Hans-Joachim Arndt: Reich und Modernität

Zur Einordnung von Meier-Steins Unterfangen

Wie Deutschland, die Deutschen und alles Deutsche überhaupt, hat das Geschehen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch die spezifisch deutsche Politikinstitution und ihre Idee, nämlich „das Reich“, nur noch als negative Wirklichkeit, als Böses und Schuldiges, als auszutilgende Erinnerung zugelassen. Was politische Potenz, auch schon Latenz, selbst Begrifflichkeit und Namen betrifft, so gilt der herrschenden Meinung – ob in Rechtslehre, in Historiographie, in Politischer Ideengeschichte – „das Deutsche Reich“ als am Ende, zu Ende. Selbst der journalistische Sprachgebrauch des Auslandes hat „the Reich“ wie ein Höllenwort fallen gelassen. Seit 1945 erscheinen über es, wenn überhaupt etwas diesseits des Saumes der Unbelehrbaren und Unverbesserlichen, nur noch Abgesänge.

Meier-Steins Das mittelalterliche Reich als Idee nationaler Erneuerung 1918-1945 will kein solcher Abgesang sein, hält Positionen offen im Felde von Reich und Modernität, und so droht ihm die Abschiebung in den erwähnten Saum, hat auch schon begonnen mit der Schwierigkeit, das Werk im akademischen Bereich und im Verlagswesen zu placieren. Wie in vergleichbaren Fällen, so hat auch hier die Erwartung (und Vermeidung) von ostrazistischer Abschiebung ihren Niederschlag gefunden in Nuancen von Stil, Duktus, sogar des Ansatzes durch den Autor selbst. Das letzte, die Gegenwartslage von 1945 bis 1995 betreffende Kapitel 7 gerät mehr zu einem vorsichtigen Nachtrag als zu einer abschließenden Betrachtung. Das ursprünglich wohl als Fazit aus der Fragestellung entwickelte Kapitel 6 („Reichsidee und Nationalstaatsgedanke im Mittelalter“) endet zurückhaltend mit vielen Fragezeichen Fragwürdig-Erklärungen und Vorwürfen über „Unhistorisches“.

Doch überzeugt auch wieder letztlich der Mut, das so mit Brisanz geladene Thema nicht von vornherein unterm dem Stigma der Verruchtheit zu behandeln, sondern abgewogen und distanziert; und solcher Mut erfordert Anerkennung, auch wenn des Verfassers absichernde Rösselsprünge ganz gelegentlich etwas ermüdend und uneinsehbar wirken. Anerkennung verdient allein schon des Verfassers Antwort auf die methodologische Frage, wie man so etwas überhaupt macht: das mittelalterliche Reich und die Modernen zusammen-zu-denken, und wie man so etwas heute macht. Meier-Stein vermeidet eine rein historiographische Darstellung, der bei der Grätschbreite über so viele Epochen hinweg der Vorwurf der Unhistorizität nie erspart bleiben würde, ganz abgesehen davon, daß die ab 1945 – als „herrschende Meinung“ – zur Herrschaft gelangte Geschichtswissenschaft eine Reichsgeschichte im 20. Jahrhundert. nicht so begeistert begrüßen würde, wie der Verfasser. sie darstellen könnte. – Proben solcher, heute querliegenden, Geschichtsschreibung flicht der Verfasser immerhin da ein, wo die Wirkung von Ideen in der Wirklichkeit nachgewiesen werden muß, um zu verhindern, daß das Ganze im bloß Ideengeschichtlichen, also im Ideologische-Propagandistischen verharrt, – so etwa im Kapitel 3 („Reichsidee und Nationalsozialismus“), besonders bei der Schilderung der letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges.

Die strikte Historiographie dominiert jedoch nicht; die Arbeit ruht auf „systematischen“ Behandlungsweisen, – aber gerade nicht auf solchen, wie sie die Reichs-Abhandlungen vor 1945 – und bis ins Mittelalter zurück – überwiegend bestimmten. Dogmatisch Kritik-abweisende Prämissen, wie sie jede theorietisierung von Geschichte ins Geschichtsphilosophische oder gar theologische mit sich bringt, sucht der Verfasser zu vermeiden; dezidiert zurückgewiesen wird damit „Politische Theologie“. Meier-Stein spricht schon darüber im propädeutischen 1. Kapitel abweisend as von „Geschichtsmythologie“, die den „Erfahrungsraum verengt“. – Einen anderen, oft beschrittenen Weg zur Substantiierung von Wahrheitsansprüchen geht der Verfasser auch nicht: nämlich den über Rechtsdogmatik und Institutionenlehre. So wenig wie über Kirchenrecht und Kirchengeschichte nähert sich Meier-Stein über Staatsrecht., „Allgemeine Staatslehre“ und (Staats-)Verfassungsrecht und – geschichte dem Gegenstand. Er weiß, daß es eine „Allgemeine Reichslehre“ für das Deutsche Reich als historisches Individuum nicht gibt, nicht gab und nicht geben kann; Hegel hat seine Allgemeine Staatslehre“ als Rechtsphilosophie entwickelt und nicht als Reichsphilosophie; seine Schrift über Die Verfassung Deutschlands von 1802 beginnt mit dem Satz: „Deutschland ist kein Staat mehr“ und fährt fort: „Was nicht mehr begriffen werden kann, ist nicht mehr“. Im 19. Jahrhundert, nach Hegel, las man dann, daß Deutschland eben nie Staat, sondern Reich war, und Staat erst werden sollte. – Ganz zum Schluß der Staatengeschichte erschienen dann Theorien, die nur fälschlich als „Allgemeine Reichslehren“ begriffen werden konnten, etwa Imperialismustheorien à la Lenin. Meier-Stein henkt schenkt sich ihre Erörterung – die in ein (ausgelassenes) Kapitel „Das Reich und die Sozialismen“ gepaßt hätte und die, trotz Eingehens auf „die soziale Frage“, auch das Kapitel 3 nicht enthält – nicht ohne Grund, denn das Thema gehört zur Staats-Entwicklung, nicht zur Reichs-Entwicklung.

Aus ähnlichem Grunde wohl nimmt Meier-Stein auch Abstand von einer Behandlung Carl Schmitts (der, wie auch Otto Westphal, nicht einmal im Literaturverzeichnis genannt wird). CS hat – trotz einer hochpolitischen Rezension von Christoph Stedings Das Reich und die Krankheit der europäischen Kultur – als „Lehrbuch“ nie eine „Reichslehre“ geschrieben, sondern 1928 eine Verfassungslehre, bezogen auf Staaten, nicht auf Gesellschaften, auch nicht auf „Das Reich“. – Vom Nomos führte sicherlich eine Spur zum Reich, aber CS hat sie nicht verfolgt, ebensowenig wie er übe die Politische Theologie eine Wegweisung in Richtung auf das Reich gab: hier hätten sich dichteste Berührungen ergeben, aber diesen Pfad vermied wiederum Meier-Stein, wohl weil ihn dieser zu nahe an die abgelehnte Geschichtsmythologie zu bringen schien.

So bleibt für unseren Autor, der es unternimmt, „die Begründung des modernen Reichsgedankens der zwanziger und dreißiger Jahre mit der mittelalterlichen Reichstradition zur wissenschaftlichen Diskussion zu stellen“ (so der Anfangssatz des Kapitel 6, das ein Fazit entwickeln soll), und der als „Modernität“ eben die Ausklammerung der Objektivitäten von Theologie, Philosophie und Rechtswissenshaft gelten läßt, nichts anderes übrig, als jene magere Allgemeinheit aller Säkularisierer als letzten verbleibenden Standard zu benutzen; und es präsentiert sich die Systematik der Abhandlung Meier-Steins als deskriptive Klassifikatorik von Autoren der „Politischen Theorie“. Genau diese spiegelt sich dann auch in der Gliederung der Kapitel wieder: nach einer propädeutischen Einleitung folgt Kapitel 2 als „Reichsideen im deutschen Nationalismus“, darauf Kapitel 3: „Reichsidee und Nationalsozialismus“ (diesmal im Singular!), dann Kapitel 4: „Das Reich als mitteleuropäische Föderation und Kulturimperium“ (die „liberalistische Linie). Kapitel 5: „Reich und Katholizismus“; wie schon festgestellt: „Reich und Sozialismen“ bleibt ausgelassen, soweit nicht in Kapitel 3 mit abgehandelt.

Sicher ist solche Politische Ideengeschichte unter der besonderen Aspekt des Reiches mit bloßer deskriptiver Klassifikation ein magerer Wahrheitsersatz, aber es liegt doch ein Verdienst darin, die „Geschichte des Reiches im 20. Jahrhundert“ einmal zusammengestellt zu haben an Hand der Verwirklichung suchenden Ideen, aber ohne sie unter eine vom Autor dekretierte Leitidee, also eine Propagandamaxime, zu zwingen. Hiermit tritt jedenfalls eine bislang vernachlässigte Art von Anthologie in Erscheinung in Konkurrenz zu den reichlich vorhandenen Ideengeschichten liberaler, sozialistischer, katholischer oder sonstwie konservativer Observanz, und neugierige junge Leute, die Fragen zum Thema haben, können nach einer Aufstellung greifen, die schildert, was gesagt wurde (und gewesen ist), ohne ihre Jugend gefährden zu lassen durch vorfabrizierte, diktierte antworten. Dabei nutzen sie noch ein formales Element dieser Sammlung, von dem gewöhnlich nur die negative Seite kritisiert wird: die recht zahlreichen langen Zitate können Wissensdurst stillen helfen, ohne den Fotokopierer bemühen zu müssen. Die Fundstellen sind durchweg zuverlässig angegeben. Das Dilemma, in das die meisten Antworten auf die Fragen nach einem Deutschen Reich im Zeitalter der Modernität bisher geraten sind, zeigt die fleißige Sammlung von Hans-Georg Meier-Stein gerade infolge ihrer reichlichen Zitate deutlich genug. So, wenn er in dem – ursprünglich als Abschlußkapitel geschriebenen – Kapitel 6 (dessen Titel und Einleitungssatz wir oben nannten) als Fazit am Ende festhält: „Ungeachtet der also möglicherweise bestehenden Kontinuität dürfen Paralelitäten zwischen Mittelalter und Moderne nur sehr vorsichtig gezogen werden, und dies betrifft insbesondere den Reichsgedanken. Zwar hat die moderne Reichsidee ebenso wie die mittelalterliche einen eschatologischen Charakter: Geschichte läuft auf ein harmonisches Endreich zu, das die Vollendung aller bisherigen Geschichte bringt. Aber die modernen Eschatologie ist rein säkular. Das Dritte Reich als Endreich ist ein germanisch-deutscher Weltstaat (und vielleicht noch nicht einmal ein Nationalstaat), der in einer von Technik und Wissenschaft bestimmten Zeit von christlicher Transzendenz abstrahiert.“ Und der Schlußsatz dieses Fazit-Kapitels 6 lautet: „Die Theologen und Universalhistoriker des Mittelalters sind überzeugt, daß mit Christus ein neues, aber letztes Zeitalter begonnen hat, daß das römische Imperium das letzte in der Geschichte ist, sein Ende mit dem Weltende zusammenfällt, als am Ende des irdischen Geschichtsverlaufs zu stehen. Die für den modernen Reichsgedanken so bezeichnende Vorstellung, von der Zukunft eine Epochenwende zu erwarten, sie gar zu fordern und voluntativ durch menschlichen Eingriff ins Werk zu setze, zu neuen Ufern aufzubrechen und eine neue unbegrenzte Zukunft der Menschheit oder der Nation einzuleiten – diese Vorstellung ist den mittelalterlichen Geschichtsphilosophen undenkbar; sie setzt vielmehr voraus, daß ‚Gott tot ist‘, wodurch erst die totale Verfügbarkeit des Menschen über die Erde möglich wird. Die moderne Reichsidee mit ihrer Zukunftsweisung in ein Drittes Reich als politisches und soziales Endreich setzt also somit die Säkularisierung des alten Reichsgedankens, die Loslösung von dessen sakraler und religiöser Legitimation voraus, mithin die Herausbildung zu einer autonomen Größe.“

Siehe da: ohne Politische Theologie kommt keine Analyse aus, selbst nicht die einer „autonomen Größe“, die einerseits an Carl Schmitts Politische Theologie II erinnert, aber auch an gewisse Entscheidungen eines Bundesverfassungsgerichts vom Sommer 1995. – Folgt man solcher Analyse, wie Meier-Stein sie als Fazit vorträgt, so bedeutet die Einwirkung von „Reichsideen“ auf die Lage der Moderne (und umgekehrt) etwas, das man wohl mit „fundamentalistischem Revisionismus“ bezeichnen dürfte. Im Felde des Politischen bedeutete dies: von Versailles bis zurück nach Münster und Osnabrück bleibe kein Friedensschluß unangetastet; und im Felde der Ideen: nicht allein gilt es, die letzten großen Weltrevolutionen zu revidieren; die sozialistisch-russische unterliegt dem gerade, die liberalistischen der Engländer, Amerikaner, Franzosen sollen folgen; aber auch die Reformationen stehen zur Disposition: Calvin, Cromwell, Luther; mit Vorsicht faßt man in allem Ernst die Devise vom „toten Gott“: steht etwa die (christliche) Politische Theologie selbst zur Debatte?

Das Kapitel 7, wie wir meinten: ein Anhang, gerade 11 Manuskriptseiten lang, wohl durch die „Wenden“ ab 1989 initiiert und motiviert, fügt – der 2+4-Vertrag macht‘s möglich – nun schon den zu revidierenden Friedensschlüssen die Kriegsbeendigungs-Beschlüsse von Jalta und Potsdam hinzu; was Nürnberg betrifft, so schweigt die Politische Theologie noch. Der Nachtrag (de Kapitel 7) über 1945-95 endet mit einer enthusiastischen – wohl vorschnellen – persönlichen Feststellung des Autors, „daß die Idee von einer Konföderation Mitteleuropa und damit (sic! HJA) der Reichsgedanke seit dem Umbruch im Osten und der deutschen Wiedervereinigung wieder virulent geworden sind“. Dem schließt sich aber sogleich, unter Abstützung auf die Öffentliche Meinung, die dämpfende aussage an: „Ob die Diskussion auf einen kleinen Kreis von Außenseitern beschränkt bleibt, ist abzuwarten. … Der ‚Traum vom Reich‘, der so lange die politische Bewußtseinsgeschichte der Deutschen geprägt hatte, hat in der hedonistischen Wohlstands- und Freizeit-‚Gesellschaft‘ der BRD keine Spuren hinterlassen.“

Damit ist, zum Schluß, die deutsche Lage markiert als weit entfernt von jeglichem „fundamentalistischen Revisionismus“.

Autor: Hans-Joachim Arndt
Titel: Reich und Modernität
Untertitel: Zur Einordnung von Meier-Steins Unterfangen
Erstveröffentlichung in: Hans G. Meier-Stein: Die Reichsidee 1918-1945: Das mittelalterliche Reich als Idee nationaler Erneuerung (Summa Academica), Aschau i.Ch. (Edition San Casciano) 1998
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016077
URL: https://scholien.wordpress.com/lizentiatur/praecetum/2016077-2/
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