Politische Lageanalyse

Es handelt sich weniger um einen durch besondere Methoden oder Theorien bestimmten Ansatz und schon gar nicht um ein ganz neu in die Forschung eingebrachtes Vorgehen. Vielmehr soll mit der Bezeichnung politische Lageanalyse wieder in Erinnerung zurückgerufen werden, daß wissenschaftlichem Erkennen, das sich jeder Dogmatisierung versperrt, deshalb prinzipiell Grenzen gesetzt sind hinsichtlich seiner Geltungsgewißheit, Generalisierbarkeit und Universalisierbarkeit. Das trifft nicht zuletzt auf die Sozialwissenschaften zu und darunter besonders auf die Politikwissenschaft, deren Erkenntnisgegenstand bereits durch Risiko- und Kontingenzbehaftetheit grundsätzlich ausgezeichnet ist. Die Eingrenzung der Politikwissenschaft auf eine („nur“) konkrete Lagen analysierende erschien besonders aus Anlaß der Wissenschaftsereignisse in Deutschland nach 1945 geboten zu sein, weil in den Besatzungsgebieten, späteren deutschen Teilstaaten, Politologien entwickelt wurden, denen im Gegensatz zu schlichter Lageanalyse gerade umgekehrt normative oder  szientistische  Universal-Ansprüche so  stark  inhärent  waren,  daß sie  „lageinadäquat“ an der konkreten politischen Situation Mitteleuropas vorbeizielten, etwa indem sie verfassungs-, sozialstruktur- oder klassenbezogene Betrachtungsweisen dominant  setzten,  die  Lage konkreter  Völker, Nationen  oder  Einzelstaaten  aber geradezu ignorierten. (1)

Soweit und solange Politikwissenschaft („Theorie“) auf Erfahrung beruht, kann sie nie weiter vorstoßen, als politische Wirklichkeit („Praxis“) trägt. Diese Wirklichkeit aber war in aller bisherigen Geschichte die konkreter politischer Subjekte in  konkreten  Lagen (weshalb  statt  „politischer Lageanalyse“ auch  oft „konkrete Lageanalyse“ gesetzt wird).

Spezifisch für politisches Handeln wie politisches Wissen war bisher nicht das Hantieren auf Basis voll gedeckter Generalisierungen, Universalismen oder „Gesetzlichkeiten“, sondern das kontingente Handeln unter dem Risiko unvollkommener Informationen. Die notwendigen Identitäten waren jeweils letztlich „nur historisch“ zu begreifen (2), was heißt: Alle verwendeten Begriffe und Generalisierungen, aber auch Normen und Werte unterlagen – weit über eine positivistisch-instrumentalistische Einschränkung als Idealtypen (3) hinaus – der prinzipiell ihre Kontingenz bewahrenden historischen Konkretisierung durch Zeit, Ort, Periode und Epoche.

Eine konkrete, weil politische Lageanalyse muß deshalb auf jede endgültige Dekkung durch kausalistische, normative und auch dialektisch-geschichtsphilosophische Generalien und Universalien verzichten, seien sie biologistischer, anthropologischer,  geographischer  oder  sonstwie  naturwissenschaftlicher  Herkunft  oder menschen- oder  naturrechtlicher,  staats-  oder  volksmethaphysischer Provenienz.

Wenn (und insoweit als) Normen mit hoher Dauerwirkung respektiert werden und wurden (auch in Wissenschaft und Politik, etwa die Institution der Katholischen Kirche oder die abendländisch-christliche Moral), so verlieren sie dadurch weder den Risikocharakter ihrer historischen Kontingenz, noch überschreitet dieser Vorgang den Bereich der Erfahrung.

Dies  „Prinzip  Erfahrung“ (4) gilt auch für alle grundsätzlichen Rückbezüge des Politischen. So erscheint eine Universalisierung des Bezuges auf „das Individuum“ (oder „den Menschen“) als ebenso lageinadäquat wie die Hypostasierung von Klasse oder „Menschheit“ zu den einzig legitimierten politischen Gesamt-Kollektiven. (5) Die polemologische, pluralistische Komponente aller bisherigen Politik setzt mindestens „zwei Parteien“ voraus (6); wo eine dieser Parteien die „Menschheit“ zu vertreten  vorgab,  kriminalisierte  sich  Politik  unweigerlich;  der Gegner  wurde  zum „Unmenschen“ abqualifiziert. (7) Es folgt daraus, daß es für das politische Phänomen Herrschaft bislang noch keinen abstrakten Imperativ gab noch geben konnte. Welches konkrete Subjekt jeweils in konkreter Lage (d.h.: zu konkreter Zeit an konkretem Ort) „herrscht“ oder herrschende Meinung bildet oder Gehorsam findet oder erzwingt oder „Macht ausübt“ oder „Macht hat“ (8), besser: „Macht ist“, ist und bleibt demnach eine empirische Frage und ist weder normativ noch szientifisch-kausalistisch festzulegen. Politische Kollektivsubjekte haben sich in der Geschichte bislang als sterblich erwiesen; in diesem Zusammenhang stehen auch die Unlegitimierbarkeit ihrer konkreten Existenz (9) und die „bloß historische“ Ableitbarkeit ihres Entstehens. Reziprok gerinnt dann jegliche Diskreditierung und Diskriminierung von Herrschaft als „bloß naturwüchsig“ (10) zu einer Leeraussage. Unter dem Vorsichts- und Rücksichts-Gebot konkreter, weil politischer Lageanalyse müssen alle Moralen, Ideen und Ideologien auf mehrere „Wers“ (11), also auf „konkrete Personen“ (nämlich politische Kollektive), reduziert werden und reduzierbar bleiben. Ob denn nun z.B. im Mitteleuropa der Gegenwart Einzelstaaten die politisch handelnden Kollektivsubjekte sind (also „herrschen“) oder Völker oder Nationen oder Hegemonialmächte oder diese oder jene „Klasse“ oder die jeweiligen Eliten, bleibt empirisch bestimmbar. Das gleiche gilt für politische Gruppen, welche die so festgestellten  empirischen  Herrschaftsansprüche  oder  Herrschaftsverwirklichungen bestreiten, gegebenenfalls bestreiten können. Die jeweiligen Utopien solcher Bestreitungsgruppen können dann in diesem Zusammenhang politisches Gewicht gewinnen – nicht jedoch ein utopisches Programm von irgend jemand, etwa einzelner politologischer Forscher.

Insoweit richtet die politische Lageanalyse ihre Aufmerksamkeit eher auch die Auseinandersetzungen  zwischen  „konkreten  Mächten“  als  auf  einen  abstrakten Kampf um abstrakte „Macht“ und deren Einschränkung oder Abschaffung, etwa durch Verfassungs-„Prinzipien“. Andererseits rückt, durch ihre Betonung konkreter Subjekte in konkreten Lagen, eine solche Politikwissenschaft sehr nahe an die Geschichtswissenschaft heran, auch an die Geographie, speziell die Politische Geographie, gar eine Geopolitik. (12) In der Tat halten einige eine Abgrenzung jeweils nur pragmatisch und nicht prinzipiell für möglich und tunlich. Es erleichtert dies auch eine theoretisch unaufwendige Lösung des so strapazierten „Theorie-Praxis-Problems“. Wissenschaft treiben ist gar nicht „etwas anderes“ als Politik treiben; der Wissenschaft bleibt nur (soweit sie innerhalb der Institution „Universität“ betrieben wird) das sogenannte „politische Mandat“ versagt, also die Anwendung der Erkenntnis auf politisches Entscheiden. Der Grund für diese politische Enthaltsamkeit der Universität ist auch wieder nur ein „bloß historischer“; auch diese „Norm“ beruht auf (institutionalisierter) „Erfahrung“ und ist durch politische Dezision immer gefährdet, weil überholbar. Abgesehen von dieser Differenz gilt dann aber sowohl die vieldiskutierte „Wertneutralität“ als auch eine „rationale“ Forschungs-Strenge für Wissenschaftler wie für Politiker: Beide müssen den Zwang zum Risiko und zur Kontingenz illusionslos aushalten. Dieses Ertragen der Kontingenz ist offenbar nicht jedermanns Sache und kann auch wohl nur schwer zu jedermanns Sache gemacht werden. Politische Lageanalyse scheint deshalb durchaus geeignet sowohl für anspruchsvolle wissenschaftliche Aus- und Fortbildung als auch für Entscheidungshilfen in politischen Lagezimmern. Nicht geeignet ist sie offenbar als Grundlage für breite politische Erziehung wie für politische Agitation. Wissenschaftstheoretische  Grundsatzreflektionen  zu  einer  Politikwissenschaft  als  konkreter Lageanalyse (über Max Weber und Alfred Webers geschichtssoziologische Konstellations-Analyse hinaus) sind bislang wenig gepflegt worden. Einen Versuch in Anlehnung an Kant legte Ernst Vollrath vor (13); neuerdings nähert sich Bernard Willms einer konkreten Lageanalyse. (14) – Eine der besten politischen Lageanalysen hat Karl von Clausewitz vorgelegt. (15)

1) Vgl. dazu Hans-Joachim Arndt: Die Besiegten von 1945. Versuch einer Politologie für Deutsche samt Würdigung der Politikwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 1978.
2) Vgl. Hermann Lübbe: Was heißt: „Das kann man nur historisch erklären?“, in: R. Koselleck / W.-D. Stempel (Hrsg.): Geschichte – Ereignis und Erzählung, München 1973, S. 542-553.3 Dazu Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Hrsg. von Johannes Winckelmann, Tübingen 1985(6) (zuerst 1904/1919).
4) Helmut Schelsky: Die Arbeit tun die andern. Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen, Düsseldorf 1977(2).
5) Vgl. Carl Schmitt: Der Begriff des Politischen. Text von 1932 mit einem Vorwort und drei Corollarien, Berlin 1979; Arnold Gehlen: Moral und Hypermoral. Eine pluralistische Ethik, Wiesbaden 1986(5) (zuerst 1969); Georges Burdeau: Einführung in die Politische Wissenschaft, Neuwied 1974.
6) Vgl. Hannah Arendt: Vita Activa oder Vom tätigen Leben, München 1987(4) (zuerst 1960); Julien Freund: L‘essence du politique, Paris 1965.
7) Vgl. Reinhard Koselleck: Zur historisch-politischen Semantik asymetrischer Gegenbegriffe, in: Positionen der Negativität. Hrsg. von Harald Weinrich. (Poetik und Hermeneutik. Arbeitsergebnisse Forschungsgruppe VI), München 1975, S. 65-104.
8) Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Hrsg. von Johannes Winckelmann, Tübingen 1976(5)(zuerst 1922).
9) Vgl. Carl Schmitt: Verfassungslehre, Berlin 1983(6) (zuerst 1928).
10) So Jürgen Habermas: Legitimationsprobleme im modernen Staat, in: PVS, Sonderheft 7, 1976, S. 39-58.
11) Harold D. Lasswell: Politics. Who gets what, when and how?, New York 1950 (zuerst 1936).
12) Bezüglich der Geopolitik vgl. Jordis von Lohausen: Mut zur Macht. Denken in Kontinenten, Berg am See 1981(2) (zuerst 1979).
13) Ernst Vollrath: Die Rekonstruktion der politischen Urteilskraft, Stuttgart 1977.
14) Bernard Willms: Einführung in die Staatslehre. Politisch-dialektische Propädeutik, München 1979; Ders.: Die deutsche Nation. Theorie – Lage – Zukunft. Hrsg. von Günter Maschke, Köln 1982.
15) Karl von Clausewitz: Vom Kriege, Bonn 1973(18) (zuerst 1832).

Autor: Hans-Joachim Arndt
Titel: Politische Lageanalyse
Erstveröffentlichung in: Pipers Wörterbuch zur Politik. Hrsg. von Dieter Nohlen. 
Band 1: Politikwissenschaft. Theorien-Methoden-Begriffe. Hrsg. von Dieter Nohlen und Rainer Olaf Schulze
München/Zürich 1985, S. 754-757
Wiederveröffentlichung in: in: Politische Lageanalyse
Festschrift für Hans„Joachim Arndt zum 70. Geburtstag am 15. Januar 1993. 
Herausgegeben von Volker Beismann und Markus Josef Klein
Bruchsal: San Casciano Verlag 1993, S. 9-12
Der hier abgedruckte Text wurde hinsichtlich der Literaturverweise überarbeitet und von seinen Querverweisen befreit.
Internet: https://scholien.wordpress.com/glossarium/politische-lageanalyse/
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2014006
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