Identitätsprobleme und der Rückgriff auf das Preußentum

Das politische Bekenntnis zu Preußen am Beispiel von Hans Lipinsky-Gottersdorf

Die bundesdeutsche Nachkriegsliteratur zeichnet sich vor allem durch folgende Merkmale aus: durch Abstraktion, durch Konformität, durch völlige Gegensätzlichkeit zur Literatur von vor 1945 und durch Bewältigung, Verdammung und Zurückweisung der deutschen Geschichte. Sie geht im Gleichschritt mit der Begründung und Legitimierung bundesdeutscher Staatlichkeit und Identität.1

Daneben aber, doch nur ganz am Rande, gab und gibt es seit 1945 vereinzelte Schriftsteller, die Literatur – und zumeist historische – gegen diesen Strich schreiben und schrieben. Einige von diesen setzen lediglich ihre Arbeit fort, die sie schon vor dem großen Umbruch in der deutschen Bewußtseinsschichte begonnen hatten, andere jedoch waren erst in der Bundesrepublik auf der literarischen Bühne erschienen. Beiden Gruppen ist indes gemeinsam, daß sie – bestenfalls – in der Presse und im offiziellen Kulturbetrieb totgeschwiegen und deshalb von der breiten Masse der Öffentlichkeit nicht zur Kenntnis genommen wurden. Wo dies aufgrund von Renommee oder trotz aller Widrigkeiten erlangter Aufmerksamkeit nicht (mehr) möglich war, erschien der Verriß, begannen Diffamierung und ein Drängen ins Abseits. Der offizielle bundesdeutsche Kulturbetrieb bewies in solchen Fällen seine Konformität und die Effizienz seiner Gleichrichtung.

Hans Lipinsky-Gottersdorf © Minne Lipinsky 1991

Hans Lipinsky-Gottersdorf

Auffälligerweise häuften sich unter den so ausgegrenzten Schriftstellern solche, die eine zumindest ungewöhnliche, wenn nicht vordergründig gar anachronistische Zuordnung zu kollektiven Subjekten erklärten, die nichts mit den in der Bundesrepublik existenten gemein hatten. Das auffallendste unter diesen Bekenntnissen ist das zu Preußen.

Preußen als Staat, als politische Gemeinschaft aber ist inexistent, ist sogar mehrfach für aufgelöst erklärt worden. Gleichwohl bezieht sich das Bekenntnis dazu nicht bloß auf eine Herkunft, wie dies zum Beispiel mit einigem Regionalpathos Bayern, Hamburger oder Sudetendeutsche für sich reklamieren. Preußen als territorial konkretisierbare und geschlossene Einheit und damit als örtliche Herkunft hat es immerhin schon länger als seit dem „Preußenschlag vom 20. Juli 1932“ oder der von den alliierten Machthabern am 25. Februar 1947 erklärten Auflösung nicht mehr gegeben, wenn es sie denn überhaupt je gegeben hat.

Der oberschlesische Autor Hans Lipinsky-Gottersdorf ist einer dieser selbst erklärten Preußen. Seinem 1968 erstmals erschienenen ersten Band seiner Trilogie „Die Prosna-Preussen“ stellte er als Motto einen Ausspruch des gleichfalls aus Oberschlesien stammenden Autors August Scholtis voran, der gleichwohl zu seinem eigenen Bekenntnis wurde: „Ich habe mein ganzes Leben an etwas gehängt, was es nicht gibt: Preußen.2 Dieses Scholtis`sche Bekenntnis wurde zum Anliegen nicht nur des Romans „Die Prosna-Preussen“, sondern bestimmte fortan das gesamte Leben und Werk Lipinsky-Gottersdorfs. Es gipfelte wenige Jahre darauf in der lauten Feststellung des seit 1947 in Köln Lebenden: „Ich bin ein Preuße und hier fremd. Ich möchte es bleiben dürfen.3 Das war kein verklärendes Trauern um längst vergangene Zeiten, sondern ein durchaus akutes und offensives politisches Bekenntnis in einer Zeit zerstörter und teilweise irreparabler Identitäten; zugleich bedeutete es einen Affront gegen die geschichtsphilosophischen und fortschrittsgläubigen Kategorien der Gegenwart, welcher Utopie sie auch immer verhaftet sein mochten. Ein solches Bekenntnis mußte und sollte die normativen Eindeutigkeiten im Bewußtsein der Nachkriegseuropäer zerstören, Warum dieser Versuch mittels eines politischen Bekenntnisses zu Preußen ausgerechnet von einem Oberschlesier gestartet wurde, wird bei einer Bestimmung der dahinterstehenden Gedanken deutlich. Es erscheint dann geradezu als zwangsläufig, daß er hier und von niemand anderem so vehement unternommen wurde.

Identität und Literatur

Der Mensch ist ein Zoon politikon. Seine Existenz ist nur in einer konkret organisierten Gesellschaft denkbar: „Der Mensch existiert politisch oder es gibt ihn nicht.“4 Zu irgendeinem politischen Kollektiv gehört ein Mensch immer. Diese Zugehörigkeit ist sein „historisches Existential“.5 Individuelle Identität ist nur möglich aufgrund kollektiver Identität. Um aber ein kollektives Subjekt identifizieren zu können, genügt keine kategoriale Definition durch Dritte, wer dieses Subjekt denn sein soll, und schon gar nicht, wenn diese Bestimmung auf die Definition eines Behandlungsobjektes hinausläuft, wie es dem Objekt „Deutsche“ nach 1945 widerfahren ist. Zumal im 20. Jahrhundert ist dies so gut wie unmöglich, da der darin tobende ideologische Weltbürgerkrieg lediglich geschichtsphilosophisch konkretisierte Legitimitäten und Freund-Feind-Bestimmungen mit sich bringt. Zwangsläufig kann mit solchen Maßstäben einer Identitätsidentifizierung, die über die Bestimmung, was – im adjektivischen Sinne – ein Objekt sein soll, keine brauchbare Antwort gegeben werden. Diese Untauglichkeit vorgebener ideologischer oder geschichtsphilosophischer Maßstäbe zur Identifizierung eines Kollektivsubjekts bedeutet indes auch, daß jeder systematische oder wertende Ansatz ungeeignet sein muß. Prämissen, Gesetzlichkeiten, Allgemeingültigkeiten, Theoreme und Theorien führen allein zu wertenden Beurteilungen und zwangsläufig zur Kontinuitätshistorie, zur Kategorisierung, nicht aber zur Identifizierung von Subjekten. Auf keinen Fall dürfen die Postulate der Gegenwart das Verständnis der Vergangenheit bestimmen, wie dies den Verlierern des Zweiten Weltkrieges geschah.6 Aus ähnlichen Gründen hilft eine selbsterklärte Identität bei der Frage nach der tatsächlichen Identität nicht weiter.

Die Frage also, wer ein kollektives Subjekt ist, seine Identifizierung, kann allein durch seine Geschichte beantwortet werden, wie die Identität eines einzelnen Menschen auch nur über seine Biographie festgestellt werden kann.7

Jean Paul Satre hat diesbezüglich das schöne Wort geprägt: „Je suis mon passé“8. Die Geschichte zu schreiben, über die Identität gefunden werden kann, ist indes nicht allein die Aufgabe der Historiker; sie kann zudem nicht von ihnen allein erfüllt werden. Hier ist vielmehr die Literatur gefordert, und zwar solche, die über Fiktion und Trivialität hinausgeht. Die Literatur hat ebenso wie die Historie die Aufgabe der Identitätspräsentation. Hugo von Hofmannsthal hat in einer Rede, gehalten im Auditorium maximum der Universität München am 10. Januar 1927, daraus die einschlägige Forderung erhoben, daß das Schrifttum der geistige Raum der Nation zu sein habe. Die Literatur solle die Suche nach Bindung unterstützen, die die Suche nach Freiheit ablöse, und das Suchen nach Ganzheit und Einheit fördern, welches von allen Zweiteilungen und Spaltungen wegstrebe.9 Das wurde in den folgenden Jahren zum Credo der sogenannten „Konservativen Revolution“, die hauptsächlich von Literaten getragen wurde,10 und es entsprach und entspricht immer noch – und dies nicht zufällig – der Aufgabe einer verorteten Literatur. Tatsächlich läßt sich die Bedeutung dieser Aufgabe der Literatur erst dann annähernd ermessen, wenn sie im Verhältnis zur Identitätspräsentation durch die Historie gesehen wird. Die literarische Form ist der etablierten und bestallten Geschichtswissenschaft Deutschland schon lange abhanden gekommen. Gerade diese einstmals bei uns so hoch ausgebildete Form ist mit der Abstraktion und mit der Veränderung der Historie durch die Sozialwissenschaften völlig verschwunden. So wurden die Ergüsse deutscher Geschichtswissenschaft immer mehr zu unlesbaren und nur noch Fachgenossen zugänglichen Produkten, wohingegen allein aus dem Ausland zu uns gekommene historische Darstellungen auch zu literarischen Genüssen führten. Damit aber kann die Geschichtswissenschaft ihrer Aufgabe nicht mehr gerecht werden.11 Vor allem anderen ging der deutschen Geschichtswissenschaft subjektiv der verortete Standpunkt verloren, Ohne einen solchen Standpunkt aber läßt sich keine Identität präsentieren. Gerade ihn aber vermag die literarische Darstellung einzunehmen und daraus Repräsentation zu verwirklichen.12

Die Geschichtsschreibung Hans Lipinsky-Gottersdorfs

Die Prosna-Preußen

Die Prosna-Preußen

Hans Lipinsky-Gottersdorf versucht Geschichte zu schreiben, Geschichte, über die Identität gefunden werden kann und soll, nämlich die der spätestens nach 1945 entorteten, verstreuten und um ihre Identität ringenden wasserpolackischen Oberschlesier, denen er selbst sich zugehörig fühlt. „Man hat mich gefragt, warum ich Schriftsteller geworden sei. Weil ich eine Geschichte zu erzählen habe, eine sehr menschliche Geschichte, gewoben aus Handeln und Leiden, trägem Nichtstun, Irrtum, Verzweiflung, Niederlage und Tod.13 Lipinsky-Gottersdorf schreibt insofern also etwas, „was es nicht mehr gibt“14: er schreibt identitätsstiftende historisch, soziologische, politische Erzählungen und Romane, die in ihrer Art völlig untypisch für die deutsche Nachkriegsliteratur, gleich welcher, sind. Hans-Dietrich Sander spricht in diesem Zusammenhang gar von einem „traditionelle(m) Repräsentationsdefekt der deutschen Literatur“15, der hauptsächlich darauf beruhe, daß im seit 1945 ablaufenden Entortungsprozeß nicht nur die deutschen Teilländer auseinanderstrebten, was notabene selbst durch die sogenannte „Wiedervereinigung“ nicht gestoppt werden konnte, sondern auch das Bewußtsein deutschen Lebens und deutscher Geschichte. Da Literatur nun jedoch nicht einfach nichts repräsentieren könne, so sei die Repräsentation in Ersatzwelt und Provinz zum „Grundgesetz der deutschen Literatur“ geworden. Was bleibt, wenn deutsche Nachkriegsliteratur überhaupt noch etwas repräsentiert, ist ein partikulärer oder ein surrogativer Weg: „Während der erste zur exemplarischen Beschreibung von Provinzen führt, weist der zweite in Ersatzwelten, assemblierte und adapierte, in phantastische Gebilde und in fremde Kulturen.“16 Beides trifft indes nicht auf Hans Lipinsky-Gottersdorf zu; er beschreitet statt dessen einen anderen Weg, den nämlich, der der deutschen Literatur abhanden gekommen ist. Gleichwohl schreibt er keine Nationalliteratur.

Der surogative Weg der Repräsentation ist ihm völlig fremd, geradezu feindlich und gegensätzlich. Keinesfalls geht es ihm in irgendeiner Weise darum, utopischen Ersatzwelten nachzuhängen oder ihnen gar Geltung zu verschaffen. Lipinsky-Gottersdorf weiß um die Wirklichkeiten und das Schicksal der Menschen, aus denen historische Identitäten erwachsen: „Das Trachten nach synthetischen Paradiesen ist kümmerliches Surrogat gelebter Wirklichkeit in der Geschichte, einer Wirklichkeit, die Alltag heißt und nach Gottes Willen so zu heißen hat, Traditionen, ernst genommen, bedeuten unmittelbare Teilhabe am geschichtlichen Alltag, bedeuten stete Solidarität mit den eigenen Vätern, die unmittelbare Kette erloschener, zu Ende gelebter Generationen hindurch.17 Er weiß vor allem nämlich – und das macht ihn so unanfällig für Ideologien, die alle auf einem utopischen Menschenbild beruhen – um die Unveränderbarkeit der Menschen und um die Zyklizität der Geschichte – und das wiederum bewahrt ihn vor jeder eschatologischen Geschichtsphilosophie, kraft derer sich Ideologien zu legitimieren pflegen. „Die zugleich großartigste wie abschreckenste Erfahrung aller Geschichte, jene Erfahrung, die jeglicher Überlieferung innewohnt, ist die von des Menschen Unveränderbarkeit. Unser Weg durch die Jahrtausende war ein immer sich wiederholendes Hinauf und Hinab; er war und er gibt kein Zeugnis von stetiger Hinaufentwicklung aus niederer zu höherer Humanität, Wie der Mensch mit seinen ersten Selbstzeugnissen in die von uns überschaubare Geschichte eingetreten ist, so ist er in seinem eigentlichen Wesen heute noch: die Möglichkeiten zum Guten und zum Bösen in der Brust, mit der Fähigkeit zur Größe und zur Niedertracht, zum Wohltun und zum Verbrechen, zum Sterben für die Seinen und zum erbarmungslosen Wüten gegen sich selbst und gegen die eigene Art.18

Der surrogative Weg der Repräsentation der Literatur ist ein Weg der „Heilen Welt“; damit aber hat Lipinsky-Gottersdorf nichts gemein: „Die Schöpfung besteht aus Heil und Unheil zu gleichen Teilen.19 Dieser Grundlage entspringt sein Werkinhalt und sein Erzählstil, der gerade aufgrund seiner Schlichtheit eine umso größere Eindringlichkeit entfaltet; das macht ihn für die Identitätsrepräsentation so unvergleichlich prägnant.20 Insofern steht seine Erzählkunst in der deutschen Literatur einmalig da; sucht man im europäischen Rahmen nach einem Vergleich, so bietet sich – vor allem auch wegen der geschilderten Grenzsituation zweier sich begegnender Welten: hie Drina, dort Prosna – allein der bosnische Literaturnobelpreisträger Ivo Andrić an. Beide gehen in ihren Erzählungen dem Menschlichen selbst auf den Grund, der Macht des Lebens, der Welt der Menschenseele, dem metaphysischen Problemen von Gut und Böse. So gilt für Lipinskys Erzählungen, was er selbst einst über Andrićs Romane schrieb: „Als Zeugnisse eines in den Feuern und Blutbädern der Geschichte gehärteten, ungeheuerlich erscheinenden Selbstbewußtseins sind sie vorab auch Taten unbeugsamen Widerstandes gegen jede Unterdrückung, sei es durch Gewalt oder Ideologie.21

Das Schreiben einer identitätsstiftenden Literatur für entortete Oberschlesier ist indes literaturtheoretisch auch nicht unter dem partikulären Bereich zu erfassen. Das wäre es durchaus, handelte es sich bei den wasserpolackischen Oberschlesiern und bei der Provinz Oberschlesien um einen Stamm und eine Gegend, die zweifellos im nationalen Sinne als deutsch zu klassifizieren wären, wie zum Beispiel die Pfälzer und die Pfalz oder die Tiroler und Tirol. Bei letzteren handelt es sich zudem – für jeden offensichtlich und einleuchtend wegen der mehrfach übereinander gelagerten Entartungen – um ein eindeutiges, wenn nicht gar das eindeutigste Beispiel für partikuläre Repräsentation und Identität. Die Provinz Oberschlesien dagegen gehörte zwar zum Staatsbegriff „Deutschland“, die – zumindest die wasserpolackischen – Oberschlesier aber nicht zum Nationsbegriff „Deutsche“. Oberschlesien ist vielleicht das anschaulichste Beispiel für ein nationales Zwischendasein unerlöster und unerlösbarer Völker: „Das ist Mitteleuropa. Da überschneiden einander die geistigen und staatlichen Ansprüche der Nationen auf wahrhaft tragische Weise. Und diese schmerzhaft wechselnden Überschneidungen haben zumal seit den letzten hundertfünfzig Jahren einen Dauerzustand leidvollen Unbehagens geschaffen.“22

Oberschlesien war seit 1163 den Piasten untertan, die als vom übrigen Polen unabhängige Oppelner Piasten bis zum Aussterben des Stammes im Jahre 1532 regierten. Dies war eine zwangsläufige Folge der anarchistischen Adelsherrschaft mit Wahlkönigtum und dem Liberum Veto in Polen, die das Land soweit zerrüttete, das die drei Teilungen im 18. Jahrhundert möglich wurden. 1355 verleibte Karl IV. ganz Schlesien der Krone Böhmens ein. Die Könige Polens leisteten 1335, 1338, 1356 und 1372 auf Schlesien Verzicht.23 Hauptsächlich bewohnt vom schwarzkroatischen Stamm der Schlesier, die im 6 Jahrhundert die Lygier und Quaden verdrängten, zogen seit etwa 1211 erste deutsche Kolonisten aus dem westlichen Deutschland nach Oberschlesien. So entstand ein Völkergemisch, daß allein in der vornationalstaatlichen Zeit unbehindert existieren konnte. Im Verlaufe der Französischen Revolution jedoch setzte sich der Trend zum Nationalstaat in Europa unaufhörlich fort, an dem solche Provinzen scheitern mußten.

Schlesien indes hatte das Glück, durch die sogenannten Schlesischen Kriege im 18. Jahrhundert an Preußen gefallen zu sein. Preußen aber wurde zum anachronistischen Hort nicht-nationaler politischer Einheit, zu einem Vernunftsstaat jenseits jeglicher rassischer, sprachlicher oder voiklicher Ausschließlichkeit. Und obwohl Schlesien zur wichtigsten Provinz des preußischen Staates wurde, die ein Fünftel der Bevölkerung ausmachte und mehr als ein Fünftel des Staatsbedarfes hervorbrachte, so garantierten die preußischen Könige der Provinz doch eine Sonderstellung, die ihrer Zusammensetzung und Eigenart gerecht wurde. Der Titel Friedrich des Großen lautete: „Wir Friedrich, von Gottes Gnaden König in Preussen, Marggraf zu Brandenburg, des Heiligen Römischen Reichs Ertzkämmerer und Churfürst, souverrainer und obrister Herzog von Schlesien etc. etc. etc.“24 Diese preußische Toleranz gestattete es den Oberschlesiern, die sich weder – im nationalen Sinne – als Polen noch als Deutsche fühlten, ihre eigene Identität als autochthone Wasserpolacken beizubehalten.25 Und so insistiert Hans Lipinsky-Gottersdorf darauf, daß die „oberschlesische Wahrheit“ sich nur dann ergebe, „sobald man die deutschen und die polnischen Bemühungen um nationale Eindeutigkeiten gleichermaßen zum Teufel schickt. Was dann übrigbleibt, ist ein schwer zu assimilierender Mischstamm aus Resten einer schwarzkroatischen Urbevölkerung aus den Zeiten des großmährischen Reichs, […] deutscher Bauernsiedler im 12. Jahrhundert und den Fußkranken jener böhmischen, ungarischen und polnischen Heerhaufen … Dieser Mischstamm, schon im 16. Jahrhundert Wasserpolaken genannt, dürfte sich in seinen Dörfern kaum jemals gefragt haben, ob er nun deutschen oder polnischen Ursprunges sei. Die Frage wurde erst virulent., als mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert massenhaft deutsche Bürger aus dem Reich und polnische Arbeiter aus Osten ins Ländchen kamen.26

Mit den Germanisierungsbestrebungen unter Wilhelm II. – wenn nicht gar schon mit der Reichsgründung von 1871 – und spätestens seit dem Dritten Reich und den nachfolgenden gewaltsamen Polnisierungen nebst Völkermord und Massenvertreibung ist diese Identität des autochthonen Stammes der Wasserpolacken zerstört worden. „Danach gab es die Provinz Oberschlesien nicht mehr, auch die Wasserpolacken sind verschwunden. Sie leben noch, hier und da verstreut, aber ihre Kinder werden Deutsche oder Polen sein.27 Nur die Wasserpolacken selber, jene preußischen Autochthonen, konnten nicht einfach in den neuen Identitäten aufgehen, so wie sie sich seit jeher dagegen gesträubt hatten. So wurden sie nicht nur geographisch entortet und vertrieben, sondern auch bezüglich ihrer geistigen Identität. Wem sollten sie schon in Deutschland oder Polen erklären, wer oder was sie tatsächlich waren, und wer hätte sie schon verstanden, da in beiden Ländern seit Jahrzehnten eine nationale Vereinnahmung der preußischen Provinz Oberschlesien und ihrer Bewohner betrieben worden war.

In genau diesem Identitätsvakuum befand sich auch Hans Lipinsky-Gottersdorf, als er in den Nachkriegswirren eher durch Zufall denn durch Bestimmung im liberalen Westen Deutschlands strandete und hängen blieb. Er hatte noch Glück, daß er in Köln blieb, dessen Bewohner schon immer eine adjektivische Liberalität im weitesten Sinne besessen haben und „jeden Jeck“ beließen, wie er war oder sein mochte. Gleichwohl befand er sich auf der verzweifelten Suche nach seiner Identität bzw. dem Kollektiv, das ihm seine Identität wiiedergeben konnte. In seinem ersten Roman „Fremde Gräser“ von 1955 noch merkt man diese Suche. Ein knappes Jahr darauf half ihm der Zufall in der Person des oberschlesischen Schriftstellers August Scholtis sozusagen „auf´s Pferd“: bei einem Gespräch in einem westdeutschen Flüchtlingslager erklärte er Lipinsky, er habe sein ganzes Leben an etwas gehangen, das es nicht gebe, nämlich an Preußen, Und Lipinsky erkannte, daß dieses Wort des August Scholtis nicht nur „seit anno 1871 auch die Wahrheit meines Großvaters, später meines Vaters gewesen“ war,28 sondern auch die oberschlesische Wahrheit und Identität schlechthin darstellte. Zugleich begriff er, „daß es ein preußischer Totentanz gewesen, was ich in den ersten fünfundzwanzig Jahren meines Lebens hier und anderswo im Osten zu sehen bekommen habe.“ Damit aber hatte er seine Identität als autochthoner Wasserpolack und das politische Kollektiv wiedergefunden, denn er begriff dieses Preußen in seiner schlesischen und so vor allem unter Friedrich dem Großen geprägten Idealform: „Es ließ seine Untertanen sein, bleiben und glauben, was immer sie wollten, wenn sie nur taten was sie sollten. Mit den unterschiedlichen Muttersprachen und «blutsmäßigem Herkommen» verhielt es sich genauso: der Staat betrachtete sie mit jenem hohen Maße an Toleranz, das aus völligem Desinteresse resultiert. Dieser Tatsache eines Geborgenseins unter der kratzigen Decke preußischer Ordnung verdankte es manch slawischer Kleinstamm, manch sprachliche Misch- und «rassische Fremdgruppe», den rasch über alle humanen Ufer bordenden Nationalismus des nachrevolutionären bürgerlichen Jahrhunderts unbehelligt überstehen zu können.29

Darum also schreibt Hans Lipinsky-Gottersdorf keine partikuläre Repräsentationsliteratur, weil die Identität, die er mit seinem Bekenntnis zum Preußentum zu vermitteln sucht, keine deutsche Teilidentität ist. Sie ist vielmehr eine eigenständige, die so nur im Schmelztiegel Mitteleuropas entstehen konnte und für die gemeinsame Zukunft eben dieses aus den ideologischen Zwangsidentitäten der Nachkriegszeit ausbrechenden Mitteleuropas Beispielcharakter hat. So kann und muß die Zukunft und Rezeption von Lipinskys Werk auch in dieser Mitte Europas liegen.

Das staatspolitische Preußentum

Das Bekenntnis zu Preußen geht bei Hans Lipinsky-Gottersdorf indes über diesen oberschlesisch-identitätsstiftenden Charakter hinaus. Es bedeutet für ihn darüberhinaus nämlich zudem und vor allem – und dies folgt aus seinem realistischen Menschenbild – ein staatspolitisches Ordnungsbekenntnis, das dem hier im Westen vorherrschenden Liberalismus und seinem utopischen Menschenbild zutiefst konträr ist. Auch dem mittlerweile verblaßenden Politikbegriff des utopischen Sozialismus stand und steht es entgegen. Preußen und sein Preußentum garantieren nach seinem Verständnis, das sich so oder so ähnlich schon bei. Fichte, Spengler und Moeller van den Bruck findet, die Identität jedes einzelnen seiner Untertanen wie auch seiner Staatsvölker nicht nur vermittels der oben angeführten absoluten Toleranz bzw. Ignoranz bezüglich jeder Unterschiedlichkeit, sondern ganz speziell auch durch sein Ordnungssystem.

Gerade aufgrund der polnischen Geschichte, die so von Anarchie geprägt war, mußte er zu dieser Einsicht kommen: „Der Staat Preußen war nicht gewachsene Landschaft noch bergende Heimat: er war eine Militärgrenze gegen die Gefahren der Anarchie, von woher solche auch immer drohen mochte. Diesem Staat, und denen, die sich zu ihm bekannten, bedeutete die Erfüllung der damit verbundenen Pflichten Ehre genug – mochte darüber auch manches, vieles andere zu kurz kommen und zu kurz gekommen sein.30 Sich der Anarchie bzw. dem Chaos gegenüber zu behaupten, das machte für Lipinsky die Würde des Menschen aus: „Um sich aber behaupten zu können, bedarf es der Ordnung“,31 und die stellt für ihn eben Preußen und seine Staatsform dar, selbst das noch, was vor dem Dritten Reich in Oberlesien davon an Geist noch übrig war, „der in Menschen und Traditionen fortlebte“32. Genau diesen Geist aber findet er im promiskuitiven und für den absoluten Individualismus so empfänglichen Westen nicht mehr vor, und es ist fraglich, ob es ihn hier je gegeben hat.

So ist Lipinskys Bekenntnis zu Preußen auch Widerstand gegen den staatsauflösenden Liberalismus und Individualismus, der im heutigen Deutschland vorherrscht. Darum vollzieht er den Schritt über die „unsichtbare Grenze“ und reklamiert eine preußische Identität, die so unverständlich erscheint. Diese „unsichtbare Grenze“, die räumlich am ehesten an der Elbe festzumachen wäre, nämlich scheidet, wie er schreibt, nicht Systeme voneinander, sondern weit Tiefgehenderes: „Grundformen menschlichen Denkens vom Einzelnen und seinem Verhältnis zum Staat und zu Seinesgleichen – vor allem aber zum Staat.“ Das aber macht exakt den Inhalt einer Identität aus.

Anmerkungen

1) Zur gleichzeitigen Entwicklung der deutschen Literatur in der damaligen DDR vgl. Hans-Dietrich Sander: Geschichte der schönen Literatur in der DDR. Ein Grundriß, Freiburg 1972.
2) Ausspruch August Scholtis gegenüber Hans Lipinsky-Gottersdorf; vgl. Hans Lipinsky-Gottersdorf: Heimat an der Prosna, in: ders.: Der Sprosser schlug am Pratwa-Bach. Geschichten und Berichte, Würzburg 1984, S. 7-37(33).
3) Diese Stelle findet sich als Schlußaplomb in dem Beitrag „Die unsichtbare Grenze“, u.a. abgedruckt in: Criticón (3) Nr. 17, Mai/Juni 1973, S. 108-111(111). Voraus ging diesem Bekenntnis im selben Beitrag folgende Einleitung (S. 108): „In Deutschland als Deutscher leben, das heißt nicht erst seit siebundzzwanzig Jahren standhalten müssen dem Widerspruch des Fremden und selbst ein Fremder zu sein.“ 
Mit diesem Beitrag, den Lipinsky auf eine Ausschreibung zum Vierten Hörspiel- und Erzähler-Wettbewerb vom Ostdeutschen Kulturrat und vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales im Lande Nordrhein-Westfalen unter dem Stichwort „Fremd in Deutschland?“ hin 1972 geschrieben hat, gewann er den zweiten Preis. In der Würdigung erklärte Hans Joachim von Merkatz: „Der Autor … weiß, daß er im Westen ein Fremdling ist und bleiben wird. Er ist angesichts der ihn umgebenden Prosperitäts-Ära
«uneinheimich» im wahren Sinn es Wortes; dennoch erklärt er sich mit der freiwillig in seiner neuen Umwelt aufgenommen Arbeit einverstanden.“ (Abgedruckt in: Fremd in Deutschland? Hörspiele – Funkerzählungen – Essays. Hrsg, u. eingeführt v. H.J. v. Merkatz, Bielefeld 1973, S. 9).
4) Bernard Willms: Antaios – oder die Lage der Philosophie ist die Lage der Nation, in: Norbert W. Bolz (Hrsg.): Wer hat Angst vor der Philosophie? Eine Einführung in die Philosophie, Paderborn-München-Wien-Zürich 1982, S. 32-66(48). Willms führt in dieser grundsätzlichen Abhandlung weiter dazu aus: „Wenn Philosophie sich in gründlicher Weise mit der Wirklichkeit des Menschen befassen will, denn muß sie gemäß der zweifachen Einsicht des Aristoteles sich darüber klar sein, daß der Mensch, wenn er in seiner konkreten Existenz betrachtet wird, kein abstraktes Individuum ist.“ (S. 48).
5) Hans-Joachim Arndt: Geschichtsbewußtsein und Zukunftsoption der Deutschen. Vortrag vor der Evangelischen Akademie in Baden am 13.10.1985. Bandabschrift. „Die politische Frage des
«Wer sind wir eigentlich?», «Woher kommen wir?», oder (individualistisch ausgedrückt) «Wozu gehöre ich?», «Wem oder Was gehört meine politische Obligation?» – diese Frage ist letzten Endes unumgehbar.“ (Ebd.)
6) „Denn die Objektivität einer Wissenschaft regelt sich primär daraus, ob sie das ihr zugehörige thematische Seiende in der Ursprünglichkeit seines Seins dem Verstehen unverdeckt entgegen brinen kann. In keiner Wissenschaft sind die
«Allgemeingültigkeit» der Maßstäbe und die Ansprüche auf «Allgemeinheit», die das Man und seine Verständigkeit fordert, weniger mögliche Kriterien der «Wahrheit» als in der eigentlichen Historie.“ (Martin Heidegger: Sein und Zeit, Tübingen 198616, § 76, S. 395).
Was die aus solcher Allgemeingültigkeit resultierende Kontinuitätsperspektive anbelangt, hat Thomas Nipperdey (1933 und die Kontinuität in der deutschen Geschichte, in: ders.: Nachdenken über die deutsche Geschichte, München 1986, S. 186-205) alles Nötige dazu angemerkt. Dabei kam er zu dem Schluß, daß Kontinuität lediglich eine Kategorie des historischen Bewußtseins ist, keinesfalls aber der Wirklichkeit gerecht werden kann: „Die Kontinuitätshistorie … legt anachronistisch unsere Maßstäbe an die Vergangenheit an, mit der eifereden oder beckmesserischen Besserwisserei der Nachgeborenen, dem Gestus der permanenten und allumfassenden Anklage. Sie wird unmenschlich, wo sie Ungerechtigkeit, Unvollkommenheit, Widersprüche, Krisen allein aufrechnet, als ob es eine Gesellschaft der Vollkommenheit gäbe oder je gegeben habe. Sie verweigert jedem, der der patent-demokratischen Utopie nicht zustimmte … die eigentliche Legitimität.“ (S. 201). Dies gilt ebenso für jeden moralischen Maßstab. Vgl. dazu auch Theodor Lessing: Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen, Neuauflage München 1983, § 21, S. 58-61. Lessing redet hier von der logificatio post festum.
7) Vgl. dazu insbesondere Hermann Lübbe: Die Identitätspräsentationsfunktion der Historie, in: ders.: Praxis der Philosophie, Praktische Philosophie, Geschichtstheorie, Stuttgart 1978, S. 97-122: „Identität ist kein Handlungsresultat. Sie ist das Resultat einer Geschichte, das heißt der Selbsterhaltung und Entwicklung eines Subjekts unter Bedingungen, die sich zur Räson seines Willens zufällig verhalten.“ (S. 101). „Geschichten sind ja generell das, was Individuen unter ihresgleichen unverwechselbar macht, und ihre Erzählung kann so generell die Funktion erfüllen, sie in ihrer Identität zu vergegenwärtigen. Erzählte Geschichten sind Medien der Präsentation eigener und fremder Identität …“ (S. 107f).
8) Jean Paul Satre: L’etre et le néant. Essai d’ontologie phénoménologique, Paris 1943, S. 159.
9) Hugo von Hofmannsthal: Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation, München 1927, S. 30f.
10) vgl. dazu Markus Klein: Die romantische Komponente („Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2014031).
10) Selbstverständlich gibt es vereinzelte – aber seltene – Ausnahmen. Zu nennen sind hier vor allem die Arbeiten des Münchner Historikers Thomas Nipperdey. Bei den publikumswirksamen Arbeiten ausländischer Historiker handelt es sich hauptsächlich um anglo-amerikanische Erzeugnisse. Erstaunlicherweise wuchs insbesondere in den USA parallel zum Export der abstrahierenden Sozialwissenschaften, die so umfassenden Einfluß auf die deutschen geisteswissenschaftlichen Nachkriegdisziplinen hatten, die Rezeption des in Deutschland ad acta gelegten Historismus enorm an.
12) Paul Fechter (Kleines Wörterbuch für literarische Gespräche, Gütersloh 1950) hat unseres Wissens nach am eindringlichsten die Wechselwirkung zwischen dem Objektiven und dem Subjektiven herausgearbeitet: „Eine objektive Beschreibung ergibt nicht ein objektives Bild, sondern überhaupt keins.“ (S, 20). „Geist vermag nur im Geistigen zu leben: seine Existenz im Objektiven ist latent: wird erst wieder Wirklichkeit in dem subjektiven Geist, der ihn in sich, in die Kraft des Lebendigen eingehen läßt, die der entspricht, aus der das Werk einst entstand, in dem es jetzt aufgehoben ist.“ (8. 193, Vgl. auch 8. 19, 21, 28). Das gilt so auch und insbesondere für die Darstellung der Geschichte, über die Identität gefunden werden kann und soll.
13) Hans Lipinsky-Gottersdorf: Ich bin eine Preuße, in: Motive. Deutsche Autoren zur Frage: Warum schreiben Sie? Hrsg. von Richard Salis. Mit einem Vorwort von Walter Jens, Tübingen und Basel 1971, S. 255-259(259).
14) So Emil Staiger in einer Besprechung von den „Proßna-Preußen“ in der NZZ, abgedruckt auf der Innenseite des Schutzumschlages von Hans Lipinsky-Gottersdorf: Die Prosna-Preußen, Würzburg (Bergstadt-Vlg.) 1984.
15) Hans-Dietrich Sander: a.a.O. (FN 1), S. 32.
16) ebd., S. 34.
17) Hans Lipinsky-Gottersdorf: Solidarität mit den Vätern, in: Der gemeinsame Weg (10) Nr. 2/1978, S. 25-28(28).
Ebenda (S. 26) folgende grundsätzliche Äußerung zu den Traditionen: „
Nicht um den Einzelnen zu erdrücken, zu knebeln und im Zustande der Unmündigkeit zu halten sind sie überliefert worden, sondern ihm zur Hilfe, seinen Weg nicht an einem gedachten Punkte Null neu beginnen zu müssen, sein Leben würdig und ehrenhaft zu bestehen – auch ein ehrenhaftes Scheitern hat ja noch seinen nur ihm eigenen Sinn.
18) Ebd., S. 27.
19) Hans Lipinsky-Gottersdorf in einem Brief an Arno Lubos, zitiert in: Arno Lubos: Deutsche und Slawen, in: ders.: Geschichte der Literatur Schlesiens. Bd. III, München 1974, S. 358-370(369).
20) Fritz Martini würdigte Lipinsky in einer Laudatio (in: Andreas-Gryphius-Preis. Verleihung des Ostdeutschen Literaturpreises 1966 im Haus des Deutschen Ostens zu Düsseldorf (Schriftenreihe für die Ost-West-Begegnung, Kulturheft 61), Troisdorf 1967, S. 11-19, bes. S. 17) als einen „Erzähler aus der sinnlichen Anschauung, aus der äußeren und inneren Erfahrung.“
21) Hans Lipinsky-Gottersdorf: Andri
ć zum Gruss!, in: Deutsche Studien (13) Nr. 50, Juni 1975, S. 207-212(211).
Zu Andri
ć vgl. die hervorragende und von ungeheurem Verständnis geprägte Darstellung seines ersten Übersetzers ins Deutsche, Alois Schmaus: Der jugoslawische Erzähler Ivo Andrić, in: Lebendiges Wort. Literatur-Beiblatt des Getreuen Eckart (16) 1938/39, 3, CZXCV-COMVII; sowie Markus Klein: Ivo Andrić (1892-1975). Autorenportät („Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2014030).
22) Josef Nadler: Nation, Staat und Dichtung, in: ders.. Deutscher Geist / Deutscher Osten. Zehn Reden, München/Berlin 1937, S. 11-27(22). In diesem Beitrag formuliert Josef Nadler direkt zu Begin, worauf das Elend solcher mitteleuropäischer Völker beruht, nämlich auf der seit 1789 verfälschten Interpretation des Begriffs Nation: „Nation ist die Gemeinschaft von Menschen, die durch Zeugung und Geburt geschlossen ist, Wort und Begriff sind durch die staatsrechtliche Anschauung des europäischen Westens in einen Gedankenkreis verschoben worden, mit dem sie nichts zu tun haben. Der europäische Westen setzt das Wort mit der Gesamtheit der Staatsbürger gleich. Wieviel Unglück ist über die europäische Menschheit ausgegossen worden durch die westliche Sinnverwirrrung dieses Worts Nation. Man nennt die unfreiwillige Gesamtheit aller Bürger willkürlich zurechtgeschnittener Staaten Nation und legt ihnen ohne Unterschied die Pflichten auf, zu denen man nur geboren werden kann.“ (S. 11). Das ist im Wesentlichen auch das Unglück des Deutschen Reiches gewesen, daß es nämlich – spätestens unter dem nicht mehr preußischen Wilhelm II. – begrifflich und politisch „verwestlichte“ und so sein preußisches Erbe verspielte.
23) Zur Geschichte Schlesiens und der Piasten vgl. bes. das Stichwort „Schlesien“ in: Allgemeine deutsche Real-Encykolpädie für die gebildeten. Stände. In zwölf Bänden, Bd. 9, Leipzig 1836
8, S. 790-795, und Joseph Leo Seiffert: Slawen, in: Staatslexikon, Freiburg 19315, Bd, 4, Sp. 1591-1604.
24) Vgl. den Adelsbrief der Poray-Lipinsky, datiert Breßlau, den 17ten Decembris nach unseres Herrn Gebuhrt im 1762st, Unserer Regierung im Drei und Zwanzigsten Jahr. Abgedruckt in: Hans Lipinsky-Gottersdorf: Solidarität mit den Vätern, a.a.O. (FN 17), S. 27.
25) Zum Begriff „Autochthone“ vgl. August Scholtis: Reise nach Polen, München 1962, S. 157: „Die Polen selber sind es, die diese durch ihre Herkunft und Erziehung zwiespältigen Menschen (= zweisprachige Oberschlesier, MK) als
«Autochthone» bezeichnen, eine offizielle Kennzeichnung jener preußischen Generation, die langsam ins Grab sinkt und kein Denkmal zu erwarten hat.“ Lipinsky-Gottersdorf, der sich selber als „Wasserpolack“ bezeichnet hat, weist des öfteren darauf hin, daß dieser Begriff keineswegs – wie im Wilhelminischen Reich verwendet – als Schimpfwort zu verstehen sei, sondern eine gängige Selbstbezeichnung war. Vgl. Hans Lipinsky-Gottersdorf: Ich bin ein Preuße, a.a.O. (FN 13), S. 255f; ders.: Vorbemerkungen des Verfassers über die Prosna, die Geschichte und dieses Buch, in: ders.: Die Prosna-Preußen, Würzburg 1984, S. 5-8(8)
Wasserpolen“ oder „Wasserpolacken“ war die (Schimpf-)Bezeichnung für die polnische Bevölkerung im Ostteil Oberschlesiens, die „Schlesisch“ sprach, mutmaßlich ein polnischer Dialekt mit starken deutschen Einflüssen, der daher als verwässertes Polnisch gesehen wurde. Sprachwissenschaftlich wird die Abstammung vom Polnischen jedoch angezweifelt, manche Linguisten sehen darin sogar eine eigene Sprache – was wiederum die These von Hans Lipinsky-Gottersdorf hinsichtlich der Abstammung der Wasserpolacken von den Schwarzen Kroaten stützen würde.
Vgl. als Übersicht auch Jörg Lüer: Die Oberschlesier im preussisch-deutschen Denken, in: Austellungskatalog: „Wach auf mein Herz und denke!“ Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg / „Przebudz się, serce moje, i pomyśl.“ Przyczynek do historii stosunków między Śląskiem a Berlinem-Brandenburgia. Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch – Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie – Opole, Berlin-Oppeln 1995.
26) Hans Lipinsky-Gottersdorf: Ungedruckter Leserbrief an Der Spiegel vom 19.12.1990. Kopie im Besitz des Verfassers. Ähnlich übrigens auch August Scholtis (Reise nach Polen, S, 7f): „Der Streit (um den Grenzstein) ist winkeladvokatisch und längst müßig, da es einen solchen Grenzstein zwischen Deutschen und Polen. nach Lage der Dinge in dem Schmelztiegel einer preußischen Katalyse niemals gegeben haben kann.“ Vgl. auch den kurzen, aber umso ausagekräftigeren Leserbrief von Herbert Czaja (Gegen Globalbeschuldigungen) in: FAZ Nr. 135 vom 14.06.1991.
27) Hans Lipinsky-Gottersdorf: Ich bin ein Preuße, a.a.O. (FN 13), S. 259. Eben darum auch muß das von Unverständnis geleitete Urteil Arno Lubos´ als unzulänglich zurückgewiesen werden, daß nämlich Lipinsky nur dadurch hätte ein „preußisches Idealbild eines alle Völker vereinenden Preußentums entwerfen“ können, weil er die nationalen Kreise nicht kennengelernt habe (Arno Lubos: a.a.O., [FN 19] S. 359). Vgl. dagegen Lipinskys Auslassungen zum Nationalismus, in: ders.: Die Aussiedler und wir, in: Das Dritte Problem. Betrachtungen zur Aufnahme der Spätaussiedler aus dem Osten (Schriftenreihe für die Ost-West-Begegnung, Kulturheft 29), Troisdorf 1957, S. 5-14, bes. S. 8.
28) Hans Lipinsk-Gottersdorf: Heimat an der Prosna, a.a.O. (FN 2), S. 35. Folgendes Zitat ebd.
29) Hans Lipinsky-Gottersdorf: Ich bin ein Preuße, a.a.O. (FN 13), S. 256.
30) Hans Lipinsky-Gottersdorf: Nachwort, in: ders. (Hrsg.): Der Witz der Preußen (Landschaften des Humors), München 1975, S. 62f (62).
31) Hans Lipinksy-Gottersdorf: Brief an Arno Lubos, a.a.O. (FN 19), S. 369.
32) Hans Lipinsky-Gottersdorf: Die unsichtbare Grenze, a.a.O. (FN 3), S. 109. Folgendes Zitat ebd.

Autor: Markus Klein
Titel: Identitätsprobleme und der Rückgriff auf das Preußentum
Untertitel: Das politische Bekenntnis zu Preußen am Beispiel von Hans Lipinsky-Gottersdorf
Erstveröffentlichung in: Vortrag vor dem Westdeutschen Autorenverband am 09.08.1991 in Köln-Mühlheim
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2014033
URL: https://scholien.wordpress.com/2014033-2/
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