Die Menschen haben es selbst gewollt

capek-molche»Hör mal, willst du wirklich die ganze Menschheit zugrunde gehen lassen?

Der Autor runzelt die Stirn. Frag mich nicht, was ich will. Glaubst du, es ist mein Wille, daß die Kontinente der Menschen in Trümmer gehen, glaubst du, ich habe dieses Ende gewollt? Es ist einfach die Logik der Ereignisse. Und da soll ich eingreifen können? Ich habe getan, was ich konnte, ich habe die Menschen rechtzeitig gewarnt, dieser X war zum Teil ich selbst. Ich habe gepredigt, gebt den Molchen keine Waffen und Sprengstoffe, stellt diese schändliche Salamandergeschäft ein und so weiter – du weißt, wie es ausgefallen ist. Alle hatten tausend absolut stichhaltige wirtschaftliche und politische Einwände bei der Hand, warum es nicht möglich sei. […]

Und tut dir die Menschheit nicht leid?

Du lieber Himmel, laß mich doch! Was soll ich tun? Die Menschen haben es selbst gewollt. Alle wollten sie Molche haben, der Handel, die Industrie, die Technik, die Staatsmänner und die Herren vom Militär. – Sogar der junge Povondra hat gesagt: „Wir sind alle daran schuld.“ Wie kommst du zu der Meinung, die Menschheit täte mir nicht leid? Aber am meisten tat sie mir leid, als ich sah, wie sie sich Hals über Kopf selbst ins Verderben stürzte. Schreien könnte man, wenn man so etwas mit ansehen muß, schreien und beide Arme zum Himmel heben, als wenn man einen Zug auf ein falsches Gleis fahren sieht. Jetzt kann man nichts mehr aufhalten. Die Molche werden sich weiter vermehren, immer weiter die alten Kontinente zerbröckeln. […]

Könnte man die Molche nicht doch noch aufhalten?

Das geht nicht. Es sind zu viele. Es muß für sie Raum geschaffen werden.

Ginge es nicht, sie einfach aussterben zu lassen? Es könnte zum Beispiel eine Seuche über sie kommen, oder Degeneration …

Zu billig, mein Junge. Soll denn immer die Natur wieder gutmachen, was sich die Menschen eingebrockt haben? Also auch du glaubst schon nicht mehr daran, daß sie sich selbst helfen werden? Siehst du, siehst du! Zum Schluß möchtet ihr euch wieder darauf verlassen, daß euch jemand oder etwas erlöst! Eines will ich dir sagen: Weißt du, wer noch jetzt, wo schon ein Fünftel Europas unter Wasser steht, den Molchen Sprengstoffe, Torpedos und Bohrmaschinen liefert? Weißt du, wer Tag und Nacht fieberhaft in Laboratorien arbeitet, um noch wirksamere Maschinen und Stoffe zur Vernichtung der Welt zu finden? Weißt du, wer den Molchen Geld leiht, weißt du, wer dieses Ende der Welt, diese ganze neue Sintflut finanziert?

Ich weiß. Alle Fabriken. Alle Banken. Alle Staaten.«

Autor: Karel Čapek
Titel: Der Autor spricht mit sich selbst
Untertitel: Aus dem Schlußkapitel von „Der Krieg mit den Molchen“
Abdruck in: Der Mensch als solcher … oder: „Die schärfsten Kritiker der
Molche waren früher eben solche“ (Robert Gernhardt)
Das aktuelle Buch nach 80 Jahren: „Der Krieg mit den Molchen“ von Karel Čapek
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016087
URL: https://scholien.wordpress.com/imprimatur/2016086-2/
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