Türkei – Who gets what, when,how?

„Politics“, so definierte es Harold D. Lasswell, ist die Beantwortung der Frage, „who gets what, when, how?“. Gleiches scheint uns doch für den angeblichen „Militärputsch“ in der Türkei gegen Präsident Erdogan vom 15. Juli 2016 zu gelten … und damit zugleich den wahren Charakter eben dieses „Putsches“ zu enthüllen.

Zäumen wir bei der Betrachtung dieser seltsamen Geschehnisse in Ankara, Istanbul und Incirliki das Pferd von hinten auf, betrachten wir zunächst einmal ausschließlich, wer was, wann und wie unmittelbar im Nachgang zu diesem Ereignis erreicht hat, dann zeigt sich als Ergebnis daraus der politische Gehalt der Aktion(en) … und im Sinne des „cui bono“ eben auch, wer mutmaßlich die dahinter treibende Kraft war – und wer es sicher nicht war!

Noch während der zumindest medialen Aktionsphase des „Putsches“ kam Erdogan in die angebliche „Höhle des Löwens“, den Istanbuler Atatürk Flughafen, demonstrativ und medienwirksam eingeflogen, stellte sich heroisch vor seine zur auf die Straßen zur demonstrativen Unterstützung seiner Herrschaft einberufenen Gefolgsleute, quasi als (noch fleischliches) Monument seiner selbst und als tapferer Erlöser der Massen. Unmittelbar nach der Entwaffung der sich nicht einmal wehrenden, offensichtlich nicht einmal um ihre eigene Rolle in der Posse wissenden, angeblich jedoch „putschenden“ Soldaten durch den Pöbel, nach ihrer öffentlichen Demütigung durch den Mob bis hin zu Lynchmorden, erklärte Erdogan, daß der Anstifter und Hauptschuldige in der Person seines früheren Gesinnungsgenossen und heutigen Intimfeindes, des in die USA exilierten Predigers Gülen, zu finden sei. Darüber hinaus gelte es nun, das türkische Militär einer „vollständigen Säuberung“ zu unterziehen (meint, der AKP gleichzuschalten und auf Führer Erdogan persönlich zu vereidigen). Und noch bevor diese Ankündigung Widerhall finden konnte, wurden bereits vorhandene schwarze Listen von „unzuverlässigen“ Staatsanwälten und Richtern (einschließlich Verfassungsrichtern, Mitgliedern des Staatsrates und des Hohen Rates der Richter und Staatsanwälte) abgearbeitet – von bisher immerhin rund 2.800 entlassenen und/oder verhafteten sowie 140 zur Fahndung ausgeschriebenen Angehörigen der dritten Gewalt ist die rede, aber das dürfte erst der Anfang der Säuberungswelle sein, denn noch warten wir auf die aufzudeckenden Netzwerke, denen diese „Mitglieder einer terroristischen Organisation“ wider die Allmacht Erdogans vorgeblich angehör(t)en.

Als nächstes dürfte – wie seinerzeit im Iran – der komplette Generalstab der türkischen Armee in der Versenkung oder hinter Gittern verschwinden – womit dann auch die bisher potentiell einzig potente Opposition gegen den neuen Sultan des neuen Osmanischen Reiches endgültig der Vergangenheit angehören wird.

Immerhin war die türkische Armee bzw. ihr Generalstab seit Kemal Atatürk bisher die tatsächliche Macht im Staate Türkei, entweder im Hintergrund – oder aber hat (1960, 1971, 1980) korrektiv durch temporäre Machtübernahme vordergründig in die Geschicke des Staates eingegriffen. Der Generalstab war bisher eine in sich geschlossene säkulare, etatistisch konditionierte und eingeschworene Janitscharen-Kaste – sozusagen immer und jederzeit Herr im Hause Türkei. „Herr im Hause“ auf jeden Fall auch darin, jederzeit die Geschicke aktiv zu bestimmen, nicht passiv hinzunehmen, die Macht gegebenenfalls schlicht „zu ergreifen“, nicht im dilletantisch-mittelamerikanischen Sinne „zu putschen“. Damit dürfte es vorbei sein.

Zugleich zeigt dies aber auch, daß es auf jeden Fall nicht dieser Generalstab gewesen sein kann, der mit völlig untauglichen Mitteln und unter Leitung eines nicht dazugehörigen Obersten der Luftwaffe (zudem noch im Geruche einer Verbindung zum Islamprediger Gülen!) diese Theaterposse eine angeblichen „Putsches“ inszeniert hat. Interessant im Verlaufe der Aktiönschen im Rahmen dieses „Putsches“ ja auch einige weitere Details, die deutlich zeigen, daß es sich um eine Inszeniierung durch bzw. mit Wissen des Sultans Erdogan handelt (wie z.B. der Abschuß des den Präsidentenpalast ohne anwesenden Präsideten angreifenden Hubschraubers durch einen sofort vorhandenen Abfangjäger, bevor auch nur einer Blume im sultanschen Vorgarten ein Stengel gekrümmt werden konnte; man vgl. dazu auch die ersten Überlegungen von Russophilus).

Wer was, wann und wie erreicht durch bzw. aufgrund dieses „Putsches“ ist offensichtlich geworden … geradezu ein Paradebeispiel erfolgreichen „politischen“ Handelns im Lasswellschen Sinne. Umgekehrt ebenso offensichtlich ist es, wer eben in diesem „politischen“ Sinne völlig unbeholfen,wenn nicht gar dilettantisch agiert bzw. eben nicht agiert, eigentlich noch nicht einmal reagiert hat, sondern schlichtweg vorgeführt wurde. Nämlich zum einer der türkische Generalstab, der anscheinend im Vorfeld des „Putsches“ jegliche Kontrolle über die Ereignisse im Staate Türkei bereits verloren hatte, (falls überhaupt je erwogen) den möglichen wie nötigen Zeitpunkt zu einer korrektiven Machtübernahme längst versäumt hat, und sich jedenfalls von Erdogan wie ein Haufen Narren hat ausspielen (und in der Konseqenz auch hat vernichten) lassen. Zum anderen aber auch die NATO (respektive die USA und ihre europäischen Vasallen), die mit ihrem Luftwaffenstützpunkt Incirlik an der Grenze zu Syrien sich dem Sultan Erdogan komplett ausgeliefert und sich nachhaltig erpressbar gemacht hat. Unmittelbar nach dem „Putsch“ wurde nämlich auch dieser Stützpunkt eingekesselt, von außen abgeriegelt durch die türkische Armee, mit der gleichzeitigen ultimativen Forderung an die USA, den letzten vorhandenen Intimfeind Gülen seinem Scharfrichter auszuliefern, um auch dieses Schisma in Person eines islamischen Gegensultans zu beseitigen.

Politik, so lernen wir von Erdogan, ist, wenn er die Agenda nach seinem Willen bestimmt – nicht nur mehr in der Türkei –, und alle anderen nicht mal mehr Gegenspieler sind, sondern nur noch politische Objekte.

Autor: Markus Klein
Titel: Türkei – Who gets what, when,how?
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016089
URL: https://scholien.wordpress.com/2016/07/17/2016089/
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