Hans-Joachim Arndt: Vorbemerkung des Herausgebers

Der nachfolgend veröffentlichte Bericht ist die Übersetzung eines Diskussions-Vortrages, der im Englischen den Titel „The Progress of Professional Education for Business“ trägt. Er wurde 1967 als Gast-Vortrag bei der Hundertjahrfeier der akademischen Berufsbildung (Graduate Professional Education) an der Episcopal Theological School, Cambridge (Massachusetts, USA), gehalten.

Der Vortragende, Kenneth R. Andrews, ist „Donald K. David Professor of Business Administration“ an der Harvard Business School; er ist verantwortlich für das Advanced Management Program, das 13wöchige Weiterbildungsprogramm der Harvard Business School für erfahrene Führungskräfte der Wirtschaft und der Regierung. Professor Andrews ist Autor von „The Case Method of Teaching Human Relations and Administration”, Cambridge 1953; „The Effectiveness of University Management Development Programs”, Boston 1966, sowie von anderen Büchern und Zeitschriftenaufsätzen.

Die Ausführungen von Kenneth R. Andrews sind für den deutschsprachigen Leser von doppeltem Interesse: einmal wegen ihres Inhalts, zum anderen wegen ihres Anlasses. Was den Anlaß betrifft, so ist er – auf die Verhältnisse der Bundesrepublik übertragen – nicht einfach damit vergleichbar, daß ein Ordinarius für Betriebswirtschaftslehre einen Gastvortrag zur Jubiläumsfeier einer theologischen Fakultät oder Hochschule hält. „Business“, „Management“ oder „Administration“ umfaßt in den USA mehr und anderes als nur Betriebswirtschaft, sogar mehr als Unternehmensführung, nämlich „Leitung“ schlechthin, sei es von Unternehmen, Behörden, Gewerkschaften und selbst Kirchenorganisationen.

„Profession“ wiederum hat im Englischen zum Teil die Bedeutung und den Status, die im Deutschen die sogenannten „akademischen Berufe“ aufweisen: Arzt, Jurist, Theologe, Gymnasiallehrer, Hochschulingenieur u.a. Die Entwicklung des Berufes der Führungskraft in der Wirtschaft, die in den USA über das „Scientific Management“ zum „Professional Management“ führte, wird jedoch nur dann voll verstehbar, wenn man weiß, in welcher besonderen Art die Vorbildung für diesen Beruf in den USA „akademisch“ ist. Die Business Schools, die sich dort während der letzten Jahrzehnte als Teil von Universitäten oder als selbständige Hochschulen entwickelten, streben auf nachdrückliche Weise Praxisnähe und nicht akademische Welt- und Tatferne an, und zwar so sehr, daß eine gewisse Entfremdung von den übrigen, mehr klassisch an Wahrheit und Erkenntnis orientierten Forschungs- und Lehreinrichtungen gelegentlich nicht zu übersehen ist.

Der Streit darüber, welche Seite hierbei mehr im Irrtum über ihre eigentliche Aufgabe ist, dauert in den Vereinigten Staaten an; in der Bundesrepublik steht er erst am Beginn, jedenfalls was die Universitäts-Vorbildung und die Weiterbildung durch Universitäten im Bereich der Unternehmensführung betrifft. Andere „akademische Berufe“, wie der Arzt, der Jurist, der Seelsorger, entwickelten in Deutschland bereits seit langem Vor- und Ausbildungswege, die die akademisch-wissenschaftliche Seite nicht vernachlässigen, jedoch besondere Zwischen- oder Endphasen einschalten, die die Praxisnähe einer im amerikanischen Sinne „professionellen“ Ausbildung sicherstellen sollen, nämlich der Ausbildung für einen Führungs- oder Verantwortungs-Beruf, nicht nur einen Fachberuf.

Es ist diese Lage, die es dem Herausgeber besonders angebracht erscheinen läßt, Bericht und Urteil eines anerkannten amerikanischen Hochschullehrers, Gelehrten, Berufserziehers und Kritikers zum Thema der professionellen Ausbildung zur Wirtschaftsführungskraft der deutschsprachigen Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der Episcopal Theological School, Cambridge, gebührt der Dank für Nachdruckerlaubnis und Übersetzungsrechte, dem Autor für seine Zustimmung und Unterstützung.

Autor: Hans-Joachim Arndt
Titel: Vorbemerkung des Herausgebers
Erstveröffentlichung in: Kenneth R. Andrews: Die Entwicklung der Unternehmerausbildung in den USA (Veröffentlichungen des Deutschen Instituts zur Förderung des industriellen Führungsnachwuchses). Hrsg. und bearbeitet von Hans-Joachim Arndt, Essen: W. Giradet 1968, S. 7f
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016078
URL: https://scholien.wordpress.com/2016079-2/