Die Gestaltung des Politischen

Da der Mensch entweder gemeinschaftlich exisitiert oder eben nicht, bedarf er Gemeinschaft, um seine individuelle Existenz zu sichern. Und die Sphäre, in der diese Gemeinschaften sich bewegen und ihren Herausforderungen begegnen, ist „das Politische“. Politische Gemeinschaften sind existenzsichernde Zweckgemeinschaften in der Sphäre des Politischen.

Die Sphäre des Politischen stellt immer existentielle Herausforderungen an Menschen. Die Sphäre des Politischen ist die Welt des Menschen, die Welt, in der andere Menschen dem Einzelnen bedrohlich werden können. Um solcher existentiellen Herausforderung zu begegnen, findet sich der Mensch in Gemeinschaften zusammen, die in der Lage sind, genau jener augenblicklichen existentiellen Herausforderung an den Menschen zu begegnen und damit die Existenz des Menschen zum konkreten Zeitpunkt zu sichern. „Politische“ Gemeinschaften sind Antworten der Existenzsicherung.

Antworten auf Herausforderungen in der Sphäre des Politischen können allein von den Konstanten der Herausforderung selbst bestimmt sein. Zwecks Selbstbehauptung im Politischen sind also nur verbindliche Antworten gültig – Antworten, die definitive Entscheidungen beinhalten. „Gestaltung des Politischen“ kann daher im eigentlichen Sinne nur bedeuten, wie eine politisch adäquate Antwort jeweils gegeben werden kann.

Wenn Gemeinschaften sich erfolgreich in der Sphäre des Politischen bewegen wollen – das heißt „Subjekt“, und nicht „Objekt“ der Politik sein wollen –, müssen sie sich den Herausforderungen im Politischen lagebezogen stellen und ihre Form und ihre Bedingungen konsequent immer wieder neuen Lageherausforderungen anpassen. Dann ist auch eine weitgehend konstant bleibende Gemeinschaft in der Lage, ihre Politikfähigkeit aufrechtzuerhalten.

Die Unmöglichkeit, zwecks Politikfähigkeit einer Norm, einer Ideologie oder einem Plan zu frönen, bedeutet, daß eine politische Gemeinschaft, um ihre Politikfähigkeit aufrechtzuerhalten, schnellstmöglich von solchen Gedankenspielen Abschied nehmen muß. Dies ist eine Hauptbedingung der „Gestaltung des Politischen“. Darunter fallen ganz besonders auch tatsächliche oder vorgebliche Moralwerte – zumal wenn sie in Verbindung mit der politischen Organisationsform einer Gemeinschaft gebraucht werden. Die Organisationsform einer politischen Gemeinschaft muß sich allein anhand von Zweckmäßigkeitserwägungen nach der politischen Lage richten. Abstrakte Wertvorgaben vermögen hingegen keine Normen für den Existenzerhalt einer politischen Gemeinschaft zu setzen.

Mit dem vorläufigen Zusammenbrechen der Bipolarität in der Welt seit 1945 entstand plötzlich die Schreckvision eines potentiell ungeheuer dynamischen Europas, das dementsprechend rasch kujoniert wurde. Die Lageblindheit der derzeitigen europäischen politischen Eliten ist somit die erste und im Moment weitaus akuteste politische Herausforderung für alle europäischen Völker. Eine zweite, in ihrer Brisanz zunehmende Herausforderung ist die Auflösung der so ungefestigten Identität der Europäer durch invasionsartige Zuströmungen von Nicht-Europäern und Nicht-Christen.

Somit stellen sich die akuten politischen Herausforderungen an die Existenz der Deutschen nicht unmittelbar an die Deutschen, sondern an alle Europäer in ihrer kulturellen und ortskonkreten Einheit. Um diesen zu begegnen, ist ein einheitliches politisches Bewußtsein dieser gemeinsam in ihrer Existenz bedrohten Völker nötig, ein Bewußtsein, das Interessengleichheit aus gleicher politischer Herausforderung erkennt. Es bedarf eines Rekurses auf gemeinsame Wertvorstellungen, Existenzerfahrungen und dem daraus folgenden Behauptungswillen, um so rasch wie möglich über den bisher alleinigen monetären Aspekt hinaus eine tatsächliche „politische“ Identität als Europäer zu erlangen.

Darin offenbart sich der „Gestaltwandel des Politischen“. Die politische existentielle Herausforderung stellt sich von außen gemeinsam an alle europäischen Völker. Das Subjekt der deutschen Selbstbehauptung auf der politischen Bühne ist also längst schon ein anderes, ein europäisches geworden, dessen Determinanten territoriale und vor allem kulturelle Homogenität sind.

Autor: Markus Klein
Titel: Die Gestaltung des Politischen
Zusammenfassung aus: Scholien aus San Casciano Nr. 5
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016083
URL: https://scholien.wordpress.com/2016/02/21/2016083/
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„Challenge and Response“

Dezision statt Feindbildsurrogat

Die vergrößerte (und nach wie vor bzw. mehr denn je suzerän dominierten) Republik von 1989ff ist aufgrund ihrer normativen Inhaltslosigkeit und aufgrund ihres fehlenden Mythos‘ zwecks Herbeiführung einer negativen Staatsräson auf eine Feinderklärung angewiesen – und ebenso sind es die politischen Eliten zwecks Beibehaltung ihrer brüchiger werdenden Legitimation. Das ist keine Erscheinung, die erst mit der „Wiedervereinigung“ aufgetreten ist – vielmehr war dies bereits die Grundkonstante beider deutscher Nachkriegsstaatsgründungen. Und es war in beiden Fällen – parallel und sich gegenseitig neutralisieren, oder, je nach Standpunkt, auch legitimierend – von Beginn an sowohl eine historische wie auch eine aktuelle Feindbestimmung.

Die historische Feindbestimmung war hüben wie drüben die gleiche – und sie konnte aufgrund eben ihrer historischen Bedingtheit wider dem ancien régime auch gar nicht differieren. Die aktuellen Feindbestimmungen hingegen waren – zumindest zu Beginn – expressiv entgegengesetzt und wurden weit intensiver aufgebauscht als die bis zum Zeitpunkt beider Nachkriegsstaatsgründungen bereits in den Hintergrund getretenen historische. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Ein politischer und zugleich ideologischer Systemwechsel und damit einhergehend ein vollständiger Elitenaustausch bedurften unbedingt eines historischen Feindbildes im totalen Sinne; eine staatliche Teilung des somit nachrevolutionären Deutschen Volkes hingegen war damit (abgesehen von der gesellschaftlichen und politischen Ächtung der abgelösten Eliten) nicht zu rechtfertigen. Dafür bedurfte es der aktuellen gegenseitigen totalen Feinderklärung, die die beiden Bürgerkriegsparteien zur Verselbständigung ihrer jeweiligen Territorien legitimierten. Erstaunlicherweise wiederholten sich in dieser dreigeteilten Konstellation die Koordinaten des Weltbürgerkrieges in einer Reinform, die bis dahin noch nicht offensichtlich geworden war und die dennoch von den Vertretern der beiden das Jahr 1945 überlebenden Parteien zugleich vehement geleugnet wie hervorgehoben wurden.

Die Feindbestimmung „rechts“ war zu jener Zeit höchstens unterschwellig vorhanden; aufgrund des noch mehrheitlichen Vorhandenseins der Erlebnisgeneration hätte sie auch nicht greifen können – weder diesseits noch jenseits der innerdeutschen Frontlinie, die in Wirklichkeit eine auf stillschweigendem Arrangement beruhende wohlwollende Neutralitätslinie der beiden Etappeneliten war. „Rechts“ als Feindbild, wie es seit dem bekannten Ruf des seinerzeitigen Reichskanzlers Wirth nach der Ermordung Rathenaus sich bewahrt hat, erschien nach 1945 erstmals auf der Bühne anläßlich vage formulierter Gegenpositionen zu dem, was gemeinhin heute als „1968“ euphemistisch historisiert wird – als nämlich im Verlaufe jenes Gerangels der damaligen jungen Generation um Zutritt zu den bestimmenden Elitekreisen eben jene bundesdeutsche politische Elite, die sich mit Hilfe ihres liberalistischen Totalitarismusbegriffs zugleich historisch gegen das ancien régime wie aktuell gegen das vorgeblich entgegengesetzte Pendant jenseits des Stacheldrahtes legitimierte, mit ihren eigenen Waffen schlug. Nachdem die aktuelle Feindbestimmung nach damals rund zwanzig Jahren blaß geworden war – auch weil sie aufgrund der Etablierung nicht mehr gepflegt wurde –, erklärte sich jener aktivistische Teil der Jugend selbst als „links“, auch wenn dies als politische Zuordnung zunächst nicht besagen sollte. Und „rechts“ war in ihren Augen nicht etwa ein direkter Feind, sondern die Vätergeneration, deren Plätze man einzunehmen gedachte. Sie war in diesem Sprachgebrauch deshalb „rechts“, weil sie sich gegen den real existierenden wie gegen den utopischen Sozialismus legitimierte und somit unter Verwendung eines gänzlich anderen Totalitarismusbegriffs mit der historischen dritten Partei gleichgesetzt wurden – die damit übrigens erst aus ihrer Agonie auferstand. Die liberalistischen Eliten, die sich seinerzeit nicht selber, sondern durch die westlichen Besatzungsmächte den Weg hatten ebnen lassen, schreckten vor diesem ideologisch und normativ untermauerten Anspruch auf ihre eigenen elitären Positionen zurück und machten den Weg frei – sie lösten sich in ihrer Mehrheit sozusagen in Wohlgefallen auf.

Der Wechsel der politischen Elite der westlichen Republik bedingte somit in der Folge auch einen Paradigmenwechsel hinsichtlich des aktuellen Feindbildes dieser Republik. Da nämlich der vorgebliche oder tatsächliche „Feind“, die bisherigen Eliten, zum größten Teil das Feld geräumt hatte und der bis dato gültig gewesene aktuelle Feind jenseits der innerdeutschen Arrangementlinie aufgrund gemeinsam verwendeter Legitimationsmuster als solcher weggefallen und zum „koexistenten“ „Partner“ avanciert war (und vice versa: „Unsere Realisten taten mit Hilfe der westlichen Realisten alles, um das Kräfteverhältnis zwischen den beiden Blöcken bis in alle Ewigkeit festzuklopfen.“ – Bärbel Bohley), mußte ein neuer aktueller, nämlich „rechter“ Feind zur beständigen Selbstlegitimation herhalten. Dazu aber eignete sich niemand besser als der resistente Teil der bisherigen Nachkriegselite, der zuvor selbst noch die gleichen Mittel angewandt hatte. „Rechts“ war nun – in einer Gleichsetzung des aktuellen wie des historischen Feindes, entsprechend dem liberalistischen Totalitarismusbegriff unter entgegengesetzten Vorzeichen –, wer trotz propagierter „Koexistenz“ sich weiterhin „antikommunistisch“ gerierte oder auch nur biographisch verdächtig machte. Und auch hierin wiederholten sich nur die Lagerspiele des ideologischen Weltbürgerkrieges.

Diesmal aber sollte es nicht einmal knapp zwanzig Jahre dauern, bis die neuen Strickmuster ihre Relevanz verloren. Bereits Mitte der achtziger Jahre meldeten sich etablierte und eigentlich unverdächtige Wissenschaftler zu Wort als Antwort auf derart offensichtlich zweckgerichtete politische Geschichtsinterpretation zwecks Selbstlegitimation, daß selbst ihrem unpolitischem Verstande Zweifel an dieser Praxis aufkamen. Sie gingen aufgrund ihrer eigenen Unpolitizität mehr oder weniger naiv davon aus, daß unterdessen jener historische Feind endgültig so tot sein müsse, daß es an der Zeit sei, ihn aus dem Bereich der ständig legitimatorischen Zwängen unterliegenden Zeitgeschichtsforschung herauszunehmen und in den Bereich der Neueren Geschichte zu verlagern, um somit endlich allein dem Erkenntnisstreben unterworfene Forschung zu ermöglichen. Der Schrei des Entsetzens, den die politischen Eliten und ihre Adlati unisono auf diesen zum „Historikerstreit“ erklärten existentiellen Streit um die historische Legitimationsbasis der deutschen Nachkriegsstaaten ausstießen, bewies an sich lediglich, wie wenig diese negative Legitimität zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch trug. Und als gar noch das zweite Standbein der Teilungsrechtfertigung, nämlich der vom westlichen deutschen „Staat“ um jeden Preis finanzierte östliche deutsche „Staat“ nicht zuletzt aufgrund der Existenzkrise des gesamten „Ostens“ kapitulierte und sich in den Anschluß schickte, brach das Legitimationsproblem der Nachkriegsdeutschen in voller Wucht auf die überraschten Eliten nieder, die gar nicht so schnell reagieren konnten, wie ihnen der Boden unter den Füßen brüchig wurde. Plötzlich war eine Situation durch äußere Lageverschiebungen entstanden, die den Deutschen an dieser Nach-Jalta´schen Schwelle eine „Normalität“ hinsichtlich des Zwangs zu einer permanenten Beantwortung der politisch-existentiellen Herausforderungen bescherte. Aus dem bisherigen Objekt der Politik war ein Subjekt geworden, ohne daß es dies gewollt hätte oder gar hätte vermeiden können.

Die bisherigen westlichen Eliten, die sich im unpolitischen Status-quo-ante so bequem eingerichtet hatten, blieben die Antworten aufgrund ihrer Unfähigkeit und Unwilligkeit schuldig, „eine Selbstprüfung deutscher Politik hat nicht stattgefunden“, wie es Wolf Lepenius zu jener Zeit treffend formuliert hat. Als aber Antworten öffentlich diskutiert wurden von nicht-etablierten potentiellen Eliten – eine Erscheinung, die allein durch die Antwortlosigkeit der etablierten Eliten bedingt worden war –, reagierte eben diese in einer so effizienten Weise, die den politischen Herausforderungen, bei denen sie ja versagt hatten, weit angemessener gewesen wäre. Dieselben, die eben noch im Selbstressentiment über die Frage des „What’s left?“ schwadroniert hatten, suchten die Flucht nach „vorne“, und das meinte eine sofortige erneute Feindbestimmung unter Rückgriff auf altbewährte Strickmuster. Dieser „neue“ Feind aber, und hier offenbart sich die ganze Hilflosigkeit in extensio, war nun nicht mehr der faßbare historische oder faßbar aktuelle politische, nämlich dem Staat angeblich existentiell gefährliche, sondern jeder, der – wie auch immer – es wagte, überlieferte Grundkonstanten der Legitimität der alten (oder nun auch „neuen“, nämlich erweiterten) Bundesrepublik, respektive ihrer politischen Elite, zu hinterfragen. Dabei spielte es absolut keine Rolle, ob ein solches Hinterfragen etwa aus einer Analyse der veränderten politischen Lageherausforderung an die Deutschen oder aus irgendeiner ideologischen Verblendung erwachsen war – allein entscheidend war die „Unverfrorenheit“, wie es ja eben diese politische Elite „1968“ selbst unternommen hatte, ihre Legitimität oder Handlungsunfähigkeit, wenn auch nur indirekt, überhaupt in Zweifel zu ziehen. Das überlieferte und bisher immer sich als effektiv erweisende negative Klassifizierungsmuster „rechts“ sollte also – und soll heute mehr denn je – jede Diskussion oder auch nur gedankliche Hinterfragung längst irrelevant gewordener passivischer politischer Verhaltensweisen und -grundmuster unterbinden – gleich vom wem sie auch immer ausgehen mögen. Darum auch sehen und sahen sich beispielsweise „alte“ Parteigänger der augenblicklichen Elite, vor allem jene ehemaligen „68er“, denen es weniger um ein Einrücken in jene pfründenreiche Stellungen der BRD als um eine politische Entscheidung gegangen war, plötzlich mit jenem zudiktierten „Makel“ konfrontiert, den sie selber einst willig ausgeteilt hatten. Gerade hierin aber wird die Inhaltslosigkeit des Begriffs deutlicher denn irgendwo.

Erschreckend an diesem gesamten Prozeßablauf ist indes nicht ein Vorhandensein (oder Nichtvorhandensein) solcher „Rechter“, auch nicht der Vorgang der solchermaßenen Feinderklärung – schlichtweg erschütternd ist vielmehr die darin deutlich werdende Skrupellosigkeit der diesen „Staat“ (immer noch) „regierenden“, d.h. de facto als Selbstbedienungsladen nach eigenem Gusto betrachtenden Eliten; erschütternd wiederum erneut nicht wegen dieses Vorganges, sondern wegen der damit verbundenen Absicht, zugunsten institutionalisierter persönlicher Vorteile den „Staat“ und seine Bürger in der Sphäre des Politischen existentiell zu gefährden. So wie sich nämlich die äußere politische Lage eines Staates ständig ändert, so müssen zwecks Selbstbehauptung des Staates in der Sphäre des Politischen eben auch die Handlungen eben dieses Staates sich jeder neuen Lageherausforderung anpassen. Bei extremen Lageveränderungen, wie es den Deutschen 1989 und seither ständig widerfahren ist, kann dies soweit gehen, daß sich die politische Elite im Interesse des Überlebens des Staates austauschen muß – dann  nämlich, wenn die bisherige zu den nötigen politischen Entscheidungen nicht mehr in der Lage ist. Wenn in genau dieser Situation die herrschende Elite, die aufgrund ihrer Unfähigkeit de facto im Sinne des Wortes ja gar keine mehr ist, unter Mißbrauch aller ihr institutionell zur Verfügung stehenden Instrumente der ideologischen Feinderklärung den längst überfälligen Elitenaustausch zu verhindern sucht, nimmt sie damit sehenden Auges die Existenzkrise des von ihr nunmehr vergewaltigten Staates und damit seiner Bürger, in deren Namen und für deren angebliches Wohl und Existenz sie sich ja selbsterklärt legitimiert, in Kauf. Damit aber fehlt ihr nicht mehr nur noch die Legitimität, sondern es wird auch ihre Legalität vakant, die letztlich auf die Existenz des Staates zurückführbar sein muß.

Exkurs: Ende Oktober 2015 hatte Peter Gauweiler sich angesichts der existenzgefährdenden Flutung der BRD mit illegalen Zuwanderern für Neuwahlen ausgesprochen mit der ansatzweise stimmigen Begründung, daß „wenn der gegenwärtige Bundestag sich weiter vor einer Entscheidung drückt – so oder so –, dann (müsse) er aufgelöst werden“. Allein, damit wäre nichts im Sinne einer notwendigen Antwort auf die existentielle Herausforderungen der deutschen Bürger dieses „Staates“ gelöst (und ließe sich eben auch so nicht lösen), und es zeigt dies zugleich, daß selbst ein CSU-Renegat und gar als „Rechter“ verschriener und letztlich deswegen auch kaltgestellter Politikkomparse trotz solcher medialen Betriebsamkeit aufgrund seines gedanklich-immanenten Rubikons elementarer Bestandteil der abzulösenden „Elite“ ist.

In Zeiten dezisionistischer und existentieller Herausforderungen ist weder Platz noch Zeit für Halbheiten, und der Bürger spürt das in wachsendem Maße – auch wenn er es nicht unbedingt so schlüssig artikulieren kann wie es Carl Schmitt einst getan hat („Dadurch, daß ein Volk nicht mehr die Kraft oder den Willen hat, sich in der Sphäre des Politischen zu halten, verschwindet das Politische nicht aus der Welt. Es verschwindet nur ein schwaches Volk.“). Da scheinen sich die Ergebnisse von Evolutionsbiologie und Verhaltenskunde zu bewahrheiten: Urinstinkte sind anscheinend in existentiellen Lagen doch nachhaltiger als jede Konditionierung und jedes somatische Beglückungssurrogat: „Xenophobie und Territorialität gehören zu den Universalien“. (Irenäus Eibl-Eibesfeldt). Deswegen lassen sich die für PEGIDA e tutti quanti an anderer Orten Demonstrierenden auch nicht mehr von „rechten“ Drohkulissen, Stigmatisierungen und Kriminalisierungen davon abhalten! Sie fordern Handlung in Form von rascher und lageadäquater Dezision von dazu befähigten neuen Eliten! Damit brechen sie durch Eigenmobilisierung aus dem Tocquevilleschen Dilemma aus, wie nämlich Menschen, „die der Gewohnheit, sich selbst zu regieren, vollständig entsagt haben, im Stande sein könnten, diejenigen gut auszuwählen, die sie regieren sollen.“ Wer von den im parteipolitischen Wettbewerb neu aufgekommenen Alternativen indes danach strebt, künftig zu den alten „Eliten“ aufzuschließen oder einfach dazugehören möchte, hat sich damit per se bereits selber von seiner Lösungsrelevanz in diesem Sinne ausgeschlossen.

Alle, die bis dato schon als „rechts“ erklärt waren oder augenblicklich werden – und auch, wer aufgrund bisheriger Artikulationslosigkeit vorläufig noch nicht explizit dazu bestimmt wurde, nämlich alle Bürger, die – wenn auch nur vage – um die existentielle Herausforderung an diesen „Staat“ und damit an sich selber sowie um die gleichzeitige Politikunfähigkeit und -unwilligkeit ihrer politischen „Elite“ ahnen oder auch wissen, sind in einer solchen Situation aufgerufen, zu handeln, bevor es ein Milieu tut, das in stumpfer Dumpfheit mit den Symbolen und Theoremen ebenfalls längst abgewirtschafteter und von den politischen Lageveränderungen ebenso längst überholten politischen (im Schmitt´schen existentiellen Sinne eigentlich „unpolitischen“) Ideologien hausieren geht. Bei weiterem Glauben an die Relevanz des Feindbegriffes „rechts“ statt politisch adäquatem Handeln mag diese Schreckensoption schneller Wirklichkeit werden, als wir es uns vorstellen können. Wo „alternativlose“ Passivität zum herrschenden Politikverständnis und Handlungsunfähigkeit oder -unwilligkeit zum egalisierten Alleinstellungsmerkmal bramassierender Politikkomparsen innerhalb des „immobilen“ (Ernst Forsthoff dicit) Systemspektrums geworden ist, gehört dem ersten Handelnden die Gestaltungsinitiative – gegebenenfalls aber auch fatalerweise dem ersten schlechtesten Handelnden!

Autor: Markus Klein
Titel: „Challenge and Response“
Untertitel: Dezision statt Feindbildsurrogat
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2016048
URL: https://scholien.wordpress.com/2016/01/13/2016048/

Entwurzelt

Widerstände gegen ein ort- und subjektloses Europaabendland

Vieles von dem, was sich politisch seit 1989 in Europa abgespielt hat und noch immer abspielt, hat eine erstaunliche Ähnlichkeit mit politischen Strömungen und Beben, die sich nach dem Ersten Weltrieg auf der europäischen Bühne ereigneten. Die Gleichförmigkeit der auftretenden politischen Entscheidungs- und Bruchlinien über verschiedene Länder dieses Europas hinweg ist teilweise sogar recht frappierend und vieles darunter legt Vermutungen nahe, daß die politische europäische Geschichte vor 1989 in einem rund 70jährgen Vakuum verharrt hat … und letztlich seither noch immer ihrer Revitalisierung harrt.

Ein prägnantes Phänomen in dieser Kette war beispielsweise – um von einer rein deutschen Konkrektisierung einmal abzusehen und Frankreich als Beispiel zu wählen – das Resultat der französischen Volksabstimmung vom 20. September 1992 über die Ratifikation des Vertrages von Maastricht. Das nackte Gesamtergebnis – 51,05% Ja-Stimmen und 48,95% Nein-Stimmen – vermag so nicht viel Aufschluß über die dahinterstehenden politischen Grundkonstanten zu geben; eine Betrachtung der Einzelergebnisse in den französischen Provinzen hingegen offenbart eine Konfrontationslinie, die bezeichnend für die Entortung in der Moderne und so neu nicht ist: der fundamentale Gegensatz zwischen Stadt und Land. Während in den überwiegend ländlich, geprägten und dünn besiedelten Gegenden Frankreichs die Ablehnung teilweise recht drastisch ausfiel, stimmten die urbanen Metropolen – mit Ausnahme des mit über 25% afrikanisierten und islamisierten Marsaillee – durchweg für den Wirtschaftsmoloch „Europäische Union“ (seinerzeit noch „Europäische Gemeinschaft“), der sich selbst als „Europa“ anzupreisen und moralisch zu legitimieren sucht(e). Deutlich wird hierin der Unterschied politischer Grundeinstellungen, die zum einen bei verwurzelten und darum identitätsbewußten „Landbewohnern“ vorherrschen, zum anderen bei der frei manövrierbaren Masse entorteter und bezugsloser Stadtbevölkerung, die Identität und Heimatbewußtsein dem individuellen Wohlstand und ihren Wirtschaftsbedürfnissen geopfert haben.

Dergleichen manifestierte sich – bis hin zu Bombenattentaten auf Verwaltungsämter – in den Jahren 1928 bis 1931 schon einmal: bei der sogenannten „Landvolkbewegung“ Schleswig-Holsteins. Damals schon hatten die Bauern das dumpfe Gefühl, die Republik habe sich verstädtert, womit nichts anderes gemeint war, als daß sie sich aufgrund ihrer wirtschaftsliberalistisch-individualistischen Prägung entwurzelt – und damit entortet – habe. Zu dieser Zeit kam das böse Wort vom politischen „System“ auf, das „polemisch und forensisch“ (Hans-Joachim Arndt) dem „Reich“ gegenübergestellt wurde: wohl zu Recht, wenn man bedenkt, daß die Reichsideologien im Gegensatz zu den Systemtheorien immer in konkretem Zusammenhang mit einem bestimmten Gebiet und seiner aus gemeinsamer Landnahme konkretisierten Bevölkerung und somit mit einer gebietsimmanenten Identität stehen. Der Begriff „Reich“ in diesem Zusammenhang vermag irrig zu unterstellen, es habe sich hier um ein rein deutsches Phänomen gehandelte. Daß dem nicht so war, daß es sich vielmehr um eine alle Grenzen und Nationen ignorierende Bruchlinie im Fortschrittsglauben der Moderne handelte, unterstreichen gleichgerichtete Revolten in ganz Europa zu eben jener Zeit: vornehmlich in Holland, der Schweiz, in Finnland und eben auch – in Form der „Front Paysan“ – in Frankreich. Es waren dies Versuche eines Widerstandes gegen die Wurzellosigkeit, Versuche eines antagonistischen Wiederanknüpfens an konkrete Orts- und Subjektbezogenheiten als Grundlage der Politik.

Von den dahinterstehenden Intentionen scheint durchaus eine Ähnlichkeit zu den in der französischen Volksabstimmung von 1992 deutlich gewordenen Befindlichkeiten zu bestehen. Hier wie dort galt der Widerstand bzw. das „Nein“-Sagen einem allein von wirtschaftlich-rationalen Gesichtspunkten bestimmten „politischen“ Konstrukt, das dem Menschen sein historisches Existential der Identität raubt, ihn in seiner konkreten Existenz lediglich als abstraktes und objektiviertes Individuum betrachtet. Dieses Konstrukt, ob es nun seinerzeit das „System“ war oder sich heute als „Gesellschaft“ bezeichnet, verdeutlicht expressis verbis, daß es nur noch Komplementärfunktionen wahrnehmen will und kann, daß es ein „technisch-neutrales Instrument“ sein will. Es spannt den Menschen in instrumentale Zusammenhänge ein, die seine konkrete und ortsgebundene Existenz ignorieren. Der „verstädterte“ – und somit entortete – Mensch mag sie zwecks seiner Prioritäten anerkennen – solange er sich nicht zur Erholung die verwurzelte Weit der Provinz aufsucht oder folkloristischen Reminiszenzen frönt; der durch Überlieferung und Kultur in einer funktionierenden Identität und Homogenität lebende Mensch – und wo außer in den ländlichen Gegenden sollte dies noch sein – vermag dies sehenden Auges nicht zu tun.

In einem Land, in dem selbst linke Ex-Revolutionäre Einsichten wie die folgende verbreiten, wird dies verständlich: „Sowohl der Liberalismus wie der Marxismus gingen je ein ganzes Jahrhundert hindurch von der Annahme aus, daß in der Hierarchie der ernsthaften Dinge unseres Lebens die Wirtschaft den ersten Platz einnehme, vor der Politik, und diese noch vor der Kultur. Wir werden jedoch bald lernen müssen, daß in unserer postindustriellen Weit die Rangordnung des uns Angehenden und Beschäftigenden genau umgekehrt angelegt ist: die Kultur rangiert vor der Politik, und diese wiederum ist weit wichtiger als das ökonomische.“ (Régis Debray in: Le Monde, 17.11.1989).

Hätte Debray hier noch angefügt, daß der Mensch in seinem Menschsein – und dazu gehört seine Identität, nicht aber der beliebige Individualismus – noch wichtiger als die Kultur ist, wäre damit eine wesentliche Deutung jenes seinerzeitigen Abstmmungsergebnisses vorweggenommen gewesen. In diesem so mutwillig ignorierten Faktum offenbart sich der Unterschied einer von Technokraten gesteuerten „Europäischen Union“ zu einem an konkretem Ort von konkreten und dort verwurzelten Menschen bewohnten Europa.

Der kommende Aufstand

20 Jahre darauf, im Jahre 2010, erzielte eine (vom SPIEGEL interessanterweise – gelten doch die Topoi Blut und Boden ansonsten als „rechtes“ Gedankengut – als „linke“ konotierte) Theorieschrift ungewöhnlich große Aufmerksamkeit: Das Buch „Der kommende Aufstand“ wurde von anonymen Autoren aus eben jenem oben thematisierten ländlichen Frankreich verfasst, die sich „Unsichtbares Komitee“ nannten. Bekannt wurde die Schrift im November 2008, als die französische Exekutive neun Bewohner (in Deutschland würde man sagen „Aussteiger“) einer Kommune in dem Dorf Tarnac in der Region Limousin in einer spektakulären „Anti-Terror-Aktion“ festnahmen und beschuldigten, in Folge der Wirtschaftskrise Keimzelle einer gefährlichen Zelle anarchistischer Terroristen zu sein, die den französischen Staat, den Kapitalismus insgesamt und die moderne Gesellschaft „zerschlagen“ wolle … und deren Kopf, der 36-jährigen Julien Coupat, verdächtig sei, Mitautor eben dieses „Handbuchs des Terrorismus“ zu sein.

Tatsächlich wird in „Der kommende Aufstand“ zu Sabotage, Subversion und auch zu Gewalt aufgerufen. Der postmoderne Kapitalismus – „diese ewig gleiche Reduzierung der Welt auf die Verwertung der Welt“ – wird beschrieben als ein Szenario, in dem der Mensch nur noch als ein ortloses, beziehungsloses und entfremdetes Objekt vorkommt:

Die Wahrheit ist, dass wir in Massen von jeder Zugehörigkeit losgerissen wurden, dass wir von nirgendwo mehr sind und dass daraus ein unleugbares Leiden folgt. Unsere Geschichte ist die der Kolonisierungen, der Migrationen, der Kriege, der Exile, der Zerstörung aller Verwurzelungen. Es ist die Geschichte all dessen, was aus uns Fremde in dieser Welt, Gäste in unserer eigenen Familie gemacht hat. Wir wurden unserer Sprache enteignet durch den Unterricht, unserer Lieder durch die Schlagermusik, unserer Körperlichkeit durch die Massenpornografie, unserer Stadt durch die Polizei, unserer Freunde durch die Lohnarbeit. …

Das Volk von Fremden, in dessen Mitte wir leben, »Gesellschaft« zu nennen ist eine solche Anmaßung, dass selbst die Soziologen erwägen, ein Konzept aufzugeben, das ein Jahrhundert lang ihr Broterwerb war. Sie bevorzugen jetzt die Metapher des Netzes, um die Art zu beschreiben, wie sich die kybernetischen Einsamkeiten verbinden, wie sich die schwachen Interaktionen verknüpfen, die unter den Namen »Kollege«, »Kontakt«, »Kumpel«, »Beziehung« oder »Abenteuer« bekannt sind. …

Es wäre Zeitverschwendung, einzeln aufzuführen, was alles in den bestehenden sozialen Beziehungen im Sterben liegt. …

Erzählt uns nichts mehr von »der Stadt« und »dem Land«, und noch weniger von ihrer althergebrachten Opposition. Was sich um uns herum ausbreitet, ähnelt dem weder von nah noch von fern: Eine einzige urbane Schwade ist es, ohne Form und Ordnung, eine trostlose Zone, unbestimmt und unbegrenzt, ein weltweites Kontinuum von musealisierten Mega-Cities und Naturschutzgebieten, von Hochhaussiedlungen und riesigen Agrarbetrieben, von industriellen Zonen und Reihenhaussiedlungen, Landgasthöfen und Yuppie-Kneipen: die Metropole. … Die Metropole ist der gleichzeitige Tod der Stadt und des Landes an der Kreuzung, an der alle Mittelklassen zusammenlaufen, in diesem Milieu der Klasse-der-Mitte, das sich in der Landflucht um-die-Urbanisationherum unendlich räkelt. …

Wenn die Macht im Rinnstein liegt, genügt es, sie niederzutreten. Strategisch gesehen scheint sich die indirekte, asymmetrische Aktion am meisten zu lohnen, der Zeit am besten angepasst zu sein: Man greift eine Besatzungsarmee nicht frontal an. Die Militarisierung des Bürgerkriegs ist das Scheitern des Aufstandes.“

Der kommende Aufstand“ gilt als eine Art Manifest des militanten Aussteigertums und als Abkehr von bisherigen Proteststrategien … und ist zugleich (das hat der SPIEGEL ansatzweise richtig erkannt) „auch der radikalste und problematischste Ausdruck eines neuen gesellschaftlichen Unbehagens.“ Aber es ist eigentlich kein „gesellschaftliches“ Unbehagen, was sich darin ausdrückt, vielmehr ist es die Fassungslosigkeit des Menschen, der realisiert, wie sehr ihm das Menschsein abhanden gekommen bzw. genommen, wie entortet und identätslos er geworden ist.

In die gleiche Kerbe, wenn auch nicht radikal, sondern explizit „gewaltlos“, hat dann Stéphane Hessel um die Jahreswende 2010/11 gehauen – unter Berufung auf die Résistance – mit seinem Pamphlet „Empört euch!“. Hessel erkannte auch richtig, wer denn eigentlich dafür verantwortlich ist, daß eben diese Entwicklungen in den Köpfen der objektivierten Menschen sich einnisten konnte:

Und auch weiterhin rufen wir auf zu einem »friedlichen Aufstand gegen die Massenmedien,die unserer Jugend keine anderen Ziele anbieten als Massenkonsum, Verachtung für dieSchwächeren und für die Kultur, eine allgemeine Amnesie und eine maßlose Konkurrenz aller gegen alle«.“

Morgenröte

Bei den Wahlen zum EU-Parlament 2014 hat EU-weit die Zahl der Wähler für EU-kritische (nicht europakritische!) Parteien signifikant zugenommen … zugleich melden sich allerorten Bestrebungen, die sich auf ihre Identäten an konkreten Orten rückbesinnen wollen und den Weg dazu in einer autonomen Verselbständigung sehen. Katalanen, Basken, Südtiroler, Trentiner, Schotten, Flamen – sie alle streben danach, die identitäre Verantwortung für sich selbst endlich in die eigene Hand zu nehmen. Dies sind zugleich Absagen an die verdinglichte Verwaltung durch die jeweiligen Systeme, in denen sie sich seit langen Zeiten schon gegen ihren Willen befinden … und bedeuten recht eigentlich ein Bemühen um eine neue Verortung und Subjektivierung in Europa – und damit zugleich um Identität!

Identität aber ist die Voraussetzung, um aus dem historischen wie politischen Vakuum herauszukommen und aktiv wieder an der Geschichte gestaltend teilzunehmen. Insofern stimmt es doch positiv zu sehen, daß es allerorten nach fast 100 Jahren (seit 1917/18) Passivität und Inferiorität immer noch und wieder rumort! Vielleicht schaffen es die Europäer tatsächlich, nach ihrer langen Abstiegszeit und der derzeit herrschenden „Fellachen-Unkultur“, die Amplitude wieder umzudrehen.

Autor: Markus Klein
Titel: Entwurzelt
Untertitel: Widerstände gegen ein ort- und subjektloses Europa
„Scholien aus San Casciano“ – ISSN 2199-3548 – ID 2014038
URL: https://scholien.wordpress.com/2015/01/06/101930/