen“ und „Aussiedler“ (aus den Gebieten östlich der Oder/Neiße) oder den „Flüchtlingen“ (aus der DDR) geltend machen, daß ihr – zugegeben – schweres und teilweise spätes – Einzelschicksal gleichsam durch die folgende „Normalitäts“-Epoche der Bundesrepublik „aufgehoben“ wurde, so gilt dies doch nicht für die 17 Millionen Einwohner der DDR. Ihre überwiegende Mehrzahl fühlt sich nach 35 Jahren noch durch eine Fremdherrschaft als Kriegsfolge schwer bedrückt, und es ist ein „deutsches Schicksal“, das hier auf weit mehr als einem Fünftel aller Deutschen lastet, eine Last, die mit dem oben geschilderten Lebenslauf doch wohl durchaus vergleichbar ist. Als deutsches Schicksal ginge es alle Deutsche an; wer bereit ist, die Haftung für „Holocaust“ zu übernehmen, kann die für die DDR-Bewohner nicht ablehnen, welche allein dadurch in ihre traurige Lage gerieten, daß eine bestimmte Siegermacht es war, welche ihr Land besetzte. Verräterisch sind immer wieder auftauchende Formeln wie: „den Deutschen ist es noch nie so gut gegangen wie heute“ oder „Deutschland hat jetzt die beste und freieste Verfassung, die es je besaß“; denn zutreffen tut dies höchstens auf die Bevölkerung der Bundesrepublik, und die ist – sogar und immer noch nach dem Wortlaut ihres eigenen Grundgesetzes – nicht das ganze Deutschland. Das bedeutet aber auch: Der „Vorteil“ der Westdeutschen resultiert nicht aus ihrer Verfassung, sondern aus der weltpolitischen Großlage, – deren eine Folge eben diese Verfassung, in ihrem „Geltungsbereich“ beschränkt auf die Westdeutschen, ist.5

Es ist diese weltpolitische Großlage, die es mit sich gebracht hat, daß die Bevölkerung der Bundesrepublik bisher ihre Herausforderung hat beschränkt sehen können auf ihre Funktion als Erwerbs-, Besitz- und Konsum-Bürger (mit allen Folgen auch bezüglich des politischen Engagements)6, während die DDR-Bevölkerung dagegen die volle Last „als Deutsche“ zu tragen hatte (denn selbst da, wo als Motiv für „Republikflucht“ von der DDR in die Bundesrepublik der Wunsch dominierte, auch nur Erwerbs-, Besitz- und Konsum-Bürger sein zu dürfen, lag die Grundursache für die Lage, der es zu entkommen galt, darin, als deutscher Bürger Mitteldeutschlands von der Sowjetarmee okkupiert worden zu sein).

Hinter der ersten, vordergründigen Antwort auf den Vergleich der beiden Kriegsgenerationen: die zweite hatte es besser als die erste, lauert also die weitere und viel entscheidendere Frage: Wie hätte die Generation des Zweiten Weltkrieges die Herausforderungen und Belastungen bestanden, mit denen ihre Väter fertig werden mußten?, – und ohne Konjunktiv: Wie hat sie die vergleichbaren Belastungen bestanden, und wie wird sie den noch auf sie zukommenden begegnen? – Bevor wir uns dieser Frage zuwenden, einige Vorklärungen:

Deutsche und Wirtschaftsbürger

Erstens: Die letzten Kriegsteilnehmer des Zweiten Weltkrieges treten gerade jetzt aus dem öffentlichen Leben der Bundesrepublik ab. Von zukünftigen Belastungen werden sie also nicht mehr als Tätige betroffen werden. Die Frage bleibt trotzdem relevant und müßte dann lauten: was haben sie an Belastbarkeit an die ihnen Nachfolgenden weitergegeben?

Zweitens: Aus dem soeben Ausgeführten ergibt sich, daß wir Kontinuitäten unterstellen, nämlich Kontinuitäten eines politischen Kollektivsubjektes und des entsprechenden Bewußtseins. In der Tat tun wir dies. Mein Stiefvater, der sein ganzes Leben durchgebeutelt wurde, und zwar von politischen Ereignissen durchgebeutelt, hat durch alle Diskontinuitäten hindurch alle Belastungen und Herausforderungen als solche empfunden, denen er „als Deutscher“ ausgesetzt wurde, und so erging es den allermeisten seiner ganzen Generation, auch etwa – um zwei Beispiele aus entgegengesetzten Fronten innerhalb Deutschlands zu benennen – dem sozialdemokratischen Parteiführer Dr. Kurt Schumacher (1895-1952) und dem Generalobersten der Wehrmacht des Dritten Reiches Alfred Jodl (1890-1946).7 „Als Deutscher“, das bedeutet: nicht primär als Angehöriger solcher – auch ihre historischen Wirkungen entfaltenden – Kategorien wie „Industriegesellschaft“ oder „industrielle Massengesellschaft“ oder „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ oder „Klassengesellschaft“ oder „Bürgertum“ oder „arbeitende Klasse“. Mein Stiefvater, wie die meisten seiner Generation, hat auch nicht seinen Kopf, seine Gesundheit und seine Existenz hingehalten „als Nazi“ (nicht einmal, wenn – was bei ihm nicht zutraf – „Parteimitgliedschaft“ vorlag), sondern eben als Deutscher. Unsere Frage: wie belastbar ist die Zweite-Weltkriegs-Generation und sind die ihr nachfolgenden Jahrgänge, im Vergleich zu ihren Vätern und Großvätern?, wird auch im Zuge dieser Kontinuität gestellt und heischt Antwort innerhalb dieses Rahmens. Es kann als ausgemacht gelten, daß die Generation des Zweiten Weltkrieges Belastungen, wie sie ihr bisher als Erwerbs-, Besitz- und Konsumbürger, in Beruf, Haus, „Gesellschaft“ entgegentraten, nicht schlecht gemeistert hat. Hier geht es uns jetzt um die eigentliche politische Substanz, die als Angehöriger eines Volkes und seines Staates.

Aber drittens: Ist eine solche Frage mit diesem Tenor überhaupt noch triftig und erlaubt? Ist es, nach eingerichteter „Interdependenz“ und „Integration“, bei „anachronistisch“ gewordener Souveränität,8 nach Einbindung in Blöcke und Militärallianzen und Wirtschaftsgemeinschaften, ganz zu schweigen vom Status bestenfalls einer politischen „Mittelmacht“, – ist es nach alledem noch sinnvoll, von einer bestehenden oder künftigen Belastbarkeit „als Deutsche“ überhaupt zu sprechen? Genügt nicht, wenn es schon sein muß, ein Probelauf für die Belastbarkeit „als Bundesrepublik“, – bei der der Zusatz „Deutschland“ dann schon nicht mehr im vollen historischen Wortsinne gebraucht, die „Einbindung“ in den „Freien Westen“ aber als eigentliches Politikum gewertet wird?

Bisher letzte Herausforderung: 1945-1949

Man mag sich zu dem historischen Urteil versteigen, daß die letzte Herausforderung an die Deutschen als politisches Kollektiv in den Jahren zwischen 1945 und 1949 stattgefunden hat, und daß seitdem jegliche Probe auf ihre Belastbarkeit einfach wegen Verschwindens des Adressaten unmöglich, ja undenkbar geworden ist. Dieses historische Urteil halten wir jedoch für eine ungesicherte Prophetie. Viel mehr spricht dafür, und aufweisbare Erscheinungen und Ereignisse gerade der letzten Jahre bestätigen dies, daß der deutsche Adressat (keinesfalls allein nur der „bundesrepublikanische“ oder der der DDR als „erster sozialistischer Staat deutscher Nation“) hinkünftig immer stärker und erneut gefordert werden wird, nicht zuletzt auch vom Ausland her, so daß dieser Adressat durch diese Herausforderungen geradezu die Chance, ja die Verpflichtung erhält, nach Jahren der Pause, des Zurücktretens aus der Geschichte, erneut sich zu konsolidieren. Deshalb sprechen wir von einem möglichen „Rückruf der Deutschen in die Geschichte“. Wir halten diesen für wahrscheinlicher als ihr endgültiges Verschwinden, und deshalb halten wir die Frage nach ihrer Belastbarkeit im Falle dieses Rückrufes nicht nur für stellbar, sondern für dringend geboten.

Die Begründung dafür, daß Belastungen für diese Bevölkerung in Mitteleuropa, die einst „die Deutschen“ hieß, wieder auf sie „als Deutsche“ zukommen werden, können wir hier nur stichwortartig geben, unser Thema ist dies heute nicht: In der ganzen Welt sind es nach wie vor (und mehr denn vorher) die klassischen Staaten, die alten wie die neuen Staatsvölker, welche die Zentren für politisches Handeln und besonders auch für politische Loyalität abgeben. Das gilt auch, und neuerdings besonders wieder, für die Zustände innerhalb der Blöcke und innerhalb der Bündnisse, von dem französischen und britischen Verhalten innerhalb der EG über das US-amerikanische und französische Verhalten innerhalb des Atlantikpakts bis zum sowjetrussischen, rumänischen und polnischen Verhalten innerhalb des Ostblocks. Und „Deutschland“ nimmt nur insofern eine Sonderstellung bei dieser Mobilisierung alter einzel- und nationalstaatlicher Subjekte ein, als Initiativen, Handlungen, Risiko- und Lastübernahme, ja gar „Führung“ von Bonn gefordert wird,9 diese Forderungen, zusammengenommen, in ihrer Tiefe und Schwere aber eigentlich nur von Berlin (als „deutscher Hauptstadt“) aus abgeltbar wären, – was von den so Fordernden, vor allem aus dem Ausland, meist gar nicht erkannt, oder wenn vermutet, wiederum mit Angst und Empörung zurückgewiesen wird.10

Abbröckeln des Ordnungsgefüges von 1945

Es gehört wohl nicht mehr allzu große Kühnheit dazu, um heute, 1980, zu folgern: Es werden einerseits die großen Blockbildungen der Nach-Zweiten-Weltkriegs-Jahre fragiler, neue Fronten außerhalb und innerhalb der alten Blöcke entstehen, die letzten Klammern zwischen den Blöcken werden fragwürdiger (etwa die mühsam austarierten „Ordnungen“ von Jalta, San Francisco, Potsdam und Bretton Woods); kurz: weder die globalen Regelungen aus dem alliierten Sieg im „Antifaschistischen Krieg“ ertragen noch große Belastungen (zu einem Friedensvertrag haben sie in Europa bisher eh nicht geführt), noch ist auf das institutionalisierte Patt im Kalten Krieg zwischen den ehemaligen „ungleichen Alliierten“ noch besonderer Verlaß, damit geraten auch die mitteleuropäischen Zwischenlösungen dieser Epoche wieder in Bewegung. – Andererseits aber setzen auch die neuen Globalprobleme wie die Energiefrage, das Umweltproblem, die Nord-Süd-Spannung und schließlich auch die Nukleartechnik andere Gewichtungen, denen sich die bisherigen Institutionen und festgeschriebenen Konstellationen der Nachkriegszeit nicht recht gewachsen zeigen.

Bei alledem mag es sich als ein Irrtum herausstellen, zu vermeinen, daß allein die schiere Drohlage eines nuklearen Holocaust Deutschland, und sei es als wiederbelebbare Potenz, ausgelöscht habe, oder daß allein die Größenordnung des Nord-Süd- oder des Energieproblems die deutsche Frage nunmehr endgültig auf Eis gelegt habe. Es mag sich eher als wahrscheinlicher erweisen, daß die atomare und energiewirtschaftliche Verwirrung der Welt, bezogen auf Mitteleuropa, gerade politische Potenzen wieder herausfordert und hervorbringt, die für abgemeldet galten, die aber solche Belastungen allein austragen könnten, weil sich allein durch sie die nötigen Reserven an Durchhaltewillen und Opfermut mobilisieren lassen.

Im übrigen, und dies viertens und letztens: Wir spekulieren hier nicht darüber, welcher konkreten Art solche Belastungen sein würden und könnten. Der Angehörige der Generation des Ersten Weltkrieges konnte etwa 1928 auch wenig Konkretes über die Herausforderungen sagen, die an ihn wenige Jahre später gestellt wurden, und trotzdem schloß er sie nicht aus, sondern nahm sie auf sich und begegnete ihnen, als sie dann akut wurden. Jegliche politische Futurologie zeitigt fragwürdige Ergebnisse außer derjenigen, die nur den Status Quo fortschreibt, und deren Ergebnisse sind zwar technisch plausibel, historisch aber höchst unwahrscheinlich. Das mögliche Minimum an politischer Sicherheit verleiht nur jene Erwartungshaltung, die vorsichtig und zugleich rücksichtslos genug ist, um sich durch nichts, was schließlich eintritt, überraschen zu lassen.

Prüfen wir die Belastbarkeit der Deutschen daraufhin.

Das Provisorium

Jeder, der Menschlichkeit aus Erfahrung und Geschichte und nicht aus dem Dogmenbuch gelernt hat, wird es nicht als überraschend empfunden haben, daß die Mehrzahl der Deutschen nach dem totalen Zusammenbruch von 1945 (dem zweiten innerhalb einer Generation) sich mit der Devise: „Nous, après le déluge“ ein Stück aus der Geschichte zurückzog, und daß nicht nur der Nationalsozialismus schlagartig verschwand, sondern auch „Deutschheit“ sich beträchtlich reduzierte. Allerdings schmolz das Bewußtsein, einem Volk anzugehören und primär daraus politisch gefordert zu sein, trotz „Ohne-Mich-“Haltung und trotz Geredes von der „Stunde Null“ nicht völlig auf Null zusammen: Für das Durchstehen der Durststrecke von Besatzungszeit, Hungerjahren, Währungs verfall und Währungsreform, für das Ertragen der Genozid-und Greuelvorwürfe, selbst noch für die Anstrengungen des politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbaus mußte mehr mobilisiert werden als nur ein „gesunder Egoismus“ als Motivation für die Befriedigung individuellen Nachholbedarfs an materiellen Gütern und sozialer Sicherung. Das zerschlagene Kollektiv in Mitteleuropa blieb noch längere Zeit ein „deutsches Volk“ und wurde nicht sofort eine bloße Wirtschaftsgesellschaft. Selbst der wirtschaftliche Wiederaufbau in der Bundesrepublik ließ, z.B. mit Streik-Zurückhaltung und Mitbestimmungs- und Betriebsverfassungs-Regelungen, Reste einer Gesamt-Verpflichtung durchschimmern.11

Daß das Zentrum der politischen Obligation noch weithin das gemeinsame Schicksal und Dasein „als Deutsche“ blieb, dafür gibt es für die Anfangsjahre nach 1945 eine erdrückende Anzahl von Indizien. Man nehme nur einmal wieder politische Verlautbarungen von Staatsmännern und Politikern (aller zugelassenen Parteien) zur Hand und vergleiche deren damalige Sprache als Ausdruck des damaligen politischen Bewußtseins mit der heute üblich gewordenen: überwiegend ist da von „deutschem Volk“ die Rede, wo heute von „Gesellschaft“ oder „System“ gesprochen wird. – Besonders deutlich manifestierte sich dies beim Zustandekommen des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland. Zwar erlaubte die Lage nicht ein striktes Nein gegenüber einer Separatverfassung überhaupt, und noch nicht einmal den Ausweg eines bloßen Verwaltungsstatuts, aber um so nachdrücklicher schrieb man in den Text des Grundgesetzes als Protest gegen jeglichen Separatismus-Vorwurf das „Vorläufige“ hinein. Und es gilt hier zu erinnern: unter den Provisoriums-Charakter fiel damals sowohl die „Unvollständigkeit“ der Lösung im Hinblick auf den Umfang eines „Ganzen Deutschland“ (z. B. was Bevölkerung und Territorium betrifft), als auch die Vorläufigkeit der Verfassungsstruktur, deren „Vollendung“ nach einer „Übergangszeit“ die Präambel ausdrücklich dem „gesamten deutschen Volk“ vorbehielt. Selbst das totale Änderungsverbot für die freiheitlich-demokratischen Grundelemente der Artikel 1 und 20, das der Artikel 79 Abs. 3 vorsieht, verliert seine scheinbar dem Provisoriumscharakter widersprechende Bedeutung, wenn man den Schlußartikel 146 dagegen hält: „Dieses Grundgesetz verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.“ – Hier wird ausdrücklich zwischen (vorläufigem) Grundgesetz und (endgültiger) Verfassung differenziert.

Privatisierung der Deutschheit

Das Kollektivsubjekt, und demnach die politische Obligation, welche der Parlamentarische Rat im Blick hatte, war also eindeutig „Deutschland“ und „das deutsche Volk“. Gegen dieses Bewußtsein gab es während der ganzen Dauer der Beratungen keinen Widerspruch; es dürfte wohl auch 1948/49 ganz überwiegend das Bewußtsein jener Bevölkerung gewesen sein, die im nachmaligen „Geltungsbereich“ des Grundgesetzes lebte und, weit darüber hinaus, in Mitteldeutschland und den damals noch nicht gänzlich von Deutschen entleerten Ostgebieten. Noch viel deutlicher als in den paar eben zitierten Passagen des Grundgesetzes zeigte sich dieses Bewußtsein in Alltagssprache, Alltagsdenken und Alltagspraxis, in der rudimentär erhalten gebliebenen Staatsverwaltung wie in der wiederauflebenden Privatwirtschaft, in Beruf, Familie und Freundeskreis.

Diese – deutsche – Alltagspraxis hat sich nun im Verlauf der folgenden Jahre ganz beträchtlich verdünnt, sie ist verschrumpft und ausgetrocknet, durch die Generationen hindurch nicht weitergereicht und somit fast zu einem Relikt der „Kriegsgeneration“ (des Zweiten Weltkrieges) und noch Älterer geworden. Jedenfalls gilt das für die Bundesrepublik; in der Deutschen Demokratischen Republik scheint sich der Rückzug von „deutschem Bewußtsein“ ins Private und Privatistische (spätestens nach dem 17. Juni 1953) dort (also im Privaten) wieder zu einer Art politischer Funktion verdichtet zu haben, fast zu einer „Widerstands-“Funktion, nämlich in dem Maße, in dem das öffentliche Leben den Charakter von „Fremdherrschaft“ nicht verlor und sich somit die Deutschen der ehemaligen „Ostzone“ permanent weiter als Besiegte betrachten mußten. Manches spricht dafür, daß dies bis heute fortgilt. – Nicht so in der Bundesrepublik Deutschland. Dort verkam das Deutsche in der Alltagspraxis zum „bloß Privaten“, schließlich mit dem Geruch des Vereinsmeierischen, der Volks- und Heimattümelei, des Sektierertums behaftet; schon früh geriet es z.B. im politischen Bereich zur Freibeute von Splitterparteien, denen der Geruch „der Unverbesserlichen“ nicht zu Unrecht anlastete.12

Unzureichend erkannt worden ist bisher die Wirkung, welche dieses „Austrocknen deutschen Alltags“ auf die Funktion der „Wiedervereinigungsklauseln“ des Grundgesetzes ausübte: Konnte kurz nach 1949 noch von einem Auftrag zur „Vollendung“ einer deutschen Ganzheit gesprochen werden (nämlich: aufbauend auf noch vorhandener Alltagspraxis und noch wirkendem Bewußtsein), so entwickelten sich diese Klauseln im Verlaufe der Zeit immer mehr zu einem „bloßen Programm mit Alibicharakter“, dessen zunehmende Uneinlösbarkeit weniger Bekümmerung und Empörung als Erleichterung auslöste, – im Ausland wie im Inland der Bundesrepublik. Auf die Frage, „inwiefern er Deutscher sei?“, wird ein Bundesbürger jüngerer Jahrgänge heute – falls er diese Frage überhaupt noch als „relevant“ empfindet – nicht selten als einzige Antwort auf dieses Wiedervereinigungsprogramm des Grundgesetzes verweisen wollen, möglicherweise unter Gebrauch der inzwischen geprägten Formel „Neuvereinigung“.

An Economy in Search of a Nation’“

Nicht wenig trugen Sichtweise und Druck von außen zu diesem Vertrocknen deutschen Alltagsbewußtseins bei. Weder der hochentwickelte Handelsverkehr mit dem Ausland noch der Massentourismus vermag das politische Bewußtsein zum Deutschtum hin zu schärfen, eher im Gegenteil. Als Auslandstourist tritt der Reisende – selbst bei Gesellschaftsreisen – als Privatmann in bunter ethnologischer Färbung auf (und aus bekannten Gründen vorsortiert in Ost- und Westdeutsche, so daß Mischungen selten stattfinden), und die Kommerz- und Technik-Kontakte gelten, im westlichen Ausland mindestens, der liberalen Wirtschaftsgesinnung gemäß als „unpolitisch“. Die Westdeutschen seien „an economy in search of a Nation“ schrieb der „Economist“ in den Sechziger Jahren. – Die „Suche nach der Nation“ konnte manchem Deutschen in der Bundesrepublik geradezu als schädlich, jedenfalls als inopportun erscheinen, denn mit dem Nations-Bewußtsein stellten sich die unangenehmen Kontinuitäts-Merkmale ein: „als Deutscher“ war und blieb man Adressat für die Holocaust- und andere Schuld- und Haftungs-Vorwürfe und geriet damit unversehens wieder in die Kategorie der „Besiegten“, so wie auch Scheel, Carstens und Helmut Schmidt, trotz erwiesener dreißigjähriger Loyalität gegenüber dem Grundgesetz, aus der Kategorie der „Befreiten“ wieder in die der „Besiegten“ hinübergedrückt werden jedesmal dann, wenn ihre Mitgliedschaft in der NSDAP oder der Wehrmacht präsentiert wird. Überall da, wo „Deutschheit“ als politisches Bewußtsein und politische Verpflichtung beansprucht wird, kommt eben unweigerlich als Quittung der Besiegten-Status wieder hervor, im völkerrechtlichen Bezug z.B. ganz selbstverständlich bei allen Berlin-Fragen, denn dort herrscht noch Besatzungsrecht, und, nicht mehr ganz so selbstverständlich, bei der berühmten „Verantwortung der (vier) Alliierten für Deutschland als Ganzes“. Nicht selten wird sogar die Invokation deutschen Bewußtseins heute mit dem Faschismus-Vorwurf quittiert, so meine Erfahrung und die von Lehrern, die darüber zu sprechen wagen.13

Wenn nicht mehr „deutsch“, – welche andere, „neue Identität“, welcher „Ersatz“ hat sich für diese politische Obligation eingestellt? Die Führungsriege der DDR gibt eine eindeutige offizielle Antwort darauf, etwa in der neuesten Verfassungsformel: „erster sozialistischer Staat deutscher Nation“ oder sogar bloß noch „deutscher Nationalität“; Hier hat also das Klassenbewußtsein eindeutig Priorität und Primat zuerteilt bekommen; selbst die „Piemont-Funktion“ dieser Formel (Wiedervereinigung unter sozialistischem Vorzeichen) benutzt Nation und Nationalität nur instrumental im Klassenkampf, so wie es bereits am Beginn für einen sogenannten „deutschen Weg zum Sozialismus“ aufgefaßt werden mußte. In der DDR gibt es offiziell nur noch Befreite (nämlich zum Sozialismus hin Befreite) und keine Besiegten mehr, sondern höchstens „Klassenfeinde“. – In der Bundesrepublik camoufliert die Wiedervereinigungs-Formel des Grundgesetzes einen vollzogenen Identitätswandel noch; so kann im Hinblick auf die zweifellos weiter in Gültigkeit befindliche Präambel des Grundgesetzes beansprucht werden, die „neue Ostpolitik“ der sozialliberalen Koalition und die Ostverträge hätten formal am Adenauerschen Politik-Grundsatz nichts verändert, das bestätigte ja auch das Bundesverfassungsgericht getreulich. Nur wird damit der Funktionswandel dieser Formel zu einem nunmehr bloß noch entlastenden Programm-Alibi übersehen, den sie durch die „Anerkennung der Realitäten“ im Verein mit der Austrocknung deutschen Bewußtseins im Alltag erlitten hat. Auch diesseits der einstigen Zonengrenze hat somit eine Ent-Volkung, Ent-Deutschung stattgefunden, auch hier gibt es überwiegend nur noch sich befreit und nicht mehr sich besiegt Fühlende. Aber was ist hier an die Stelle getreten, die in der offiziellen DDR-Doktrin nun das Klassenbewußtsein einnimmt?

Verfassungspatriotismus

Der Versuch fehlt nicht, auch in der Bundesrepublik Klassenbewußtsein für Staats-, National- oder Volksbewußtsein zu setzen, nur lautet das Vokabular hier etwas anders. Man spricht nicht von einer „bürgerlichen Klasse“, sondern von Gesellschaft (Industriegesellschaft, nivellierte Mittelstandsgesellschaft usw.), von „westlichem System“; vom „Block der freien Länder“ und so fort; inzwischen wurde die „Verfassungstreue“ als Loyalitäts- und Mobilisierungsmerkmal an die erste Stelle gerückt samt dem Gegenbegriff „Verfassungsfeinde“; es ist bereits die Rede von einem „Verfassungspatriotismus“14 – alles Indizien dafür, daß die westdeutsche Bevölkerung in eine eigenartige Situation geraten ist. Da sie ja (so wenig wie die Bevölkerung der DDR) bisher ausdrücklich keine Sezession vollzogen hat (etwa wurde sie, was manche bedauern mögen, nicht als 51. US-Staat annektiert), da nicht ein neues „Volk der Westdeutschen“ als Staatsvolk oder Staatsnation entstanden ist, wird hier offenbar der Versuch gemacht, abstrakte Verfassungsform oder „westliche“ Sozialstruktur als Ersatz für konkrete Staatlichkeit, die auf der Basis historisch gewachsenen Volks- und Nationalbewußtseins ruht, zu behaupten. Die Westdeutschen wären demnach das einzige politische Kollektiv, das gleichsam „ungeschützt“ durch Staats- und Nationalbewußtsein lediglich als „Partei im Weltbürgerkrieg“ zwischen kommunistischem und liberal-parlamentarischem Modell existieren soll.

Diesen Tenor jedenfalls kann man sowohl aus der amtlichen politischen Bildung der Bundesrepublik herauslesen15 als auch aus der Politischen Wissenschaft der Bundesrepublik,16 und so meinte es auch Willy Brandt, wenn er als Bundeskanzler in seinem ersten „Bericht zur Lage der Nation“ am 14. Januar 1970 Golo Mann zitierte mit der Forderung, „daß die Bundesrepublik sich selbst anerkennen muß“.17 Politische Substanz –und Brisanz – hätte diese Forderung, wenn sie auf einen „bundesdeutschen Patriotismus“, also die Sezession, abzielte (wie etliche Intellektuelle es neuerdings vertreten),18 aber so war sie nicht gemeint: hier wird wiederum (sozial-)liberale Verfassungsförmigkeit mit konkreter historischer Identität gleichgesetzt. Dieser Mangel an konkreter historischer Identität ist es übrigens, welcher auch jenen Mangel an konkreter Staatlichkeit hervorruft, der von Martini über Altmann bis zu Forsthoff der Bundesrepublik immer wieder entgegengehalten worden ist.19

Doch die drei Letztgenannten waren und blieben Außenseiter. 35 Jahre lang ist im Geltungsbereich des Grundgesetzes politische Bewußtseinsbildung und -pflege getrieben worden unter besonderer und einseitiger Hervorhebung der Verfassung, der Grund- und Menschenrechte, der Sozialstruktur; hier wurde gleichsam die bürgerliche Revolution mit anderen Mitteln fortgesetzt, also die Revolution der Engländer aus dem 17. Jahrhundert, der Franzosen und Amerikaner aus dem 18. Jahrhundert. Der Zweite Weltkrieg war ja auch von den westlichen Siegern um die Durchsetzung ihres „revolutionären Erbes“ geführt worden, so wie von der Sowjetunion unter ihren „revolutionären Errungenschaften“; er war weniger „Fortsetzung der (Staats-)Politik mit anderen Mitteln“ als vielmehr (frei nach Clausewitz) „Fortsetzung der Revolution(en) mit anderen Mitteln“; das eben brachte die Kategorie der „Befreiten“ vor der der „Besiegten“ in der Nachkriegspolitk zum Tragen.

Inmitten dieser beiden – sich bald zum „Kalten Krieg“ hochheizenden – disparaten Revolutions-Bewußtseine der Sieger/Befreier (die auf dieser Bewußtseinsebene als einziges Band einte, gemeinsam eine dritte Revolution/Konterrevolution, nämlich die „faschistische“, besiegt zu haben), sind die besiegten Deutschen dann auf die jeweilige revolutionäre Befreier-Überzeugung hin sozialisiert worden; 35 Jahre lang hat keine Sozialisation in Richtung auf ein „deutsches“ Bewußtsein stattgefunden, also mehr als eine ganze biologische Generation lang. Nur auf privater Zufalls-Ebene ist die Weitergabe des Loyalitäts- und Mobilisierungszentrums „deutsch“ auch hin und wieder zwischen Alt und Jung erfolgt; auf die Gesamtheit gesehen, kann heute vermutet werden, daß im Geltungsbereich des Grundgesetzes inzwischen ein „anderes Volk“ lebt oder gar, wie wir oben andeuteten, gar keines mehr, – die Lage in der DDR ist, wie erwähnt, wohl etwas anders.

35 Jahre ohne „deutsche Sozialisation“

Was das bedeutet, kann man besser ermessen, wenn man die offizielle politische Bildung und Politische Wissenschaft in der Bundesrepublik mit der Weimarer Republik vergleicht. Anfang der Zwanziger Jahre formulierte ein vom Reichsministerium des Innern berufener Ausschuß für Staatsbürgerliche Bildung, dem Vertreter aller Schulgattungen angehörten, die Richtlinien für das neue Schul-Lehrfach „Staatsbürgerkunde“ mit folgendem einleitenden Satz: „1. Grundlage des Staatsbürgerkundlichen Unterrichts ist das deutsche Volkstum, dessen Wesen und politisch-kulturelle Entfaltung im Rahmen des Deutschen Reichs, des Auslandsdeutschtums und Deutsch-Österreichs zum Verständnis gebracht werden sollen.“20 Und selbst diese, unter dieser Leitmaxime angetretene politische Bildung von Weimar griff dann im Oktober 1933 der Soziologe Hans Freyer mit dem Hinweis an, Weimar habe seiner Devise „Volksbildung ist Volkbildung“ nie zur Wahrheit, d.h. zur politischen Wirklichkeit verhelfen können.21 – Für die 35 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg gilt es noch zu bedenken, daß auch die einflußreichen privaten und öffentlichen Massenmedien – Literatur, Theater, Film, Rundfunk, Fernsehen – alles andere als eine ,,deutsche Sozialisation“ betrieben. Man mag für die Zeit der Republik von Weimar literarische Werke wie die von Ernst Jünger und anderer, minder ausgezeichneter Vertreter der „nationalen Sache“ (welcher Literatur ja die Literatur von Remarque und Plivier und anderer „pluralistisch“ entgegenstanden) man mag die frühen Ufa-Tonfilme mit Themen aus der nationalen Geschichte aus heutiger Sicht als Nationalismus, gar Chauvinismus abtun, damit erklärt und begründet man die fast völlige Abwesenheit positiv dargestellten „deutschen Schicksals“ in der Belletristik und Publizistik der Nach-Zweiten-Weltkriegszeit keinesfalls.

In einem Gutachten der Bavaria Fernseh GmbH hieß es kürzlich: „Man fragt sich unwillkürlich, weshalb ein so dramatisches, einschneidendes und so viele betreffendes historisches Ereignis wie der Verlust der ehemals deutschen Ostgebiete innerhalb von drei Nachkriegsjahrzehnten weder in der ernstzunehmenden deutschen Literatur noch im deutschen Film – unter welchen politischen und unpolitischen Aspekten auch immer – ein irgendwie bemerkenswertes und dem Faktum angemessenes Echo gefunden hat.“22 Manche weisen auf die „Danziger Trilogie“ von Grass hin, doch dürfte der (doppelte) „Oskar“ die wirklich gültige epische Bewältigung des deutschen Holocaust der vergangenen siebzig Jahre keinesfalls darstellen. Thomas Manns „Buddenbrooks“ oder selbst Margret Mitchells „Vom Winde verweht“ faßten eine bis zum Rand mit trächtigem Schicksal gefüllte Epoche besser in den Spiegel der Verkettung einzelner Lebensabläufe, – von Tolstoi ganz zu schweigen.23 Die zur Darstellung geradezu drängenden deutschen Schicksale aus zwei Generationen fristen ihr Dasein auf dem entsprechend niedrigen Niveau von Groschenheften und indizierten Selbstrechtfertigungs-Publikationen, so wie die kollektive Pflege deutscher Herkunft lange in privatistische Vereinsmeierei von Randgruppen oder sektiererische Splitterparteien abgedrängt war, bis die Museums- und Ausstellungskultur sich ihrer mit der Staufer-Ausstellung und der bevorstehenden Preußen-Ausstellung annahm. Daß die in der Bundesrepublik betriebene Geschichts-, besonders Zeitgeschichtsforschung sich bisher als Gegengewicht gegen den Identitätsverlust des deutschen Volkes nicht sonderlich anbot, sei hier nur am Rande erwähnt.24

Verlust der konkreten Obligation

Die 35 Jahrgänge, die durch bürgerlich-abstrakte politische Bildung, ohne je ein konkretes Kollektiv als Loyalitäts-, Legitimitäts- und Mobilisierungs-Zentrum erfahren zu haben, erzogen worden sind, zeigen bekanntlich auch bereits seit längerem Wirkung. Der „Sinnverlust“, der hier auftritt – und der sich stellenweise bereits in akuten psychosomatischen Krankheiten manifestiert –, kann wohl ohne allzu gewagte Interpretation mitsamt seinen politischen, sozialen und geeteeitlichen Folgen wie Drogensucht, Abdriften oder gar Ausflippen ganzer Jahrgänge, chaotischem Radikalismus und Terrorismus usw. ganz überwiegend der unzureichenden Sozialisation auf bloße Gesellschaftlichkeit hin, bei Ermangelung von konkreter Staatlichkeit und historischem Volksbewußtsein angelastet werden.

Das Festklammern der Jugend an Klassenkampf- und Systemveränderungs-Parolen erscheint als ein Ersatz-Engagement. Offenbar ist ein Kollektiv „als Gesellschaft“ nicht entfernt so belastbar wie ein solches „als Volk“ oder „als Staat“; Sinnfülle durch tätigen Klassenkampf trägt und taugt offenbar nur für die kurzen historischen Zeiträume wirklicher Revolutionslagen, – die herbeizureden oder herzustellen die Radikalen von heute so verzweifelt und vergeblich bemüht sind.

Man wende nicht ein, die „Jugendrevolte“ sei ja in so gut wie allen (industrialisierten) Ländern der Erde bemerkbar;25 soweit dies zutrifft, sind die verschiedenen Länder damit in durchaus verschiedenem Maße fertig geworden. Und wo sie länger anhielt – doch wohl nirgends so lange wie in der Bundesrepublik –, lagen ähnliche Ursachen, wie nämlich der Mangel an staatlicher und völkischer Bezugsdichte, zugrunde. Was z.B. in diesem Zusammenhang die USA betrifft, so muten zwei amerikanische Äußerungen aus den Jahren 1936 und 1947 fast wie unbewußte Vor-Verkündigungen des Vietnam-Debakels an: „In der geschichtlichen Krise unserer Zeit wird die Sache der Zivilisation von Männern hochgehalten, die eine zwar große, aber durch bequeme Lebensart geschwächte Tradition besitzen und die Nöte vergessen haben, welche an der Ausbildung ihrer Prinzipien wirkten … Gegenüber der Überzeugungskraft derjenigen, die bereit sind, zu töten oder sich töten zu lassen, um an ihr Ziel zu gelangen, sind … die zivilisierten Argumente zu fein, zu kompliziert und zu kraftlos … (Ein politisches Programm muß) seinen Antrieb aus den tiefsten Kräften der menschlichen Seele erhalten.“26 Walter Lippmann, der dies 1936 schrieb, spricht noch von „Sache der Zivilisation“ (zu deutsch würde man sagen: Kultur), meint aber die Sache der USA; indem er dies nicht deutlich sagt, verzichtet er auf ein zentrales Mobilisations-Element gegen die „geschichtliche Krise“.

Und Edmond Taylor, ein Amerikaner, der sich 1947 durch politische Vorgänge in Asien belehrt fühlte, verbaut sich den Blick, indem er statt an „Zivilisation“ nunmehr an Religion, Emotion und „Totalitarismus“ appelliert da, wo er mit der ihm unverständlichen Wucht nationaler Zusammengehörigkeits-Überzeugungen konfrontiert wird: „Der Niedergang der Religion in den demokratischen Gesellschaften des Westens hat ein Zeitalter von angenehm pasteurisierten Persönlichkeiten mit sich gebracht, von liebenswerten, aber mageren Leidenschaften geistig Frühreifer … Die milde neurotische Persönlichkeit ist zur Norm und fast zum Ideal unserer Gesellschaft geworden. – Die totalitären Gesellschaften bringen eine ganz andere Persönlichkeit hervor, und wie mangelhaft und unangenehm sie uns auch erscheinen mag, so hat doch diese Persönlichkeit fraglos dynamische Qualitäten, die der unseren fehlen. Es ist eine Art religiöse Persönlichkeit, und sie hat die Macht, Menschen zu bekehren, welche Macht wir verloren haben. Das emotionale Erz, aus dem sie geschmiedet ist, scheint uns ein minderwertiges zu sein, aber doch hat es eine gewisse Temperatur. Unsere demokratischen humanitären Ideale scheinen uns von viel edlerer Mischung zu sein. Der Ärger ist nur, daß wir vergessen, sie ins Feuer zu tun … Wir vergessen den Bessemer-Effekt der Religion … Was uns zurückhält, und was unseren Idealismus nicht zur Auswirkung kommen läßt, ist, daß wir nicht die Persönlichkeiten von Bolschewisten oder Urchristen haben. Wenn wir Propaganda betreiben, dann schaffen wir Aufstandsbewegungen und keine Bekehrung (we effect subversion rather than conversion).“27

Das war in Vietnam noch nicht anders, und das ist heute noch nicht viel besser, in den USA wie unter Deutschen. Eher hat der Abwerbe-Effekt in umgekehrter Richtung gewirkt: junge Deutsche „engagieren“ sich für alle möglichen neu entstehenden Nationen und Staaten in der Dritten Welt und wissen nicht mehr, was ihre eigene politische Herkunft fordert. Ein schon klassisch gewordenes Beispiel bieten Haupt-Fakultäten der „Freien“ Universität Berlin, der Hochschule, welche die „Kriegsgeneration“ (des Zweiten Weltkrieges) durch ihren Auszug aus der Humboldt-Universität einst mit amerikanischer Hilfe errichtete, um einer als unerträglich empfundenen Fremdherrschaft zu entgehen. Nun erlebt diese Generation, daß ihre Söhne und Töchter an dieser Universität Kaderschmieden etablieren, die sich an allem anderen kritisch engagieren als an den Zuständen im Ostteil der geteilten Stadt.“28

Auch die Deutschen sind ohne „historischen Mittelpunkt“ nicht belastbar

44 Prozent der deutschen Bevölkerung der Bundesrepublik (Gastarbeiter, deren Familien und sonstige Ausländer also ausgenommen) sind nach 1945 geboren, 62 Prozent wurden oder werden nach 1945 politisch sozialisiert (wir rechnen dazu die Geburtsjahrgänge ab 1934).29 Es ist höchst wahrscheinlich, daß in eben diesem Verhältnis die Bevölkerung der Bundesrepublik derzeit nicht „als Deutsche“ engagierbar, mobilisierbar und belastbar ist. Sie scheint dies ja kaum „als Demokraten“ zu sein, – zumindest, soweit man darunter das westlich-revolutionäre bürgerliche Bewußtsein versteht. Es scheint, als ob die Unfähigkeit und der Unwille, „als Deutsche“ Belastungen zu ertragen, weit entfernt davon, beklagt zu werden, noch begrüßt wird. Es würde sonst Nationalismus oder Chauvinismus vermutet, außerdem wirkt es unüberzeugend, wenn angesichts Atomkriegsdrohungen, globaler Umweltschädigungen, sich abzeichnender Energiekrise, eskalierenden Nord-SüdKonfliktes und wiederauflebenden Ost-West-Konfliktes an „deutsches Bewußtsein“ als Mobilisations-Reserve appelliert wird. Sind denn hier nicht allein die Größenordnungen inkommensurabel? Sache der Deutschen allein oder auch nur vorrangig kann das alles doch keineswegs sein; „Sache der Deutschen allein“ ist eben nur noch die „Wiedervereinigung“, – und die ist zum bloßen Programm mit entlastender Alibifunktion geworden.

Die Erfahrung aus Geschichte und Gegenwart lehrt aber genau das Umgekehrte: Die globalen und universalen Drohungen, die sich über uns verdichten, sind eben und gerade nur durch Versammlung aller Kräfte um einen historischen Mittelpunkt auszuhalten, der Glaubwürdigkeit und Verläßlichkeit zwischen Einzelnen und Gruppen, auch bei unbequemsten Entbehrungen und Opfern, stiftet. Eine nichts-als-pluralistische Gesellschaft wird angesichts einer kollektiven Herausforderung eher geneigt sein, mit dem Rechenschieber die Abweichungen von „paritätischer“ Belastung für jede Interessengruppe festzustellen, statt sich als entschlossenes Kollektiv (etwa gegen atomare Erpressung) mobilisieren zu lassen. Bereits gegen die „Interessentenhaufen“ der Sechziger Jahre, gipfelnd in der – gegenüber heute erwartbaren Belastungen noch erträglichen – leichten Rezession von 1966, propagierte Ludwig Erhard völlig erfolglos seine „Formierte Gesellschaft“,30 – noch 15 Jahre zuvor wäre sie als „deutsches Volk“ zu mobilisieren gewesen.

Jedermann kann, wenn er sich nur unterrichtet, erkennen, wie sich ringsumher angesichts umfassender Bedrohungen und Schwierigkeiten die anderen Bevölkerungen auf ihre staatliche, nationale und völkische Mitte hin zur Belastung bereit machen: Frankreich treibt seine eigene Nuklear- und Nahost-Politik, Großbritannien seine eigene Finanz- und Landwirtschaftspolitik, die USA ihre eigene Finanz-, Verteidigungs- und Mittelostpolitik; Warschau, Budapest, Bukarest bilden Gewichte, wenn auch noch nicht Gegengewichte, im Ostblock; China und Jugoslawien sind bereits weit darüber hinaus. Und selbst der Sowjetunion blieb einst nichts anderes übrig, als den „Großen Vaterländischen Krieg“ zu mobilisieren, als das revolutionäre Pathos allein nicht mehr ausreichte. NATO, EG, sogar Warschauer Pakt und Comecon enthüllen sich als das, was sie immer waren: nicht „Gemeinschaften“ von „Blöcken“, sondem Bündnisse, Allianzen von immer noch ihre eigene Identität primär bewahrenden Einzelstaaten auf Grundlage von Einzelvölkern. Schlimmstenfalls gibt es Hegemonial-Verhältnisse, welche die Identitätsfragen aber nicht völlig tilgen.

Warum ausgerechnet sollten die Deutschen den anstehenden Herausforderungen nicht „als Deutsche“ begegnen? Sie werden es, wenn nicht alle historische Erfahrung trügt, nur als solche können. Mein Stiefvater, an dessen geplagtem Leben ich unsere Frage zuerst abschilderte, hatte es da eigentlich noch leicht. Er fühlte sich nie aus der deutschen Obligation als seiner zentralen politischen Identität entlassen. Der Großteil der im Geltungsbereich des Grundgesetzes lebenden Bevölkerung in Mitteleuropa muß dies erst wieder lernen; kurzzeitig aufflackernde Schockerfahrungen wie etwa durch die Terrorakte zur Olympiade München 1972 oder die mit „Schleyer“- und „Mogadischu“ gekennzeichneten Erlebnisse bedingen noch nicht engeres Zusammenrücken und Besinnung auf gemeinsames Schicksal, bewirken dies mithin auch nicht. Und die Hoffnung, der Kelch werde weiterhin an den Deutschen vorübergehen, garantiert ebensowenig Entlastung von politischen Herausforderungen wie der besorgte Hinweis, eine Mobilisierung „als Deutsche“ in der Bundesrepublik brächte unweigerlich die doch so schön stillgestellte „gesamtdeutsche Frage“ wieder auf die Tagesordnung. Sie war daraus nämlich nie verschwunden, sondern bloß verdrängt, und das auch nur unter den Gesellschafts-Bürgern der Bundesrepublik.

 

Hans-Joachim Arndt, 1923 in Magdeburg geboren, im Krieg Seeoffizier, Dr. phil. 1952, Praxis in Wirtschaft und Politik, 3 Jahre in USA und Frankreich. Seit 1968 hat er in Heidelberg einen Lehrstuhl für Politologie inne. Professor Arndt ist die Rechtfertigung dieser Wissenschaft: mit seinem aufsehenerregenden Buch „Die Besiegten von 1945“ (1978 bei Duncker & Humblot) hat er Gericht über die Entwicklung seines Fachs seit 1945 gehalten und den „Versuch einer Politologie für Deutsche“ gewagt.

 

1 Die zu modischem Rang emporgestiegene „Sozialisationsforschung“ der systematischen Sozialwissenschaften operiert leider so stark „sozial-, staats-, familien-, eltern- und autoritäts-kritisch“ voreingenommen, daß sie die eigentlich historische und damit die staats- und nationalpolitische Dimension fast völlig verschenkt. Nach Schelsky (Die skeptische Generation, Düsseldorf, 1957, 19634) ist keine historisch-soziologische Generationsanalyse mehr erschienen; für einen kleinen Versuch, in Anlehnung an Karl Mannheim, vergleiche Lepsius: Wahlverhalten, Parteien und politische Spannungen, in PVS Heft 2/1973, S. 295 ff.
2 Bei den Analysen zu meinen „Die Besiegten von 1945“ Berlin 1978, erwies sich anhand der Auswertung von politologischer Literatur der infrage stehenden Jahrgänge, daß diese „Zweite-Weltkriegs-Generation“ noch die Geburtsjahrgänge bis 1933 umfaßt, die Drittes Reich und Zweiten Weltkrieg bereits einigermaßen bewußt aufgenommen hatten.
3 Vgl. dazu die Bemerkungen in Criticón 57, S. 38, über zwei Artikel, bezeichnenderweise aus Zeitschriften für Heimatvertriebene: „Die jetzt aus dem aktiven Berufsleben ausscheidende Generation ist nicht nur die letzte, die in den Vertreibungsgebieten geprägt wurde, sondern auch die letzte, die von ihrer Erfahrung her noch aus Deutschen, nicht aus Bundesrepublikanern und DDRlern besteht. Und Deutsche waren seit Kriegsende eben nicht mehr gefragt.“ – So gut wie völlig unbemerkt außerhalb der „Betroffenen“ blieb – trotz inzwischen 3. Auflage – Erich Schwinge: Bilanz der Kriegsgeneration, Marburg 19793.
4 Protokoll der Sitzung des Deutschen Bundestages vom 17.5.1979, wiederabgedruckt in: Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen: Zehn Jahre Deutschlandpolitik, Die Entwicklung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik 1969 bis 1979, Bericht und Dokumentation, Melsungen 1980, S. 444.
5 In diesem Sinne wäre Ernst Forsthoff zu verstehen (Der Staat der Industriegesellschaft, München 1971, S. 61): „Das Grundgesetz ist nicht das Ergebnis einer politischen Entscheidung, sondern das Produkt einer Lage.“ über die Entwicklung dieser Aussage bei Forsthoff selbst vgl. Sander, in: Criticön 57, S. 15 und 21, sowie Sander, Rezension von Forsthoff, Der Staat der Industriegesellschaft, in: Neue Deutsche Hefte, 137, 1973, S. 108 ff.
6 Vgl. dazu Nolte, Ernst: Was ist bürgerlich? Stuttgart 1969.
7 Zu Schumacher vgl. Bucylowski, Kurt Schumacher und die deutsche Frage, Stuttgart 1973; Jodl war selbst in den Augen des amerikanischen Hauptanklägers in Nürnberg, Robert H. Jackson, „ein ehrbarer und vorbildlicher Soldat“; die Hauptspruchkammer in München rehabilitierte ihn 1953 posthum als „tatsächlich unschuldig im Sinne der Nürnberger Anklagen“, sich dabei u.a. stützend auf die Feststellung des einstigen französischen Richters beim Nürnberger Tribunal, Donnedieu de Vabres, „seiner Auffassung nach sei die Verurteilung des Generalobersten Jodl nicht zu halten und ein Fehlurteil gewesen“. Dazu Irving, Der Nürnberger Prozeß, deutsch München 19792, S. 93, 101.
8 Unter dem Titel „Die anachronistische Souveränität“ veröffentlichte der Politologe Czempiel im Auftrag der Sektion Internationale Politik der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft die Auffassung „zum Verhältnis von Innen- und Außenpolitik“, die inzwischen weitgehend herrschende Lehre unter den Politologen geworden ist (PVS-Sonderheft 1/1969).
9 So die britische Zeitschrift „Economist“ im April 1989 in ihrer Titelgeschichte: „Schmidt hätte beste Voraussetzungen, in der globalen Krisensituation eine konsolidierende Schlüsselfunktion einzunehmen – aber er lasse diese Chance ungenutzt.“ Das Blatt
stellt die Frage, „ob,Schmidt in sechsjähriger Regierungsarbeit zu müde geworden sei, um im Rahmen eines internationalen Krisenmanagements eine Hauptrolle zu spielen“, – nämlich angesichts von zwei Weltkrisen: um Iran und um Afghanistan. (Die Welt 28.4.1880) – Ähnliche Vorwürfe gegen die „weltpolitische Enthaltsamkeit der Deutschen“ erhob der französische Politologe Alfred Grosser beim VII. Frankfurter Römerberggespräch. Er warf den Deutschen vor, „sich nicht zu ihrer Stärke (zu) bekennen und die ihnen zufallende Führungsrolle übernehmen zu wollen“; die politische Führung der Bundesrepublik Deutschland sei „nicht bereit … in der Welt eine Ihrem Gewicht entsprechende Verantwortung zu tragen“. (Rhein-Neckar-Zeitung und Welt 19.5.1980).
10 Repräsentativ dafür der amerikanische Journalist William Pfaff aus Paris im „International Herald Tribune“ (wiederabgedruckt in Die Welt 4.12.78): „Kurz gesagt: Der Zweite Weltkrieg löste ein grundsätzliches europäisches Problem – zugegeben mit schrecklichen Kosten –, indem Deutschland geteilt wurde. Das Ergebnis war ein westdeutscher Staat, der fähig und auch willens war, in Frieden mit seinen Nachbarn zu leben und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Westdeutschland hat heute die richtige Größe für Westeuropa. – Ein vereinigtes Deutschland hätte dies nicht. – … Daraus ergibt sich: Niemand außerhalb Deutschland hat ein Interesse an der deutschen Wiedervereinigung. Im Gegenteil: Jeder Betroffene – die Deutschen ausgenommen – hat Interesse daran, daß die Teilung weiterbesteht.“
11 Es wird gewöhnlich nicht genügend beachtet, daß die Mitwirkung der Arbeitnehmer auf Betriebs- und Unternehmensebene, wie sie in der Bundesrepublik ab 1951/52 eingerichtet wurde, einzigartig in der Welt ist, – wie immer man über ihr Funktonieren denken mag. Möglicherweise ist sie, als die in die Gegenwart wirkende Verlängerung, zu jenem „deutschen Industriesystem“ zu rechnen, von dem Sander spricht („Von der geistigen Knechtschaft der Deutschen und ihre mögliche Aufhebung“ (unter Anlehnung an Fichte) in Criticón 57, S. 15 ff).
12 So z. B. die in Anmerkung 3) erwähnten Analysen der Kriegsgeneration. – Der Schriftsteller Siegfried Lenz rückt dann auch in seinem Roman „Heimatmuseum“ (Hamburg 1978) das „Volkstümelnde“ mit dem „Unverbesserlichen“ zusammen, nicht ohne vorher in ostpreußischer Erzählerbreite zu schwelgen.
13 Diejenigen Bewohner der Bundesrepublik, die einen Appell an „deutsches Bewußtsein“ zur Mobilisierung von Reserven in Notlagen als gänzlich inopportun, ja gefährlich empfinden, haben die Niederlage gleichsam total verarbeitet, indem sie sich selbst jetzt mit den Augen der Sieger sehen. Vgl. dazu Sander, oben Anm. 11.
14 So, in einem gleichnamigen Artikel, der Politologe und Publizist Dolf Sternberger in FAZ 23.5.1979.
15 Bezeichnend für die Ignorierung jeglichen anderen Loyalitäts-Bezugspunktes als der Verfassung eine Broschüre, die von den Kultusministern und Kulturpolitikern der Unionsparteien ausdrücklich als Antwort auf und Abwehr gegen die „Kritische Politikwissenschaft“ in der politischen Bildung herausgegeben wurde: Walter Braun; Wilhelm Hahn; Hans Maier; Werner Remmers; Werner Scherer; Bernhard Vogel (sämtlich Herausgeber): Politische Bildung. Grundlagen und Zielprojektionen für den Unterricht an Schulen, verfaßt von den Politologen und Pädagogen D. Grosser, M. Hättich, H. Oberreuther, B. Sutor, Stuttgart 1976.
16 Der Herausarbeitung des Fehlens jeglichen einzelstaatlichen oder nationalen Subjekts im wissenschaftstheoretischen Ansatz der Politikwissenschaft der Bundesrepublik diente mein Buch „Die Besiegten von 1945. Versuch einer Politologie für Deutsche samt Würdigung der Politikwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland“, Berlin 1978.
17 Protokoll der Bundestagssitzung, wiederabgedruckt in Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen: Zehn Jahre Deutschlandpolitik (s. oben Anm. 4), S. 396. – Vgl. dazu Ernst Nolte: Deutschland und der Kalte Krieg, München/Zürich 1974, S. 581 und S. 733, Anm. 17, der daran – wohl überzogene –geschichtsspekulative Folgerungen anknüpft.
18 Etwa der Politologe Kurt Sontheimer: Die verunsicherte Republik. Die Bundesrepublik nach 30 Jahren, München 1978, vgl. Rezension hierzu von David Schoenbaum in FAZ 3.7.1979.
19 Winfried Martini: Freiheit auf Abruf. Die Lebenserwartung der Bundesrepublik, Köln/Berlin 1960; Rüdiger Altmann: Späte Nachricht vom Staat, Stuttgart 1968; Ernst Forsthoff: Der Staat der Industriegesellschaft. Dargestellt am Beispiel der Bundesrepublik Deutschland, München 1971. – Der gemeinsame Nenner dieser drei Autoren ist die Kritik am „Staat ohne Ernstfall“.
20 Wiederabgedruckt in Heinrich Schneider: Politische Bildung in der Schule, 1. Band, Darmstadt 1975, S. XIII.
21 Hans Freyer: Von der Volksbildung zur politischen Schulung, in Die Erziehung, Leipzig, Oktober 1933, S. 1. – Den Hinweis auf diese Stelle verdanke ich Herrn Ludwig Blanck-Conrady, Düsseldorf.
22 Westermanns Monatshefte 5/80, S. 104. Das Bavaria-Gutachten wird dort zitiert von Christine Brückner in einem Beitrag anläßlich der Verfilmung zweier ihrer Schlesien-Romane. Das Gutachten gab offenbar den Anstoß zu diesen Fernsehfilmen.
23 Tolstois „Krieg und Frieden“ erschien 1864 bis 69, also 50 Jahre nach Napoleons Niederlagen, welche die kriegerischen Auseinandersetzungen um die französische Revolution einstweilen zum Stillstand brachten. – Ein polnisch-jüdischer, im britischen Exil lebender Filmautor und Regisseur hielt mir einst entgegen, eine epische Bewältigung des Holocaust Europas seit 1914 sei bis heute deshalb noch nicht möglich, weil diese Ereignisse noch nicht zu einem historischen Abschluß gekommen seien, den erst ein Dritter Weltkrieg besorgen könne. Aber als Tolstoi „Krieg und Frieden“ schrieb, war die mit den „Ideen von 1789“ angebrochene Epoche noch keinesfalls „erledigt“, und einige wenige Historiker (aber eben nicht Epiker) haben sich heute bereits an der deutenden Schilderung der Folgen der „Ideen von 1914“ versucht, so z. B. der hungaro-amerikanische Katholik John Lukacz: The Last European War, dtsch. Die Entmachtung Europas. Der letzte europäische Krieg 1939 bis 1941, Stuttgart 1978.
24 Dazu in abgewogener Kritik Alfred Schiekel: Zeitgeschichte am Scheideweg, FAZ 16.1.1980.
25 Der Politologe Klaus Mehnert (Jugend im Zeitbruch. Woher – Wohin?, Stuttgart, 1976) versucht, dieses globale Phänomen zu
26 Walter Lippmann: The Good Society, 1936, dtsch: „Die Gesellschaft freier Menschen“, Bern 1945, S. 471.
27 Edmond Taylor: Richer by Asia, Boston 1947, p. 266/67 (Übersetzung von mir).
28 Daß im Geltungsbereich des Grundgesetzes (also in Westdeutschland) möglicherweise bereits „zwei Völker“ leben, zwischen denen ssich ein Abgrund an Mißtrauen aufgetan hat, davon gibt der nachfolgend zitierte Brief an Simon Wiesenthal eine Ahnung (aus Rolf Vogel: Das Echo – Widerhall auf Simon Wiesenthal, Stuttgart 1979, S. 72/73): „Sehr geehrter Herr Wiesenthal! … Für meine eigene Einstellung, für meine Pflichten meiner Familie, besonders meinen Söhnen gegenüber und nicht zuletzt für mein konkretes Verhältnis gegenüber Ihrem Volk brauche ich Klarheit über meines Vaters Vergangenheit. Ich habe zwar keinen konkreten Verdacht, doch beunruhigt mich sein Einsatzort im Krieg. So bitte ich Sie um Auskunft über … Die obigen Angaben stammen aus den Unterlagen meines Vaters. Falls Sie irgendwelche Angaben über meinen Vater gesammelt haben, wollen Sie mir das Wichtigste mitteilen – ohne jede Schonung. Ich danke Ihnen im Voraus und erlaube mir, Sie in Demut zu grüßen. G. O.“ – Die in diesem Brief zum Ausdruck kommende „Spaltung“ dürfte unter den Bewohnern der DDR weit weniger stark vertreten sein, da dort das gesamte „Volk“, die Alten wie die Jungen, unter einer von ihnen beiden abgelehnten Herrschaft leben müssen, – außerdem hat das offizielle DDR-Bewußtsein die Holocaust-Problematik dadaruch „bewältigt“, daß die Verantwortungskontinuität den faschistischen Besiegten aufgelastet wird, und es diese Besiegten offiziell in der DDR nicht mehr gibt.
29 Zur Abgrenzung der historischen Kohorten vgl. oben Anm. 2.
30 Der Haupt-„Erfolg“ waren Unruhe und Polemik unter den damaligen Ultra-Linken, die bereits in dieser milden Form von Rückbesinnung auf gemeinsames Schicksal „Faschismus“ witterten (vgl. dazu Opitz, Reinhard, der große Plan der CDU: Die „Formierte Gesellschaft“. In: Argumente zur Zeit (17), Sonderdruck aus Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 9, 1965, Pahl-Rugenstein, Köln.
Autor: Hans-Joachim Arndt
Titel: Über die Belastbarkeit der Deutschen im Falle ihres Rückrufs in die Geschichte
Erstveröffentlichung in: Criticón 60/61, Juli/Oktober 1980, S. 163-172
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2015041
URL: https://scholien.wordpress.com/lizentiatur/2015041-2/

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